Ende der Märchenstunde - Wie die Industrie die Lohas und Lifestyle-Ökos vereinnahmt

Donnerstag, 16. Februar 2012

Fleisch essen für's Karma - eine Gute-Schlacht-Geschichte

"Wer auf anonymes Massenfleisch verzichtet und stattdessen nur ab und zu Fleisch mit Gesicht von glücklichen Schweinen kauft, der bringt gutes Karma für sich, die Tiere und den Rest der Welt."

So steht das auf der Internetseite Meine kleine Farm, dem Online-Schlachthaus für Lifestyle-Ökos (Motto: "Wir geben Fleisch ein Gesicht"). Ich stelle hier mal die kühne Behauptung auf, dass Schweine auf gutes Karma scheißen, sofern es bedeutet, dass sie dafür abgestochen und zu Wurst vermatscht werden, ja, selbst wenn die dann als "Meat on a Mission" verkauft wird. Der Schnitzelfresser 2.0 kann sich aus einer Fotogalerie auf dieser Seite aussuchen, welchem der dort abgebildeten Schweine als nächstes der Garaus gemacht werden soll. Schlachten per Mausklick! Das ist für den natursehnsüchtigen Großstadt-Lohas bestimmt ein noch viel authentischeres Gefühl als nur den Basilikumtopf in der Designer-Küche zu gießen.

Das Tötungs-Casting klingt jedenfalls so:

"Deutschland sucht das Superschwein 2. Über den neuen Online-Shop kannst Du schon jetzt leckere Wurst von Schwein 2 vorbestellen (...). Aber noch ist gar nicht klar, welches Schwein sein Gesicht für die nächste Wurst hergeben soll. Deshalb kannst Du aus einem von fünf Schweinen wählen (die aber ohnehin alle geschlachtet werden)."

Zynisch? Ach wo! Sowas nennt man heute "unideologisch". Der Wurstverkäufer Dennis Buchmann, so heißt es in einem begeisterten Report bei Spiegel Online, "ermöglicht seinen Käufern ökologischen Konsum ohne das Pathos der völligen Korrektheit." Denn schließlich soll das Ganze, "BeWurstsein schaffen" und den "Respekt" vor dem Tier fördern, wenn man ihm "in die Augen sehen", es in Videos ein Leben lang (im Falle der Schweine: acht bis neun Monate) begleiten und in Gute-Schlacht-Geschichten schließlich lesen kann, wie schön ruhig, ja praktischfreiwillig, es für den Brotaufstrich gestorben ist:

"Bernd (der Bauer, Anm.) erzählt später, dass Schwein 1 ein wirklich unbeschwertes, ein wirklich glückliches Schwein gewesen sein muss: 'Es ist gleich zum Anhänger gelaufen und von ganz alleine eingestiegen'. (...) Auch dort (auf dem Schlachthof, Anm.) war Schwein 1 'sehr entspannt', wie Bernd berichtet. Es hat ein wenig rumgeschnüffelt, sich hingelegt und sich ruhig abduschen lassen. "Nicht ein Grunzen oder Quieken", sagt Bernd. Und dann hat der Schlachter die Stromzange angesetzt und Schwein 1 unter Hochspannung betäubt."

Genau. Und wenn es nicht gestorben wäre, lebte es noch heute.

Wenn ich also dem Tier in die Augen schaue und ein Bewusstsein dafür bekomme, dass da ein Lebewesen vor mir steht, dem ich auch noch solche Gefühle wie "Glück" zugestehe (womit Lebenswille, Bewusstsein und die Fähigkeit zu Trauer untrennbar verbunden wären) und TROTZDEM bestimme, dass es geschlachtet wird - was genau ist daran jetzt gut fürs Karma? Das ich mich ganz bewusst fürs Töten entschieden habe? Ist das nicht genauso scheinheilig, wie im Supermarkt zum anonymen Fleisch zu greifen, weil man die Wahrheit dahinter nicht wissen will? Und was ist das denn für Moral, nach der das Tier nur deshalb als Individuum ("Wurst mit Gesicht") anerkannt wird, damit man es guten Gewissens umbringen darf? Dass es nicht für sich selbst glücklich sein soll, sondern nur für's Karma des Wurstkäufers? Ist das als das "BeWurstsein"?

Diese "neue Kultur zwischen Tier und Mensch", bei dem der Mensch archaisch wie eh und je der Schlachter und das Tier die Wurst bleibt, nennt Spiegel Online "Postvegetarismus". Das bedeutet zwar nichts anderes als weiter (oder wieder) Schnitzel zu mampfen - aber so schön intellektuell verbrämt gerät auch noch der barbarische Akt des Schlachtens zur Philosophie. Irgendwie dachte ich ja immer, Respekt fängt damit an, jemand anders nicht abstechen zu wollen. Aber vielleicht muss man ja auch erst selber ein paar Tonnen Altöl in den nächstgelegenen Bach schütten, um ein Bewusstsein für Umweltzerstörung und Respekt vor der Natur zu bekommen.


PS: Bezeichnenderweise fehlen auf der Seite die Bilder, die zeigen, wie aus dem Tier Wurst wird:"Aus verschiedenen Gründen (Respekt vorm Schwein beim Sterben, Jugendschutz, Krassheit) stelle ich die Fotos von der Schlachtung hier nicht öffentlich aus." Krass? Womöglich so krass, dass sie beim Anblick Entsetzen auslösen und den Appetit auf Wurst verderben würden? Das kann ja nun wirklich keiner wollen!

Montag, 13. Februar 2012

Jetzt neu bei Facebook!

Nur noch 28 Mal schlafen, dann erscheint mein neues Buch "Wir müssen leider draußen bleiben. Die neue Armut in der Konsumgesellschaft" (Blessing). Aus diesem Anlass hab ich mir eine schöne Seite bei Facebook eingerichtet - mit Fotos, Terminen und pipapo. Mir gefällt das. Und euch?