Ende der Märchenstunde - Wie die Industrie die Lohas und Lifestyle-Ökos vereinnahmt

Mittwoch, 30. Dezember 2009

Presseschau und Termine im Januar

In der Sendung "Marktplatz" zum Thema Fairer Handel - Einkaufen mit gutem Gewissen im Deutschlandfunk hat mich Peter Kowalkowski interviewt. Ein Interview darüber, warum der Konsument gar keine so großen Einfluss hat, gab es bei Deutschlandradio Kultur in der Sendung Neonlicht, die sich mit den so genannten "Locavores" beschäftigte, den "Nahessern", einer kleinen, wohlhabende Gruppe in New York, die versucht, ausschließlich regional einzukaufen. In der Zeit hat Matthias Daum ein ausführlichen Report über die Bemühungen des Nestlé-Tochterunternehmens Nespresso, nachhaltig zu werden, geschrieben und mich darin zitiert. Das Feuilleton der Süddeutschen Zeitung widmete gestern seine Seite eins dem gescheiterten Klimagipfel: Alex Rühle beschäftigfte sich in seinem Essay damit, dass auf das Engagement das Einzelnen, das Renate Künast verzweifelt gefordert hatte, nicht zu setzen ist. Und warum auch der Konsum die Welt nicht rette, habe ich aufgeschrieben.

Und noch ein Termin: Am Montag, 25. Januar, lese ich in Frankfurt in der Gaststätte Klabunt, Berger Straße 228 (Bornheim). Beginn: 21 Uhr, Reservierungen unter 069/94598140


Kommentare

#1 - Bioschokolade 01.01.2010 23:30 - (Antwort)

Guten Tag Frau Hartmann, mit Interesse habe ich gerade Ihren Artikel in der SZ gelesen. Gerne möchte ich Ihnen hierzu einige Überlegungen zukommen lassen. Ich bin seit vielen Jahren in der Beratung und PR für Unternehmen aus der Umweltbranche tätig. Sie schreiben, das Bio-Gemüse aus dem Discounter käme daher, wo es billig produziert werden könne. Die Praxis ist eine andere. Teilweise zahlt Aldi mehr für seine Biomöhren als der Biogroßhändler, der die kleinen Läden beliefert. Und wer die Bio-Pizza lieber im Bio-Supermarkt kauft als beim Discounter, sollte möglichst nicht genau nachschauen, denn er könnte merken, dass die aus dem Bio-Supermarkt von einem Unternehmen herstellt wird, an dem Nestle deutlich beteiligt ist. Die Inhaber des Bio-Kosmetikherstellers Laverana (Lavera-Kosmetik) produzieren über eine andere Firma auch für Plus/Netto (Marke "Blütezeit"). Dort kostet die Bio-Zahnpasta nur die Hälfte wie im Bioladen. Man kann davon ausgehen, dass die Hersteller der Biokräuter wohl nicht anders für ihre Ware bezahlt werden, ob die Maschine bei Laverana jetzt gerade für den Bioladen um die Ecke oder für Netto produziert. Und ohne die Verkäufe an Netto wäre Laverana evtl. nicht in der Lage, teures neues Produktionsequipment zu kaufen. Jetzt könnte man natürlich denken: bei Netto kauf ich nicht ein, die sind Sozialausbeuter bei Ihren Mitarbeitern. Ich habe unzählige Bewerbungen für Biosupermärkte gesichtet und wohl über 100 Vorstellungsgespräche mit Bewerber/innen geführt. Wenn Sie einem Discounter-Mitarbeiter sagen, was er im Biosupermarkt verdienen würde, lehnt er den Job meistens ab. Biosupermärkte die ich kenne (und das ist auch eine größere Kette mit sehr gutem Ruf) zahlen oft 7 bis 8 Euro pro Stunde. Bei Aldi kommen Sie in der Regel auf über 10 Euro, teils auch auf 13 Euro. Das mag nicht für alle Bioläden gelten, doch meine Erfahrung ist, dass die Personalverantwortlichen in der "echten" Biobranche (also die die nur mit Bioprodukten handeln) keinen Deut besser sind als die von konv. Unternehmen. Man kann die Sache auch von einer anderen Perspektive betrachten: welches Interesse hat der Bioladen bzw. der Echte-Biohersteller, dass Aldi komplett auf Bio umsteigt? Ich habe hier weitreichende Erfahrung in anderen Umweltgüter-Bereichen gemacht. Dabei zeigt sich meist: der deutsche, meist kleine mittelständische Produzent hat gar kein Interesse, dass große Unternehmen komplett auf Umwelt/Öko umsatteln. Denn es bedeutet für den kleinen deutschen im Zweifelsfall, dass er pleite geht. So läuft dann auch die politische Lobbyarbeit mancher deutscher Umwelt-Unternehmerverbände ab: man versucht dass Gesetze so gestrickt werden, dass es möglichst keine große Öko-Wende gibt. Bloß alles vermeiden, was die Hersteller in Asien dazu bewegen könnte, im großen Stil echte Ökoware zu produzieren. Lieber bleibt man bei hierzulande 5 Prozent Marktanteil für Ökowäre, statt dass bald 80 Prozent Öko ist und der Multikonzern das Ganze dank effizienterer Strukturen und anderen Größenvorteilen zum halben Preis anbieten kann. Dann macht der Multi nämlich die ganzen 80 Prozent und die kleine Öko-Klitsche aus Deutschland kann ruckzuck zu machen. Dafür gibt man den Parlamentariern auch gerne mal Gutachten und Stellungnahmen, die sich prima anhören, aber statt der Umwelt zu helfen, im Endeffekt den Marktdurchbruch von Ökoware so lange wie möglich verhindern. Meist fallen die Politiker darauf herein (die Drohung "wenn ihr das Gesetz ändert, machen die ganzen deutschen Vorzeigeunternehmen pleite" wirkt meist, ich habe zahlreiche Verhandlungen beobachtet bzw. war dabei). Und versuchen Sie mal einen Grünen davon zu überzeugen, dass es für die Umwelt vielleicht sogar ganz gut wäre, wenn man schnell in die Massenproduktion (dann aber meist im Ausland) einsteigt, der Öko-Pionier aus Unterschwemmbach aber dann wohl platt wäre. Das ist ähnlich, wie wenn der Atomfreund Hans-Werner Sinn sagt, dass Ölsparen in Deutschland nicht viel bringt und dann sofort von Greenpeace und Co. als Umweltfrevel hingestellt wird. Aber vielleicht ist an Sinn´s These ja was dran, wenn er erläutert: wenn wir viel weniger Öl kaufen, sinkt der Preis. Das lässt die Ölscheichs defacto noch mehr Öl verkaufen (halt in Länder, die sich bislang konventionelle Energieträger nicht leisten konnten). Denn die Ölscheichs wollen unter dem Strich eine bestimmte Summe Geld einnehmen. Bei billigerem Öl geht das nur über die Menge. Aber sagen Sie mal jemand, dass es vielleicht sinnvoller wäre, den Ölscheichs andere Einkaufsquellen zu eröffnen (große Windkraftfabriken zum Beispiel) und damit den Ölhahn zuzudrehen dass dies aber nur geht, wenn wir denen das Wissen geben, wie man Windräder baut. Und wieder: in der Konsequenz das deutsche Windunternehmen wohl bald pleite gehen würde, ab dem Moment wo die Ölscheichs Windkraftfabriken im Mulit-Milliarden-Stil bauen. Ich will damit sagen: nur weil jemand für das aus meiner Sicht unverantwortbare Umweltrisiko Atomkraft ist oder als Otto-Konzern vornehmlich Ware verkauft, die nicht in mustergültigen Fabriken produziert werden, muss es noch lange nicht heißen, dass die anderen (die "echten" Ökos") die guten Ziele verfolgen. Nach meiner Beobachtung ist es oft sogar anders: Nestle hätte wohl kein Problem damit zu 100 Prozent fair gehandelte Bioware zu verkaufen (wenn denn die eigene Rendite dabei ebenso stimmt). Der kleine deutsche Biobetrieb hätte aber oft sehr wohl was dagegen, wenn er bald Mitbewerber hätte, welche die selbe saubere Öko-Ware die er recht teuer anbietet für jeden erschwinglich anbieten würden. Dies als einige Überlegungen. Gerne stelle ich Ihnen weitere Daten zur Verfügung. Bei hier genannten Firmennamen habe ich nur solche Beispiele genommen, die für jedermann zugänglich auch im Internet zu finden sind. Selbstverständlich lasse ich Ihnen auf Wunsch meine vollen Identitätsdaten zukommen. Möchte diese nur nicht in einem öffentlichen Blog zeigen und eine direkte Email-Adresse von Ihnen hatte ich nicht gefunden. Mit freundlichen Grüßen Mr. Bioschokolade

#1.1 - Kathrin Hartmann 05.01.2010 11:25 - (Antwort)

Lieber Herr Bioschokolade, vielen Dank für den Kommentar. Tatsächlich kauft Aldi Nord (bei Aldi Süd ist das schon wieder anders) auch deutsche Möhren und Kartoffeln - nicht aber Lidl. Lidl geht allein über Preis und Optik, weswegen die Kartoffeln zu einem großen Teil zB. aus Ägypten oder Israel kommen, wo sie immens viel Wasser verbrauchen. Generell ist das Problem, dass bio einem unfairen Wettbewerb ausgeliefert ist. Zum einen, weil im LEH für bio und konventionell dieselben Bedingungen gelten, obwohl die Produktion und die Logistik viel teurer sind. Dazu kommt, dass Bio-Bauern, die nach strengen Verbandsrichtilinen (zB Bioland, Ddmeter) produzieren, einen Wettbewerbsnachteil haben gegenüber denjenigen Bauern, die nur das EU-Bio machen. Die müssen nur vergleichweise niedrige Standards beachten, können eine Menge legaler Schlupflöcher nutzen und deshalb viel billiger und massentauglicher herstellen und verkaufen. Insbesondere die Teilumstellung macht das möglich, weil dort zum Teil dieselben Vetriebsstrukturen genutzt werden können - obwohl es mit öko nichts zu tun hat, wenn ein Hof, der Schweine in quälender Massentierhaltung hält, auch Bioweizen anbaut. Und in Ländern wie etwa Südspanien, wo es zwar einen hohen Anteil an Bio-Anbaufläche gibt, dafür aber einen praktisch nicht vorhandenen (unter einem Prozent) Konsum im eigenen Land, wo also fast alles für den Export angebaut wird, werden umso mehr Schlupflocher ausgenutzt. So gibt es auch auf spanischen Bio-Feldern Ausbeutung von Erntehelfern, werden illegale Brunnen genutzt und wird jede Menge Wasser verbraucht. In anderen Ländern wiederum, etwa Polen, werden die Produkte subventioniert, um sie günstig exportieren zu können. Das Problem ist also nicht, dass Supermärkte und Discounter den kleinen Bioladen in Bedrängnis bringen - sondern dass Bio, das mit Minimalstandards und teilweise unter umweltschädlichen Bedingungen hergestellt wird, dem deutschen Bio-Bauern zur Konkurrenz wird. So war es vor etwa zwei Jahren so, dass einige Supermärkte und Discounter bis zum Sommer Lieferverträge für afrikanische Kartoffeln hatten, obwohl es eine super Ernte in Deutschland gab, auf der die deutschen Bio-Bauern fast sitzen geblieben sind. Ich glaube kaum, dass kleine Bioläden eine so große Lobby haben, Bio in großem Stil zu verhindern, um sich selbst zu retten. Darum kann es auch überhaupt nicht gehen. Ziel ist nicht, den romantischen Bioladen zu erhalten, sondern die deutsche Landwirtschaft endlich umwelt- und klimagerecht umzubauen - und das gefällt der konventionellen Landwirtschaft eben gar nicht. Die deutsche (konventionelle) Landwirtschaft hat einen Treibhausgasausstoß so hoch wie der Straßenverkehr - und zwar nicht nur von CO2, sondern auch von für die Atmosphäre wesentlich schädlicherem Lachgas (Dünger) und Methan (Kühe). Trotzdem lässt der Bauernverband unwidersprochen verlauten, Landwirtschafts sei Klimaschutz. Und anstatt den Bio-Umbau zu fördern, sind Fördermittel und Ausgleichzahlungen für Bio-Landwirte gestrichen worden, während die konventionelle Landwirtschaft nicht zur finanziellen Verantwortung für die massiven Umweltschäden herangezogen wird (und außerdem noch Agrarsubventionen eingesackt hat). Die Ansicht, dass die großen Umweltverbände die Agrarwende verhindern wollen, um die Öko-Klitsche zu retten, die kann ich nicht teilen. Eine Massenproduktion von Bio, wie sie jetzt stattfindet, da geb ich ihnen völlig recht, hat tatsächlich oft nichts mehr mit bio zu tun. Das ist aber eine Frage der gesetzlichen Standards, nicht der Wirtschaft oder der Freiwilligkeit von Supermärkten und Konzernen. Aber zu deren Gunsten sind die Standards des Biosiegels ja gesenkt worden - so dass jetzt noch mehr Schlupflöcher da sind (so darf jetzt fast ein Gramm gentechnisch veränderter Rohstoffe verwendet werden, wenn nichts anderes möglich ist, außerdem sind auch krebserregende Zusatzstoffe erlaubt) und die Ausnahmen eher zur Regel werden. Sozialstandards, Transportkosten oder Wasserverbrauch sind aber leider nicht eingeflossen. Und zu Nestlé: Mag schon sein, dass der Konzern das womöglich problemlos bewerkstelligen kann - aber er wird es nicht tun, weil es keine Rendite bringt. Und auch Otto macht seinen Gewinn hauptsächlich mit Produkten, die weder ethisch noch ökologisch hohen Stanrads genügen. Es ist das Prinzip der globalisierten Weltwirtschaft und des Konzernkapitalismus, dort einzukaufen und produzieren zu können, wo es billig ist und wo man auf Umwelt- und Sozialstandards KEINE Rücksicht nehmen muss. Ausbeutung, Umweltszerstörung und Preisdruck zum Zwecke der Gewinnmaximierung ist das Geschäftsprinzip solcher Konzerne wie Nestlé, deswegen finde ich das eine etwas gewagte Konjunktiv-These. Und das der Bio-Pionier dagegen etwas hätte, ja nun, wer soll's ihm verdenken - nur zu melden hat er doch gar nichts. Im Gegenteil, er hat doch jetzt schon alle Nachteile - und er hätte wohl kaum etwas dagegen, würde ihm Nestlé seine Ware zu anständigen Preisen abkaufen. Aber da sind wir ja wieder beim selben Problem... Und zu den Arbeistbedinungen in Discountern: laut Ver.di missachten Aldi und Lidl nach wie vor Arbeitnehmerrechte und wollen sich Betriebsräte vom Hals halten. Die Discounterwiederum leifern sich einen immer aggressiveren Preiskampf - den Preis dafür zahlen die Lebensmittelproduzenten in aller Welt.

#1.1.1 - Mr. Bioschokolade 06.01.2010 01:31 - (Antwort)

Liebe Frau Hartmann, danke für Ihre Antwort. Hat mich gefreut. Auch ich bin privat bevorzugt Käufer von Bioprodukten, die möglichst hohen Ansprüchen genügen. Bioeier nehm ich sogar im Bioladen die teureren, weil sie von einem kleinen Hof stammen, wo es den Tieren relativ gut geht. Wurst gibts fast immer von Chiemgauer Naturfleisch oder von Alnatura. Eine Teilumstellung von Biohöfen sehe ich positiv. Manche Großbetriebe könnten nicht voll auf bio umstellen, weil die Nachfrage nicht da wäre, die Kalkulation nicht stimmen würde. Und dem Bioacker ist es egal, wenn nebenan Schweine gequält werden. Hauptsache der Acker wird sauber nach Biorichtlinen bewirtschaftet. Der Fall Franzsander hat ja gezeigt, dass auch mancher Inhaber von einem voll umgestellten Biobetrieb nebenbei auch auf anderen Höfen konv. Landwirtschaft betreiben kann (und dabei auch betrügen kann, gerade weil es verschiedene Höfe sind). Und Franzsander galt als Bio-Vorzeigebetrieb bei Geflügeln. Man könnte mal schauen, ob es in einem durchschnittlichen Biosupermarkt oder beim Discounter mehr Verbandsware gibt. Ich bin mir da gar nicht so sicher. Oftmals findet man bei Discountern Bioverbandsware, aber ohne dass das Bio-Siegel drauf ist, weil z.B. mal Ware von dem einen mal von dem anderen Verband in die selbe Verpackung getan wird, was bei den Mengen wohl oft auch nicht anders möglich ist. Oft findet man auch im Biosupermarkt EG-Bio-Ware, die wird auch angeboten, weil sie billiger ist als Verbandsware. Bio billiger zu machen durch bessere Logistik, z.B. indem man ohnehin vorhandene konv. Logistikstrukturen nutzt, finde ich sehr positiv. Laut Foodwatch kostet konv. Schnitzel pro Kilo rund 7 Euro, Bio-Schnitzel rund 13 Euro. Aber der Erzeuger bekommt konv. 1,43 Euro, bio 2,26. Die großen Preisunterschiede ergeben sich aus dem Vertrieb (konv. 3,64, bio 6,60) und dem Handel (konv. 1,70, bio 3.70). Das heißt: nicht die Bioerzeugung macht das Biofleisch teuer, sondern der Vertrieb und der Handel. Aldi-Fleisch auf Bio umzustellen wäre somit gar nicht so teuer - wenn die effizienten Vertriebs- und Handels-Strukturen genutzt werden. Und dem artgerecht gehaltenen Schwein ist es glaub ich auch egal, ob es im nach seiner Schlachtung logisch effizient im Aldi-Massenregal landet oder kleinteilig logistisch verteilt im schön hergerichteten Regal im Bioladen. Der Protest des Biohandels beim Vertrieb von Laverana über Plus/Netto zeigt: der Biohandel hat kein Interesse, dass Bioware richtig in der Breite preiswert vermarktet wird. Voll zustimmen kann ich Ihnen bei der Kritik an der Förderpolitik der Landwirtschaft. Geld bekommt wer Masse macht, egal wie Tiere und Natur dabei leiden. Die Biostandards zu senken (das wurde ja von Frau Künast gemacht), sehe ich teils kritisch, teils gut. Ohne diese Senkung wäre Bio nicht massenfähig geworden. Das wollte Frau Künast. Mir ist ein 90 Prozent Bio-Feld und ein 80 Prozent Bio-Huhn aber lieber als ein 100 Prozent chemisch gedüngtes und 100 Prozent tierquälerisch gehaltenes Huhn. Wer bereit und fähig ist, 100 Prozent bio zu kaufen, kann es ja trotzdem tun. Die 1%-Gentechnik-Klausel wurde meines Wissens auch von echten Bioherstellern begrüßt, da es sich in einer Welt mit - ob man will oder nicht - viel Gentechnikrohstoffen nicht vermeiden lässt, dass mal Reste in Abfüllmaschinen sind oder Samen auch recht weit fliegen. Optimal wäre natürlich gewesen, dass die konv. Landwirtschaft die Gentechnik-Analysekosten für die Bioverarbeiter tragen müsste. Bei Sozialstandards sehe ich wie gesagt erst mal die deutschen Anbieter in der Pflicht: solange der Biosupermarkt Minilöhne zahlt, braucht er nicht damit zu prahlen, dass er sich sozialer verhält als Lidl. Dieser Skandal gehört eigentlich mal aufgedeckt: sich als Sauermann hinstellen und die eigenen Mitarbeiter so bezahlen, dass diese nicht materiell gut davon leben können. Mir gefällt nicht, wenn Großkonzerne so hingestellt werden, als ginge es nur ihnen um Gewinnmaximierung. Beispiel aus einem anderen Bereich: der Chef eines großen deutschen Solarunternehmens (der immer über die großen Energiermultis herzieht und von Klimaschutz spricht), fährt selbst einen 300 PS-Maserati und kauft sich laut Financial Times Deutschland eine Villa nach der anderen. Und wenn man bei der Biofach auf den Parkplatz schaut oder sich genauer über manchen Biosupermarkt-Eigentümer erkundigt, wird man den Verdacht auch nicht los, dass selbst ziemlich teuer gelebt wird - was auch gut möglich ist, wenn man Mini-Löhne zahlt. Für mich gibt es nicht die Aufteilung: Nestle ist schlecht, Biosupermarkt ist gut. Demeter ist gut, der EG-Bio-Bauer arbeitet schlechter. Nein, es sind die Menschen, die dahinter stehen. Und da mag der Nestle-Manager seine Mitarbeiter besser behandeln und fairer bezahlen als der Biosupermarkt-Eigentümer. Oder auch andersrum. Aber generell die Aufteilung Gut-Schlecht, das ist mir zu einfach und wird wenn man genauer hinschaut oft auch nicht durch die Realität gedeckt. Bei den Arbeitsbedingungen würde ich echt mal genauer hinschauen. Wie gesagt habe ich viele Vorstellungsgespräche geführt. Mit wenigen Ausnahmen arbeiten die Leute bei Aldi/Lidl lieber als im Biosupermarkt. Zwar mögen die Arbeitsbedingungen manchmal schlechter sein, aber anscheinend nicht so schlecht, dass die Mitarbeiter von dort zu Biosupermärkten wechseln wollen. Und ich kenne manche Biochefs und wie die ihre Leute Doppelschichten machen lassen, Betriebsräte vermeiden wollen und wenn irgendjemand gesetzliche Rechte in Anspruch nehmen will, wird ihm unmißverständlich klar gemacht, dass man solche Leute nicht haben will. Somit auch hier: es gibt nach meiner Beobachtung nicht die guten Bios und die schlechten Lidls.

#2 - Kathrin Hartmann 06.01.2010 12:28 - (Antwort)

Noch eine kurze Antwort: ich finde den Vorworf, nach gut und böse aufzuteilen ein bisschen einfach. Denn ist ist ja gar nicht der Fall - jedenfalls bei mir nicht. Gut oder böse können Personen sein, nicht Unternehmen. Und Unternehmen agieren innerhalb von Strukturen. Die des globalsierten Konzernkapitalismus dienen vor allem den Weltmarkt beherrschenden Großkonzernen wie Nestlé einer ist. Nestlé ist keine Person, sondern ein System, eine Konzerntration von Macht. Dass Nestlé noch immer Babynahrung in Entwicklungsländern bewirbt (genauso wie Danone und andere), dass für Nestléware der Regenwald abgeholzt wird (Palmöl), dass Nestlé massiv die Privatisierung von Wasser vorantreibt, dass Nestlé zusammen mit anderen großen Kafferöstern Kaffee- und Kakao-Preise drückt usw., usw., das hat nichst damit zu tun, dass da böse Menschen sitzen, die das entscheiden. Und es hat auch nichts mit Bossen zu tun, die sich dann ein dickes Auto kaufen. Sie müssen Gewinne machen, um ihre Aktionäre zu halten. Ernsthaft faires und umweltfreundliches Handeln ist für Großkonzerne ein Wettbewerbsnachteil. an diesen Strukturen hat sich trotz CSR und Verantwortungsgeschwätz rein gar nichts geändert - im Gegenteil: die Armut ist nicht zurückgegangen in den vergangenen zehn Jahren, sondern weiter angestiegen. Das mag schon sein, dass Nestlé seine Mitarbeiter besser bezahlt (die können es sich ja auch leisten) - auch Monsanto und Bayer bezahlt seine Mitarbeiter vermutlich besser als ein Biosupermarkt. Aber darum geht es doch gar nicht - sondern darum, dass diese Unternehmen Unterdrückung, Ausbeutung und Armut weltweit zu ihren Gunsten vorantreiben. Man nennt es auch Neokolonialismus. Die Konzerne haben ein großes Interesse, Strukturen zu halten, die ihnen dieses Wirtschaften ermöglichen. Unternehmen sind keine Personen, die aufgrund von Erkenntnis handeln. Ich halte es deshalb für viel zu einfach und auch gefährlich, über solche Widersprüche hinwegzusehen beziehungsweise sie aus Pragmatismus zu akzeptieren. Denn wenn man Widersprüche nicht mehr thematisiert und Probleme nicht mehr diskutiert, dann gibt es keine mehr und wir haben Stillstand. Und den haben wir ja politisch gesehen jetzt schon mit einer Regierung, die verzweifelt versucht, so zu tun, als käme als wieder in Ordnung und bald geht es wieder weiter wie zuvor. Und auch die "besser-als-gar-nichts"-Einstellung führt meiner Meinung nach zu nichts - allenfalls zu einem privaten guten Gewissen, weil man suggeriert bekommt, auch selbst etwas ein bisschen besser machen zu können. Dafür reicht schon ein 80-Prozent-Bio-Huhn. Dem leidenden Huhn reicht das sicher nicht. Auch Bio ist diesen Strukturen ausgeliefert. Die Idee hinter Bio ist aber eben nicht, manches ein bisschen besser zu machen, sonderen ein komplett andere Idee von Landwirtschaft. Natürlich ist auch das ein Konjunktiv, aber: es wäre problemlos möglich, die komplette Landwirtschaft auf bio umzustellen. Nur würde das bedeuten, das wir unsere Ernährungsweise entschieden ändern müssten. Und das würde bedeuten: sehr viel weniger Fleisch, weniger Fertigquatsch, mehr saisonales Essen usw. Und genau hier ist das Problem: weil eine Lebensstiländerung für die allermeisten nicht in Frage kommt - und weil Verzicht in einem System, das nach wie vor auf Massenkonsum und Wachstum setzt, nicht vorgesehen ist, ist auch Bio diesen Massenanforderungen unterworfen. Sicher, Teilumstellung und EU-Bio passt perfekt in dieses System. Aber ein Lösung der Probleme ist das überhaupt nicht, im Gegenteil, es ist systemkonform und bestandserhaltend. So ist es auch bei Bio so, dass teilweise bis zu einem Drittel der Ware weggeworfen wird (!!!!), weil es den ästhetischen Anforderungen der Kunden nicht genügt. Und wer nur aus Profitgründen Bio macht, der wird sich auch keine vernünftigen und wirklich nachhaltigen Lösungen überlegen, wenn es ein Problem gibt. Massentierhaltung und ökologische Landwirtschaft sind ungefähr so widersprüchlich wie Friedesnbewegung und Waffenindustrie, das ist einfach nicht vereinbar. Und es entspricht, von der ethischen Seite einmal ganz abgesehen, auch nicht dem Bio-Gedanken, Bio-Weizen mit Kuhmist aus Anbindehaltung zu düngen. Und ja, das kommt vor. Da ich mich gerade sehr intensiv mit Bio beschäftige und mit vielen Leuten gesprochen haben - außer den Bauern, die damit Geld verdienen, lehnen alle, die mit Bio zu tun haben, Teilumstellung ab. Denn es ist ja so, dass diejenigen, die Minimalststandards erfüllen, quasi finanziell belohnt werden - obwohl sie auf der anderen Seite massiv die Umwelt schädigen und Leid verursachen. Der Verbandsbauer, der eine wertvollen Beitrag zur Gesellschaft leistet - nämlich zum Umweltschutz - ist dieser Konkurrenz ausgeliefert und hat auch noch einen Nachteil, obwohl er weit mehr macht, als sein Vieh ordentlich zu behandeln und den Acker biologisch zu bebauen. So wird es letztlich darauf hinauslaufen, dass Bio unter immer weniger hohen Standards hergestellt wird und sich manchmal von konventionellem Anbau gar nicht mehr unterscheidet. Und tatsächlich, wenn auch bei EU-Bio-Ställen nur Minimalstandards eingehalten werden müssen und sämtliche Schlupflöcher ausgenutzt werden - dann geht es womöglich den Küchen des Nicht-Biobauern, der sie aber noch samt Kälbern auf die Weide schickt, tatsächlich besser. Aber genau diese Widersprüche dürfen doch nicht hingenommen werden - und es ist auch keine Schwarz-Weiß-Gut-Böse-Engstirnigkeit, diese zu thematisieren, um auf eine bessere Lösung für alle zu kommen. Und die ist nur politisch möglich. Es macht es ja für den Konsumenten - und ich halte von Konsumentmacht bekanntlich nichts - auch nicht einfacher, zu sagen: eigentlich bezahlt Aldi besser als der Biomarkt bzw. auch Lavera stellt für Aldi her. Dann kann er nur noch die Schultern zukcen und hat eine Freibrief, einfach so zu handeln, wie er es immer gemacht hat. Weil: man weiß ja nie ob das alles so stimmt. Das zeigt eigentlich nur, dass es wirklich unmöglich ist, in einem falschen Welktwirtschaftssystem richtig einzukaufen - weil man bei fast allen Produkten eine solche Rechnung aufmachen kann. Und am Ende gar nichts dabei rauskommt.

#2.1 - Mr. Bioschokolade 07.01.2010 00:19 - (Antwort)

Nun, da sind wir wohl grund verschieden, wenn es auch auf das selbe Ziel (am liebsten 100 Prozent bio in einer Welt mit fairem Handel und fairen Löhnen hinausläuft). Genauso wie Nestle kann für mich der Biosupermarkt, auch der Bioladen ein System sein. Ein System, welches beispielsweise seine Mitarbeiter ausbeutet (obwohl es bei einem guten Gewinn des Ladens auch anders ginge). Ein System, welches beim Lieferanten die Preise so weit wie irgend möglich drückt (kenne solch einen Laden, der wirbt sogar auf der Website mit seinem fairen Umgang mit seinen Lieferanten...). Für mich ist es wie gesagt nicht nur das Unternehmen Nestle, welches die Welt schädigt mit ihrem Verhalten. Der Bioladen-Eigentümer kann sich ähnlich verhalten. Es ist der Einzelfall. Sie schreiben "Aber darum geht es doch gar nicht - sondern darum, dass diese Unternehmen Unterdrückung, Ausbeutung und Armut weltweit zu ihren Gunsten vorantreiben." Ich sehe da wirklich keinen Unterschied, wenn der Biosupermarkt in Deutschland das selbe macht - halt nur mit seinen Mitarbeitern in Deutschland. Darum geht es für mich schon (ich habe lange versucht einen Biosupermarkt-Chef davon zu überzeugen, faire Löhne zu zahlen - no chance, dafür hat er selbst eine Luxuswohnung und dachte über Immobilienkauf nach - es ist kein Einzelfall, ich kenne da manche). Für mich ist es besser, wenn das Huhn wenigstens einigermaßen okay gehalten wird, als im Massenzuchtstall. Denn die Praxis zeigt aus meiner Sicht: wer gleich alles umstellen will, erreicht entweder eine Revolution oder halt gar nichts. Trittin hatte anfangs ja versucht, richtig viel in der Umweltpolitik umzustellen - und ist damit in der Praxis ziemlich aufgelaufen. Künast hatte dann in der Landwirtschaftspolitik sozusagen die Politik der kleinen Schritte gemacht. Aus meiner Sicht ist das EU-Bio-Siegel daher ein Erfolg - besser als wenn das Zeug halt richtig mit Chemie vollgepumpt würde. Interessant fand ich zum Beispiel die Sendung "Geheimsache Bio" im NDR vom Oktober letzten Jahres. Dabei zeigte sich z.B. dass es oft auch die Anbauverbände sind, welche recht lax mit Bioregeln umgehen. Somit gilt auch hier für mich: Verbandsware mag oft besser sein, aber allgemein kann man das wohl nicht sagen. Der Hühnerstall von Tiemann ist Naturland-zertifiziert. Und das ist immerhin der größte Bio-Geflügelproduzent Deutschlands. Somit auch hier: für mich gilt nicht dass Verbandsware unbedingt heißen muss, dass die Tiere in kleinen Einheiten gehalten werden. Auch Verbandsware von Naturland kann Massentierhaltung sein. Trotzdem geht es den Tieren dort wohl deutlich besser als bei konv. Massentierhaltung. Das ist wieder die "besser-als-nichts-Diskussion", nach der offensichtlich auch die Bioverbände handeln. Ich glaube, dass einiges möglich ist. Dass der Einzelne einen kleinen Beitrag leisten kann. Dass es Tieren besser geht, dass weniger Spritzmittel eingesetzt werden, das Grundwasser geschont wird. Für mich ist das besser als nichts - auch wenn ich mir selbst ein anderes Weltwirtschaftssystem wünschen würde. Doch allein meine Erfahrung in der Umweltbranche zeigt, dass sogar diese Branche mittlerweile oft voll die Vorteile dieses Systems ausnutzt und Gewinnmaximierung anstrebt. Daher gilt für mich: im privaten Handels einen Beitrag leisten und im beruflichen versuchen, größere Sachen zu bewegen (aktuell versuche ich gerade, Produzenten von Umweltschutzgütern - meist Firmen, die sonst nichts anderes anbieten, oft echte Pioniere - dazu zu bewegen, ihre Sachen preiswerter zu verkaufen, damit auch Entwicklungsländer sich diese leisten können - es gibt massiven Widerstand. Obwohl mittlerweile x Studien vorliegen, wie günstig das Zeug mittlerweile in der Herstellung ist. Aber das Motto der Hersteller lautet insgeheim: wenn erstmal unsere Produkte zu Massengütern werden, machen die Geschäfte große multinationale Hersteller, daher sollte der Markt eher klein bleiben. Na ja, mal kuggen, was nächste Woche bei der Anhörung im Umweltministerium raus kommt. Die scheinen so gaaaanz langsam zu kapieren, dass der Minister nicht so toll dastehen wird in den Medien, wenn die da nicht langsam mal was ändern...). Ihnen weiterhin alles Gute, viele Grüße Mr. Bioschokolade

#3 - Juenger 07.01.2010 23:31 - (Antwort)

In Ihrem Artikel in der SZ und auch in anderen Ihrer Beiträge implizieren sie ständig, dass diejenigen, die ökofaire Produkte kaufen, sich nicht politisch engagieren würden. Diese unausgesprochene Unterstellung beruht auf die von Ihnen und einigen anderen Medienmenschen ausgemachten Eigenschaften der "lohas". Ich halte diese für eine Projektion. Wenn Sie sich beispielsweise mit den Beiträgen der Mitglieder von utopia.de auseinandersetzen würden und mit den dahinter erkennbaren Biographien, würden Sie sehr schnell in Erklärungsnot geraten. Viele derer, die sich dort über Konsumartikel (ja!) informieren wollen, sind in politischen Gruppen aktiv oder in Solar-Bürgerinitiativen, in Eine-Welt-Gruppen oder versuchen selber, ein Unternehmen aufzubauen, das gerechten und ökologisch vertretbaren Standards Genüge leistet oder sie sind ehren- oder hauptamtlich sozial engagiert. Außerdem entsprechen viele auch gar nicht Ihrem Vorurteil einer zahlungskräftigen Konsumentengruppe. Eine notwendige Differenzierung fehlt mir auch bei den ökofairen Produkten und Anbietern. Sie müssen, wenn sie Ihre Grundthesen in der SZ aufstellen, davon ausgehen, dass auch "Bioland"-gesiegelte Produkte oder ein Anbieter wie Zündstoff-T-Shirts unter ihr Verdikt gerechnet werden, weil sie einfach fair trade in einen Zusammenhang mit einer unpolitischen Konsumorientierung bringen. Nachdem es lange en vogue war, den sogenannten "strategischen Konsum" hochzuschreiben und ihn überzubewerten, wird von einer Journalistin nun Geld damit verdient, ihn viel zu allgemein als unpolitisch und systemstärkend herunterzuschreiben. In Wirklichkeit kann beides gut zusammen gehen: ökofairer Einkauf und politisches Engagement. Nicht-Konsum ist übrigens auch eine Form des bewussten Konsums. Vielen Dank für die Anregungen.

#4 - Juenger 09.01.2010 22:12 - (Antwort)

Hallo Frau Hartmann, ich habe vorgestern hier einen Kommentar eingefügt, leider ist er noch nicht veröffentlicht. Vielleicht ist er ja aus technischen Gründen nicht angekommen. Davon gehe ich aus. Ansonsten würde ich ihn mit einem entsprechenden Hinweis in meinem blog veröffentlichen. Ich gehe nicht davon aus, dass sie einen kritischen Kommenat in Ihrem blog blocken, oder? Mit freundlichem Gruß, Juenger alias Bernd

#4.1 - Kathrin Hartmann 10.01.2010 16:12 - (Antwort)

Lieber Juenger, vielen Dank für den Kommentar. Ich glaube, Sie verstehen mich miss. Ich sage nicht, dass diejenigen, die ökofaire Produkte kaufen, sich nicht politisch engagieren. Genausowenig, wie ich sage, dass es falsch ist, fair und bio zu kaufen, im Gegenteil. In meinem Buch betone ich das übrigens mehrfach. Zum Beispiel Seite 355 -356: "Natürlich ist es richtig, Saison- und Bio-Produkte zu kaufen - fair gehandelter Kaffee sollte eine Selbstverständlichkeit sein. Es kann auch nicht schaden, die Produkte von bösen Firmen zu boykottieren. Nur bringen wird es nichts, wenn man daran nicht eine politische Forderung knüpft, die man gemeinsam mit anderen in die Öffentlichkeit trägt. (...)" Ich habe mich intensiv mit Utopia auseinandergesetzt, ich weiß, dass es dort viele Menschen gibt, die sich engagieren. Wogegen sich mein Buch richtet, ist der Gedanke und die Idee, dass Einkaufen einen Politikersatz darstellen könnte und dass der von politischen Forderungen und gesellschaftlichen Ideen losgelöste, nach individuellen ethischen Kriterien ausgerichtete Konsum schon ein Beitrag sei. Das ist sicher nicht der Gedanke derjenigen, die sich engagieren und gleichzeitig versuchen, ihre Überzeugung auch in ihrem Lebensstil konsequent umzusetzen (s.o.). Sie werden lachen, aber auch ich versuche das, und zwar schon seit vielen Jahren - vor allem übrigens über den von Ihnen empfohlenen Nicht-Konsum - auch wenn ich weiß, dass meine Konsumentscheidungen keinen Einfluss auf ein großes Ganzes haben und sich auch nicht auf andere übertragen lassen. Was ich kritisiere, ist die Sichtweise, dass nicht mehr gesellschaftliche Ideen und politische Beteiligung, sondern der private Konsum, die Demokratie an der Einkaufskassen angeblich die Wirtschaft und Unternehmen ändern und damit die Welt verbessern. Das ist nachweislich nicht der Fall, wird von den Lohas Promotern aber gern weiter behauptet. Ich empfehle Ihnen, einmal Eike Wenzels (der ja auch die erste große deutsche Lohas-Studie erstellt hat) Lohas-Buch "Bewusst Grün - alles über die neuen Lebenswelten der Lohas" zu lesen - nicht nur, dass der Konsum gegen die Politik gesetzt wird, manche Kapitel (besonders das über Gesundheit und Familie) lesen sich wie das Regierungsprogramm der FDP. Und im Übrigen mache nicht ich die entweder-oder-Rechnung auf, sondern eben solche Lohas-Promoter, die sich explizit vom alten Öko absetzen, der als lust- und konsumfeindlich, verbissen und humorlos verlacht wird, eben WEIL er politisch und konsequent ("schwarz-weiß") war - zum Beispiel beim Verzicht. Der Verzicht, den Sie ansprechen, der auch wesentlich wichtiger wäre, wird ja kaum geleistet. Das ist ebenfalls kein Vorurteil von mir, sondern im Buch belegt (zB. S106 f, 348 ff usw.). Und auch die Dinge, die bei Utopia angeboten werden, sind zu einem nicht geringen Teil Dinge, die zwar irgendwie öko, aber noch mehr verzichtbar sind. Aber eine konsumfreundliche Atmosphäre macht es halt für Unternehmen interessant, dort zum Partner zu werden, davon lebt Utopia schließlich. Dass Utopia-Mitglieder, die dieses anprangerten (zum Beispiel die Partnerschaft mit Henkel und Otto), gesperrt wurden, das wissen Sie ja. Im Übrigen bin ich kein Richter und kann kein Verdikt aussprechen. Zum Thema Zündstoff und ökofaire Mode empfehle ich die Studie von Südwind, die zu dem Ergebnis kommt, dass auch kleine bemühte Labels ihren eigenen Ansprüchen weit hinterher hinken. Ich bringe außerdem im SZ-Artikel keinesfalls Fairtrade und Bioland in Zusammenhang mit einer unpolitischen Konsumorientierung. Sondern ich beschreibe im Gegenteil die negativen Folgen für den echten fairen Handel durch die unpolitischen Konsumentenforderungen nach irgendwie "nachhaltigem Kaffee", der weder fair noch bio ist, dem fairen Handel aber zur Konkurrenz wird. Dass faire Produkte vor allem von wirklich politisch überzeugten Konsumenten gekauft werden, zeigt ja schon der mickrige Anteil am Lebensmittelgesamtumsatz: ein Prozent! Meine Grundthese - nämlich dass es kein richtiges Einkaufen im falschen Weltwirtschaftssystem gibt und dass der faire und der Ökogedanke geschwächt und ad absurdum geführt werden, je mehr sie kommerzialisiert und ökonomisiert werden - impliziert nicht, dass Biolandprodukte von politkfernen Konsumenten gekauft werden und also blöd sind. Sondern dass auch das strengere Verbandsbio durch das laxere EU-Bio, das viel billiger hergestellt werden kann - unter andere eben da, wo auf Umweltstandrads und Menschenrechte (ja, auch auf südspanischen Biofeldern kann es Ausbeutung geben, werden illegale Brunnen genutzt!) nicht so viel Rücksicht genommen wird - in Bedrängnis gerät. Der Vorwurf, ich würde mein Geld damit verdienen, den strategischen Konsum schlicht herunterzuschreiben finde ich sehr unsachlich. Ich habe in meinem Buch für meine Thesen sehr viele Belege recherchiert. Den Gegenbeweis sind also die Lohas schuldig. Ich hoffe, ich konnte Ihre Fragen beantworten. Vor allem die Drohung, einen "entsprechenden Hinweis" (warum nur so misstrauisch und voreilig?) in ihrem Blog (das Sie leider nicht nennen) zu veröffentlichen. Wie Sie sehen, setze ich mich - übrigens unter meinem echten Namen - mit Kritik auseinander. Auch wenn ich gar nicht so große Lust habe, mit Leuten zu diskutieren, die sich nur unter Pseudonym trauen, zu kritisieren. Herzliche Grüße, Kathrin Hartmann

#5 - Juenger 10.01.2010 19:17 - (Antwort)

Hallo Frau Hartmann, (vorweg: mit Klarnamen im Internet zu schreiben ist für die einen von Vorteil, für die anderen ist es egal und für manche von Nachteil. Wenn Sie wissen möchten, wie ich heiße und was ich beruflich mache, können Sie mir gerne eine Mail schreiben, die Adresse haben Sie ja, dann gebe ich Ihnen diese Informationen gerne. Ich habe leider keine Kontaktmailadresse von Ihnen gefunden. Mit dem blog habe ich mich unklar ausgedrückt, sorry, ich meinte meinem blog auf utopia) Ich habe Sie in der Tat missverstanden! Um so mehr möchte ich mich für Ihre Antwort bedanken. Ich bin mir auch sicher, dass ich nicht der einzige bin, der Schwierigkeiten hat, die Differenzierung, die Sie in der obigen Antwort vornehmen, in dem SZ-Artikel zu erkennen. Ihr Buch habe ich nicht gelesen und möchte auch nicht andere Bücher über „lohas“ lesen, denn ich kenne niemanden, der ein „lohas“ ist. Karrikiert dargestellt wäre das jemand, der sich darüber definiert, mit dem Prius zum ALDI zu fahren, um dort Bioprodukte zu kaufen und der bzw. die zugleich FDP gewählt hat, oder? Also, an diesem Punkt bleibt meine Frage: Wer sind die „lohas“ ? Ich halte diese Spezie für eine Erfindung des Feuilleton und der Werbeagenturen. Wenn sie noch nicht einmal auf utopia so sind wie sie beschrieben sind, wo sind sie dann? Konkret: diejenigen, die ich auf utopia kenne, kaufen nicht beim Discounter ein, sondern im Bioladen, wenn immer ihnen das finanziell möglich ist. Der Umsatz bei den Bioläden hat ja auch zugenommen die letzten Jahre ;-) Deshalb meine Polemik gegen dieses Rauf- und Runterschreiben. Ich möchte mich aber dafür entschuldigen, dass ich das auf ihre Person zugespitzt habe und dann auch noch, ohne ihr Buch gelesen zu haben bzw. lesen zu wollen – das war nicht okay. Ich habe mich geärgert, weil ich mich einer Gruppe zugeordnet fühlte, die es nicht gibt und mit denen Verhaltensweisen verbunden werden, die diejenigen, die ihr zugeordnet werden, dann auch nicht entsprechen. Was ist nun neben meiner emotionalen Betroffenheit, die Sie mir hoffentlich nachsehen, der Grund für mein Missverständnis? Es ist nicht leicht, dass nachzuvollziehen, aber ich möchte es versuchen: Sie stellen die Grundthese auf: „Es gibt kein richtiges Einkaufen im falschen Weltwirtschaftssystem.“ Dann kommen Subthesen, die die Leitthesen begründen sollen, zum Beispiel „Selbst der Bioboom hat negative Folgen-BESONDERS (Hervorhebung von mir/Bernd) dort wo er den Massenkonsum trifft.“ Dieses „besonders“ heißt für mich: an anderer Stelle auch. Dann kritisieren Sie – völlig zurecht - den Discounter-Bioboom. Ich habe jetzt die Schlußfolgerung gezogen, dass Sie den Kapitalismus als Wirtschaftssystem meinen und den Biohandel generell als innerhalb dieses Systems nicht gut bewerten – inklusive zum Beispiel Bioland. Ich vermute, dass nur wenige die von Ihnen getroffene Unterscheidung innerhalb des Textes erkennen können, wenn sie nicht Ihr Buch gelesen haben. So falsch verstanden, würden die kleinen positiven und konsequenten Alternativen dem Greenwashing durch mangelnde Differenzierung zugeordnet – was aber, wie ich jetzt weiß, nicht Ihre Meinung ist. Es wäre hilfreich gewesen, wenn Sie ein Positivbeispiel gebracht hätten. Ich finde, im Bereich der ökofairen Mode sind viele kleine Labels positive Beispiele. Die Studie von Südwind wird in der Art ihrer Erhebung und auch in ihrer Genauigkeit deutlich kritisiert, auch von Wohlgesonnenen, zum Beispiel hier: http://korrekte-klamotten.de/bekleidungssyndikat/taz-biofair-klamotten-kaufen/ Dass es auch im Bereich Biomode viel Greenwashing gibt, ist mir bekannt. Positivbeispiele eines anderen Wirtschaftens und konkrete politische Beispiele interessieren mich sehr – vor allem solche, die umgesetzt werden. Ich habe sehr viel Respekt vor Menschen, die den Mut haben, solche neuen Wege zu gehen. Diejenigen, die die Probleme innerhalb dieses falschen Weltwirtschaftssystems ernst nehmen, sollten sich zusammenfinden und Alternativen konkret angehen – Parteien, Institutionen und Weltanschauungen übergreifend. Nachtrag zu utopia: Das Finanzierungsmodell von utopia und die mit ihm verbundenen Widersprüche, besonders die Partnerschaft mit Henkel und Otto , habe ich auch schon oft auf utopia kritisiert, bin aber nicht gesperrt worden. Ich bin auch der Meinung, dass einige Sperrungen völlig unnötig waren, soweit ich das beurteilen kann. Sie hingen aber nach meiner Wahrnehmung weniger mit der Kritik an Henkel zusammen. Ich danke Ihnen nochmals, dass Sie mir geantwortet haben. Ebenfalls herzliche Grüße, Bernd

#6 - Kathrin Hartmann 11.01.2010 12:05 - (Antwort)

Das freut mich, wenn ich das Missverständnis ein wenig klären konnte. Und ich nehme Ihnen gar nicht übel, dass Sie sich geärgert haben - ich habe ein Debattenbuch geschrieben, ich möchte gern die Menschen aufrütteln und auch wütend machen. Wütend machen natürlich vor allem auf die bestehenden Verhältnisse, die mich wiederum sehr wütend machen. Es geht mir nicht vor allem darum, Leute konkret zu kritisieren. Damit könnte man wohl kaum ein 380-Seiten-Buch füllen. Mir geht es um Lohas als Geisteshaltung - schon klar, es ist ein Marketingbegriff und wird vor allem von wirtschaftsnahen Akteuren (Utopia, Karmakosnum, Zukunftsinstitut, Werbeganturen, Marktforschunsgagenturen usw.) womöglich überbewertet. Aber es ist einer, an dem sich die Industrie orientiert und - mit großem Erfolg - versucht, diese neue Kundenschicht zu bedienen. Und glauben Sie mir: ich bin solchen Lohas oft begegnet, auch in Diskussionsrunden, wo Lohas alle Klischees erfüllt haben, und sich trotzdem nicht zugehörig fühlten. Wenn ich Lohas sehen will, muss ich in München nur zu Basic gehen - und da ist es jedenfalls samstags so, dass genug Familienpanzer in zweiter Reihe davor stehen. Das will ich gar nicht ausführen, wer sie sind und wo man sie findet, das habe ich ausführlich im Buch beschrieben. Ich kritisiere aber grundsätzlich die Idee, dass man mit dem richtigen Einkaufen das Weltwirtschaftssystem ändert und auch die Unternehmen. Mit dem Wirtschaftsssystem meine ich übrigens das globalisierte Weltwirtschaftssystem mit seinen Organisationen WTO, IWF und Weltbank, die vor allem zu Gunsten der mächtigen Konzerne ausgerichtet sind und Menschen weltweit zu unterdrücken und auszubeuten ermöglichen. Dieses System des Neokolonialimus ändert aber nicht der kleine gutmeinende Ökobaumwollhersteller oder ein sonstiges Nischenunternehmen, sondern die Politik.Die Südwind-Studie ist die allererste, die sich überhaupt mal die viel gelobten kleinen Unternehmen genau anschaut, es werden hoffentlich weitere folgen. Denn auch diese müssen sich einer Überprüfung stellen, gerade sie. Bislang wurde deren Versprechen einfach nur geglaubt, und für ein gutes Gewissen reicht das ja schon. Sicher gibt es einige, die es versuchen, nach gutem Wissen und Gewissen zu machen - aber das reicht nicht aus. Und es zeigt, wie schwierig gerade die Verstrickungen und Ausweglosigkeiten des Textilmarktes sind (auf dem sich die Bedingungen für die Arbeiter immer weiter verschlechtern, trotz CSR und wohlmeinenden Projekten, Bangladesh steht vor einer Hungerkrise). Da finde ich es Unsinn, sich an Kleinigkeiten aufzuhängen, wie fair oder unfair diese Studie ist, wenn Fakt ist, dass gerade mal zehn Prozent überhaupt teilgenommen haben und von diesen wiederum sich die wenigsten unabhängig kontrollieren lassen. Und das Problem sind auch nicht die kleinen Nischen, die noch besser werden könnten, sondern die großen wie Kik, Aldi, H&M usw., auf die die Existenz von Nischen keinen Einflusss hat. Oder glauben Sie im Ernst, es wird eine kritische Masse bei kleinen ökofairen Labels einkaufen anstatt bei H&M? Abgesehen davon ist es doch zynisch, die Verwirklichung von Umweltschutz und Menschenrechten daran zu koppeln, ob es dem Verbraucher ein Anliegen ist oder nicht. Und durch anderes Einkaufen hat sich noch nie was verändert auf der Welt. Denn den allermeisten ist es nämlich leider völlig egal. Nur die Politik kann die Wirtschaft ändern - wenn es nur über den Markt geregelt wird, dann gibt es eben solche Auswüchse wie Greenwashing und CSR und Billigbio, das denen, die es ernst meinen, zur Konkurrenz wird. Abgesehen davon erreicht ein bestimmter Konsumstil keine kritische Masse - korrekte Labels wie LamuLamu werden immer eine Nische bleiben. Und wie das Kakao-Beispiel im SZ-Text zeigt, kann man auch nicht isoliert gegen Dinge wie Kinderarbeit vorgehen. Deswegen sehe ich es nicht als meine Aufgabe an, ein paar Ausnahmen zu loben und postive Beispiel zu geben. Das machen meiner Meinungnach genug andere. Ich möchte viel mehr zeigen, dass es ohne politische Forderungen und ohne gesellschaftliche Debatten nicht geht und wohin die Idee führt, dass die Wirtschaft den Anforderungen der strategischen Konsumenten reagiert und sich zu mehr Moral verpflichtet. Aber wie gesagt, all das habe ich im Buch ausführlich begründet und stelle das zur Diskussion - aber ich fände es, nix für ungut, doch für eine Diskussion und Kritik meiner Thesen schon hilfreich, dieses zu lesen. Herzliche Grüße, Kathrin Hartmann


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