Ende der Märchenstunde - Wie die Industrie die Lohas und Lifestyle-Ökos vereinnahmt

Dienstag, 27. Oktober 2009

Utopia.de lobt Iglo zum Fischstäbchen-Geburtstag

Pünktlich zum Geburtstag der Iglo-Fischstäbchen hat die Plattform für „strategischen Konsum“ utopia.de ein schönes Geburtstagsgeschenk: sie adelt den Fischstäbchen- und Tiefkühlfisch-Marktführer Iglo (500 Millionen Fischstäbchen/Jahr, TK-Fisch-Marktanteil: 32,4 Prozent) als „verantwortungsvoll wirtschaftendes Unternehmen“, das aber an manchen Stellen „noch einen Schritt weiter gehen könnte“. Iglo hat nämlich zwei (!) Bio-Gerichte im Programm und knapp die Hälfte des Tiefkühlfischs trägt das MSC-Siegel. Das Marine Stewardship Council steht für „nachhaltige Fischerei“ und wurde 1997 von der industrienahen Umweltorganisation WWF und dem gloabl agierenden Lebensmittelkonzern Unilever gegründet, zu dem Iglo bis 2006 gehörte. Seit 1999 ist MSC eine unabhängige Zertfizierungseinrichtung, die Unbedenklichkeitsiegel für Meeresfisch vergibt. Das Siegel ist zwar das einzige für nachhaltige Fischerei, wird aber unter anderem von Greenpeace heftig kritisiert.

Der Grund: Das Siegel wird auch an nicht nachhaltige Großfischereien mit ungenügenden Umweltstandards vergeben und an Fisch aus überfischten Gewässern, das Siegel erlaubt außerdem Treib- und Grundschleppnetze und Langleinen. Grundschleppnetze zerstören den Meeresgrund und erfordern eine hohe Menge Beifang nicht nur von Meerestieren, sondern auch von Seevögeln und maritimen Säugern, an langleinen strangulieren sich regelmäßig Seevögel. Für überfischte Gebiete gibt es lediglich ein "Erholungsprogramm". Der Alaska-Seelachs, aus dem die Fischstäbchen gemacht sind, gehört etwa zu den überfischten Arten. Er wird in gigantischen Mengen in Treibnetzen und am Langleinen gefangen, die eine hohe Menge Beifang nicht nur von Meerestieren sondern auch von Seevögeln und maritimen Säugern erfordern. Laut Greenpeace führen die hohen Fangquoten des Alaska-Seelachses (selbst die größte Alaska-Seelachs-Fischerei ist MSC-zertifiziert) auch dazu, dass kleine Fischer häufiger den Tod finden, weil sie immer weiter draußen in der Behringsee fischen, da sie keine küstennahen Fangquoten bekomen. Darüber hinaus verhungern die Stellerschen Seelöwen, deren Hauptnahrung der Alaska-Seelachs ist.

Dass man nun ausgerechnet billige Fischstäbchen eines Großkonzerns mit "gutem Gewissen" konsumieren können soll, ist ziemlich fragwürdig. Für Iglo hat sich das Unbedenklichkeitssiegel MSC in jedem Fall gelohnt: der Umsatz bei Iglo-Fischstäbchen ist um 4,2 Millionen Euro gestiegen, der von Iglo Seafood um 2,5 Millionen Euro. Aber abgesehen davon, dass die Kriterien des MSC-Siegels zu weich sind und gegen die Überfischung der Meere ein gestiegener Fischkonsum wohl kaum das richtige Mittel ist: Iglo wird nicht mehr als 50 Prozent seines Angebots mit MSC-Siegel versehen: "Wir können nicht mehr Ware zu akzeptablen Preisen auf dem Weltmarkt bekommen ", sagt Ute Sievert von der Iglo-Pressestelle zu Utopia, "die Meere sind nun einmal schon stark leer gefischt". Ach nein. Wie das nur kommt?


Kommentare

#1 - Tom M. 17.05.2012 15:12 - (Antwort)

"Dass man nun ausgerechnet billige Fischstäbchen eines Großkonzerns mit "gutem Gewissen" konsumieren können soll, ist ziemlich fragwürdig." -> genau, besser wäre es teure Fischstäbchen eines kleinen Fischers zu nehmen, die Lieferkette ist vollkommen ineffizient und unökologisch und der holt sicherlich nicht einen Fisch zuviel aus dem Meer, weil der genau weiß, wann Schluss ist ... Diese Fundamentalkritik hat ihren Charme - mehr aber nicht. Tut ja manchmal weh, aber manchmal ist ein Großkonzern auch nicht per se böse - wenn man aber natürlich insgesamt keinen Großkonzern haben will, muss man ganz woanders anfangen, und im Großteil Deutschlands ohne Meereszugang auf Seefisch verzichten. Auch gut.


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