Ende der Märchenstunde - Wie die Industrie die Lohas und Lifestyle-Ökos vereinnahmt

Sonntag, 7. November 2010

Elitäre Exzesse in der SZ

"Lasst euch gehen. Kein Fleisch, kein Tabak, kein Exzesse, keine Fernreisen: Machen wir alles richtig und  trotzdem etwas falsch? Höchste Zeit für einen neuen Hedonismus." So ist der Aufmacher im SZ-Wochenende von Hilmar Klute überschrieben. Hoppla, denkt man beim Lesen, es ist doch offenbar noch genug vom alten Hedonismus da, um ganze Seiten mit heulsusigen Texten zu füllen, die die vermeintlich Einschränkung des eigenen Luxus-Lebensstils beklagen. Reichlich bourgeois wird da im SZ-Text gejammert: Seit Jonathan Safran Foers "Tiere essen" könne man nicht mehr ganz guten Gewissens "eine Handvoll bunten Pfeffer in ein blutiges Stück Fleisch einmassieren" und beim Hummer essen nicht mehr "an die unermesslich schönen Sommerabende" denken, "an denen wir" - wir? - "im Langedouc sündhaft überladenen Assietes de fruits de mer gegenübersaßen und das schöne weiße Fleisch aus den Armen der Krustentiere zogen", seit David Foster Wallace in einem Essay die Grausamkeit des Hummerkochens beschrieben hat, der lebendig ins kochende Wasser geworfen wird. Das sei zwar alles nicht toll, aber was will man machen, "doch was uns" - uns? - "zunehmend anstiftet, uns zu einem militanten Hedonismus bekennen zu wollen, ist Folgendes: Unsere Lust am Leben wird von den Advokaten des schlechten Gewissens in Sünde umgemünzt, und der Umstand, dass sie faktisch Recht haben, lässt uns die Ente, die für unser Foie gras gestopft wird, als Märtyrerin verehren."
Ja, ja, alles müssen sie einem verbieten: Fleisch, Hummer, Stopfleber, Fernreisen, Glühbirne (!) und natürlich: Rauchen, das Erkennungszeichen aller Spießerpunks. Dabei ist Rauchen gar nicht verboten, allenfalls in Gaststätten, Zügen und öffentlichen Gebäuden, damit die Minderheit der Raucher der Mehrheit der Nichtraucher nicht mehr Halskratzen, Stinke-Klamotten und Krebs beschert. Draußen und daheim darf geraucht werden, bis die Lunge und Bronchen platzen! Auf dem Sterbebett aber, so Klute, sollten wir uns nicht darüber freuen, dass wird die Kneipen rauchfrei bekommen und Hummer vor dem qualvollen Tod bewahrt haben: "Stattdessen möchten wir uns erinnern, dass es eine Zeit gab, und sie ist noch nicht lange her, da man Dinge tun konnte, ohne dass sie einem gleich um die Ohren gehauen werden."

Ja genau! Es gab Zeiten, da durften Eltern, Pfarrer und Lehrer Kinder prügeln, Chemiekonzerne ihr Gift in Flüsse schütten, Normalbürger ihre Waschmaschine in den Wald schmeißen und Jäger wilde Tiere schießen, bis sie ausgestorben waren. Es soll sogar mal erlaubt gewesen sein, Sklaven zu halten und indigene Völker abzuknallen. Doch diese Zeiten sind zum Glück vorbei: denn der Mensch lernt mitunter aus seinen Fehlern und ist in der Lage, mit Vernunft, Empathie und Intelligenz Entscheidungen zu treffen, die dem Wohle der Allgemeinheit dienen und ihre Unversehrtheit garantieren anstatt schlicht seine privaten Interessen über die der Allgemeinheit zu stellen, koste es, was es wolle: Man nennt das Zivilisation. Das "wir" in Klutes Text dagegen trägt autoritäre und chauvinistische Züge: schon klar, wenn man auf der Seite der Gewinner steht, ist es nicht schwer, bei Armut, Ausbeutung und Leid anderer beide Augen zuzudrücken.

Zwar würden "liebe Menschen" nicht so viel CO2 produzieren, wenn sie keine Fernreisen machen und "zuhause Gemüseaufläufe kochen" statt "abends im Restaurant zu sitzen, Fleisch zu essen und Wein zu trinken". Aber die "nicht ganz so lieben" würden "ziemlich viel gute Laune" verbreiten. Wäre dies tatsächlich der Fall, müsste Deutschland ein recht ausgelassenes und fröhliches Land sein: denn die große Mehrheit scheißt sich ziemlich wenig um die Zustände auf unserem Planeten. Aber stattdessen sind diejenigen, die unentwegt nicht-existente Genussverbote belärmen, die Weinerlichsten von allen. Vielleicht liegt es ja daran, dass all das gar nichts mit Exzess zu tun, sondern schlicht mit Respekt- und Rücksichtslosigkeit: "Was machen wir jetzt?" fragt Klute schließlich. Sein Vorschlag trägt dann den Größenwahn eines Feudalherrn am Vorabend der Revolution: "Vielleicht sollte man sich eine oder zwei Sünden aussuchen, mit denen man sein eigenes Leben abrundet und das der anderen nur in Maßen zerstört." Zerstörung muss aber schon sein - denn wenn man sein Leben nach dem Recht des Stärkeren führt, muss selbst die gute Laune jemand anders so richtig weh tun.


Kommentare

#1 - Fr.Jona&son said:
08.11.2010 13:53 - (Antwort)

Ja, warum sind wir nicht alle das ausgelassenste Völkchen auf der Welt? Ob Ösis oder Deutsche oder Menschen anderer Länder der westl. Hemisphäre. Macht Konsum etwa doch unglücklich? Unsicher und träge? Diese heulsusige Gezeter im SZ-Artikel sehe ich als ein letztes Aufbäumen der trägen Sich-Um-Nichts-Scherenden-Menschen.

#2 - Stefan 16.11.2010 13:35 - (Antwort)

So recht mag ich's nicht glauben, dass jemand der Artikel in der SZ schreibt, es in diesem Beitrag genauso meint wie er es schreibt. Hört sich eher nach dem Grunzen von Tim (Allen) Taylor, dem Heimwerkerkönig, an. Trotzdem, solche Botschaften finden ja doch Abnehmer und sie schaffen eher Denkblockaden als ein Innehalten. Das Wort Hedonismus hat erst nach meinem Studium den Eingang in meinen Wortschatz gefunden, zuvor habe ich es eher als irgendeine Abartigkeit abgetan. Und ich tue mich immer noch schwer damit, weil mein Lustgewinn gar nicht so sehr von Luxus, Wohlstand oder ungehemmter Verschwendung abhängig ist. Daraus ergeben sich allerdings andere Ansprüche als die, die in unseren Kommunen, Landkreisen, Bezirken, Ländern, in Deutschland, in der EU erfüllt werden. Es wird viel erfüllt, mit allen vorhandenen Ressourcen, ein festgefahrenes System von Planerfüllung vergangener Wünsche. Einmal Fleischkonsum, immer Fleischkonsum, einmal Auto, immer Auto und das Abweichen von alten Denknormen wird von etablierter Aufsicht als bedrohlich empfunden und der Verlust von Arbeitsplätzen prophetzeiht. Neulich war ich nach etlichen Monaten wieder mit dem Auto unterwegs, meine Eltern wollten sich für die 25 km nach München nicht selbst ans Steuer setzen. Ich habe dann auch gemerkt warum, man gerät unversehens in riesige Schwärme von tonnenschweren Bewegungsmitteln, die sich meist wundersam nicht ineinanderkeilen. Der Aubinger Tunnel bietet außerdem eine nette Lightshow, die einen in Computerspiele der 80er Jahre zurückversetzt. Welches Denken wurde da Realität? Meine Lust an Geschwindigkeit hat sich relativiert. Mir reicht es mit dem Rad bei 35 km/h den Berg ohne Helm herunterzufahren. Es hat auch was bei kühlen Temperaturen und Regen mal 30 km zu fahren und es ist selten, dass man dabei Schaden nimmt. Klar, ab und zu rennt einem ein großer Hund nach oder die Kette springt heraus. Eine Kombination von beiden ist eher unwahrscheinlich. Es ist nicht nur die frische Luft, die Bewegung die Kreislauf, Herz und auch die Psyche in Schwung bringen. So trifft man selbst auf den kurzen Weg zum Briefkasten öfter mal die hübsche Nachbarin, die auch mal anarchisch-barfuß mit ihrem (bravem) Hund rausgeht. Doch eine Angst wird größer. Was ist, wenn immer mehr Leute aufs Rad umsteigen? Oder selbst die zähnefletschenden und sonnenbrilletragenden Extrem-Biker von der Straße auf die Rad- und Feldwege entschleunigen? Puh, ich hoffe fast, dass noch viele Artikel in der SZ erscheinen, die klar machen wie wichtig die Automobilindustrie für die Wirtschaft(?) samt Straßenbau ist ... Egal, eines wollte ich noch kundtun. Der Hedonismus in dem Sinn, sich die Freiheit zu nehmen alles tun zu können, ohne den möglichen Schaden wissen zu wollen, ist nichts was mich befriedigt. Mich würde viel mehr interessieren wie das bei anderen so läuft, wenn sie ihre Gewohnheiten überdenken und ihr Handeln verändern. Und ob sich damit ihre Umwelt, die Realität ändert ...

#3 - Norbert Kraas said:
17.12.2010 09:19 - (Antwort)

Mal alle bestimmt zutreffenden und auf jeden Fall betroffen machenden Argumente beiseite gelegt: was mir bei der Diskussion fehlt, ist ein gehöriges Maß an Humor und ironischer Distanz zum eigenen wie-auch-immer-gearteten-Standpunkt.

#3.1 - Kathrin Hartmann 20.12.2010 11:49 - (Antwort)

Ja, das wäre schön! Aber leider sind solche "alles müssen sie einem verbieten"-Pamphlete meistens nichts anderes als larmoyant und beleidigt.

#4 - Jan 18.01.2011 16:37 - (Antwort)

Was ein geiler Artikel / Blogeintrag / was auch immer! Genau die beschriebene Haltung findet man in schöner Regelmäßigkeit im SPON Forum oder in Kommentarspalten biederer Lokalblättchen usw. . Halt irgendein Medoium, in dem sich viele gesetzte Herren tummeln, die alle schon den Schlüpfer verfärbt haben aus Angst, Dinge könnten sich ändern. @Norbert Kraas: Das ist genau so ein Unsinn, den ich immer wieder höre, der Humor fehle. Wieso muss da Humor rein? Es ist ein ernstes Thema, keine Sitcom. Ist in Schindler's Liste Humor? Ist in Dokus zum Bürgerkrieg in Ruanda Humor? Wieso muss dann in Diskussionen zu Tierquälrerei und die Zerstörung der Umwelt welcher?

#5 - Jenny 09.08.2013 16:47 - (Antwort)

Großartiger Artikel. Ich würde so gerne flattrn!


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