20 Jahre Tafeln

Dieser Text erschien 2013 als Essay im Feuilleton der Frankfurter Rundschau und der Berliner Zeitung. Eine ausführliche Reportage zu den Tafeln ist in minem Buch „Wir müssen leider draußen bleiben. Die neu Armut in der Konsumgesellschaft“ (Blessing 2012) zu lesen. Eine Lesung daraus bei den Aktionstagen des Kritischen Aktionsbündnis 20 Jahre Tafeln im April 2013 sind genug gibt es hier als Video.

Solange der Vorrat reicht

Überschuss für die Überflüssigen: Vor 20 Jahren eröffnete die erste Tafel in Berlin. Doch Almosen-Ökonomie etabliert Armut, anstatt sie abzuschaffen

Von Kathrin Hartmann

Menschen in Lumpen, die durch riesige dunstige Müllkippen an den Rändern der Städte pflügen und sich dort ihre Existenz zusammenklauben: Solche beklemmenden Bilder kennt man nur aus Entwicklungsländern. Aber auch im reichen Land Deutschland ernährt sich eine zunehmende Zahl Menschen von den Müllbergen der Wohlhabenden. Doch hier ist dieses Bild retuschiert, die störenden Teile sind entfernt: Die Abfallhaufen sind überdacht, geordnet und verwaltet, der verzweifelt wühlende Müllsucher ist verschwunden. An den Tafeln, die überschüssige Lebensmittel an Bedürftige verteilen, ist Armut ist kein Skandal mehr, sondern gut aufgehoben.

Am 23. Februar 1993 eröffnete in Berlin die erste Tafel nach dem Vorbild der US-amerikanischen Foodbanks. Was damals als Nothilfe für Menschen gedacht war, die aus allen sozialen Netzen gefallen waren, etwa Drogenkranke oder Obdachlose, hat sich zum parallelen Versorgungssystem für Menschen entwickelt, die durch zu niedrige Grundsicherung, Hartz IV und prekäre Arbeitsverhältnisse so tief in die Armut gerutscht sind, dass sie auf Lebensmittelspenden angewiesen sind. Mehr als 900 Tafeln gibt es heute in Deutschland. An den bundesweit 3000 Ausgabestellen und Tafelläden holen 1,5 Millionen Menschen Essen ab.

Die Idee der Tafel ist so einfach wie faszinierend: Ehrenamtliche sammeln bei Supermärkten übrig gebliebene, aber verzehrfähige Lebensmittel ein und verteilen diesen Überschuss, der sonst vernichtet werden würde, an Bedürftige. Damit wollen die Tafeln zwei der größten Probleme unserer Zeit in einem Aufwasch beseitigen: die Verschwendung von Lebensmitteln und die wachsende Armut. Fast 20 Millionen Tonnen Lebensmittel werden in Deutschland jedes Jahr weggeschmissen, während 15 Millionen Menschen nahe oder unterhalb der Armutsgrenze leben. Ein Gedanke, der auch in der Überflussgesellschaft schwer zu ertragen ist.

„Essen, wo es hingehört“ lautet das Motto des Bundesverbands der Tafeln in Deutschland – und dieser moralisch verbrämte Pragmatismus verschafft den Tafeln ein hohes Ansehen in Gesellschaft, Wirtschaft und Politik, ja selbst bei Umweltverbänden. Die Tafeln suggerieren, mit dem Verteilen des „zu viel“ an diejenigen, die „zu wenig“ haben, die tiefe Kluft zwischen arm und reich zu überbrücken. Doch diese Inszenierung der Armut ist affirmativ und primitiv: Sie reduziert die Situation der Bedürftigen allein darauf, nicht genügend zu Essen zu haben. „In Deutschland muss niemand hungern“ – diese beruhigende Behauptung findet an den Tafeln ihre praktische Umsetzung.

Doch sowohl Überschuss als auch Armut haben andere Ursachen und bedürfen anderer Lösungen als die Tafeln mit ihrem demonstrativen Verteilen suggerieren. Was beides miteinander verbindet, ist die kapitalistische Wachstumslogik.

Verschwendung ist der Motor der Konsumgesellschaft: Nur wenn viel weggeworfen wird, wird auch viel gekauft. Und weil die Wahlfreiheit des Konsumenten im Supermarkt wie ein Menschenrecht gehandelt wird, wachsen die Müllberge. Die neuen Armen wiederum sind das Ergebnis der Arbeitsmarkt- und Sozialstaatsreform. Es sind diejenigen, für die es keine Verwendung mehr gibt auf dem Arbeitsmarkt – oder die in prekären Arbeitsverhältnissen für wachsenden Profit der Unternehmen sorgen.

Kein Wunder, dass zu den Tafelsponsoren und -spendern ausgerechnet die Konzerne gehören, die von der Überproduktion und Verschwendung von Lebensmitteln profitieren: Rewe, Lidl, Aldi, Metro Group, Edeka. Ihre Spende an die Tafeln lenkt davon ab, wie groß ihr Anteil an der Verschwendung ist, verschafft ihnen ein „nachhaltiges“ Image und spart ihnen Entsorgungskosten. „Wer von uns Lebensmittel erhält, ist kein Almosenempfänger, sondern leistet etwas für den Klima- und Ressourcenschutz. Das ist eine gesellschaftliche Leistung, die wir anerkennen müssen“, sagt Gerhard Häuser, der Vorsitzende des Bundesverbands der Tafeln. Sie seien „Rädchen in der Lebensmittelindustrie“. Das also können Tafelkunden immerhin bieten: Sie entsorgen den Wohlstandsmüll und en passant das schlechte Gewissen der Konsumgesellschaft. Hier wird nicht nur die Struktur ausgeblendet, die zu Armut führt. Sie wird in kapitalistischen Verwertungszusammenhängen gedacht. „Ökonomische Effektivität und Prosperität trifft hier auf die still gelegte Unproduktivität. Das ökonomische Kalkül scheint sich mit dem selbstlosen Mitgefühl zusammen führen zu lassen“, schreibt der Jenaer Soziologe Stephan Lorenz in seinem Buch „Tafeln im flexiblen Überfluss“.

„Mitgefühl“ ist die dritte Säule im System Tafel: Doch im Mittelpunkt stehen nicht die Armen selbst, sondern ihre Versorger, die Ehrenamtlichen. Die „praktisch gelebte Solidarität“ heben die Tafeln, die sich als „größte soziale Bewegung aller Zeiten“ verstehen, besonders in den Vordergrund. In ihrer Außendarstellung, in Broschüren, auf Fotos und in den Medien dominieren die Spender mit riesigen Pappschecks, die Mengen tatkräftig eingesammelter Lebensmittel und strahlende Freiwillige vor Gemüsebergen. Die Armen selbst sind meist nur Statisten im großen Ehrenamtsblockbuster – anonyme „Objekte der Fürsorge“, wie es der Soziologe Georg Simmel beschreibt, an dem die Besitzenden Großzügigkeit und Mildtätigkeit demonstrieren können.

Tafeln sind keine soziale Bewegung, sie sind Charity. Aber Charity beleuchtet nicht die Ursachen von Armut, sondern stellt die Hilfe in den Vordergrund. Es geht um Linderung der Armut, nicht um ihre Abschaffung.

Die Armutsverwaltung an den Tafeln gleicht der Armenspeisung im späten Mittelalter. Diese frühe Form der Fürsorge zählte zu den sieben „Werken der Barmherzigkeit“. Arme galten als „Kinder Gottes“, zur Rettung ihres Seelenheils versorgten sie die Reichen mit Almosen. Zunächst waren es Kirchen und Klöster, die Armenspeisungen vornahmen (und noch heute sind die größte Träger der Tafeln in Deutschland kirchliche Wohlfahrtsverbände wie Caritas und Diakonie), später gaben Zünfte Essen aus, und schließlich entstanden in den großen Städten als weltliches Pendant im 18. Jahrhundert Suppenküchen, bei der Arbeiterfamilien, Arbeitslose und Arme zu essen bekamen. Erst die Systeme zur sozialen Sicherung, die am Ende des 19. Jahrhunderts entstanden und schließlich im Sozialstaat mündeten, machten Suppenküchen obsolet.

Heute erleben wir die umgekehrte Entwicklung: Armutsbekämpfung wandelt sich von der öffentlichen politischen Aufgabe zur privat organisierten Wohlfahrt wohlhabender Bürger. Stefan Selke, Soziologe an der Universität Furthwangen, erforscht seit vielen Jahren Funktion und Auswirkungen der Tafeln in Deutschland. Er gilt als größter Tafelkritiker in Deutschland und hat außerdem das „Kritische Aktionsbündnis 20 Jahre Tafeln“ ins Leben gerufen. Er sagt: „Tafeln sind Prototypen der neuen Freiwilligengesellschaft“. In dieser würden verbindliche soziale Rechte gegen eine unverbindliche Almosenökonomie ersetzt.

Das Problem freiwilliger Hilfe ist jedoch: Es gibt keinen Anspruch darauf. So haben nur zehn Prozent der Bedürftigen in Deutschland Zugang zu den Tafeln, es gibt Wartelisten. Wer zur Tafel kommen darf und wer nicht, das bestimmen die Organisatoren örtlicher Tafeln. Und darauf verlassen, dass die Tüte bei der Tafel voll wird, kann man sich nicht. Es gibt ja nur, was andere nicht haben wollten. Und das nur solange der Vorrat reicht. Wo nur der Überschuss verteilt wird, sind nicht nur die Waren endlich, sondern auch die Gerechtigkeit. So wiederholen und zementieren die Tafeln die gesellschaftlichen Zustände von drinnen und draußen und oben und unten.

Es ist kein Zufall, dass ausgerechnet diejenigen, die den Abbau des Sozialstaats am lautesten fordern, besonderen Gefallen an den Tafeln finden: Die Unternehmensberatung McKinsey hat den Tafel-Bundesverband beraten und ein „Handbuch zur Gründung einer Tafel“ entwickelt. Die neoliberale Bertelsmann-Stiftung, die großen Einfluss auf die Entwicklung und Umsetzung der Agenda 2010 hatte, lobt die Tafeln als gelingendes Beispiel, wie gut freiwillige Wohlfahrtsinitiativen mit der Wirtschaft kooperieren können. Die Initiative „Deutschland, Land der Ideen“, zu der federführend der Bundesverband der Deutschen Industrie gehört, der Mindestlöhne und eine Erhöhung der Hartz-IV-Sätze ablehnt, aber Lohnnebenkostensenkung und Leiharbeit begrüßt, hat den Tafeln unlängst für ein Projekt einen „Innovationspreis“ verliehen.

Die meisten Tafeln in Deutschland gibt es nicht etwa dort, wo die Not besonders groß, sondern da, wo die Kluft zwischen arm und reich besonders tief ist – nämlich in reichen Bundesländern wie Bayern und Baden-Württemberg. Zu den lokalen Spendern der Tafeln gehören dort nicht nur die Supermärkte und die ansässige Industrie. Sondern auch Golfclubs und Elite-Zirkel wir Rotari- und Lions-Club, deren Symbole dann auf den gespendeten Lieferwagen prangen, die die Hilfsgüter in die Krisengebiete fahren. Mit der selbst formulierten Pflicht zur Mildtätigkeit legitimieren nicht zuletzt die Reichen ihren Status, schließlich „geben sie ja etwas zurück“. „Zu den Vorzügen des Reichtums gehört, dass man damit viel gegen Armut tun kann“, das schrieb unlängst sogar Heriber Prantl in der Süddeutschen Zeitung.

An der Tafel hat alles seinen richtigen Platz: Überschuss, Reichtum und Armut bekommen dort einen Sinn. Wenn Armut, wie Stefan Selke beschreibt, „normalisiert“ wird, bedeutet das, dass sich die Gesellschaft mit Armut abgefunden hat. Arme sind halt „einfach da“, genau wie Reiche. Aber Armut ist kein Schicksal, es ist die Kehrseite des Reichtums. Laut dem Armuts- und Reichtumsbericht der Bundesregierung hat zwischen 2007 und 2012 das private Nettovermögen der Deutschen um 1,4 Billionen Euro zugenommen. Mehr als die Hälfte dieses Vermögens besitzen die reichsten zehn Prozent der Haushalte. Die untere Hälfte der deutschen Haushalte verfügt nur über ein Prozent des gesamten Netto-Vermögens, 15 Millionen Menschen gelten in Deutschland als arm.

Umverteilung und Gerechtigkeit kann nur politisch und solidarisch erkämpft werden. Doch dazu muss man den Zusammenhang von Armut und Reichtum als genau den Skandal betrachten, der er ist. Solidarität ist nicht, wenn Reiche Arme mit Müll abfüttern. Sondern gemeinsam zum Wohle aller für Gerechtigkeit zu kämpfen.

Ein Gedanke zu „20 Jahre Tafeln“

  1. Mich wundert; der Beitrag ist jetzt zweieinhalb Jahre alt und kein einziger Kommentar.

    An manchen Stellen verwundert es nicht, denn wer arm ist hat oft auch wenig Bildung und obwohl der Beitrag mit viel Herzblut geschrieben ist und auch aufzeigt, was in unserem Land schief läuft, so wird der „Sozial-Kill“ nicht genügend in den Vordergrund gestellt und zum Teil auch kryptisch umschrieben, wie eine Vorlesung. Ich persönlich kann mit dem Beitrag sehr wohl was anfangen, doch es gibt auch Menschen, denen diese Art des Beitrags nicht wirklich was sagt.

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