Ende der Märchenstunde - Wie die Industrie die Lohas und Lifestyle-Ökos vereinnahmt

Thursday, 30. January 2014

Herrje, schon wieder: böse, böse Veganer!

„Verursachen Vegetarier mehr Blutvergießen als Fleischesser?“ Hm, hm... ich komm einfach nicht drauf....  Aber ich will mich gar nicht groß inhaltlich zu diesem Spitzen-Schmarrn auslassen, den da jetzt.de via Urgeschmack verbreitet. Das habe ich hier und hier ja bereits ausführlich getan.

Sinnvoller scheint mir, einmal auf die Funktionsweise solcher Propaganda aus der Kategorie „unbequeme Wahrheit“ (Unterkategorie: „endlich sagt's mal einer“). „Unbequeme Wahrheiten“ sind nämlich ganz einfach: die bequemsten. Denn was so tut, als würde das niemand hören wollen, wollen natürlich (fast) alle hören: nämlich dass Fleisch essen nicht nur in Ordnung, sondern viel moralischer und „nachhaltiger“ ist und Vegetarier und Veganer, die allen auf den Sack gehen, die eigentlich Bösen sind. Man kann das, ähnlich der Täter-Opfer-Umkehr, Minderheits-Mehrheitsverdrehung nennen. Denn während der Deutsche mit im Schnitt 60 Kilo pro Kopf mit am meisten Fleisch weltweit verdrückt, leben maximal 0,1 Prozent der Deutschen vegan.

Umso lächerlicher ist die „Beweisführung“, die an einer  klitzekleinen Ausnahmesituation vorgenommen wird, nämlich an sg. „Weidefleisch“, was es, jedenfalls in Deutschland praktisch nicht gibt: Laut statistischem Bundesamt stammen 98 Prozent des Fleischs, das in Deutschland verkauft wird, aus Massentierhaltung. Der stetig wiederholte Hinweis, es gehe explizit nicht um Fleisch aus Massentierhaltung, sondern „von der Weide“ macht die Argumentation aber nicht wahrer, im Gegenteil: der Autor vergleicht ganz bequem Äpfel mit Autos, wenn er die Hypothese aufstellt, das Weidefleisch im Vergleich zu Gemüse und Getreide aus industriellen pestizidverseuchten Monokulturen nachhaltiger sei. So geht es natürlich nicht. Denn wenn schon Hypothese, dann aber auch richtig: Dann müsste man den Vergleich zu einer kleinteiligen regionalen Landwirtschaft ziehen, die KEINE Monokultur, KEINE Pestizide, KEINE Gentechnik und KEINE gigantischen Maschinen einsetzt.

Denn wofür werden global 70 Prozent der Flächen verwendet? Richtig, für Tierfutter. Getreide für die Tröge.  Also um ein für alle Mal mit dem Mythos aufzuräumen, für Tofu werde Regenwald gerodet: nein, die gigantischen pestizidverseuchte Sojaflächen werden ausschließlich für Tierfutter betrieben, man kann es nicht oft genug erwähnen. Regenwald gerodet wird allerdings für die WEIDETIERE – alleine in Brasilien wurde zwischen 2000-2009 eine Fläche von mehr als 160 000 km² abgeholzt. Zu mehr als 70 Prozent geht diese Zerstörung auf die Schaffung neuer Weideflächen zurück.

Ich freue mich schon sehr auf die nächste wilde Theorie zum Mode-Thema "Böse Veganer". Zum Beispiel die „unbequeme Wahrheit“, dass Tiere vielleicht lieber gegessen werden wollen, sie können es uns aber leider nicht mitteilen. Und dass das dann moralisch besser wäre als Pflanzen zu essen, die das lieber nicht möchten. Was sie uns sagen würden, wenn sie denn ein Gehirn und ein Sprachzentrum entwickeln, irgendwann, vielleicht. Man weiß ja nie!

Wer's wirklich wissen will, dem sei der Fleischatlas 2014 empfohlen.




Wednesday, 7. August 2013

Veganer schaden der Welt. Echt jetzt, taz?

Das machen Medien ja gern: um den Eindruck einer "Debatte" oder "Kontroverse" zu vermitteln, kommen sie mit einem Gastbeitrag, der die etwas andere Meinung eines Gastautors wiedergibt, meist aus der Kategorie "unbequeme Wahrheit". In der Regel sind das genau die bequemsten Halb- oder Unwahrheiten, die die Mehrheitsmeinung wiedergeben oder mehrheitsfähig und "provokant" genug sind, um ordentlich Aufmerksamkeit zu erzeugen.

Die taz hat heute als Standpunkt ein besonders perfides Plädoyer für den Fleischverzehr der Ökotrophologin Ulrike Gonder ("Fleisch gehört dazu") veröffentlicht, in dem allen Ernstes zu lesen ist, wieso Vegetarier und Veganer nicht nur die Welt nicht retten, sondern ihr sogar schaden.
Die "streitbare Journalistin" (taz), das sei gleich vorweg gesagt, gehört zum Zirkel von Udo Pollmer, dem umstrittenen Lebensmittelchemiker, Bio-Gegner und Achse-des-Guten-Autor. Und wie er hat auch sie oft die etwas andere Meinung, zum Beispiel die, dass der erhöhte Konsum von Fleisch in Asien gesund für die Menschen sei. Für ihre Arbeit wird sie von den industrienahen Öko-Hassern, Klima-"Skeptikern", Islam-"Kritikern", Sarrazin-Verteidigern und Achse-des-Guten-Machern Dirk Maxeiner und Michael Miersch geschätzt und zitiert. Und wie Maxeiner, Miersch und  Pollmer schreibt auch Gonder für das libertäre (man beachte die Liste der Empfehlungen und Kooperationspartner!), Achse des Guten nahe stehenden klima"skeptischen" Anti-Öko-Magazins Novo, und zwar pro Fleischverzehr.

Ulrike Gonder hat das Buch der US-Amerikanerin Lierre Keith übersetzt und bearbeitet, das in Deutschland unter dem schönen Titel "Ethisch essen mit Fleisch" erschienen ist, und darauf basiert auch ihr Artikel in der taz. Lierre Keith ist jedoch weder Journalistin geschweige denn Wissenschaftlerin. Sie hat sich 20 Jahre vegan ernährt und isst jetzt wieder Fleisch, das rechtfertigt sie mit einem Kraut und Rüben aus Halbwissen, Fehldeutung und esoterischem Vollquatsch. Auch das Buch "Fleisch essen, Tiere lieben. Wo Vegetarier irren und was Fleischesser besser machen können" von Theresa Bäuerlein, die darin ebenfalls ihre eigene Abkehr vom Vegetarismus mit moralischen Gründen rechtfertigt (und sich nicht entblödet, esoterische "Lichtnahrung" auch zur fleischlosen Ernährung zu zählen) wiederholt dafür im Wesentlichen die Behauptungen von Lierre Keith, nämlich diese:

Pflanzen sind nicht lieb, sie essen selber Fleisch, denn Bodenlebewesen verarbeiten totes organisches Material (jahaaa! Auch Menschen und Tiere!) in Nährstoffe, von denen sich die Pflanze ernährt.
Getreide ist kein "unschuldiges, gewaltfreies Lebensmittel" (Bäuerlein), denn es wird in Monokulturen angebaut und mit chemischen Dünger (Stickstoff! Erdöl!) gedüngt. Nur diese industrielle Landwirtschaft, könne die ganzen Veganer und Vegetarier ernähren.
Veganer sind auch Mörder, denn auf dem Acker müssen Kleintiere sterben. Keith: "Fast die einzigen Lebewesen, die dem Säuberungsprozess der Landwirte entkommen, sind kleine Tiere wie Mäuse und Kaninchen, und Millionen von ihnen fallen jedes Jahr Erntemaschinen zum Opfer. (...) vergessen sie nicht, sie auf die Todesliste ihrer vegetarischen Mahlzeit zu schreiben."                                                                                                                  Veganer sind antropozentrisch, weil ihnen das Leid der Pflanzen total egal ist.

Uff. Aber nichts anderes steht im taz-Text von Ulrike Gonder:

"Alles, was lebt, hatte eine Mutter (und vieles einen Vater), auch Pflanzen. Zudem zeigt der Spruch, wie anthropozentrisch die Tierschützer im Grunde sind: Fühlen Lebewesen, die uns nicht ähnlich sind (die kein Gesicht haben), weniger? Sind sie weniger schützenswert? Wer zieht hier wo die Grenzen? Was ist mit den millionenfach im Boden lebenden Einzellern, Würmern und Bakterien, die durch den Anbau von Getreide- und Sojamonokulturen getötet werden? Zählen die nicht?"
Fleischesser sind sich nie zu schade, die idiotischsten Argumente aus dem Hut zu zaubern, aber das ist wirklich mein Lieblingsargument (kommt gleich nach "Wollt ihr jetzt dem Tiger verbieten zu jagen?"):  denn ist es schon außerordentlich erstaunlich, dass Fleischesser, denen nachgewiesenes Tierleid egal ist, plötzlich ihr Herz für Einzeller und Pflanzengefühle entdecken. Wer weiß schon, ob nicht vielleicht auch Pflanzen Schmerzen haben, dann esse ich doch lieber tote Tiere, bei denen ich ganz sicher weiß, dass sie gelitten haben UND Pflanzen - Hä? Zum anderen ist es natürlich völliger Unsinn: Pflanzen haben kein Schmerzempfinden - hätten sie eines, könnten sie wegrennen. Pflanzen haben kein Zentralnervensystem und kein Gehirn, das nötig wäre, so etwas komplexes wie Schmerzen herzustellen. Und, liebe Pflanzenfreunde: Die riesigen Getreide- und Soja-Monokulturen werden für die Fütterung von so genannten Nutztieren angelegt, mehr als die Hälfte der weltweiten Getreideernte landet in Futtertrögen, bei Soja sind es 80 Prozent.

"Biolandbau und Vegetarismus schließen einander aus. Durch den Verzicht auf mineralische Düngemittel ist die ökologische Landwirtschaft ganz besonders auf Tiere als Düngerproduzenten angewiesen. Geschlossene Kreislaufwirtschaft heißt ihr Grundprinzip: Tiere, Menschen und Pflanzen leben in einer sich gegenseitig stützenden und nährenden "Mischkultur". Nur so ist Nachhaltigkeit überhaupt möglich. Würden die Biokunden auf Fleisch, Milch und Eier verzichten, wäre dies das Ende der ökologischen Landwirtschaft."
Momentan ist es im Gegenteil so, dass wegen wachsenden Massentierhaltung so viel Gülle vorhanden ist, dass man nicht mehr weiß, wohin damit. Tatsächlich gibt es auch vegan-ökologische Konzepte, mehr dazu hier,

"Anstelle der Tierhaltung mehr Getreide oder Soja für die wachsende Menschheit anzubauen, löst weder das Welthungerproblem noch schont es die Umwelt. Von den rund fünf Milliarden Hektar urbarem Land auf dieser Erde sind 3,4 Milliarden Weideland. Mehr als zwei Drittel der nutzbaren Flächen dienen also der Erzeugung tierischer Lebensmittel. Und das ist keineswegs Verschwendung, sondern eine ökologische Notwendigkeit. Diese Fla¨chen sind für Ackerbau ungeeignet. Die einzige Möglichkeit, auf diesen Flächen nachhaltig Nahrung zu gewinnen, ist die Tierhaltung."
Himmel! Sowohl Weide- als auch Ackerland sind menschengemacht. Sowohl für Weide- als auch für Ackerland wird Regenwald abgeholzt: 90 Prozent des Amazonas-Regenwaldes, der seit 1970 gerodet wurde, wurde für Weideland gefällt. 30 Prozent der eisfreien Flächen weltweit werden für Viehzucht verwendet - und das ist keine ökologische Notwendigkeit, sondern ökologisches Desaster. Die Forderung, man sollte da überall Getreide und Soja für hungernde Menschen anbauen, stellt niemand, jedenfalls keine seriöse Organisation! Der Flächenverbrauch für Fleisch und Futtermittel führt deshalb zu Hunger, weil die Ernährungsunabhängigkeit der Menschen nicht gewährleistet ist, sprich: weil die Kleinbauern (Landgrabbing!) nicht genug Land haben, um Nahrung für sich anbauen können und weil der exportorientierte Anbau (Cash Crops!) eine abwechslungsreiche Versorgung unmöglich macht. Die Importabhängigkeit, gekennzeichnet durch ständig schwankende Preise (Rohstoffspekulation!), vergrößert den Hunger.

"Die Lösung", die Keith (=Gonder =Bäuerlein) präsentieren, ist - hui! - eine nachhaltige Landwirtschaft, aber dafür müsse man dann eben auch Tiere essen (s.o.). Selbst ungeachtet der Tierethik ist das absoluter Quatsch. Tatsächlich könnte global eine von Agrar- und Lebensmittelindustrie sowie von Import und Export unabhängige kleinteilige ökologische und regionale Landwirtschaft nicht nur den Hunger langfristig beseitigen, sondern auch den Klimawandel aufhalten und eine ganze Reihe sonstiger, auch gesundheitlicher Probleme beseitigen. Zu diesem Ergebnis kommt der Weltagrarbericht. Und der ist nicht von esoterischen Ex-Vegetariern mit schlechtem Gewissen geschrieben worden, sondern von mehr als 500 Wissenschaftlern weltweit. Aber - und jetzt kommt's! - um das umzusetzen, müsste der Fleischverzehr weltweit dermaßen drastisch reduziert werden, es kann also gar nicht genug Veganer und Vegetarier geben. Aber im Gegenteil WÄCHST der Fleischverzehr beständig.

Anzuregen, dass die vergleichsweise wenigen Veganer und Vegetarier aus ethischen Gründen lieber Fleisch essen sollten (und das ist ja der Umkehrschluss dieser kruden Argumente) - das ist vollkommen wahnsinnig, absurd und kontraproduktiv.

Das die taz diesen verquasten Pro-Fleisch-Text ernsthaft als "Debattenbeitrag" bringt, ist ungefähr so sinnvoll, wie einen Standpunkt zur Klima-"Debatte" von Klima-"Skeptiker" Fritz Vahrenholt zu veröffentlichen. Aber jetzt können sich Fleischesser auch noch als Weltretter fühlen. Das ist wirklich ganz groß, taz!


Tuesday, 6. August 2013

Der Deutsche, das Fleisch und der "Veggie-Day"

Der Deutsche lässt alles mit sich machen. Spionageskandal, Banken- und Reichenrettung auf Kosten der Allgemeinheit, Agenda 2010, Steuerbetrug von Uli Hoeneß, Drohnendebakel, Klientelpolitik, kafkaeske Mietpreise - da macht der Deutsche schnell die Fenster im Oberstübchen zu, damit ja kein Lüftchen reinweht, und genauso muffig und stickig im Kopf wählt er dann wieder schwarz-gelb.
Nur zwei Sachen gibt es, bei denen der Deutsche verlässlich auf die Barrikaden geht, weil er den "Verbotsstaat" dräuen sieht: Tempolimit auf deutschen Autobahnen und der "Veggie Day" der Grünen. "Grüne wollen uns das Fleisch verbieten" blökte die Bild gestern. In Wahrheit wollen die Grünen allenfalls einen fleischfreien Tag die Woche in öffentlichen Kantinen einführen, und das nicht erst seit eben, sondern schon seit drei Jahren, seit April steht das im Wahlprogramm, und zwar so:

"Öffentliche Kantinen sollen Vorreiterfunktionen übernehmen. Angebote von vegetarischen und veganen Gerichten und ein "Veggie Day" sollen zum Standard werden. Wir wollen ein Label für vegetarische und vegane Produkte."

Keine Rede von Verbot, aber Hysterie verbreiten ist ja das Kerngeschäft der Bild und mit der Erfindung eines "Fleischverbots" gelingt das ganz hervorragend, insbesondere zur Grillsaison. Geschenkt. Bemerkenswert ist allerdings, dass daraufhin eine Reihe so genannt "seriöser" Medien ihre journalistische Sorgfaltspflicht in den Urlaub geschickt haben:  wie diese - von AFP über FAZ und Spiegel Online bis WAZ - unhinterfragt und unüberprüft die Bildzeitungshysterie komplett übernommen haben, darüber hat Stefan Niggemeier in seinem großartigen Blog den tollen Text "Veggie Day: Wie man aus alten Fleischabfällen der Bildzeitung Nachrichten macht" geschrieben. "Mit ihrer Forderung nach einem bundesweiten ‚Veggie Day' wollen die Grünen das Recht auf Selbstbestimmung der Bürger einschränken", schreibt zum Beispiel die Westfälische Rundschau in einem Kommentar, der Münchner Merkur schreibt einfach die dämlichsten Leserkommentare ("Wo kommen wir da hin, wenn wir von Politikern zwangsernährt werden?") ab, noch mehr "Pressestimmen" hat N-TV unter dem Titel "Grenze überschritten" versammelt.

Auch der so genannten Qualitätszeitung FAZ ist es wieder mal nicht zu dumm, affirmatives Alles-müssen-sie-einem-verbieten-Gejaule unter dem Titel "Fleischverbot: Ein Veggie Day wäre unverschämt" als Kommentar abzudrucken. Nicht nur, dass der Text von Henrike Roßbach ohne Recherche und Argumente auskommt, er verbittet sich diese sogar: "Ein staatliches Fleischverbot aber ist eine Frechheit. Für diese Erkenntnis muss man noch nicht einmal die Debatte über Soja aus Südamerika versus Rind von der heimischen Weide erwähnen."

Muss man eben doch. Denn eine Lebens- und Ernährungsweise, die anderen (und nicht nur Tieren) Leben und Lebensgrundlage kostet, ist genau keine Privatangelegenheit und es gibt auch kein Recht darauf. Der global rasant steigende Fleischverzehr hat so derart katastrophale Folgen für Mensch, Welt und die Tiere sowieso (warum, das hab ich hier und hier bereits aufgeschrieben, zum Thema Sojanbau in Südamerika bitte hier und hier und hier nachlesen, zum Thema Tierethik bitte hier und hier und hier), dass ein Veggie-Tag im Wahlprogramm nicht nur grotesk und lächerlich ist, sondern schiere Kapitulation vor dem Fleischwahn der Deutschen und der Fleischindustrie.

Der Veggie-Day wird natürlich gar nichts bewirken, im Gegenteil: Fleisch-Fundamentalisten werden, aufgescheucht von Bild, FAZ und Co, sich schon jetzt vornehmen, am Veggie-Day halt nicht in der Kantine zu essen, sondern in der Currywurstbude. Und so genannte "Flexitarierer" (= zwischen den Mahlzeiten kein Fleisch) werden sich dann abends daheim mit noch besserem Gewissen Schnitzel braten (nur "gutes Fleisch" vom "Metzger des Vertrauens", jaja, schon klar).

Denn nicht einmal Leute mit angeblichen Ökobewusstsein sind für den Fleischverzicht zu haben. Vor etwa einer Woche rief die Protestplattform Campact zu einer Grill-Demo auf. Die sollte der Auftakt zum Großprotest am 31. August gegen den größten Schlachthof Europas in Wietze bei Celle sein.

Allen Ernstes hieß der Aufruf "mit Bio-Kotelett und Tofu-Wurst gegen Tierfabriken" und allen Ernstes sollte mit dem Grillen von Naturland- oder Bio-Fleisch "ein Zeichen" gegen die Agrarindustrie gesetzt werden. Fleisch grillen gegen Tierfabriken ist ungefähr so sinnvoll wie Pelz kaufen gegen die Pelzindustrie oder ein Autokorso gegen die Ölkonzerne. Gegen diese absurde Aktion gab es entsprechend großen Protest von Veganern und Vegetariern bei Facebook und im Campact-Blog, den Campact dann mit den üblichen Argumenten zu befrieden suchte (schon lustig: eine Protestplattform, die sich vom Protest nicht beirren lässt...):

"Von diesem Protest soll niemand ausgeschlossen werden"
"Ist es nicht besser, Menschen mit unterschiedlicher Sichtweise auf Essen bzw. Fleischkonsum an "einen Tisch" zu bringen?"
"Protest darf Spaß machen und kann zugleich wirksam sein."

Man fragt sich, warum zum Spaß immer die Qual gehören muss. Aber natürlich ist ein Protest gegen Tierfabriken und Schlachthöfe, zu dem die Leute nur kommen, weil sie trotzdem Fleisch essen dürfen, nichts wert. Denn das einzige Zeichen, das dieser Protest setzt, ist dieses: Menschen, die Tierfabriken und Schlachthöfe nicht gut finden, sind nicht mal an einem Tag des Protests gegen Tierfabriken und Schlachthöfe bereit, auf Fleisch zu verzichten. Sie wollen nur ein gutes Gewissen dabei haben.
Und genauso sehr wie die unfassbar stumpfsinnige "Berichterstattung" über den "Veggie-Day" - ich wiederhole: EIN Mittagessen EINMAL in der Woche ohne Fleisch - gibt dieser selbst im Grunde nur wieder, dass der Deutschen Fleischverzehr grundsätzlich nicht verhandelbar ist.

Das ist der eigentliche Skandal am "Veggie Day".




Friday, 19. July 2013

Boss-Bullshit-Bingo: H&M-Chef Person im Interview

Es ist zwar schon wieder was her, das Interview mit H&M-Chef Karl-Johan Person im Spiegel, aber weil ich deswegen immer noch Schaum vorm Mund habe und es ein fast schon historisches Dokument dafür ist, mit welcher Scheinheiligkeit und mit welchen Zynismus sich der Textilindustrie-Boss angesichts der jüngsten Katastrophen aus der Affäre zieht, will ich mir das Interview jetzt doch mal vornehmen. Online ist es leider nur auf Englisch zu lesen.

Hier ein paar Auszüge aus dem besten Bullshit-Bingo des Sommers:

"Wir versuchen seit vielen Jahren die Bedingungen in der Textilbranche zu verbessern"

Bingo! Tja, wo soll man da anfangen? Bei einer der abartigsten Formen der Kindersklaverei "Sumangali" vielleicht? Dabei schließen in Indien Textilunternehmen mit den Eltern einen mehrjährigen Arbeitsvertrag für deren junge Töchter, bei dem ein großer Teil der Entlohnung erst nach dessen vollständiger Erfüllung gezahlt wird (oder einfach überhaupt nicht). So soll das Mädchen zu der Mitgift kommen, die es in eine Ehe mitzubringen hat. H&M hat in Indien in Fabriken nähen lassen, in denen Sumangali praktiziert wird. Oder bei den Näherinnen in Kambodscha, die in den H&M-Zulieferfabriken regelmäßig ohnmächtig werden, weil sie sich von dem Hungerlohn dort nicht ernähren können? Oder bei den sandgestrahlten Jeans in chinesischen Fabriken? Oder bei den Opfern des Brandes in der Fabrik Garib&Garib in Bangladesch und der lächerlichen "Entschädigung"? Ich weiß nicht, ich kann mich nicht entscheiden...

"Die furchtbare Katastrophe in Bangladesch hat jetzt bewirkt, dass wir als erstes Unternehmen ein Brandschutzabkommen unterzeichnet haben, dem sich inzwischen viele andere angeschlossen haben".
Lügt er einfach oder weiß er's wirklich nicht? Das erste und lange Zeit einzige Unternehmen, das das Brandschutzabkommen unterzeichnet hat, war nicht H&M sondern Tchibo - und zwar bereits im September 2012. H&M hat sich erst kurz vor Ablauf des Ultimatums am 15.5.2013, das die Kampagne für Saubere Kleidung zur Unterzeichnung des Abkommens gestellt hat, dazu herabgelassen. Die längste Zeit hat sich H&M schlicht geweigert, das Abkommen zu unterzeichen.

"Wir haben es in Bangladesch mit einem korrupten System zu tun. (...) Die Katastrophe hat nun alle - die Regierung und die Unternehmen dort - enger zusammengebracht"
Bingo! Der Gipfel der Scheinheiligkeit. Ganz eng beisammen waren Regierung und Textilbranche schon längst: gut 40 Prozent der Abgeordneten in der Regierung von Bangladesch besitzen Textilfabriken. Sohel Rana, der Eigentümer des eingestürzten Rana Plaza, ist ebenfalls Politiker der Awami League, er ist Leiter die Jugendabteilung der Regierungspartei und hat beste Kontakte zur Regierung. Und wer profitiert jetzt davon, dass Fabrikbesitzer in der Regierungspartei sitzen und den Teufel tun werden, die Löhne anzuheben oder sonstige Entscheidungen im Sinne der Arbeiterinnen und Arbeiter zu treffen, die ihren Reichtum schmälern? Na? Ganz genau: Unternehmen wie H&M.

"Wir sind das erste Mode-Unternehmen, das gebrauchte Kleider wieder einsammelt und einem Recycling zuführt".
Das wird super! Natürlich für H&M: Mit dem Verkauf der alten Kleider in Secondhand-Läden machen sie richtig Kohle, Nicht nur damit: weil es für die angegeben Kleidungsstücke Rabattgutscheine gibt, animieren sie dazu, noch mehr zu kaufen - das Gegenteil von Nachhaltigkeit, je mehr Produkte unter die Leute kommen, desto höher ist der Rohstoff- und Ressourcenverbrauch, desto höher der Produktionsdruck auf die Textilfabriken, desto mehr Qual. Und natürlich werden aus dem Recycling keine neuen H&M-Klamotten, wie da suggeriert wird, sondern allenfalls Putzlumpen oder Brennstoff für Kraftwerke. Noch dazu ist H&M berüchtigt dafür, jede Menge nicht mehr so toller neuer Kleidungsstücke einfach in den Müll zu werfen.

"Wir organisieren Programme, um den Dialog zwischen Arbeitgebern und Beschäftigten zu fördern. Wir klären die Textilarbeiter über ihre Rechte und Mindestlöhne auf."
Boss-Bullshit-Bingo vom Feinsten. Wo immer ein "Dialog" betont wird, gibt es keinen, das ist so wie wenn "Qualität" oder "Natur pur" auf einer Tütensuppe steht. Es braucht keinen Dialog zwischen Arbeitgebern und Beschäftigten, sondern einen existenzsichernden Lohn, Gewerkschaftsfreiheit und Arbeitsrechte. Davon ist natürlich nirgends die Rede.

"Wir haben bereits 2006 einen Brief an die Regierung geschrieben und höhere Mindestlöhne gefordert. 2010 haben wir diese Forderung wiederholt, der Mindestlohn wurde damals verdoppeln."
H&M sagt der Regierung: macht die Löhne höher - dann sagt die: ja, ist gut, machen wir? Cool! Ist das jetzt noch PR oder schon Größenwahn? H&M geht regelmäßig mit der Behauptung hausieren, sie hätten dafür gesorgt, dass in Bangladesch der Mindestlohn 2010 angehoben wurde. Natürlich absoluter Quatsch: der Mindestlohn wurde angehoben, weil die Textiklarbeiterinnen und Textilarbeiter 2010 bei massiven Protesten, bei denen drei Menschen ums Leben kamen, dafür gekämpft haben. Damals betrug der staatliche Mindestlohn sage und schreibe 16 Euro im Monat. Selbst das doppelte reicht nicht zum leben.

"Es ist schwierig, herauszufinden, was ein existenzsichernder Lohn ist."
Bingo! Kann schon sein, dass man von so was als Milliardärssohn keine Ahnung hat. Klassiker-Ausrede der Textil-Industrie: Schwierig herauszufinden ist das natürlich nicht, man müsste einfach mal eine Näherin oder die Gewerkschaften fragen - oder die Asiatische Grundlohnkampagne, die diesen für ganz Asien berechnet hat, so dass sich die asiatischen Länder, würde er umgesetzt, nicht mehr gegenseitig unterbieten könnten. Aber natürlich soll der niedrige Lohn nicht nur Fabrikbesitzern, Unternehmensbossen und Shareholdern Geldhaufen bringen. Armut macht erpressbar: und nur so lange die Frauen und Männer arm und verletzbar sind, kann man sie als Sklaven halten, die 80 Stunden die Woche unter den übelsten Bedingungen jede Drecksarbeit machen und dabei auch noch ihr Leben gefährden. So einfach ist das.

"In der Textilindustrie verdienen die Angestellten schon heute besser als in der Landwirtschaft, auch Lehrer und Ärzte bekommen kaum mehr. Würde man den Lohn signifikant anheben, würde das Einkommensgefüge durcheinandergeraten. (...) "
...sagt ausgerechnet der Mann mit Millioneneinkommen. Aber ne, ne, bloß nicht zu viel Geld ins Einkommensgefüge pumpen, da muss man ganz vorsichtig sein!

"Wir haben trotzdem Millionen Menschen Jobs gegeben, die vor 20 Jahren noch in Armut lebten. Das ist phantastisch. Wir sorgen für ein besseres Leben."
Unternehmen sind Entwicklungshelfer, Bingo! Warum noch mal muss man sich diesen Blödsinn eigentlich immer von Millionären und Milliardären erzählen lassen? Dass die Armut auf dem Land wächst, nämlich durch den Klimawandel, Landgrabbing und Mikrokredite, kommt den Unternehmen gerade recht: die ausweglose Situation treibt die Armen in die Städte. Dort geht es ihnen allerdings sehr viel schlechter als auf dem Land, sie sind noch ärmer, weil sie jetzt nicht mehr Subsistenzwirtschaft  betreiben können, also mehr hungern, weil sie für alles zahlen müssen. Sie müssen in katastrophal schmutzigen überteuerten Slums leben, haben noch weniger Zugriff auf sauberes Wasser und Essen, die Krankheitsgefahren sind größer, der soziale Zusammenhalt weniger. Deshalb müssen sie in den barbarischen Fabriken schuften was wiederum - s.o.

"Ich würde ja sofort einen H&M-Aufschlag zahlen und hätte gern ein faires Lohnsystem......" - Entschuldigung, ich bin gerade eingeschlafen - "...für die gesamt Branche. In der Praxis arbeiten die Menschen aber in einer Fabrik zu 10 Prozent für uns, die übrigen 90 für andere Unternehmen..." - Gähn, ich weiß was gleich kommt, genau, Bingo! "...alle Einkäufer müssen an einem Strang ziehen."
Drei mal Bingo! Drei Bullshit-Klassiker. Exakt das sagen alle - warum machen sie das dann nicht? Ach, das beantworten Sie sich mal selber jetzt, kleiner Hinweis: s.o.

"Was hieße es denn, wenn wir alle 20 Prozent weniger konsumieren? Es würde bedeuten 20 weniger Jobs, 20 Prozent weniger Steuern, 20 Prozent weniger Geld für Schulen, Ärzte Straßen."
Hm, ich bin ja mindestens so schlecht in Mathe wie Karl-Johan Person. Aber nach einer Studie, die ich vorhin selber gemacht habe, würde ich sagen: 20 Prozent weniger konsumieren heißt 50 Prozent weniger Dreck, 50 Prozent weniger Ressourcenverbrauch, 50 Prozent mehr Gerechtigkeit, 50 Prozent weniger Reiche, 50 Prozent weniger Drecksarbeit und 80 Prozent mehr Lebensqualität.

"Wir glauben, dass Wachstum, Profit und Nachhaltigkeit keine Gegensätze sind..." - Bingo! - "...aber wir wollen sowohl ein faires als auch profitables Unternehmen sein..." - Bingo! - "denn sonst könnten wir (...) keine neuen Jobs schaffen..." - Bingo! - "H&M gäbe es bald nicht mehr."
Jetzt krieg ich aber wirklich Angst! Kein H&M mehr? Keine Unterhosen mehr, die nach einmal tragen auseinanderfallen? Kein Einheitslook mehr? Und die ganzen schlimmen Sachen würden auch nicht mehr passieren? Und weniger Baumwolle, Wasser und Boden würden auch noch verbraucht? Na, das wäre aber wirklich zu schade.   

Noch mehr Ausreden der Textilindustrie, warum sie leider, leider, leider keine höheren Löhne zahlen können, gibt es hier.

Thursday, 4. July 2013

Na also: Die Krise macht gesund!

Immer diese negativen Nachrichten über Wirtschaftskrise und Sparzwang - ist das nicht ein bisschen schwarz-weiß? Hat nicht alles irgendwie zwei Seiten und alles Schlechte irgendwie auch was Gutes? Aber gewiss doch: "Die Wirtschaftskrise zeigt Wirkung: Immer weniger Griechen greifen zur Zigarette. Das senkt das Krebsrisiko - und entlastet den Staatshaushalt", freute sich gestern Spiegel Online. Ist das nicht toll? Die Krise macht gesund!

Ohne Zwang versteht er's aber halt auch einfach nicht, der Grieche, hat er doch das Rauchverbot einfach ignoriert, "erfahrungsgemäß werden hier die meisten Regeln gemacht, um sie zu brechen", und ist es dann nicht gut, dass die Troika mal ordentlich durchgreift? Das Ergebnis kann sich doch sehen lassen: "der Sparzwang verleidet den Griechen das Rauchen."

Der Sparzwang verleidet den Griechen sogar noch viel mehr. Zum Beispiel das Leben: seit 2011 ist in Griechenland die Selbstmordrate um 40 Prozent gestiegen, stressbedingte und seelische Krankheiten steigen stetig. Das verschwindet hinter den bequemen Wahrheiten in diesem Jubeltext ganz nebenbei - genauso die Tatsache, dass das Gesundheitssystem in Griechenland wegen des Sparzwangs praktisch zusammengebrochen ist. Fast die Hälfte der Griechen hat keine Krankenversicherung mehr, in den Krankenhäusern gibt es kein Geld mehr für Handschuhe, Desinfektionsmittel, Schmerzmittel und Verbandszeug, wegen des Sparzwangs machen Notaufnahmen nur noch tageweise auf. Seit Athen infolge des Sparzwangs der Troika den Gesundheitsetat um 30 Prozent reduzierte, stieg die Kindersterblichkeit um 40 Prozent. Im Jahr 2011 stieg die Zahl der drogenbedingten HIV-Neuinfektionen um 1600 Prozent, Drogenkranke benutzen gebrauchte Spritzen, denn die staatliche Drogenhilfe wurde gestrichen. Weil sie kein Heroin bezahlen können, greifen sie zum billigen Sisa, einer tödlichen Droge aus der Hölle, gemixt aus Crystal Meth und Batteriesäure. Dass Sparprogramme krank machen und töten, belegen jetzt die beiden Epidemiologen David Stuckler und Sanjay Basu in ihrem Buch "The Body Economic. Why Austerity kills", Alex Rühle besprach das "Massaker in Zahlen" gestern im SZ-Feuilleton (leider nicht online). Zu negativ? Vielleicht dürfen wir uns ja bald über diese Schlagzeile freuen: "Die Wirtschaftskrise wirkt: Immer weniger Kinder greifen zu Nahrungsmitteln. Das senkt das Diabetes-Risiko - und entlastet Muttis Geldbeutel."

Wednesday, 12. June 2013

Mythos und Wahrheit: Muhammad Yunus in der SZ/Teil 2

In meinem Blogeintrag von gestern habe ich versucht, Yunus’ Antworten im SZ-Interview vom Freitag zu beleuchten. Heute will ich, wie versprochen, einmal versuchen darzulegen, weshalb das Mikrokredit-Märchen so oft unhinterfragt wiederholt wird. Beziehungsweise, weshalb es so wenig kritische Stimmen gibt, obwohl es so viele Belege gibt, dass Mikrokredite den Armen schaden statt helfen.

Damit hab ich selbst Erfahrungen gemacht. So wollte etwa eine Zeitschrift, die sich als intellektuelles Debattenmagazin versteht, unbedingt meine Mikrokredit-Reportage aus Bangladesch drucken. Als ich schließlich ein Exposé schickte mit Recherche-Beispielen, Studien-Ergebnissen und kritischen Thesen, verlor die Redaktion auf einmal das Interesse. Als ich schließlich nach langem Schweigen nachhakte, ob die Geschichte denn nun interessant sei, entspannte sich dann ein recht bizarrer Dialog mit einem Redakteur (aus dem Gedächtnis wiedergegeben):

„Ja, also, das ist jetzt eigentlich kein aktuelles Thema“

„Naja, aktuell ist es ja irgendwie immer“

„Es passt auch eigentlich in keine unserer Rubriken“

„Hm. Aber ihr wolltet doch die Geschichte unbedingt. Was ist denn das Problem?“

„Also, wir haben hier jemand, der hat BWL studiert. Der sagt, das ist nicht so.“

„Aha? War der auch in Bangladesch und hat mit Mikrokreditopfern gesprochen?“

„Ne. Aber der kennt sich in Wirtschaft echt aus. Und der sagt: ja, es gibt auch Probleme, das schon, aber helfen würde es eben auch. Das ist so 50:50“

„Aha. Kenn ich gar nicht, die Zahl. Ich habe viele stichhaltige Belege und es werden ja immer mehr. Und ich habe mit dutzenden Frauen, Kritikern und Wissenschaftlern in Bangladesch gesprochen.“

„Ja, trotzdem. Wir wollen uns dann doch nicht so extrem gegen marktwirtschaftliche Konzepte aussprechen.“

Das könnte ein Grund sein: der unbedingte Wille, dass die ganzen Versprechen des Kapitals endlich Wirklichkeit werden. Und dass so pragmatische ökonomische Modelle doch funktionieren können – was soll man denn sonst machen?. Das passt jedenfalls sehr gut zur allgemeinen medialen Stimmung des „endlich wird die Wirtschaft gut“, in der einer ökonomischen Weltrettung nur gern das Wort geredet wird. Das große Ganze, nämlich ein Weltwirtschaft zulasten der Armen, lässt sich dahinter ganz wunderbar verstecken, wenn man doch „handfeste Lösungen“ präsentieren kann. Noch dazu profitieren ja westliche Anleger sehr von den vergleichsweise risikolosen Anlagen in Mikrokreditfonds und bekommen ein gutes Gewissen („Soziale Geldanlage“) gratis dazu. Im großen Maßstab sind Mikrokredite noch dazu ein immer bewährteres Instrument auch in den qua Wirtschaftskrise verarmten westlichen Staaten: Arbeitslose und Arme sollen sich mit Krediten selbstständig machen.

Das ist das, was eigentlich hinter der Idee der Kredite steckt: die neoliberale Idee, dass jeder selbst für sich verantwortlich ist und „es schaffen“ kann, wenn er sich nur anstrengt. Mit anderen Worten: wenn man die Armen nur zwingt, kommen sie schon raus aus den Blechhütten und arbeiten mal was. Und das allergrößte Interesse haben Kapital und Konzerne: der Kapitalsimus wird qua Geld noch in den letzten Winkel der Welt getragen, bildet künftige Kunden heran, die ihr (geliehenes) Geld für Konsumartikel ausgeben. Längst haben Kapital und Konzerne die Gruppe der Armen als riesiges Geschäftsmodell erkannt. Auch sie sind daran interessiert, das Märchen der guten Kredite weiterzuerzählen und sich selbst darin als Armenretter aufzuspielen. Es ist deshalb kein Zufall, das Muhammad Yunus, der Investorenfreund, mehr Anerkennung unter den Reichen und Mächtigen der westlichen Welt hat, als in seinem Heimatland. Noch dazu dienen die Verschuldeten dem Kapital als endloses Reserveheer billigster Arbeiter (zB in der Textilindustrie in Bangladesch) – denn um den Kredit bedienen zu können, müssen sie noch mehr arbeiten als je zuvor. Und/oder sie müssen wegen der Schulden ihr Land verkaufen und zum Arbeiten in die Slums der Städte ziehen.

Schulden als Menschenrecht zu verkaufen – und das mit schönen Geschichten und Coffetablebook-Bildern pittoresker Armut, daran haben viele Interesse.

Die Grameen-Bank behindert Kritik auch offensiv. Tom Heinemann, der den Dokumentarfilm „The Micro-Debt“ gemacht hat, weiß davon ein Lied zu singen. Die Grameen Foundation in Washington versuchte, die Ausstrahulung des Films im norwegischen Fernsehen zu verhindern. Als „Gegendarstellung“ hatte die Foundation einen eigenen Film in Auftrag gegeben, nämlich diesen hier. Die angeblich unabhängige Filmemacherin Gayle Ferraro, die schon mehrere Jubel-Filme über Mikrokredite gedreht hat. Die Übersetzerin im Film stellte sich ausgerechnet als Hauptgeschäftsführerin der Grameen-Bank heraus. Die Fragen, die Heinemann während seiner Recherche und bis heute der Grameen-Bank stellen wollte, bleiben unbeantwortet. In Seinem Film kann man dabei zuschauen, wie Heinemann versucht, Yunus bei einem Kongress zu einem Statement vor die Kamera zu bekommen, doch er lässt ihn abwimmeln. Anfang des Jahres kam Muhammad Yunus nach Kopenhagen. Das Danish National Radio schickte Heinemann, um ihn zu interviewen – doch Yunus ließ ausrichten, er will mit einem anderen Journalisten sprechen, der Sender folgte dem Wunsch.

Natürlich kommt auch noch dazu, dass die Grameen Bank mächtige Unterstützer in aller Welt hat. Zum Beispiel von der schwer umstritten PR-Agentur Burson Marsteller, die von der Bank und ihren Anhängern beauftragt wurde, den Ruf Yunus’ während seiner Entmachtung vor zwei Jahren zu retten. Die Unterstützungbewegung „Friends of Grameen“, angeführt von EX-Weltbank-Präsident James Wolfensohn und UN-Menschenrechtskomissarin Mary Robinson, geht auf das Konto von Burson-Marsteller. Die PR-Agentur hatte die Krisen-PR nach dem Bhopal-Unglück übernommen, sieberiet die US-Söldner-Firma Blackwater nach dem Mord an Zivilsiten in Irak und beriet auch den rumänischen Diktator Nicolae Ceaucescu und das saudische Königshaus.

Gegen so viel geballtes Wirtschaftsinteresse kommt Gegenöffentlichkeit nur schwer an. Wirklich erstaunlich aber ist, wie seine Anhänger, die man nicht dem wirtschaftsliberalen Umfeld zurechnet, in den Chor einstimmen. Besonders erstaunlich ist in diesem Zusammenhang eine eigentlich sehr wohlwollende und positive Kritik meines Buchs von Yunus-Anhänger Rupert Neudeck. Nicht nur, dass er meine Meinung zu den Mikrokrediten ablehnt – der Text tut fast so, als wäre ich nicht in Bangaldesch gewesen und hätte nicht mit dutzenden Opfern selbst gesprochen . Das klingt so:

„Im siebten Kapitel geht die Autorin dann aus unserer Gesellschaft heraus und traut sich leider ein Urteil über die Mikro-Kredit-Errungenschaften (...) zu, das einfach falsch und schlecht begründet ist. Ich habe 2011 noch einige Dörfer in Bangladesh besucht, die von Mohammed Yunus und seiner gewaltigen Grameen-Bewegung verändert worden sind, wahrscheinlich am heftigsten in dem Zusammenhalt, den die Dorfgemeinschaften aufweisen.“

„Die Idee der Mikrokreditbank ist eine, mit der Menschen etwas erobern, was sie nicht mehr abhängig sein lässt: Ihre Selbständigkeit und ihre Würde. Das kommt in das Buch gar nicht hinein und das macht einen Teil des Buches angreifbar. Die Autorin bedient das Vorurteil, dass Mohammed Yunus ein Salonlöwe sei, und das ist er nachweislich nicht.“

Und zu meine Recherchen zu Danone:

„Da hat die Autorin sich an Informanten gehalten, die nicht ausreichen. So bei der deutschen Initiative Netz Bangladesh. Die Mitarbeiter kennen das Danone Projekt nur aus der Zeitung. Das spricht nicht gegen die Initiative?“

Tatsächlich habe ich auch dazu Betroffenen interviewt – aber laut Neudeck war ich „auch in Bangladesch mit dem Vorsatz unterwegs gewesen, sich selbst das Urteil und Vorurteil zu beweisen, was dem Kapitel vorsteht: „Mikrokredite: Wahnsinn mit Methode“.“

Ich seh’ genau andersrum: ich bin nicht mit dem gängigen Vorurteil und Urteil nach Bangladesch gefahren, dass Mikrokredite super und die Erlösung der Armen sind. Auch habe ich mich nicht von der Grameen-Bank in Vorzeige-Dörfer bringen lassen, sondern habe mit den Opfern gesprochen. Ohne Bankmitarbeiter im Hintergrund. Auch nur einen Tag nach meinem kritischen Essay in der Frankfurter Rundschau erschien eine Widerrede auf FR-Online, in der die alten Klischees wiederholt werden. Dass man mich kritisiert und mir - der Klassiker - unterstellen will, ich hätte "einseitig" recherchiert: ja mei. Was ich aber wirklich schlimm finde, ist, wenn den dutzenden Frauen und Familien, die mir von ihrem Elend erzählt haben, einfach nicht geglaubt wird. Für meinen Geschmack ist das ziemlich autoritär.

Tuesday, 11. June 2013

Mythos und Wahrheit: Muhammad Yunus in der SZ Teil 1

Vergangenen Freitag brachte der Wirtschaftsteil der Süddeutschen Zeitung in der Rubrik „Reden wir über Geld“ ein Interview mit Muhammad Yunus. Das Interview (leider nicht online) ist geradezu ein Paradestück der Yunus-Rezeption in Deutschland, weswegen ich mich diesem gern ausführlich widmen will. Es kommt, wie fast alle Yunus-Interview weitgehend ohne Kritik aus und lässt vor allem Platz für Yunus nur allzu bekannten und von den Mainstreammedien immer noch unhinterfragten Mikrokredit-Märchen. Das ist schon erstaunlich, denn es gibt mittlerweile genug Belege dafür, dass Mikrokredite die Armen in Verschuldung und noch größere Armut stürzen. Man müsste eigentlich nur ein bisschen googlen. Doch Yunus Image als menschliches Antlitz des Kapitalismus ist offenbar stärker. Ich könnte jeder einzelnen Antwort widersprechen, hab mich hier aber auf eine Auswahl beschränkt.

In einem zweiten Teil werde ich mich damit beschäftigen, wie und weshalb der Heiligenschein von Yunus immer noch strahlt und weshalb die Medien aller Gegenbelege zum Trotz so positiv über den „Banker der Armen“ berichten.

Hier die Zitate aus dem Interview:

„Eines Tages traf ich ein sehr arme Stuhlmacherin (...)“

Es ist die Geschichte, die fast in jedem Interview mit Yunus auftaucht: das Schuldendorf Jobra, in dem Yunus die Frauen mit Mikrokrediten aus der Schuldknechtschaft der Wucherer befreit haben soll. Sufiya Begum, so geht die Legende, habe so hohe Zinsen zahlen müssen, dass sie vom Verkauf der Stühle nicht leben konnte. Doch dank Mikrokredite konnte sie die Schulden abbezahlen und habe sich dann ein Haus gebaut. Der dänische Filmemacher Tom Heinemann hat sich für seinen Dokumentarfilm „The Micro Debt“ auf die Suche nach der legendären Sufiya Begum gemacht und ihre Tochter gefunden. Die erzählte, ihre Mutter sei 1998 in tiefer Armut gestorben. Darüber berichtete damals auch die bangladeschische Presse. Das Haus, das die Grameen Bank als das ihre gezeigt habe, sagt der Nachbar im Film, sei gar nicht das von Sufiya Begum gewesen, sondern das eines Nachbarn.

„Fast jeder zahlt den Kredit zurück (...) die Menschen betrügen mich nicht. Die Bank hilft ihnen und sie sind dankbar“

Mehr als die Hälfte der Kreditnehmer kann nicht pünktlich zahlen, drei Viertel der Kreditnehmer verschulden sich zusätzlich bei anderen Banken, der Familie oder Wucherern. Ein Drittel der Mikrokredite werden für Essen oder medizinische Versorgung aufgenommen. Nur fünf Prozent profitieren wirklich von den Krediten, alle anderen können nur das Armutsniveau halten oder werden noch ärmer, weil sie zur Schuldentilgung ihren Hausrat, ihre Tiere und ihre Land verkaufen müssen. Anu Muhammad, der seit mehr als 20 Jahren zu Mikrokrediten forscht, geht davon aus, dass höchstens ein Drittel der Kredite zurückbezahlt wird. 2011 erschien der Duvendack-Report britischer Wissenschaftler, die Daten aus Indien und Bangladesch analysiert und fast sämtliche Studien zum Erfolg der Mikrokredite untersucht hatten. Ihr Ergebnis: Es gebe keinerlei Beleg dafür, dass Mikrokredite den Armen nützen. Die positiven Studien seien unzuverlässig, weil sie auf zu weichen Untersuchungsmethoden und unzureichendem Datenmaterial gründeten. Der Mythos vom Erfolg der Mikrokredit werde durch Anekdoten und begeisterte Geschichten aufrechterhalten, die die Mikrokredit-Industrie in Umlauf brächte. Zu den rigiden Methoden, wie die Kreditraten plus Zinsen eingetrieben werden, bitte hier und hier weiterlesen                                                                                                                             Buchtipps:                                                                                                                                                                                                                   

Gerhard Klas, Die Mikro-Finazindustrie. Die große Illusion oder das Geschäft mit der Armut                                                                                                  

Milton Bateman, Why doesn't Microfinance work? The destructive rise of local neoliberalism                                                                                               

Thomas Dichter, What's wrong with microfinance?

Und natürlich meins: Wir müssen leider draußen bleiben. Die neue Armut in der Konsumgesellschaft


„Ich wollte nie wirklich Politiker werden.“

2007 hatte Yunus eine eigene Partei gegründet, die Nagori Shakti („Macht der Bürger“) und kandidierte für das Amt des Premierministers. Damals war wegen heftiger Straßenschlachten der damaligen Regierungspartei BNP und der Awami League der Notstand ausgerufen worden und eine Interimsregierung unter der Leitung des ehemaligen Weltbankmitarbeiters Fakhruddin Ahmed installiert worden. Yunus war mit dieser Regierung auf Linie: Er freue sich auf „dringend nötigen Reformen“. Diese waren viel mehr eine Säuberungswelle zur „Wiederherstellung der öffentlichen Ordnung“: 50 000 Menschen verloren ihr Dach über dem Kopf, weil die Interimsregierung nicht genehmigte Slums abreißen ließ. Nur auf Druck aus dem Ausland fanden die Wahlen 2008 schließlich doch statt. Yunus zog seine Kandidatur zurück – unter anderem, weil die Unterstützung der Landbevölkerung längst nicht so groß war, wie angenommen. Mehr dazu in Klas, Die Mikro-Finanzindustrie


„Wir versuchen, mit Adidas Schuhe für einen Dollar herzustellen. Bei unserer Kooperation mit Danone für eine Joghurt gegen die Unterernährung gibt es eine so große Nachfrage, dass wir jetzt eine zweite Fabrik bauen.“

Adidas wollte in Bangladesch den „One Dollar Trainer“ gegen die Infektion mit dem Hakenwurm herstellen, zog sich aber bereits zurück. Das gab Konzernchef Herbert Hainer 2011 bekannt. Doch den Medien, die sich vor Begeisterung über den „Turnschuh für die Armen“ kaum einkriegen konnten, war das nur eine Randnotiz wert. Es war nicht möglich, die Preise für Einfuhr und Herstellung soweit zudrücken, dass man den Schlappen (es sollte auch gar nie ein Turnschuh sein) für einen Dollar verkaufen konnte. Drei Dollar plus 3,50 Dollar Einfuhrzoll habe der Schuh gekostet. Und das, obwohl die Testmodelle in einer Fabrik in Indonesien hergestellt wurden. Die Arbeitsbedingungen in der indonesischen Textilfabrik kritisiert die Christliche Initiative Romero schon seit langem.

Auch das Versandhaus Otto hat sich aus Bangladesch zurückgezogen. 2009 kündigte der Konzern mit großen Getöse an, eine „Soziale Textilfabrik“ in Bangladesch zu bauen, was von den Medien begeistert aufgenommen wurde. Dass dort nur der staatlich Mindestlohn von damals umgerechnet 16 Euro im Monat gezahlt werden sollte, ging in den Jubelmeldungen irgendwie unter. 2011 zog sich Otto zurück, die Fabrik wird wohl nie gebaut.

Mit dem „Joghurt für die Armen“ habe ich mich ausführlich in meinem Buch und hier beschäftigt. Tatsächlich ist der Joghurt, künstlich angereichert mit Vitaminen und Mineralstoffen, ein Verkaufshit. Aber nicht bei den Armen auf dem Land sondern in den Supermärkten der großen Städte, wo er an die Mittelschicht verkauft wird. Die Frauen, die den Joghurt von Haustür zu Haustür auf dem Land verkaufen sollen, können von dem Verdienst nicht leben, die Armen auf dem Land könne sich den Joghurt nicht leisten, die Fabrikarbeiter werden teilweise unterhalb des Mindestlohns bezahlt. Viele Verkaufsladies mussten erst einen Kredit aufnehmen, um den zu verscherbelnden Joghurt des Weltkonzerns Danone (Jahresumsatz: 15, 6 Mrd Euro) kaufen zu können. Ob und wann die zweite Danone-Fabrik (bei der Eröffnung der ersten 2006 hieß es, bis 2016 würden 50 solcher Fabriken in Bangladesch stehen) tatsächlich gebaut wird, wie schon seit mindestens zwei Jahren behauptet wird, bleibt weiterhin unklar.

„Diese Tragödie ist ein Symbol für unser Versagen als Nation“

Anlass für das SZ-Gespräch war die Einsturz-Katastrophe von Rana Plaza in Bangladesch. Der Lieblingsbanker der westlichen Welt hat dazu aber nicht nur eine Meinung, zu seinem Firmenimperium „Grameen Family“ gehört die Textilfabrik Grameen Knitwear. Die Fabrik befindet sich in einer Export Processsing Zone (EPZ) in Savar nahe der Hauptstadt Dhaka. Diese Sonderwirtschaftszonen sind besonders attraktiv für ausländische Investoren, weil es dort steuerlich Erleichterungen, laxere Zoll- sowie Arbeits- und Sozialbestimmungen gibt. Gut für die Investoren – schlecht für die Arbeiterinnen und Arbeiter. Nicht nur, dass dort die Arbeits- und Sozialrechte „unternehmerfreundlich“ gestaltet sind: zu wenig bezahlte Steuern (Korruption hin oder her) bedeuten, dass kein Geld für überlebensnotwendige Infrastruktur da ist. Die NGO Christian Aid hat berechnet, dass jedes Jahr 35 000 Kinder weniger sterben würden, zahlten Konzerne ihre Steuern korrekt. Aber Steuern sind auch für Muhammad Yunus ein Graus, der im Staat – wie alle Marktradikalen – ein „gefräßiges Monster“ sieht.

Nach eigener Auskunft sei Grameen Knitwear eine der „fünf bestbezahlenden Textilwerke“. Das klang allerdings anders, als ich während meiner Recherchereise nach Bangladesch vor zwei Jahren Arbeiter dieser Fabrik interviewte. Erst wollten die Männer gar nicht kommen, denn sie hielten mich für eine Einkäuferin oder Kontrolleurin. Sie ließen ausrichten, sie hätten keine Lust schon wieder Lügen erzählen zu müssen. Was sie mir dann aber doch erzählten: die Arbeitsbedingungen seien zwar besser als in den Fabriken außerhalb der Zone. Doch der Lohn sei nicht wesentlich höher als der staatliche Mindestlohn. Ferner würden nur die gesetzlich erlaubten Überstunden bezahlt – aber sie würden länger in der Fabrik arbeiten, weil der Arbeitsdruck wachse, seit europäische Firmen ihre Kleider irgendwie sozial hergestellt haben wollten. Vom Management würden sie manchmal gezwungen, bis zwei Uhr morgens zu arbeiten. Gewerkschaftsarbeit sei ebenfalls nicht gern gesehen – deswegen muss ich mich mit den Arbeitern auch heimlich treffen. Auch der im vergangene Jahr verstorbene Khorshed Alam, der für internationale NGO in den Textilfirmen recherchierte, bestätigte mir: Es gebe einige Fabriken, die besser bezahlen würden. Existenzsichernd sei dieser Lohn nicht.

Pikantes Detail: auch die Grameen-Fabrik brannte bereits 2011 (vier Verletzte, keine Toten) – und später im selben Jahr revoltierten die Arbeiter dort so sehr, dass die Fabrik geschlossen werden musste. Der Geschäftsführer nannte die Forderungen der Arbeiter „irrational“.

Eine fundamentale Frage übrigens, die in der ganzen, teils sehr wohlfeilen Debatte („Der Kunde ist schuld, der will es ja so billig“) in den Mainstreammedien um brennende Textilfabriken und ausgebeutete Näherinnen überhaupt nicht auftauchte, ist diese:

Warum arbeiten die bangladeschischen Frauen denn überhaupt in den Fabriken?

Was zwingt sie in diese Situation?

Ein Großteil der Textilarbeiterinnen und -arbeiter sind mit ihren Familien vom Land in die Stadt geflohen, weil sie dort ihrer Lebensgrundlagen beraubt wurden: entweder, weil der Klimawandel samt Dürren und Überschwemmungen ihr Land zerstörte, weil sie landlos sind oder deshalb ihre Land verloren, weil es verkaufen mussten, um die Kredite zurück zu bezahlen. In einem Interview, das ich mit dem bangladeschischen Wissenschaftler MM. Akash geführt habe, sagte dieser: „Mikrokredite sind eine neoliberale Strategie, die das Niedriglohnlevel aufrecht hält und eine riesige Reservearmee von billigen Arbeitern hervorbringt.“

Tuesday, 28. May 2013

Der Reiche, die Rennstrecke und der Rotmilan

Gestern erreichte mich von meiner Kollegin Tanja Busse (Autorin ua. der Bücher "Die Einkaufsrevolution" und "Die Ernährungsdiktatur") folgender Aufruf (kursiv), den ich gern verbreiten möchte. Bitteschön:

 Lola rennt!

Erinnert Ihr euch an den Film? Entweder Lola schafft es, in 20 Minuten 100 000 Euro aufzubringen - oder alles ist verloren!  Lola rennt wieder, aber dieses Mal nicht im Film! 

Die Natur- und Umweltschützer in meinem Heimatdorf brauchen ganz schnell etwa 20 000 Euro für ein Gerichtsverfahren -  oder ein wunderschöner Wald mit vielen Rote-Liste-Arten ist für immer verloren - an einen reichen Grafen, der darin mit seinen Oldtimern, SUVs und anderen Dreckschleudern Autorennen spielt. Und der nächste Investor kann Natur- und Tierschutz getrost ignorieren, weil er weiß, dass er nur Fakten schaffen muss! 

Stellt Euch diese Geschichte vor: Landadliger Oldtimer-Fan, Großgrundbesitzer, Unternehmer, Hotelier, gutsherrlich, baut sich eine formel-1-taugliche Autorennstrecke in den Wald. Mitten in Deutschland. Mitten im Klimawandel. Kurz vor Peak Oil. Après moi le déluge!

Das Gelände: ein schöner wilder Wald am Rand des Beinahe-Nationalparks Teutoburger Wald, viele Rote-Liste-Arten: Fledermäuse, Rotmilane, Lurche, hunderte geschützter Vögel. Vorher. Jetzt: Asphalt und Jaguare. Lautes Brummbrumm, die Dorfjugend ist begeistert. 

Die Genehmigung: Der Landrat des zuständigen Kreises tritt im Werbevideo des Grafen auf, im Genehmigungs-Verfahren spielt Artenschutz dann irgendwie keine Rolle. 

Es gründet sich eine tapfere Bürgerinitiative, die zusammen mit dem Bund für Umwelt und Naturschutz BUND gegen die Genehmigung klagt. Und verliert. Mit juristischen Tricks ist es gelungen zu erlauben, was eigentlich verboten ist: 84 Hektar Wald mit besonders geschützten Arten in eine Betonwüste zu verwandeln. An solchen Tricks scheitern immer wieder Naturschutzklagen in Deutschland. Aber jetzt geht die EU dagegen vor und plant, Deutschland deswegen vor dem Europäischen Gerichtshof anzuklagen!

Das bedeutet: Wenn die Naturschützer jetzt in die Berufung gehen, hätten sie gute Chancen!  So argumentieren Umweltjuristen, und das könnte ein Grundsatzurteil für den Naturschutz werden.

Bloß für die Berufung fehlt das Geld, der BUND kann nur klagen, wenn die zweite Runde finanziell gesichert ist. Und die Zeit zum Fristende läuft! 

Deshalb rennt jetzt Lola: für 20 000 Euro in zwei Wochen

Dieses ist mein erster Versuch im Crowd-Funding: Wenn jeder von Euch spendet, und wenn es nur fünf Euro sind, und ihr die Mail an Freunde weiterleitet, denen Natur und Wald und Zukunft und Klima auch am Herzen liegen, dann wird es klappen! 

Wer viel Geld hat, darf gerne viel überweisen. Aber jede noch so kleine Spende ist willkommen, denn sie zeigt den Nieheimer Naturschützern, dass sie nicht allein sind! Es ist nämlich nicht einfach, in einem kleinen Ort gegen einen dominanten Arbeitgeber zu klagen, der doch so etwas Schönes wie eine Autorennstrecke baut! 

Deshalb: Spendet! Tut Gutes und redet darüber! Wenn ihr mögt, mailt mir einen Satz, warum ihr spendet, für die Webseite der Naturschützer!

Schickt den Aufruf weiter an alle, die für Rotmilane und Feldschwirl 5 Euro überhaben! 

Postet auf Facebook! Twittert! Zeigt, dass Crowdfunding möglich ist! 

Dass viele Gute mehr bewirken könnten als einer, der mit viel Geld und Einfluß böse Ideen verwirklicht! 

Glaubt an Emil und die Detektive! Gebt Lola eine Chance! Rettet die Lurche! Gebt der Wildkatze ihr Zuhause zurück! 

Danke!

Tanja Busse

Tanja Busse hat über den Fall 2008 bereits diese Geschichte im Greenpeace-Magazin geschrieben.

Hier kann man sich die Betonwüste mitten im Wald anschauen.

Und da kann man spenden:

Kontoinhaber BUND

Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland

Konto 8 204 700
BLZ 370 205 00

Bank für Sozialwirtschaft Köln

Verwendungszweck: RUHE AM BILSTER BERG

Für Spenden bis 200 Euro gilt der Überweisungsbeleg als Spendbescheinigung, Spenden darüber hinaus werden über eine separate Bescheinigung vom BUND belegt.



Tuesday, 23. April 2013

20 Jahre Tafeln: FR-Essay und Enorm-Interview

Dieser Essay von mir ist am 23. Februar 2013, also 20 Jahre nach der Gründung der Berliner Tafel, im Feuilleton der Frankfurter Rundschau erschienen. Für die Ausgabe 1/2013 von Enorm habe ich in meiner Serie Hartmann! mit Gerd Häuser, dem Vorsitzenden des Tafel-Bundesverbands dieses Interview gemacht.

Solange der Vorrat reicht

Überschuss für die Überflüssigen: Vor 20 Jahren eröffnete die erste Tafel in Berlin. Doch Almosen-Ökonomie etabliert Armut, anstatt sie abzuschaffen

Von Kathrin Hartmann

Menschen in Lumpen, die durch riesige dunstige Müllkippen an den Rändern der Städte pflügen und sich dort ihre Existenz zusammenklauben: Solche beklemmenden Bilder kennt man nur aus Entwicklungsländern. Aber auch im reichen Land Deutschland ernährt sich eine zunehmende Zahl Menschen von den Müllbergen der Wohlhabenden. Doch hier ist dieses Bild retuschiert, die störenden Teile sind entfernt: Die Abfallhaufen sind überdacht, geordnet und verwaltet, der verzweifelt wühlende Müllsucher ist verschwunden. An den Tafeln, die überschüssige Lebensmittel an Bedürftige verteilen, ist Armut ist kein Skandal mehr, sondern gut aufgehoben.

Am 23. Februar 1993 eröffnete in Berlin die erste Tafel nach dem Vorbild der US-amerikanischen Foodbanks. Was damals als Nothilfe für Menschen gedacht war, die aus allen sozialen Netzen gefallen waren, etwa Drogenkranke oder Obdachlose, hat sich zum parallelen Versorgungssystem für Menschen entwickelt, die durch zu niedrige Grundsicherung, Hartz IV und prekäre Arbeitsverhältnisse so tief in die Armut gerutscht sind, dass sie auf Lebensmittelspenden angewiesen sind. Mehr als 900 Tafeln gibt es heute in Deutschland. An den bundesweit 3000 Ausgabestellen und Tafelläden holen 1,5 Millionen Menschen Essen ab.

Die Idee der Tafel ist so einfach wie faszinierend: Ehrenamtliche sammeln bei Supermärkten übrig gebliebene, aber verzehrfähige Lebensmittel ein und verteilen diesen Überschuss, der sonst vernichtet werden würde, an Bedürftige. Damit wollen die Tafeln zwei der größten Probleme unserer Zeit in einem Aufwasch beseitigen: die Verschwendung von Lebensmitteln und die wachsende Armut. Fast 20 Millionen Tonnen Lebensmittel werden in Deutschland jedes Jahr weggeschmissen, während 15 Millionen Menschen nahe oder unterhalb der Armutsgrenze leben. Ein Gedanke, der auch in der Überflussgesellschaft schwer zu ertragen ist.

"Essen, wo es hingehört" lautet das Motto des Bundesverbands der Tafeln in Deutschland - und dieser moralisch verbrämte Pragmatismus verschafft den Tafeln ein hohes Ansehen in Gesellschaft, Wirtschaft und Politik, ja selbst bei Umweltverbänden. Die Tafeln suggerieren, mit dem Verteilen des "zu viel" an diejenigen, die "zu wenig" haben, die tiefe Kluft zwischen arm und reich zu überbrücken. Doch diese Inszenierung der Armut ist affirmativ und primitiv: Sie reduziert die Situation der Bedürftigen allein darauf, nicht genügend zu Essen zu haben. "In Deutschland muss niemand hungern" - diese beruhigende Behauptung findet an den Tafeln ihre praktische Umsetzung.

Doch sowohl Überschuss als auch Armut haben andere Ursachen und bedürfen anderer Lösungen als die Tafeln mit ihrem demonstrativen Verteilen suggerieren. Was beides miteinander verbindet, ist die kapitalistische Wachstumslogik.

Verschwendung ist der Motor der Konsumgesellschaft: Nur wenn viel weggeworfen wird, wird auch viel gekauft. Und weil die Wahlfreiheit des Konsumenten im Supermarkt wie ein Menschenrecht gehandelt wird, wachsen die Müllberge. Die neuen Armen wiederum sind das Ergebnis der Arbeitsmarkt- und Sozialstaatsreform. Es sind diejenigen, für die es keine Verwendung mehr gibt auf dem Arbeitsmarkt - oder die in prekären Arbeitsverhältnissen für wachsenden Profit der Unternehmen sorgen.

Kein Wunder, dass zu den Tafelsponsoren und -spendern ausgerechnet die Konzerne gehören, die von der Überproduktion und Verschwendung von Lebensmitteln profitieren: Rewe, Lidl, Aldi, Metro Group, Edeka. Ihre Spende an die Tafeln lenkt davon ab, wie groß ihr Anteil an der Verschwendung ist, verschafft ihnen ein "nachhaltiges" Image und spart ihnen Entsorgungskosten. "Wer von uns Lebensmittel erhält, ist kein Almosenempfänger, sondern leistet etwas für den Klima- und Ressourcenschutz. Das ist eine gesellschaftliche Leistung, die wir anerkennen müssen", sagt Gerhard Häuser, der Vorsitzende des Bundesverbands der Tafeln. Sie seien "Rädchen in der Lebensmittelindustrie". Das also können Tafelkunden immerhin bieten: Sie entsorgen den Wohlstandsmüll und en passant das schlechte Gewissen der Konsumgesellschaft. Hier wird nicht nur die Struktur ausgeblendet, die zu Armut führt. Sie wird in kapitalistischen Verwertungszusammenhängen gedacht. "Ökonomische Effektivität und Prosperität trifft hier auf die still gelegte Unproduktivität. Das ökonomische Kalkül scheint sich mit dem selbstlosen Mitgefühl zusammen führen zu lassen", schreibt der Jenaer Soziologe Stephan Lorenz in seinem Buch "Tafeln im flexiblen Überfluss".

"Mitgefühl" ist die dritte Säule im System Tafel: Doch im Mittelpunkt stehen nicht die Armen selbst, sondern ihre Versorger, die Ehrenamtlichen. Die "praktisch gelebte Solidarität" heben die Tafeln, die sich als "größte soziale Bewegung aller Zeiten" verstehen, besonders in den Vordergrund. In ihrer Außendarstellung, in Broschüren, auf Fotos und in den Medien dominieren die Spender mit riesigen Pappschecks, die Mengen tatkräftig eingesammelter Lebensmittel und strahlende Freiwillige vor Gemüsebergen. Die Armen selbst sind meist nur Statisten im großen Ehrenamtsblockbuster - anonyme "Objekte der Fürsorge", wie es der Soziologe Georg Simmel beschreibt, an dem die Besitzenden Großzügigkeit und Mildtätigkeit demonstrieren können.

Tafeln sind keine soziale Bewegung, sie sind Charity. Aber Charity beleuchtet nicht die Ursachen von Armut, sondern stellt die Hilfe in den Vordergrund. Es geht um Linderung der Armut, nicht um ihre Abschaffung.

Die Armutsverwaltung an den Tafeln gleicht der Armenspeisung im späten Mittelalter. Diese frühe Form der Fürsorge zählte zu den sieben "Werken der Barmherzigkeit". Arme galten als "Kinder Gottes", zur Rettung ihres Seelenheils versorgten sie die Reichen mit Almosen. Zunächst waren es Kirchen und Klöster, die Armenspeisungen vornahmen (und noch heute sind die größte Träger der Tafeln in Deutschland kirchliche Wohlfahrtsverbände wie Caritas und Diakonie), später gaben Zünfte Essen aus, und schließlich entstanden in den großen Städten als weltliches Pendant im 18. Jahrhundert Suppenküchen, bei der Arbeiterfamilien, Arbeitslose und Arme zu essen bekamen. Erst die Systeme zur sozialen Sicherung, die am Ende des 19. Jahrhunderts entstanden und schließlich im Sozialstaat mündeten, machten Suppenküchen obsolet.

Heute erleben wir die umgekehrte Entwicklung: Armutsbekämpfung wandelt sich von der öffentlichen politischen Aufgabe zur privat organisierten Wohlfahrt wohlhabender Bürger. Stefan Selke, Soziologe an der Universität Furthwangen, erforscht seit vielen Jahren Funktion und Auswirkungen der Tafeln in Deutschland. Er gilt als größter Tafelkritiker in Deutschland und hat außerdem das "Kritische Aktionsbündnis 20 Jahre Tafeln" ins Leben gerufen. Er sagt: "Tafeln sind Prototypen der neuen Freiwilligengesellschaft". In dieser würden verbindliche soziale Rechte gegen eine unverbindliche Almosenökonomie ersetzt.

Das Problem freiwilliger Hilfe ist jedoch: Es gibt keinen Anspruch darauf. So haben nur zehn Prozent der Bedürftigen in Deutschland Zugang zu den Tafeln, es gibt Wartelisten. Wer zur Tafel kommen darf und wer nicht, das bestimmen die Organisatoren örtlicher Tafeln. Und darauf verlassen, dass die Tüte bei der Tafel voll wird, kann man sich nicht. Es gibt ja nur, was andere nicht haben wollten. Und das nur solange der Vorrat reicht. Wo nur der Überschuss verteilt wird, sind nicht nur die Waren endlich, sondern auch die Gerechtigkeit. So wiederholen und zementieren die Tafeln die gesellschaftlichen Zustände von drinnen und draußen und oben und unten.


Es ist kein Zufall, dass ausgerechnet diejenigen, die den Abbau des Sozialstaats am lautesten fordern, besonderen Gefallen an den Tafeln finden: Die Unternehmensberatung McKinsey hat den Tafel-Bundesverband beraten und ein "Handbuch zur Gründung einer Tafel" entwickelt. Die neoliberale Bertelsmann-Stiftung, die großen Einfluss auf die Entwicklung und Umsetzung der Agenda 2010 hatte, lobt die Tafeln als gelingendes Beispiel, wie gut freiwillige Wohlfahrtsinitiativen mit der Wirtschaft kooperieren können. Die Initiative "Deutschland, Land der Ideen", zu der federführend der Bundesverband der Deutschen Industrie gehört, der Mindestlöhne und eine Erhöhung der Hartz-IV-Sätze ablehnt, aber Lohnnebenkostensenkung und Leiharbeit begrüßt, hat den Tafeln unlängst für ein Projekt einen "Innovationspreis" verliehen.

Die meisten Tafeln in Deutschland gibt es nicht etwa dort, wo die Not besonders groß, sondern da, wo die Kluft zwischen arm und reich besonders tief ist - nämlich in reichen Bundesländern wie Bayern und Baden-Württemberg. Zu den lokalen Spendern der Tafeln gehören dort nicht nur die Supermärkte und die ansässige Industrie. Sondern auch Golfclubs und Elite-Zirkel wir Rotari- und Lions-Club, deren Symbole dann auf den gespendeten Lieferwagen prangen, die die Hilfsgüter in die Krisengebiete fahren. Mit der selbst formulierten Pflicht zur Mildtätigkeit legitimieren nicht zuletzt die Reichen ihren Status, schließlich "geben sie ja etwas zurück". "Zu den Vorzügen des Reichtums gehört, dass man damit viel gegen Armut tun kann", das schrieb unlängst sogar Heriber Prantl in der Süddeutschen Zeitung.

An der Tafel hat alles seinen richtigen Platz: Überschuss, Reichtum und Armut bekommen dort einen Sinn. Wenn Armut, wie Stefan Selke beschreibt, "normalisiert" wird, bedeutet das, dass sich die Gesellschaft mit Armut abgefunden hat. Arme sind halt "einfach da", genau wie Reiche. Aber Armut ist kein Schicksal, es ist die Kehrseite des Reichtums. Laut dem Armuts- und Reichtumsbericht der Bundesregierung hat zwischen 2007 und 2012 das private Nettovermögen der Deutschen um 1,4 Billionen Euro zugenommen. Mehr als die Hälfte dieses Vermögens besitzen die reichsten zehn Prozent der Haushalte. Die untere Hälfte der deutschen Haushalte verfügt nur über ein Prozent des gesamten Netto-Vermögens, 15 Millionen Menschen gelten in Deutschland als arm.

Umverteilung und Gerechtigkeit kann nur politisch und solidarisch erkämpft werden. Doch dazu muss man den Zusammenhang von Armut und Reichtum als genau den Skandal betrachten, der er ist. Solidarität ist nicht, wenn Reiche Arme mit Müll abfüttern. Sondern gemeinsam zum Wohle aller für Gerechtigkeit zu kämpfen.


Wednesday, 3. April 2013

H&M: Nachhaltigeres Greenwashing

Die Plakatwände sind vollgepflastert mit Vanessa Paradis und die Modemagazine kriegen sich nicht mehr ein: H&M hat eine neue "Conscious Collection" herausgebracht, die aus nachhaltigeren Materialen (ein bisschen Bio-Baumwolle, ein bisschen recyceltes Polyester) besteht. Jawohl, nachhaltiger, von nachhaltig ist schon gar nicht mehr die Rede, womöglich klingt dieser Rückschritt hinters nichts sogar noch glaubwürdiger. Schließlich sollen, so H&M-Boss Karl-Johan Persson alle Kunden "vertrauen können, dass alles, was sie von uns kaufen, mit Rücksicht auf Mensch und Umwelt hergestellt wird."
Die "Rücksicht auf Mensch und Umwelt" sieht bei H&M so aus: Allein in den kambodschanischen Zuliefererfabriken von H&M sind zwischen 2011 und August 2012 fast 3000 Arbeiterinnen und Arbeiter aufgrund der schlechten Arbeitsbedingungen und Mangelernährung kollabiert. Weil sich H&M wie alle großen Bekleidungskonzerne beharrlich weigert, einen existenzsichernden Lohn zu zahlen, können sich die Arbeiterinnen und Arbeiter in Kambodscha (und nicht nur dort) nicht ausreichend ernähren.
Dafür aber streicht der Multi H&M bei einem Umsatz von 16,3 Milliarden Euro zwei Milliarden Euro Gewinn ein. Im März kämpften die kambodschanischen Gewerkschaften um die Anhebung des staatlichen Mindestlohns von 61 auf 150 US-Dollar. Sie erreichten gerade einemal die Hälfte, 75 Dollar. Doch laut der Asiatischen Grundlohnkampagne braucht eine kambodschanische Näherin einen fast vier Mal so hohen Lohn, um mit ihrer Familie davon leben zu können.
Umso zynischer ist der Begriff "Conscious Collection": "H&M kann nicht von einer bewussten (engl: conscious) Modelinie sprechen, wenn die ArbeiterInnen, die die Kleidung fertigen, in den Textilfabriken reihenweise bewusstlos (engl: unconscious) werden", sagt Kirsten Clodius von der Christlichen Initiative Romero (CIR).
"No more Excuses" heißt die Aktion von CIR, Kampagne Saubere Kleidung (die auch den tollen Adbust oben gemacht haben) und die Erklärung von Bern. Denn die zehn Top-Ausreden der Bekleidungskonzerne, weshalb sie keine existenzsichernden Löhne zahlen wollen, sind natürlich Quatsch. Hier geht es zur Unterzeichnung der Petition.

Sunday, 17. February 2013

Die absolute Lächerlichkeit des "Pferdefleischskandals"

Menschen, die regelmäßig das Fleisch von Kühen, Schweinen, Schafen, Ziegen, Hasen, Rehen, Hirschen, Elchen und ihren Babys essen, von Puten, Hühnern, Enten, Straußen, Fischen, Krebsen, Octopussen und Muscheln, regen sich darüber auf, dass sie Fleisch vom Pferd gegessen haben.

Deutsche, die im Schnitt jedes Jahr 89 Kilo Fleisch und im Lauf ihres Lebens 661 so genannter Nutztiere verspeisen und deshalb vollkommen einverstanden damit sind, dass in Deutschland jedes Jahr 700 Millionen Tiere (u.a. 3,6 Millionen Rinder, 60 Millionen Schweine, 450 Millionen Hühner) umgebracht werden, halten es für einen "Skandal", dass auf dem Leichenberg auch 12 000 geschlachtete Pferde zu finden sind.

Menschen, die kein Problem damit haben, sich mit der Haut von toten Rindern, Pferden und Schweinen zu bekleiden, die das Fell brutal getöteter Hasen, Nerze, Füchse, Waschbären, Marderhunde, Nutria, Chinchillas, Hunde und Katzen als Pelzmütze auf dem Kopf und Pelzkragen um den Hals tragen, halten es für ein Tabu, Pferde zu essen.

Diesen Rassismus gegenüber Tieren, also deren Entwertung zum Zwecke ihrer Ausbeutung, Unterdrückung und Tötung aufgrund willkürlich ausgedachter Kriterien, nennt man Speziesmus. Melanie Joy, Professorin für Psychologie und Soziologie an der Massachusetts-Universität in Boston, hat dafür den Begriff Karnismus geprägt. Im aktuellen Greenpeace-Magazin sagt sie dazu:

"Stellen Sie sich vor, Sie essen bei Freunden zu Abend. Die Gastgeberin serviert Ihnen ein hervorragendes Geschnetzeltes. Sie fragen nach Ihrem Rezept und sie antwortet, dass das Geheimnis im Fleisch liege: ‚Man nehme drei Pfund extra mageren Golden Retriever.' Ihre Reaktion ist höchstwahrscheinlich Abscheu und zeigt, was Karnismus ist: es ist das unsichtbare Glaubenssystem, das uns konditioniert, das Fleisch bestimmter Tiere zu essen. (...) Der Karnismus lehrt uns, unser Mitgefühl auszuschalten, wenn es um Tiere geht, von denen wir gelernt haben, dass sie essbar sind."

Das kennt jeder Vegetarier oder Veganer, der sich vor den Fleischessern verteidigen muss (wie das Oliver Nagel sehr lustig in seinem Buch "101 Dinge, die Sie sich sparen können" beschreibt). "Nicht mal Fisch?" lautet die entsetzte Frage, die zeigt, dass die meisten noch nicht mal der Meinung sind, dass Fische und andere Meeresbewohner ("Meeresfrüchte"!) Tiere sind (Übrigens auch nicht wenige, die sich Vegetarier nennen, obwohl sie Fisch essen). Wenn man dann zum Beispiel sagt: "Doch, ein schönes Katzenschnitzel würd' ich essen, Katzen kann ich nämlich nicht ausstehen" - herrje, das gibt vielleicht lange Gesichter!

Zurück zu den Pferden. Welche Pferde werden in Europa eigentlich geschlachtet? Genau, Renn- und "Freizeit"pferde. Welche Pferde sind randvoll mit Medikamenten? Richtig, Rennpferde.  Wo werden Pferde bis zum Äußersten gequält, so dass man sie wegen gebrochener Beine und sonstiger schwerer Verletzungen "notschlachten" muss? Wofür sterben allein 1000 Pferde jedes Jahr? Ganz genau: für Pferderennen. Und wo gehören Pferdewetten und Pferderennen zur nationalen Identität, wo ist der ganze Scheiß erfunden worden? Haargenau! In England! Da wo es absolut tabu ist, Pferde zu essen. Ich lach mich kaputt.

Tuesday, 12. February 2013

Wie die Medien den Reichen ihren Vorteil sichern

 Mein Beitrag zum Thema Elite und Journalismus (ausführlicher in meinem Buch "Wir müssen leider draußen bleiben. Die neue Armut in der Konsumgesellschaft", Kapitel 5 "Endlich sagt's mal einer! Wie das Feuilleton die Rechte der Etablierten verteidigt")

"Pressefreiheit ist die Freiheit von 200 reichen Leuten, ihre Meinung zu verbreiten"
Paul Sethe, FAZ-Mitbegründer

Bei der Verleihung des Henri Nannen Preises 2012 ereignet sich etwas Ungewöhnliches. Für die Enthüllung der Wulff-Affäre wurde zum ersten Mal ausgerechnet die Bildzeitung mit dem renommierten Preis ausgezeichnet, den üblicherweise die Edelfedern des Landes unter sich austauschen. Die SZ-Redakteure Hans Leyendecker und seine Kollegen Klaus Ott und Nicolas Richter, die für ihre Enthüllungsreportage über die Formel-1-Äffare der BayernLB  ebenfalls geehrt werden sollten, lehnten den Preis ab. Man wolle, so die Begründung, nicht gemeinsam mit der Bildzeitung ausgezeichnet werden. Dies sei, so die SZ-Autoren, "ein Kulturbruch", während der Auszeichnung an Bild soll es vereinzelte Buhrufe gegeben haben. Diese moralische Empörung über die offizielle Gleichstellung von Qualitätsjournalismus und Boulevard hat mitunter etwas scheinheiliges: denn der wahre Kulturbruch findet seit ein paar Jahren bei den seriösen Medien statt. Angriffe gegen Arme, bislang Domäne der Bildzeitung und anderer Krachmedien, sind auch dort salonfähig geworden.

Das belegt unter anderem der historische Umstand, dass die Bildzeitung, das Hetzblatt der Nation, einen Text aus der Zeit, dem Herzblatt der Bildungsbürger, auf Seite eins zustimmend zitierte: "ZEIT-Chef Giovanni di Lorenzo stößt heikle Debatte an: Warum kriegen Migranten häufiger Hartz IV als Deutsche?" Tags zuvor hatte die Lorenzo auf  der Titelseite der Zeit die ausländerfeindliche These verbreitet, dass "unser in Deutschland so angefeindetes Sozialsystem immer noch attraktiv genug ist, dass es eine massenhafte Einwanderung in die sozialen Netze auslöst - was das Prinzip der Einwanderung, in einem fremden Land durch eigener Hände Arbeit sein Glück zu finden, auf den Kopf stellte."

"Eine derartig Allianz hat es zuvor nicht gegeben. Sie drückt aus, dass die Zeiten härter werden und der Ton rauer", beschreibt der Elitenforscher Michael Hartmann diesen "Schulterschluss mit den Stammtischen der Republik". Wenn man sie nur gedrechselt genug formuliert, dann finden derartige Ressentiments auch bei bildungsbürgerlichen Lesern seriöser Medien Gehör. Zwar belegte der Freitag kurz darauf, dass die von di Lorenzo konstatierte "massenhafte Einwanderung in soziale Netze" so nicht möglich ist. Dafür hat die Reform des Familiennachzugs im Ausländerrecht längst gesorgt. Heute muss jeder Migrant, der seine Familie nach Deutschland holen will, nachweisen, dass er ihren Unterhalt bezahlen kann.

Doch die schlichte Botschaft "Sozialschmarotzer" leben auf Kosten der "Leistungsträger" lässt sich in vielen Artikeln beobachten. So nahm im Januar 2010 die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung die "Hätschelkinder der Nation" auf den Titel. Ausgerechnet alleinerziehenden Hartz-IV-Empfängern wurde dort ein Luxusleben unterstellt: "Alleinerziehende werden umsorgt: 40 Prozent von ihnen erhalten Hartz IV - zu besseren Konditionen als Bedürftige. Arbeit lohnt sich da kaum. Ein neuer Partner auch nicht". In der Zeit warb Ulrich Greiner dafür, Ungleichheit als gesellschaftliche Tatsache zu akzeptieren. In seinem Essay mit dem bemerkenswerten Titel "Die Würde der Armut. Warum wir nicht mehr von Gleichheit reden sollten" schreibt er: "Man muss sich darüber im Klaren sein, dass seine [des Staates, Anm.d.Verf.] Fürsorge, deren Ausmaß, historisch gesehen, einzigartig ist, Armut und Deprivation zwar gemildert, aber niemals beseitigt hat."

Und nicht einmal hochdekorierten Akademikern sind derartige Gedanken zu schlicht: "Tatsächlich besteht derzeit gut die Hälfte jeder Population moderner Nationen aus Beziehern von Null-Einkommen oder niederen Einkünften, die von Abgaben befreit sind und deren Subsistenz weitgehend von den Leistungen der steueraktiven Hälfte abhängt." Das schrieb der Karlsruher Philosoph und Uni-Professor Peter Slotedijks in seinem verquasten Aufruf zur "Revolution der gebenden Hand" in der FAZ.

Seine Klage über die angeblich hohe Steuerlast der "Leistungsträger" lässt sich leicht widerlegen. Nie zuvor gab es so viele steuerliche Privilegien für Reiche: bei den 45 reichsten Deutschen sank die Steuerlast um ein Viertel. Und bei den reichsten zehn Prozent bleiben 80 Prozent ihrer Einnahmen aus Vermögen unversteuert. Deutsche Steuerbetrüger haben mindestens 250 Milliarden Euro in Steueroasen gebunkert. Seit der Abschaffung der Vermögenssteuer 1997 hat der Staat, den Sloterdijk als "geldsaugendes Ungeheuer" und dessen Steuerpolitik "Kleptokratie" bezeichnete, 100 Milliarden Euro weniger Steuern eingenommen. Und trotzdem ermutigte der staatlich alimentierte Großdenker die Elite, zu der er sich selbstredend zählt, ihre angebliche "Selbstverachtung", geschürt durch Neid und Ressentiments der Schlechtergestellten, zu überwinden und in einen "fiskalischen Bürgerkrieg" zu treten, um ihr rechtmäßig verdientes Eigentum zu verteidigen.


In Wahrheit aber sind die Vermögen der Reichen dieser Welt nach der Finanzkrise um zehn Prozent gestiegen - und in Deutschland wuchs die Zahl der Millionäre um sieben Prozent. Welchen Zweck verfolgen also Medien wie Akademiker? "Aus einsamer Höhe verkündet Sloterdijk die lang ersehnten Parolen zur politischen Gestaltung der Zukunft, Parolen, in denen dem rührseligen Traum vom Sozialstaat endlich der Garaus gemacht wird", schrieb der Frankfurter Sozialphilosoph und Habermas-Schüler Axel Honneth in einer Gegenrede zu Sloterdijks "unausgegorenen Überlegungen" in der Zeit.
Dort nannte er dessen Ausführungen eine "intellektuelle Ausgeburt eines Klassenkampfs von oben". Dem "befreienden Lachen, das eine solche Kampfparole aufgrund ihres Aberwitzes, ihres geradezu atemberaubenden Leichtsinns auslösen könnte", schrieb Honneth, stünde nur "der Gedanke entgegen, dass es sich dabei um die Sätze eines von den Medien geliebten, von der politischen Öffentlichkeit verehrten und von den Akademien hochdekorierten Intellektuellen handelt."  Ein schönes Schlusswort wäre das gewesen, das der Zeit gut zu Gesicht gestanden hätte. Aber die überließ dieses lieber Sloterdijk und räumte ihm nach der Veröffentlichung von Honneths Gegenrede gleich mehrere Seiten frei, auf der Sloterdijk unter dem hochnotpeinlichen Titel "Warum ich doch recht habe" seine Thesen abermals ausbreiten durfte. Endlich sagt's mal einer! Aber wem?

Eliteforscher Hartmann sagt: "Es geht in der Kontroverse um eine einzige Frage, nämlich die, wer die enormen Kosten der Finanzkrise in den nächsten Jahren tragen soll: ihre Verursacher und Profiteure oder die breite Bevölkerung und die Schwachen der Gesellschaft."
Tatsächlich glaubt mehr als die Hälfte der Deutschen, dass die Ursache der Finanzkrise diejenigen seien, die den Sozialstaat ausnutzen. Das ist das Ergebnis der Langezeitstudie "Gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit" des Bielefelder Sozialwissenschaftler Wilhelm Heitmayer. Seit 2007 hat der Forscher Langzeitarbeitslose als eine neue Gruppe von Diskriminierungsopfern ausgemacht. Mehr als die Hälfte der Deutschen hat eine abwertende Haltung ihnen gegenüber - als hätten ausgerechnet die HartzIV-Empfänger ihren Regelsatz für Schuhe an der Börse verzockt und damit den Finanzmarkt zum Kollabieren gebracht. "In Zeiten der Wirtschaftskrise können wir uns nicht mehr leisten, allen Menschen gleiche Rechte zu garantieren" - dieser Aussage stimmte in Heitmeyers Untersuchung ein Drittel der Befragten zu. Neu ist, dass derartige Überzeugungen vor allem in der gehobenen Mittel- und Oberschicht verbreitet sind.

Ausgerechnet die Reichen, das fand Heitmeyer zum Abschluss der zehnjährigen Studie heraus, fühlten sich um ihren gerechten Anteil betrogen. Sie werten Langzeitarbeitslose am stärksten ab. Um ein solches verzerrtes Bild in der Gesellschaft zu etablieren, reichen die Reden der Politiker und Wirtschaftsmächtigen von der "sozialen Hängematte" und der angeblich "spätrömischen Dekadenz" (Westerwelle) Bedürftiger nicht aus - sie brauchen die Medien als Verlautbarungsinstanz. So dürfen "Experten" wie der Ex-McKinsey-Manager Utz Claasen, Arnulf Baring, Hans-Olaf Henkel und der Ex-McKinsey-Chef Herbert Henzler nicht nur in ihren Büchern die "Grenzen sozialer Gerechtigkeit" (Baring) aufweisen und, wie etwa Claasen, Deutschland attestieren, "über die Verhältnisse" zu leben (sich selbst natürlich ausgenommen). Sie dominieren auch die Polittalkshows und finden als Interviewpartner und Gastkommentatoren auch in seriösen Printmedien Gehör. 

Selbst biopolitische Gedankengut, wie es sich in Thilo Sarrazins Hetzwerk "Deutschland schafft sich ab" zum ökonomischen Rassismus verdichtete, findet bereits Eingang in seriöse Medien: Der umstrittene Sozialpädagoge Gunnar Heinsohn, Autor des rechtspopulistischen Propaganda-Netzwerks "Achse des Guten" spielte in der FAZ mit einer gefährlichen und die längste Zeit verpönten Idee: Mit seiner Forderung, die Sozialleistungen auf fünf Jahre zu begrenzen, um die "Belohnung" in Form einer "Quasiverbeamtung für immer mehr bildungsferne Kinder" zu beenden, sprach Heinsohn offen aus, es vermehrten sich zu viele von den "Falschen"- und gab damit zu Protokoll, dass Kinder von Armen weniger wert sind.

Die Wahrheit über die angeblich kaninchenartige Vermehrung der Unterschicht zum Zwecke des Geldeinstreichens ist die: Hartz-VI-Empfängerinnen müssen Verhütungsmittel aus dem Regelsatz selbst zahlen - während sie eine Abtreibung kostenlos bekommen. In einer Untersuchung von Pro Familia Köln aus dem Jahr 2007 gaben 80 Prozent der befragten ungewollt schwangeren Frauen aus der sogenannten Unterschicht an, dass sie sichere, aber teure Verhütungsmittel wie Pille oder Spirale nicht bezahlen können. Gleichzeitig gab mehr als ein Drittel der Frauen an, seit dem Bezug von ALG II besser als vorher zu verhüten - aus Angst, dass sich ihre Situation durch ein Kind noch weiter finanziell und sozial verschlechtern würde, wie es bei 80 Prozent der befragten Frauen der Fall ist, die ungewollt schwanger wurden.

Doch um Wahrheit geht es gar nicht in dieser Scheindebatte. Sondern um die Verteilung von Rechten und Vermögen. Dabei dienen sich auch Journalisten gern den Wertvorstellungen der Elite an und wiederholen uralte Denkmuster. Mit allzu viel Sozialkritik schafft man kein anzeigenfreundliches Umfeld und keine Auflage. Axel Honneth bezeichnet derartige Feuilletonisten als "normalisierte Intellektuelle": fern jeglicher gesellschaftswissenschaftlicher Theorien würden sie nur noch Meinungen innerhalb ohnehin anerkannter Prinzipien äußern. Sie müssten anschlussfähig sein, während wahre Gesellschaftskritik die Aufgabe hätte, genau diese gängigen Prinzipien zu hinterfragen. Man kann Giovanni di Lorenzo fast als Protoyp des normalisierten Intellektuellen sehen. Während er mit seinen Zuwanderungsthesen nach unten tritt, sucht er den Schulterschluss nach oben - etwa in seiner Endlos-Serie "Auf eine Zigarette mit Helmut Schmidt". Und jüngst mit seiner PR-Aktion für den ehemaligen Verteidigungsminister Karl Theodor zu Guttenberg. Di Lorenzo - zu Guttenberg, da findet zusammen, was zusammen gehört: Geldadel und trifft Schreibadel. So kann man die beiden auf dem Autorenbild des Interview-Buchs "Vorerst gescheitert" schon kaum mehr unterscheiden: beide tragen eine dünnen dunklen Pullover über dem Hemd, zwischen ihnen das Aufnahmegerät, hinter ihnen der weiß getünchte Kamin im Zimmer des Luxushotels in London. Das Interview wurde in Auszügen auch in der Zeit veröffentlich und auf dem Titel beworben. Abermals schaffte es einen Zeit-Titelgeschichte auf die Titelseite der Bild. Zwar gab es entrüstete Leser-Reaktionen und Häme von den schreibenden Kollegen. Immerhin aber half der Zeit-Titel di Lorenzos Buch auf den ersten Platz der Bestseller-Liste - und das milde kritisch geführte Interview, das nur schwammig die Einsicht des Doktorarbeitsabschreibers erkennen lässt, befördert zu Guttenbergs Rehabilitation. Schließlich kann der sich der Adelige gut vorstellen, wieder in die Politik zu gehen.

Eliteforscher Hartman ist diese "bemerkenswerte Entwicklung" in den Medien schon lange aufgefallen. Schon allein deshalb, weil er als Elitenexperte selbst ein gefragter Interviewpartner ist. Denn er sagt Dinge, die zumindest konservative Redakteure, die am Elite-Modell festhalten, nicht gern hören wollten. "Die ärgert das richtig, dass ich als Kritiker der Eliten diese Position habe, und nicht einer aus ihren Reihen, der für die Elite eintritt", sagt Hartmann. Er habe schon erlebt, dass er FAZ-Redakteuren ausführliche Interviews gegeben habe, die zum Thema Elite recherchierten, und dass diese Redakteure ihn dann immer wieder dazu bringen wollten, sich für eine Elitenbildung auszusprechen. Seine Argumente aber seien in die Texte gar nicht eingeflossen. Er sieht darin eine bewusste Verschiebung von Gewichten in eine von Anfang an gewünschte Richtung. Denn daran, dass das Vermögen zugunsten der Allgemeinheit verteilt werden könnte, hat die Elite kein Interesse. Zunehmend werden auch Journalisten aus diesem Milieu rekrutiert: In ihrer Dissertation "Habitus, Herkunft und Positionierung: Die Logik des journalistischen Feldes" hat Hartmanns Doktorandin Klarissa Lueg anhand von drei führenden deutschen Journalistenschulen die Herkunft von Journalisten und die Auswirkung dieser Abstammung auf ihren Beruf untersucht. Sie fand eine geschlossene Herkunftsgruppe. Ihre Ergebnisse lassen auf entsprechend homogene Denkschemata schließen. 68 Prozent der Journalistenschüler, so Lueg, stammen aus gehobenen mittleren Schichten, ihre Eltern sind Akademiker, Unternehmer oder Ärzte, während Kinder von Facharbeitern oder ungelernten Arbeitern dort überhaupt nicht zu finden sind. Eine gesellschaftliches Entwicklungsmuster, das sich in allen relevanten Bereichen der Gesellschaft breit macht: auch an den Universitäten sind überwiegend Akademikerkinder zu finden.

Während von 100 Akademikerkindern 83 eine Universität besuchen schaffen es nur 23 von 100 Kindern aus Familien ohne akademische Tradition. Spitzenpositionen in Wirtschaft, Justiz und Politik werden zu einem überwältigendem Anteil von Kindern des gehobenen oder Großbürgertums besetzt. 85 Prozent der Topmanager, 65 Prozent der in der Justiz Angestellten und 70 Prozent der Politiker entstammen höheren Schichten, die aber nur 3,5 Prozent der Bevölkerung ausmachen. Dieser winzige Anteil bestimmt die gesellschaftlichen Entwicklungen in Deutschland - und zwar nach den eigenen Interessen.

Journalistenschulen gelten als exklusivste Kader der journalistischen Ausbildung. "Wer es geschafft hat, auf eine Journalistenschule zu kommen, hat es im Grunde genommen in diesem Beruf bereits geschafft", zitiert Lueg einen Schulleiter. Entsprechend nähmen sie ihre Journalistenschüler als berufliche Elite wahr. Tatsächlich schaffen diese es doppelt so häufig in relevante Positionen bei großen Zeitschriften und Leitmeiden wie Journalisten mit anderer Ausbildung. Darüber hinaus interessieren sich die Schüler aus den oberen Schichten fast gar nicht für eine Position als Chefredakteur, sondern streben eher an, "Edelfedern" zu werden - also Meinungsführer wie Kolumnisten, Leitartikler, Kommentatoren, Magazinjournalisten oder Auslandskorrespondenten.  Genau genommen bedeutet das, dass die gehobene Mittelschicht im Journalismus den Ton angibt, Themen entsprechend aussucht und aufbereitet - wobei sie sich an ihrer Zielgruppe orientieren. Aber wenn sich die Elite in Wirtschaft, Verwaltung, Justiz und selbst im Journalismus bündelt - wer repräsentiert dann noch die Belange der Allgemeinheit? Und wie nah sind die Vertreter am Alltag und der Lebenswirklichkeit der Kleinbürger und Bedürftigen?

Hartmann erkennt im Journalismus ein selbsterhaltendes System: "Die Journalisten stammen ja überwiegend aus der Mittelschicht. Man hinterfragt dann Voraussetzungen nicht mehr, sondern vergewissert sich im wechselseitigen Gespräch." Vor allem sei es viel einfacher, nach unten zu treten, als das komplizierte Geflecht von Wirtschaft und Macht zu entwirren: "Im Vergleich dazu erscheint Hartz IV simpel - davon hat man ein Bild, da hat man das Gefühl, was zu durchblicken." Noch dazu ist es viel riskanter, sich mit den Mächtigen und dem herrschenden Mainstream anzulegen: "Das befördert keine Karriere." So ist es wesentlich einfacher und dient auch der eigene Bestätigung, den Mythos der Leistungsgerechtigkeit aufrecht zu erhalten. Dabei ist es fast unmöglich, über die Reichen zu berichten. Es gibt keine Vermögensstatistik, durch den Wegfall der Vermögenssteuer bleibt ihr Besitz und dessen Mehrung im Dunklen - während andersherum die Bedürftigkeit von Hartz-IV-Empfängern haargenau dokumentiert ist. Allenfalls Spekulationen werden über die geheimnisvollen Reichen angestellt, die sich von der Gesellschaft immer weiter entfernen. "Eliten-Bashing" nannte der Spiegel in der Serie "Deutschland, Deine Reichen" die Debatten über die Verteilung von unten nach oben: "Denn seien wir ehrlich: Sobald hierzulande von Reichtum die Rede ist, fühlen sich viele Journalisten bemüßigt, ihn misstrauisch bis höhnisch einzubetten. (...) Weil es ziemlich leicht geworden ist, auf Wohlhabenden herumzukloppen. Sie wehren sich kaum noch."

Warum sollten sie auch, wenn ohnehin jede Diskussion um eine ungerechte Verteilung als "Neiddebatte" abgetan wird?

Hartman sagt, es gebe solche Journalisten, die tatsächlich überzeugt seien von dem, was sie schreiben - weil sie sich eben auch in elitären Kreisen bewegen. Und andere, die zumindest ein ungutes Gefühl hätten angesichts der zunehmenden gesellschaftlichen Spaltung. "Die wollen aber einfach, dass es so ist, wie sie schreiben." Sie klammerten sich dabei stets an ihren Glauben: "Kein Land ist so gut durch die Krise gekommen wie Deutschland." Damit würde auch Hartz IV gerechtfertigt und nicht mehr hinterfragt: Ist nicht schön, geht aber nicht anders. Leider, leider! Nur allzu gern wird das als "unbequeme Wahrheit" verkauft - doch solche "unbequemen Wahrheiten" sind immer die denkbar bequemsten Ausflüchte der herrschenden Klasse.


Thursday, 31. January 2013

Schon wieder Menschen für KiK verbrannt

Es ist gerade einmal drei Monate her, dass 112 Menschen in der Tazreen Fabrik in Bangladesch im Feuer für den Profit westlicher Großkonzerne starben. Am Samstag, 26. Januar, brach in der Fabrik Smart Export Garments schon wieder ein Feuer aus - sieben Arbeiterinnen starben in den Flammen, darunter drei Teenager, die jünger als 17 Jahre waren. Auch in dieser Fabrik wurden Label von KiK gefunden. Denn offenbar interessiert es KiK einen Scheißdreck, dass Menschen brutal zu Tode kommen, Hauptsache, die Kohle stimmt.

Dass ein Konzern wie KiK, dem ein Menschenleben wohl keinen Pfifferling wert ist, den Hinterbliebenen in Bangladesch bis heute keine Entschädigung bezahlt, ist so brutal wie logisch. Dasselbe gilt für C&A: der Konzern, der auch noch den Deutschen Nachhaltigkeitspreis erhielt (was über diese unsäglich zynische Lobbyisten-Sause mit dem Segen der ebenso unsäglichen Bundesregierung eine ganze Menge aussagt), hat ebenfalls bis heute keine Entschädigung bezahlt -  und obwohl beiden Konzernen nachgewiesen wurde, dass in ihren Zulieferfabriken Menschen verbrannt sind, weigern sich diese, ein Brandschutzabkommen zu unterzeichnen. Darin nämlich würden sich alle Beteiligten bereit erklären, ein Zwei-Jahres-Programm aufzulegen, das sowohl  Schulungen zum Brandschutz als auch die Bildung von betrieblichen Arbeitsschutzkomitees und ein umfassendes unabhängiges Kontrollsystem umfasst, an dem sich die Beschäftigten und ihre Gewerkschaft aktiv einbringen können. Bitte nochmal auf der Zunge zergehen lassen: Unternehmen, in deren Zulieferfabriken Menschen verbrannt sind, weigern sich, ein Abkommen zu unterzeichnen, das die Arbeiterinnen und Arbeiter vor dem Feuertod bewahrt! Und nicht nur KiK und C&A geht das Leben der Menschen offenbar am Arsch vorbei - auch H&M, Zara, Metro und Lidl weigern sich. Das einzige Unternehmen, das bislang unterzeichnet hat, ist Tchibo.

Wenn ich mir dann den Imagefilm anschaue, den C&A zur Volksberuhigung ins Netz gestellt hat, muss ich erst recht kotzen: Man stehe den Opfern nahe, heißt es da - und als Unterstützung der Opfer würde man deren Kindern "Bildungsförderung" zukommen lassen. Und man würde Audits und Prüfungen "intensivieren". Das ist ziemlich lustig, denn solche "Prüfungen", die fast immer angemeldet sind, ergeben so gut wie immer, dass in der Fabrik alles in Ordnung ist. Noch zynischer ist nur noch die Behauptung, in Bangladesch müsste "dass Bewusstsein für Brandschutzmaßnahmen gestärkt werden". Ha! Dabei wurde das Brandschutzabkommen von bangladeschischen und internationalen Gewerkschaften und Arbeitsrechtsorganisationen gemeinsam entwickelt.

Das schrieb mir mein bangladeschischer Freund Badrul Alam nach der Tazreen-Katastrophe - und aus diesen Worten kann man erahnen, welches Leid und welche Demütigung die Menschen tagtäglich in den Ländern erfahren, die zum Profit des Westens untejocht, geplündert und unterdrückt werden:

"They are just burned to ash. It is a great human disaster. The outcry of their families made the sky heavy. We are extremely
concerned for the irresponsibility of the bourgeoisie society for which the life of working people is nothing but ash."


Sunday, 13. January 2013

Ein Hilferuf aus Bangladesch

Dass Bangladesch eines der am stärksten vom Klimawandel betroffenen Länder der Welt ist, ist bekannt. Dass dies aber nicht nur bedeutet, dass das Land regelmäßig von Wirbelstürmen und Überschwemmungen heimgesucht wird, sondern auch von Kältewellen, weniger. Eine solche ereignet sich gerade im Norden des Landes. Normalerweise liegen die Temperaturen zu dieser Jahreszeit bei zehn bis 20 Grad, jetzt herrscht dort eine Eiseskälte von unter drei Grad Celsius - so kalt war es zuletzt 1968. Mehr als hundert Menschen sind an den Folgen der Kältewelle bereits gestorben, etwa an Lungenentzündung. Die Kältewelle hält womöglich bis Februar an.

Die bangladeschische Kleinbäuerinnen- und Kleinbauernorganisation Bangladesch Krishok Federation and Kishani Sabha, deren tolle Arbeit ich selbst in Bangladesch kennengelernt habe und die mich auf Reisen begleitet haben, bitte dringend um Unterstützung. Eine Delegation will im Norden des Landes Decken und Kleider kaufen, um die ärmsten vor der Kälte zu schützen. Etwa 2000 Decken werden benötigt, eine Decke kostet umgerechnet drei Euro. Wer die Organisation unterstützen möchte, kann sich mit ihr selbst in Verbindung setzen (pathaklal@yahoo.com) oder über dieses Blog bzw. meine Facebookseite mit mir. Herzlichen Dank!

Das ist der Aufruf im Wortlaut:

Terrible cold wave claims lives in the north of Bangladesh

Need humanitarian assistance urgently

Recently the cold wave turns terrible form in Bangladesh. The temperature reached at 2.7 degree centigrade which is the lowest in the country in memory. Bangladeshi people are not set for such a low temperature. They are used to modest temperature in the winter which is between 15 and 20 degree centigrade. As a result, the people are suffering a lot due to this staggering cod spell this year. So far, more than 100 people in northern districts died and thousands of people became sick who encounter no treatment with lack of food. The assistance form the government is insufficient. Adequate response is required anyway. Very few NGOs are active meanwhile but their effort is far behind the need.

The reason of this cold wave is basically the impact of climate change which is getting recognition slowly.

The Weather Forecasting Department predicted that the present situation would continue until the first week of February 2013.

In these circumstances massive response to the situation is needed from different corners. That is why Bangladesh Krishok Federation (BKF) and its associate Bangladesh Kishani Sabha(BKS) cannot sit idle as its huge number of members is living in the northern part of Bangladesh where the situational is deteriorating almost every day.

We had a meeting yesterday in our Dhaka office and formed a team of 10 members that will approach to the solvent middle class families in the city for the contribution with their second hand warm cloths. For this purpose, a hand bill urging the people for the material support is published for distribution during collection.

For sure, as we know that the efforts made on our side within the country not be enough to address and stand by the cold affected people we decided to make an appeal to our outside sympathizers for their kind support in this crucial period of our people.

We decided to give away a blanket to each people who dire needs in the north of the country, especially in the worst affected district called Karigram. We estimated to provide 2,000 blankets costing Tk.300/- each among 2,000 people. The total estimate stands at Tk. 600,000/-. In Euros: Approximately 6000 Euros.

Therefore I request all of our friends and well-wishers abroad to respond with as much humanitarian support as they can to overcoming the awesome situation which the poor people of Bangladesh facing at this moment in the north of Bangladesh.

We would be extremely grateful to all of you for any co-operation and assistance.

Looking forward to hearing from you soon.

All the best regards,

Badrul Alam

President

Bangladesh Krishok Federation

Wednesday, 5. December 2012

Zu Gast bei ZDF Info Log In

Heute um 22.20 Uhr bin ich Diskussionsgast bei Log In auf ZDF Info. Und alle können mitmachen und mitdiskutieren! Außer mir ist zu Gast der "Schnäppchenkönig" Thomas Tankley - der Prototyp des Krisengewinners. Denn er verdient mit Armut richtig Geld. Erstens, weil er Massenware, die unter verheerende Bedingungen in armen Ländern hergestellt wurde, massenhaft verschleudert, zweitens von der Armut in Deutschland, die Menschen dazu treibt, ihr letztes Geld für Konsummist auszugeben, um in der Konsumgesellschaft halbwegs mithalten zu können. Diskutiert werden außerdem die mahnenden Worte des Bundespräsidenten Gauck: "Mit dem Kassenbon kann man schlimme Zustände zementieren." Der Satz ist so zynisch und verlogen wie die ganze verheerende Bundespolitik, die der neoliberale Grüßaugust vertritt und mit seine Durchhalteparolen rechtfertigt. Nicht die Kunden zementieren diese Zustände, sondern die Politik - denn es ist zualleresrt die deutsche Bundesregierung, die auf EU-Ebene die Offenlegungspflichten der Unternehmen verhindert. Diese nämlich wäre wirklich wesentliche Grundlage dafür, das Konzerne, die in armen Ländern tagtäglich Umwelt- und Menschrechtsverbrechen begehen, zur Rechenschaft gezogen werden können. Merke: Wann immer jemand behauptet (und es sind immer Politik und Wirtschaft), der Kunde sei schuld oder habe "die Macht", hat er ein Interesse daran, dass die Zustände bleiben, wie sie sind.