Elitäre Exzesse

„Lasst euch gehen. Kein Fleisch, kein Tabak, kein Exzesse, keine Fernreisen: Machen wir alles richtig und  trotzdem etwas falsch? Höchste Zeit für einen neuen Hedonismus. So ist der Aufmacher im SZ-Wochenende von Hilmar Klute überschrieben. Hoppla, denkt man beim Lesen, es ist doch offenbar noch genug vom alten Hedonismus da, um ganze Seiten mit heulsusigen Texten zu füllen, die die vermeintlich Einschränkung des eigenen Luxus-Lebensstils beklagen. Reichlich bourgeois wird da im SZ-Text gejammert: Seit Jonathan Safran Foers „Tiere essen“ könne man nicht mehr ganz guten Gewissens „eine Handvoll bunten Pfeffer in ein blutiges Stück Fleisch einmassieren“ und beim Hummer essen nicht mehr „an die unermesslich schönen Sommerabende“ denken, „an denen wir“ – wir? – „im Langedouc sündhaft überladenen Assietes de fruits de mer gegenübersaßen und das schöne weiße Fleisch aus den Armen der Krustentiere zogen, seit David Foster Wallace in einem Essay die Grausamkeit des Hummerkochens beschrieben hat, der lebendig ins kochende Wasser geworfen wird. Das sei zwar alles nicht toll, aber was will man machen, „doch was uns“ – uns? – „zunehmend anstiftet, uns zu einem militanten Hedonismus bekennen zu wollen, ist Folgendes: Unsere Lust am Leben wird von den Advokaten des schlechten Gewissens in Sünde umgemünzt, und der Umstand, dass sie faktisch Recht haben, lässt uns die Ente, die für unser Foie gras gestopft wird, als Märtyrerin verehren.“
Ja, ja, alles müssen sie einem verbieten: Fleisch, Hummer, Stopfleber, Fernreisen, Glühbirne (!) und natürlich: Rauchen, das Erkennungszeichen aller Spießerpunks. Dabei ist Rauchen gar nicht verboten, allenfalls in Gaststätten, Zügen und öffentlichen Gebäuden, damit die Minderheit der Raucher der Mehrheit der Nichtraucher nicht mehr Halskratzen, Stinke-Klamotten und Krebs beschert. Draußen und daheim darf geraucht werden, bis die Lunge und Bronchen platzen! Auf dem Sterbebett aber, so Klute, sollten wir uns nicht darüber freuen, dass wird die Kneipen rauchfrei bekommen und Hummer vor dem qualvollen Tod bewahrt haben: „Stattdessen möchten wir uns erinnern, dass es eine Zeit gab, und sie ist noch nicht lange her, da man Dinge tun konnte, ohne dass sie einem gleich um die Ohren gehauen werden.“

Ja genau! Es gab Zeiten, da durften Eltern, Pfarrer und Lehrer Kinder prügeln, Chemiekonzerne ihr Gift in Flüsse schütten, Normalbürger ihre Waschmaschine in den Wald schmeißen und Jäger wilde Tiere schießen, bis sie ausgestorben waren. Es soll sogar mal erlaubt gewesen sein, Sklaven zu halten und indigene Völker abzuknallen. Doch diese Zeiten sind zum Glück vorbei: denn der Mensch lernt mitunter aus seinen Fehlern und ist in der Lage, mit Vernunft, Empathie und Intelligenz Entscheidungen zu treffen, die dem Wohle der Allgemeinheit dienen und ihre Unversehrtheit garantieren anstatt schlicht seine privaten Interessen über die der Allgemeinheit zu stellen, koste es, was es wolle: Man nennt das Zivilisation. Das „wir“ in Klutes Text dagegen trägt autoritäre und chauvinistische Züge: schon klar, wenn man auf der Seite der Gewinner steht, ist es nicht schwer, bei Armut, Ausbeutung und Leid anderer beide Augen zuzudrücken.

Zwar würden „liebe Menschen“ nicht so viel CO2 produzieren, wenn sie keine Fernreisen machen und „zuhause Gemüseaufläufe kochen“ statt „abends im Restaurant zu sitzen, Fleisch zu essen und Wein zu trinken“. Aber die „nicht ganz so lieben“ würden „ziemlich viel gute Laune“ verbreiten. Wäre dies tatsächlich der Fall, müsste Deutschland ein recht ausgelassenes und fröhliches Land sein: denn die große Mehrheit scheißt sich ziemlich wenig um die Zustände auf unserem Planeten. Aber stattdessen sind diejenigen, die unentwegt nicht-existente Genussverbote belärmen, die Weinerlichsten von allen. Vielleicht liegt es ja daran, dass all das gar nichts mit Exzess zu tun, sondern schlicht mit Respekt- und Rücksichtslosigkeit: „Was machen wir jetzt?“ fragt Klute schließlich. Sein Vorschlag trägt dann den Größenwahn eines Feudalherrn am Vorabend der Revolution: „Vielleicht sollte man sich eine oder zwei Sünden aussuchen, mit denen man sein eigenes Leben abrundet und das der anderen nur in Maßen zerstört.“ Zerstörung muss aber schon sein – denn wenn man sein Leben nach dem Recht des Stärkeren führt, muss selbst die gute Laune jemand anders so richtig weh tun.

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