Der Deutsche, das Fleisch und der „Veggie-Day“

Der Deutsche lässt alles mit sich machen. Spionageskandal, Banken- und Reichenrettung auf Kosten der Allgemeinheit, Agenda 2010, Steuerbetrug von Uli Hoeneß, Drohnendebakel, Klientelpolitik, kafkaeske Mietpreise – da macht der Deutsche schnell die Fenster im Oberstübchen zu, damit ja kein Lüftchen reinweht, und genauso muffig und stickig im Kopf SZ: Rekordwerte für Schwarz-Gelb.
Nur zwei Sachen gibt es, bei denen der Deutsche verlässlich auf die Barrikaden geht, weil er den „Verbotsstaat“ dräuen sieht: Tempolimit auf deutschen Autobahnen und der taz: Grüne fordern „Veggie Day“ der Grünen. „Grüne wollen uns das Fleisch verbieten“ blökte die Bild gestern. In Wahrheit wollen die Grünen allenfalls einen fleischfreien Tag die Woche in öffentlichen Kantinen einführen, und das nicht erst seit eben, sondern schon seit drei Jahren, seit April steht das im Wahlprogramm, und zwar so:

„Öffentliche Kantinen sollen Vorreiterfunktionen übernehmen. Angebote von vegetarischen und veganen Gerichten und ein „Veggie Day“ sollen zum Standard werden. Wir wollen ein Label für vegetarische und vegane Produkte.“

Keine Rede von Verbot, aber Hysterie verbreiten ist ja das Kerngeschäft der Bild und mit der Erfindung eines „Fleischverbots“ gelingt das ganz hervorragend, insbesondere zur Grillsaison. Geschenkt. Bemerkenswert ist allerdings, dass daraufhin eine Reihe so genannt „seriöser“ Medien ihre journalistische Sorgfaltspflicht in den Urlaub geschickt haben:  wie diese – von  FAZ und Spiegel Online bis WAZ – unhinterfragt und unüberprüft die Bildzeitungshysterie komplett übernommen haben, darüber hat Stefan Niggemeier in seinem Blog den tollen Text „Veggie Day: Wie man aus alten Fleischabfällen der Bildzeitung Nachrichten macht“ geschrieben. „Mit ihrer Forderung nach einem bundesweiten ‚Veggie Day‘ wollen die Grünen das Recht auf Selbstbestimmung der Bürger einschränken“, schreibt zum Beispiel die Westfälische Rundschau in einem Kommentar, der Münchner Merkur schreibt einfach die dämlichsten Leserkommentare („Wo kommen wir da hin, wenn wir von Politikern zwangsernährt werden?“) ab, noch mehr „Pressestimmen“ hat N-TV unter dem Titel „Grenze überschritten“ versammelt.

Auch der FAZ ist es nicht zu dumm, affirmatives Alles-müssen-sie-einem-verbieten-Gejaule unter dem Titel „Fleischverbot: Ein Veggie Day wäre unverschämt“ als Kommentar abzudrucken. Nicht nur, dass der Text von Henrike Roßbach ohne Recherche und Argumente auskommt, er verbittet sich diese sogar: „Ein staatliches Fleischverbot aber ist eine Frechheit. Für diese Erkenntnis muss man noch nicht einmal die Debatte über Soja aus Südamerika versus Rind von der heimischen Weide erwähnen.“

Muss man eben doch. Denn eine Lebens- und Ernährungsweise, die anderen (und nicht nur Tieren) Leben und Lebensgrundlage kostet, ist genau keine Privatangelegenheit und es gibt auch kein Recht darauf. Der global rasant steigende Fleischverzehr hat so derart katastrophale Folgen für Mensch, Welt und die Tiere sowieso (zum Thema Sojanbau in Südamerika bitte hier und hier und hier nachlesen, zum Thema Tierethik bitte hier und hier und hier), dass ein Veggie-Tag im Wahlprogramm nicht nur grotesk und lächerlich ist, sondern schiere Kapitulation vor dem Fleischwahn der Deutschen und der Fleischindustrie.

Der Veggie-Day würde natürlich gar nichts bewirken, im Gegenteil: Fleisch-Fundamentalisten werden, aufgescheucht von Bild, FAZ und Co, sich schon jetzt vornehmen, am Veggie-Day halt nicht in der Kantine zu essen, sondern in der Currywurstbude. Und so genannte „Flexitarierer“ (= zwischen den Mahlzeiten kein Fleisch) werden sich dann abends daheim mit noch besserem Gewissen Schnitzel braten (nur „gutes Fleisch“ vom „Metzger des Vertrauens“, jaja, schon klar).

Denn nicht einmal Leute mit angeblichen Ökobewusstsein sind für den Fleischverzicht zu haben. Vor etwa einer Woche rief die Protestplattform Campact zu einer Grill-Demo auf. Die sollte der Auftakt zum Großprotest am  gegen den größten Schlachthof Europas in Wietze bei Celle sein.

Allen Ernstes hieß der Aufruf „mit Bio-Kotelett und Tofu-Wurst gegen Tierfabriken“ und allen Ernstes sollte mit dem Grillen von Naturland- oder Bio-Fleisch „ein Zeichen“ gegen die Agrarindustrie gesetzt werden. Fleisch grillen gegen Tierfabriken ist ungefähr so sinnvoll wie Pelz kaufen gegen die Pelzindustrie oder ein Autokorso gegen die Ölkonzerne. Gegen diese absurde Aktion gab es entsprechend großen Protest von Veganern und Vegetariern bei Facebook und im Campact-Blog, den Campact dann mit den üblichen Argumenten zu befrieden suchte (schon lustig: eine Protestplattform, die sich vom Protest nicht beirren lässt…):

„Von diesem Protest soll niemand ausgeschlossen werden“
„Ist es nicht besser, Menschen mit unterschiedlicher Sichtweise auf Essen bzw. Fleischkonsum an „einen Tisch“ zu bringen?“
„Protest darf Spaß machen und kann zugleich wirksam sein.“

Man fragt sich, warum zum Spaß immer die Qual gehören muss. Aber natürlich ist ein Protest gegen Tierfabriken und Schlachthöfe, zu dem die Leute nur kommen, weil sie trotzdem Fleisch essen dürfen, nichts wert. Denn das einzige Zeichen, das dieser Protest setzt, ist dieses: Menschen, die Tierfabriken und Schlachthöfe nicht gut finden, sind nicht mal an einem Tag des Protests gegen Tierfabriken und Schlachthöfe bereit, auf Fleisch zu verzichten. Sie wollen nur ein gutes Gewissen dabei haben.
Und genauso sehr wie die unfassbar stumpfsinnige „Berichterstattung“ über den „Veggie-Day“ – ich wiederhole: EIN Mittagessen EINMAL in der Woche ohne Fleisch – gibt dieser selbst im Grunde nur wieder, dass der Deutschen Fleischverzehr grundsätzlich nicht verhandelbar ist.

Das ist der eigentliche Skandal am „Veggie Day“.

Ein Gedanke zu „Der Deutsche, das Fleisch und der „Veggie-Day““

  1. Beim Autokorso gegen die Mineralölkonzerne musste ich schmunzeln – aber eine Fahrrad-Demo wäre legitim, und auch Solar-Autos, Autos mit Schwungradmotor, Pessluftantrieb, Tretautos…

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.