Ende der Märchenstunde - Wie die Industrie die Lohas und Lifestyle-Ökos vereinnahmt

Samstag, 9. Januar 2010

Heute Lesen: SZ-Wochenende, Seite1!

Welche katastrophalen Folgen für Armut und Klima der Fleischverzehr hat, wie ethisch verheerend Massentierhaltung und industrialisiertes Töten sind: all das ist längst bekannt. Zwar sorgt der Klimawandel dafür, dass der Fleischverzehr endlich ein wenig in Misskredit gerät: selbst Landwirtschaftsministerin Ilse Aigner rät zu weniger Fleisch (leider ohne politische Taten folgen zu lassen). Und doch sind die Bemühungen seitens Industrie und Gesellschaft, am Fleischkonsum festzuhalten, ungebrochen. Seit Sommer gibt es die angeblich klimaneutrale „Superwurst“, die aus Bio-Schweinfleisch besteht und die Welt retten soll. McDonald’s Grünwerdung wird gelobt, obwohl der Fastfoodkonzern allein in Deutschland täglich (!!!) 100 000 Kilo Rindfleisch verarbeitet. Im Herbst erschien mit Beef eine archaische Männer-Kochzeitschrift, die über Seiten hinweg Steakrezepte veröffentlicht – und auch die modernsten Kochbücher, Bio-Restaurants, Lifestyle-Magazine orientieren sich überwiegend am Fleischgenuss. Am beliebtesten sind technische Innovationen, die dazu beitragen sollen, dass alles so bleiben soll, wie es ist: etwa die Idee der Uni Hohenheim, das Methan-Problem bei Kühen durch eine besondere Diät, andere Fütterungszeiten und einem Vormagen-Bolus in den Griff zu bekommen. Dass der Fischkonsum nicht weniger verheerend ist, ist, obwohl die Meere fast leergefischt sind, ist offenbar noch gar nicht ins Bewusstsein vorgedrungen (der Fischverzehr ist mit 22 Kilo pro Kopf sogar noch angestiegen) – und wird es auch nicht, so lange das zweifelhafte MSC-Siegel das Verbrauchgewissen beruhigt, Aquakulturen als Alternative gefeiert werden und sich nicht einmal Umweltschutzorganisationen wie Greenpeace und WWF einig werden darüber, welcher Fisch nun überfischt ist oder nicht.  Wie wunderbar deutlich wird in der heutigen Ausgabe des SZ-Wochenendes Petra Steinberger in ihrem Essay „Nicht Fisch! Nicht Fleisch!“, in dem die Autorin nicht nur zusammenfasst, was der Fleisch- und Fischkonsum anrichtet auf der Welt, sondern auch die ethische Kompenente miteinbezieht – und zu dem Schluss kommt, dass wir uns diesen Irrsinn nicht mehr leisten können. Ihr schönes Fazit lautet: „Gelüste bleiben. Aber ihre Akzeptanz kann verändert werden. Wir brauchen neue Tabus.“


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