Boss-Bullshit-Bingo: H&M-Chef Persson im Interview

Es ist zwar schon wieder was her, das Interview mit H&M-Chef Karl-Johan Persson im Spiegel, aber weil ich deswegen immer noch Schaum vorm Mund habe und es ein fast schon historisches Dokument dafür ist, mit welcher Scheinheiligkeit und mit welchen Zynismus sich der Textilindustrie-Boss angesichts der jüngsten Katastrophen aus der Affäre zieht, will ich mir das Interview jetzt doch mal vornehmen.

Hier ein paar kommentierte Auszüge aus dem besten Bullshit-Bingo des Sommers:

„Wir versuchen seit vielen Jahren die Bedingungen in der Textilbranche zu verbessern“
Bingo! Tja, wo soll man da anfangen? Bei einer der abartigsten Formen der Kindersklaverei „Sumangali“ vielleicht? Dabei schließen in Indien Textilunternehmen mit den Eltern einen mehrjährigen Arbeitsvertrag für deren junge Töchter, bei dem ein großer Teil der Entlohnung erst nach dessen vollständiger Erfüllung gezahlt wird (oder einfach überhaupt nicht). So soll das Mädchen zu der Mitgift kommen, die es in eine Ehe mitzubringen hat. H&M hat in Indien in Fabriken nähen lassen, in denen Sumangali praktiziert wird. Oder bei den Näherinnen in Kambodscha, die in den H&M-Zulieferfabriken regelmäßig ohnmächtig werden, weil sie sich von dem Hungerlohn dort nicht ernähren können? Oder bei den sandgestrahlten Jeans in chinesischen Fabriken? Oder bei den Opfern des Brandes in der Fabrik Garib&Garib in Bangladesch und der lächerlichen „Entschädigung“? Ich weiß nicht, ich kann mich nicht entscheiden…

„Die furchtbare Katastrophe in Bangladesch hat jetzt bewirkt, dass wir als erstes Unternehmen ein Brandschutzabkommen unterzeichnet haben, dem sich inzwischen viele andere angeschlossen haben“.
Lügt er tatsächlich oder weiß er’s wirklich einfach nicht? Das erste und lange Zeit einzige Unternehmen, das das Brandschutzabkommen unterzeichnet hat, war nicht H&M sondern Tchibo – und zwar bereits im September 2012. H&M hat sich erst  kurz vor Ablauf des Ultimatums (15.5.2013), das die Kampagne für Saubere Kleidung zur Unterzeichnung des Abkommens gestellt hat, dazu herabgelassen. Die längste Zeit hat sich H&M schlicht geweigert, das Abkommen zu unterzeichen.

„Wir haben es in Bangladesch mit einem korrupten System zu tun. (…) Die Katastrophe hat nun alle – die Regierung und die Unternehmen dort – enger zusammengebracht“
Bingo! Der Gipfel der Scheinheiligkeit. Ganz eng beisammen waren Regierung und Textilbranche schon längst: gut 40 Prozent der Abgeordneten in der Regierung von Bangladesch besitzen Textilfabriken. Sohel Rana, der Eigentümer des eingestürzten Rana Plaza, ist ebenfalls Politiker der Awami League, er ist Leiter der Jugendabteilung der Regierungspartei und hat beste Kontakte zur Regierung. Und wer profitiert jetzt davon, dass Fabrikbesitzer in der Regierungspartei sitzen und den Teufel tun werden, die Löhne anzuheben oder sonstige Entscheidungen im Sinne der Arbeiterinnen und Arbeiter zu treffen, die ihren Reichtum schmälern? Na? Ganz genau: Unternehmen wie H&M.

„Wir sind das erste Mode-Unternehmen, das gebrauchte Kleider wieder einsammelt und einem Recycling zuführt“.
Das wird super! Natürlich für H&M: Mit dem Verkauf der alten Kleider in Secondhand-Läden machen sie richtig Kohle. Nicht nur damit: weil es für die angegeben Kleidungsstücke Rabattgutscheine gibt, animieren sie dazu, noch mehr zu kaufen. Das ist das Gegenteil von Nachhaltigkeit, denn je mehr Produkte unter die Leute kommen, desto höher ist der Rohstoff- und Ressourcenverbrauch, desto höher der Produktionsdruck auf die Textilfabriken, desto mehr Leid und Qual. Und natürlich werden aus dem Recycling keine neuen H&M-Klamotten, wie da suggeriert wird, sondern allenfalls Putzlumpen oder Brennstoff für Kraftwerke. Noch dazu ist H&M berüchtigt dafür, jede Menge nicht mehr so toller neuer Kleidungsstücke einfach in den Müll zu werfen.

„Wir organisieren Programme, um den Dialog zwischen Arbeitgebern und Beschäftigten zu fördern. Wir klären die Textilarbeiter über ihre Rechte und Mindestlöhne auf.“
Boss-Bullshit-Bingo vom Feinsten. Wo immer ein „Dialog“ betont wird, gibt es keinen, das ist so wie wenn „Qualität“ oder „Natur pur“ auf einer Tütensuppe steht. Es braucht keinen „Dialog“ zwischen Arbeitgebern und Beschäftigten, sondern einen existenzsichernden Lohn, Gewerkschaftsfreiheit und Arbeitsrechte. Davon ist natürlich nirgends die Rede.

„Wir haben bereits 2006 einen Brief an die Regierung geschrieben und höhere Mindestlöhne gefordert. 2010 haben wir diese Forderung wiederholt, der Mindestlohn wurde damals verdoppelt.“
H&M sagt der Regierung: macht die Löhne höher – dann sagt die: ja, ist gut, machen wir? Cool! Ist das jetzt noch PR oder schon Größenwahn? H&M geht regelmäßig mit der Behauptung hausieren, sie hätten dafür gesorgt, dass in Bangladesch der Mindestlohn 2010 angehoben wurde. Natürlich absoluter Quatsch: der Mindestlohn wurde angehoben, weil die Textiklarbeiterinnen und Textilarbeiter 2010 bei massiven Protesten, bei denen drei Menschen ums Leben kamen, dafür gekämpft haben. Damals betrug der staatliche Mindestlohn sage und schreibe 16 Euro im Monat. Selbst das Doppelte reicht nicht zum leben.

„Es ist schwierig, herauszufinden, was ein existenzsichernder Lohn ist.“
Bingo! Kann schon sein, dass man von so was als Milliardärssohn keine Ahnung hat. Klassiker-Ausrede der Textil-Industrie: Schwierig herauszufinden ist das natürlich nicht, man müsste einfach mal eine Näherin oder die Gewerkschaften fragen – oder die Asiatische Grundlohnkampagne, die diesen für ganz Asien berechnet hat, so dass sich die asiatischen Länder, würde er umgesetzt, nicht mehr gegenseitig unterbieten könnten. Aber natürlich soll der niedrige Lohn nicht nur Fabrikbesitzern, Unternehmensbossen und Shareholdern riesige Geldhaufen bringen. Armut macht erpressbar: und nur so lange die Frauen und Männer arm und verletzbar sind, kann man sie als Sklaven halten, die 80 Stunden die Woche unter den übelsten Bedingungen jede Drecksarbeit machen und dabei auch noch ihr Leben gefährden. So einfach ist das.

„In der Textilindustrie verdienen die Angestellten schon heute besser als in der Landwirtschaft, auch Lehrer und Ärzte bekommen kaum mehr. Würde man den Lohn signifikant anheben, würde das Einkommensgefüge durcheinandergeraten. (…) „
…sagt ausgerechnet der Mann mit Millioneneinkommen. Aber ne, ne, bloß nicht zu viel Geld ins Einkommensgefüge pumpen, da muss man ganz vorsichtig sein!

„Wir haben trotzdem Millionen Menschen Jobs gegeben, die vor 20 Jahren noch in Armut lebten. Das ist phantastisch. Wir sorgen für ein besseres Leben.“
Unternehmen sind Entwicklungshelfer, Bingo! Warum noch mal muss man sich diesen Blödsinn eigentlich immer von Millionären und Milliardären erzählen lassen? Dass die Armut auf dem Land wächst, nämlich durch den Klimawandel, Landgrabbing und Mikrokredite, kommt den Unternehmen gerade recht: die ausweglose Situation treibt die Armen in die Städte. Dort geht es ihnen allerdings sehr viel schlechter als auf dem Land, sie sind noch ärmer, weil sie jetzt nicht mehr Subsistenzwirtschaft  betreiben können, also mehr hungern, weil sie für alles zahlen müssen. Sie müssen in katastrophal schmutzigen überteuerten Slums leben, haben noch weniger Zugriff auf sauberes Wasser und Essen, die Krankheitsgefahren sind größer, der soziale Zusammenhalt weniger. Deshalb müssen sie in den barbarischen Fabriken schuften was wiederum – s.o.

„Ich würde ja sofort einen H&M-Aufschlag zahlen und hätte gern ein faires Lohnsystem……“ – Entschuldigung, ich bin gerade eingeschlafen – „…für die gesamt Branche. In der Praxis arbeiten die Menschen aber in einer Fabrik zu 10 Prozent für uns, die übrigen 90 für andere Unternehmen…“ – Gähn, ich weiß was gleich kommt, genau, Bingo! „…alle Einkäufer müssen an einem Strang ziehen.“
Drei mal Bingo! Drei Bullshit-Klassiker. Exakt das sagen alle – warum machen sie das dann nicht? Ach, das beantworten Sie sich mal selber jetzt, kleiner Hinweis: s.o.

„Was hieße es denn, wenn wir alle 20 Prozent weniger konsumieren? Es würde bedeuten 20 weniger Jobs, 20 Prozent weniger Steuern, 20 Prozent weniger Geld für Schulen, Ärzte Straßen.“
Hm, ich bin ja mindestens so schlecht in Mathe wie Karl-Johan Persson. Aber nach einer Studie, die ich vorhin selber in meinem Kopf gemacht habe, würde ich sagen: 20 Prozent weniger konsumieren heißt 50 Prozent weniger Dreck, 50 Prozent weniger Ressourcenverbrauch, 50 Prozent mehr Gerechtigkeit, 50 Prozent weniger Reiche, 50 Prozent weniger Drecksarbeit und 80 Prozent mehr Lebensqualität. Oder so.

„Wir glauben, dass Wachstum, Profit und Nachhaltigkeit keine Gegensätze sind…“ – Bingo! – „…aber wir wollen sowohl ein faires als auch profitables Unternehmen sein…“ – Bingo! – „denn sonst könnten wir (…) keine neuen Jobs schaffen…“ – Bingo! – „H&M gäbe es bald nicht mehr.“
Jetzt krieg ich aber wirklich Angst! Kein H&M mehr? Keine Unterhosen mehr, die nach einmal tragen auseinanderfallen? Kein Einheitslook mehr? Und die ganzen schlimmen Sachen würden auch nicht mehr passieren? Und weniger Baumwolle, Wasser und Boden würden auch noch verbraucht? Na, das wäre aber auch wirklich zu schade!

Noch mehr Ausreden der Textilindustrie, warum sie leider, leider, leider keine höheren Löhne zahlen können, gibt es hier.

Ein Gedanke zu „Boss-Bullshit-Bingo: H&M-Chef Persson im Interview“

  1. Liebe Kathrin

    Ich bin über die Nachdenkseiten auf deinen Blog aufmerksam geworden.
    Deine Zeilen zu H&M und überhaupt zu Asien und der Textilproduktion, sind mehr als lesenswert. Deine Kommentare zeigen die Verlogenheit der neoliberalen, sogenannten Elite.
    Ich danke dir dafür!

    Alles Gute und liebe Grüße

    Bruno

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