Herrje, schon wieder: böse, böse Veganer!

Verursachen Vegetarier mehr Blutvergießen als Fleischesser?“ Hm, hm…  ich komm einfach nicht drauf….  Aber ich will mich gar nicht groß inhaltlich zu diesem Spitzen-Schmarrn auslassen, den da jetzt.de via Urgeschmack verbreitet. Sinnvoller scheint mir, einmal auf die Funktionsweise solcher Propaganda aus der Kategorie „unbequeme Wahrheit“ (Unterkategorie: „endlich sagt’s mal einer“). „Unbequeme Wahrheiten“ sind nämlich ganz einfach: die bequemsten. Denn was so tut, als würde das niemand hören wollen, wollen natürlich (fast) alle hören: nämlich dass Fleisch essen nicht nur in Ordnung, sondern viel moralischer und „nachhaltiger“ ist und Vegetarier und Veganer, die allen auf den Sack gehen, die eigentlich Bösen sind. Man kann das, ähnlich der Täter-Opfer-Umkehr, Minderheits-Mehrheitsverdrehung nennen. Denn während der Deutsche mit im Schnitt 60 Kilo pro Kopf mit am meisten Fleisch weltweit verdrückt, leben maximal 0,1 Prozent der Deutschen vegan.

Umso lächerlicher ist die „Beweisführung“, die an einer  klitzekleinen Ausnahmesituation vorgenommen wird, nämlich an sg. „Weidefleisch“, was es, jedenfalls in Deutschland praktisch nicht gibt: Laut statistischem Bundesamt stammen 98 Prozent des Fleischs, das in Deutschland verkauft wird, aus Massentierhaltung. Der stetig wiederholte Hinweis, es gehe explizit nicht um Fleisch aus Massentierhaltung, sondern „von der Weide“ macht die Argumentation aber nicht wahrer, im Gegenteil: der Autor vergleicht ganz bequem Äpfel mit Autos, wenn er die Hypothese aufstellt, das Weidefleisch im Vergleich zu Gemüse und Getreide aus industriellen pestizidverseuchten Monokulturen nachhaltiger sei. So geht es natürlich nicht. Denn wenn schon Hypothese, dann aber auch richtig: Dann müsste man den Vergleich zu einer kleinteiligen regionalen Landwirtschaft ziehen, die KEINE Monokultur, KEINE Pestizide, KEINE Gentechnik und KEINE gigantischen Maschinen einsetzt.

Denn wofür werden global 70 Prozent der Flächen verwendet? Richtig, für Tierfutter. Getreide für die Tröge.  Also um ein für alle Mal mit dem Mythos aufzuräumen, für Tofu werde Regenwald gerodet: nein, die gigantischen pestizidverseuchte Sojaflächen werden ausschließlich für Tierfutter betrieben, man kann es nicht oft genug erwähnen. Regenwald gerodet wird allerdings für die WEIDETIERE – alleine in Brasilien wurde zwischen 2000-2009 eine Fläche von mehr als 160 000 km² abgeholzt. Zu mehr als 70 Prozent geht diese Zerstörung auf die Schaffung neuer Weideflächen zurück.

Ich freue mich schon sehr auf die nächste wilde Theorie zum Mode-Thema „Böse Veganer“. Zum Beispiel die „unbequeme Wahrheit“, dass Tiere vielleicht lieber gegessen werden wollen, sie können es uns aber leider nicht mitteilen. Und dass das dann moralisch besser wäre als Pflanzen zu essen, die das lieber nicht möchten. Was sie uns sagen würden, wenn sie denn ein Gehirn und ein Sprachzentrum entwickeln, irgendwann, vielleicht. Man weiß ja nie!

Wer’s wirklich wissen will, dem sei der Fleischatlas 2014 empfohlen.

3 Gedanken zu „Herrje, schon wieder: böse, böse Veganer!“

  1. Gut getroffen!

    Schreib doch bitte mal was zum Wirtschafts-Alarmismus!
    Die Wirtschaft schreit immer „Öko-Alarmismus!!, (z.B. http://www.handelsblatt.com/politik/deutschland/whatsright/whats-right-huch-das-ozonloch-ist-weg/v_detail_tab_comments/12187870.html)
    wenn es um Regulierung von umweltschädlichen Industrien geht, dabei schreien sie selbst immer „Arbeitsplätze gehen verloren“ – das ist so verlogen – schließlich sind Arbeitsplätze normalerweise Kosten, die sie möglichst abbauen, wo es nur geht. Auf die Beiträge von neo-liberal eingestellten Medien und der Industrie, wie man ohne gesetzliche Regulierung und/oder Besteuerung Externalitäten und Marktversagen bereinigt, warte ich noch.

    Grüße Lars

  2. Liebe Frau Hartmann,

    ich schätze ihre Arbeit – das was ich davon kenne – wirklich sehr. Sie ist in meinen Augen wichtig und richtig, denn Aufklärung tut in allzu vielen Gebieten deutlich Not. Nichts anderes als Sie tut Felix Olschewski auf dem Gebiet Ernährung. Bitte lesen Sie seinen Artikel noch einmal. Sind Sie Vegetarierin? Veganerin? Gegen keine Anhänger der beiden Ernährungsweisen fällt ein böses Wort, es werden lediglich eventuelle Irrtümer aufgeklärt, die den ethisch/moralischen Anspruch dieser Ernährungsweisen betreffen. Herr Olschewski tut das übrigens beispielsweise auch bezüglich der Paleo-Ernährung, welche auf viel Gemüse basiert, auf Getreide verzichtet und Weidefleisch essen propagiert. Wenn Sie den Artikel noch einmal lesen, dann wird Ihnen auffallen, dass Herr Olschewski sogar ausdrücklich schreibt, dass er/man keine generelle Enährungsweise empfehlen KANN, Zitat: „Eine pauschale, globale Lösung kann es nicht geben und es hat sie nie gegeben. „Wir alle sollten Fleisch essen!“ scheint daher genauso falsch wie „Wir müssen Gemüse essen, weil das effizienter ist!“ Es ist müßig, aufrechnen zu wollen, welche Ernährung die bessere sei: Es ist schlichtweg unmöglich. Stattdessen sollte jeder einzelne für sich und seine Situation ermitteln, was das beste für ihn und seine direkte Umwelt ist. Regionale, saisonale Lebensmittel sind dabei ein wichtiges Stichwort. Wer die Welt verbessern möchte, sollte vor der eigenen Haustür anfangen.“
    Kein Wort vom bösen Vegetarier. Für mich ist Urgeschmack eine sehr ungewöhnliche, weil erfrischend undogmatische Seite. Es geht dort auch immer um Nachhaltigkeit, und das ist doch auch ihr Thema…

  3. Ich bin Vegetarierin weil Tiere Persönlichkeiten sind. Kannibalismus läuft bei mir nicht, Ende der Diskussion. Was Andere über meine Haltung denken geht mir unterhalb des Rückens vorbei. Die Masse der Arbeitnehmer in Deutschland wird ja selber ‚gegessen‘, da sie so dumpf sind sich zu Arbeitsameisen machen zu lassen. Etliche tragen eine elektronische Fußfessel in der Handytasche. Was sonst ist 24h Erreichbarkeit durch den Arbeitgeber? Wie kann man solche Ameisen zu klimafreundlichen, denkenden Menschen machen? Und wie sollen die ohne Fertigmenüs zurecht kommen, wo sie ja offenbar keine Muße zum Selberkochen haben. Keine Ahnung, wie ich mit Ameisen kommunizieren soll. Ich arbeite halt an mir selber und laß die Ameisen Ameisen sein.

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