Ende der Märchenstunde - Wie die Industrie die Lohas und Lifestyle-Ökos vereinnahmt

Mittwoch, 4. November 2009

Bluewashing mit Danone und Grameen Bank

Im Herbst fallen nicht nur Blätter von den Bäumen, es hagelt auch gelegentlich – zum Beispiel Nachhaltigkeitspreise. Im November gibt es eine Reihe von Nachhaltigkeistkongressen, auf denen eben solche Preise verliehen werden. Etwa der Utopia-Kongress, der Deutsche Nachhaltigkeitspreis oder Vision Summit am 8. November in Berlin. Der Hauptpreis des Vision-Summit geht dieses Jahr an das Gemeinschaftsprojekt der Grameen Bank und dem französischen Nahrungsmittel-Multi  Danone. Die Grameen-Bank wurde gegründet von Muhammad Yunus, dem Messias der Generation Gut, der für seine Mikrokredit-Idee 2006 den Friedensnobelpreis verliehen bekam. „Grameen Danone Foods“ heißt das Projekt in Bangladesh, für das sich Danone jetzt kurzerhand „Sozialunternehmen“ nennt.

 

Danone produziert dort in einer lokalen Fabrik einen Joghurt aus Milch, den der Konzern Bauern vor Ort zu einem festen Preis (wie hoch dieser ist und ob die Bauern davon leben können, wird nicht erwähnt) abkauft. Der Joghurt wird dann von den „Grameen-Ladies“ mit einer Kühltasche von Tür zu Tür für sechs Cent verkauft. Das enstspreche, so Danone „dem örtlichen Konsumnieveau“, die Grameen-Ladiese verdienten damit „einen kleinen Beitrag“ – wie hoch der ist und ob er zum Leben taugt, auch das ist nicht zu erfahren. Denn anstatt den „Ladies“ oder Bauern eine existenzsichernden Mindestlohn dafür zu bezahlen – oder ihnen, wie es etwa der faire Handel tut, ihre Produktionsmittel vorzufinazieren, damit sich die Bauern und Verkäuferinnen nicht verschulden müssen -, bekommen die Bauern Mikrokredite der Grameen Bank geben, um für Danone arbeiten zu können. Die Bauern sollen davon etwa Kühlschränke und Kühe kaufen – die Grameen-Ladies sollen Danone die Joghurts ab- und weiterkaufen. Das ist allenfalls ein Franchise-Prinzip, hat aber nichst mit Armutsbekämpfung zu tun. Es ist im Gegenteil die Ökonomisierung von Armut: die Menschen vor Ort sollen nicht nur einen neuen Absatzmarkt für eine Weltkonzern schaffen, sie sollen dafür auch noch selber aufkommen. Schön, dass das Konsumportale Karmakonsum diesen Zynismus auch noch toll findet – als Medienpartner von Vision Summit hat man da wohl keine andere Wahl. Zu den Sponsoren des Vision Summit gehört übrigens auch: Danone! Aber all das ist nur die eine zweifelhafte Seite des Geschäfts. Danone ist der sechstgrößte Nahrunsgmittelproduzent und, nach Nestlé, der zweitgrößte Babynahrunsgmittelhersteller der Welt. Weiterhin ist Danone der zweitgrößte Hersteller von Milchprodukten der Welt, der deutsche Milchbauern mit Preisdumping in ihrer Existenz bedroht. Milchpulver und Milchprodukte „Made in Europe“ überschwemmen, mit höchsten EU-Subventionen gebuttert, die Lebensmittelmärkte in Entwicklungsländern. Sie werden dort zu Dumpinpreisen verkauft, zerstören dort die Märkte, nehmen den Bauern dort die Lebensgrundlage und treiben die Menschen in die Armut. Darüber hinaus werden immer wieder Verstöße von Danone gegen den WHO-Kodex zur Vermarktung von Muttermilchersatzprodukten bekannt. Danach ist es ist weltweit verboten, Säuglingsnahrung für Kinder unter drei Monaten zu bewerben. Denn indem Babynahrungmittelhersteller ihre Produkte in Entwicklungsländern bewerben und vertreiben, bringen sie Frauen dazu, ihre Kinder nicht mit Muttermilch, sondern mit künstlicher Milch zu füttern. In armen Ländern hat dies katastrophale Folgen: weil sich die Frauen die teure künstliche Nahrung nicht mehr leisten können, das Pulver strecken und es außerdem mit schmutzigem Wasser anrühren, sterben laut WHO jedes Jahr etwa 1,5 Millionen Babys. Nestlé und Danone sind laut IBFAN (International Babyfood Action Network) die Konzerne, die trotz Kodex ihre Babynahrungsmittel am aggressivsten in Schwellen- und Entwicklunsgländern bewerben. Danone etwa macht ein Viertel seines Gewinns mit Babynahrung. In einer Reportage über Milchdumping in der November-Ausgabe von Neon beschreibt Reporter Tobias Zick nicht nur die Praktiken und Folgen des Milchdumpings der Konzerne. An den Wänden einer Entbindungsstation in einem Kameruner Krankenhaus hat Zick außerdem Werbeplakate von Babynahrungsmitteln entdeckt: von Nestlé – und von Danone.

 


Kommentare

#1 - M 04.06.2010 23:57 - (Antwort)

Da hat wohl jemand das grundlegende Prinzip nicht verstanden. Wieso so pessimistisch? Ich empfehle Ihnen, sich ein wenig mit Entwicklungswirtschaft zu beschäftigen. Grüsse und 'Kopf hoch', ist nicht so tragisch so wie Sie sich das ausgemalt haben.

#1.1 - Kathrin Hartmann 05.06.2010 09:56 - (Antwort)

Doch, hab ich. Und ja, ist es. Und Empfehlungen nehme ich nur entgegen, wenn ich weiß, wer sie mir gibt.

#1.2 - Arne K. 06.07.2010 09:54 - (Antwort)

Wenn man dann noch betrachtet, wie z.B. Monsanto mit ihrem genmanipuliertem Saatgut in Entwicklungsländern Saat- und Pflanzenmonopole aufbaut, um dort »neue Märkte« zu erschließen und damit ursprüngliche Pflanzen verdrängt; Bauern in eine Saatgut- und Pflanzenschutzmittel-Abhängigkeit drängen und somit (nicht nur) in den finanziellen Ruin treiben, dann bleibt von der »ist doch alles nicht so tragisch«-Haltung meines Erachtens viel Übrig!


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