Ende der Märchenstunde - Wie die Industrie die Lohas und Lifestyle-Ökos vereinnahmt

Sonntag, 7. März 2010

Starbucks: alles andere als 100 Prozent fair!

Freudig erregt klangen wieder mal die Überschriften der letzten Tage: "Starbucks stellt auf Fairtrade um"  schrieb etwa Der Standard - und eine Tag zuvor: "Starbucks serviert nur noch Fairtarde-Kaffee" , Die Presse (Österreich) schrieb  ebenfalls "Starbucks serviert nur mehr Fairtrade-Kaffee", "Gutes Tun zahlt sich aus", der Tagesspiegel, "Nur mehr faire Bohne in Europa" der Glocalist und selbstverständlich Utopia (in Kooperation mit Natur und Kosmos): "Kaffee mit Fairwohn-Aroma".  Die US-amerikanische Kaffeehauskette, die im vergangenen Jahr die eingekaufte Menge an fair gehandeltem Kaffee von neun auf 18 Millionen Kilo erhöht hat, ließ vor wenigen Tagen verlauten, in Europa ausschließlich 100 Prozent Fairtrade zertifizierte Espressogetränke zu verkaufen. Bei Starbucks selbst klingt das so: "Ihre Wahl jeden Tag: Der Unterschied für Kaffeefarmer. Jeder Latte, jeder Cappuccino... 100% Fairtrade-Kaffee". Hinterfragt hat diese gute Nachricht allerdings niemand - die magische Ansage "100 Prozent" klingt so, als würde Starbucks nur noch fair gehandelten Kaffee verkaufen. Und ja, das wäre wünschenswert - ist aber ganz und gar nicht der Fall. Zwar gilt Starbucks als größter Abnehmer fair gehandelten Kaffees weltweit (nach eigener Aussage kauft der Konzern 20 Prozent des weltweit verfügbaren fairen Kaffees), was auch der Tatsache geschuldet ist, dass Starbucks der größte Kaffeekonzern der Welt ist.

ABER: Fairtrade-Kaffee stellt bei Starbucks nur einen Anteil von etwa fünf Prozent dar. 95 Prozent des Kaffees von Starbucks sind also nicht fair gehandelt, sondern nur nach den selbst auferlegten Mindeststandards des Starbucks-Programms "Shared Planet". Innerhalb dessen wird "nachhaltiger" und "gerecht gehandelter" Kaffe angebaut. So genannte "Pemium Preise" würden darin gezahlt, "um Kaffeebauern zu helfen, Gewinn zu machen und ihre Familien zu unterstützen" (Wieso machen sie denn keinen Gewinn mit den Premium-Preisen? Weil die vielleicht nicht ausreichen?). Weiterhin werde Kaffeebauern Zugang zu erschwinglichen Krediten ermöglicht, um in "zukünftigen Erfolg" zu investieren - und schließlich gebe es "Anreize", Abholzung vermeiden.

"Gerecht" bzw. "sozialverträglich" ist nicht fair gehandelt, "nachhaltig" bzw. "umweltverträglich" ist nicht ökologisch angebaut. Man kann das nicht oft genug erwähnen, denn schön langsam vermischen sich die Begriffe. Selbst seriöse Medien wollen den Unterschied nicht mehr erkennen, da geht die Rechnung der Konzerne leider voll auf. So veröffentlichte das Wirtschaftsmagazin "Der Handel" vergangene Woche einen DPA-Bericht, in dem Tchibo für seine umwelt- und sozialverträglichen Kaffee gelobt wird: "Tchibo schenkt in seinen Bars täglich rund 55 000 Tassen Kaffee aus. Alle in den Bars verwendeten Kaffee-Sorten tragen eines oder zwei der anerkannten Prüfsiegel, entweder ‚Rainforest Alliance', ‚Bio' oder ‚Fairtrade'. Die Bedingungen dieser Siegel unterscheiden sich leicht voneinander; ihnen ist aber gemeinsam, dass sie auf sozial- und umweltverträglichen Kaffeeanbau achten und nur nach strenger Prüfung vergeben werden." Und nein, nein, nein: die Siegel unterscheiden sich nicht leicht voneinander, sondern fundamental: Die Rainforest Alliance ist eine industrienahe, höchst umstrittene US-Umweltvereinigung, das RA-Siegel gilt bei seriösen Umweltschutzorganisationen als Greenwashing, von strenger Prüfung kann nicht im geringsten die Rede sein. Nur Bio hat gesetzliche und Fairtrade internationale streng überprüfte Richtlinien. Alles andere folgt selbst auferlegten, kaum überprüften Minimalstandards, die den Konzernen maximalen Imagegewinn bei minimalen Kosten ermöglichen.


Kommentare

#1 - Jan 08.03.2010 11:39 - (Antwort)

Hallo Frau Hartmann, wieso haben Sie eigentlich Ihr Buch bei Bertelsmann veröffentlicht? Dass es auf FSC Papier ist, ist zwar nett, aber ich vermute, Bertelsmann wird KEINE 5% seines gesamten Papierverbrauchs mit FSC regeln. Passt dieser Verlag nicht etwas schwer zu Ihrem doch so hohen Anspruch???

#1.1 - Kathrin Hartmann 08.03.2010 12:40 - (Antwort)

Mein Buch ist im Blessing-Verlag erschienen, der wiederum zu Randomhouse und Bertelsmann gehört. Das umstrittenen FSC-Papier ist ein anderes Thema, dazu äußere ich mich mal bei Gelegenheit. Aber zum Bertelsmann-Vorwurf: falls Sie mein Buch gelesen haben, wissen Sie, dass ich nicht der Meinung bin, dass durch Einzelverhalten die Welt verbesser werden kann, sondern dass es darum geht, das große Ganze, nämlich das ungerechte Weltwirtschaftssystem zu ändern ("es gibt kein richtiges Einkaufen im falschen Weltwirtschaftssystem"). Im Gegensatz zu den Lohas behaupte ich auch nicht, dass man die Widersprüche feiern und überwinden soll - womit letztlich das System erhalten wird. Also welchen Anspruch meinen Sie? Hätte ich ein Jahr lang ohne Geld an diesem Buch arbeiten, es dann auf Recyclingpapier drucken und kostenlos verteilen sollen? Übrigens befinde ich mich als Konsum-, Konzern- und Globalisierungskritikerin bei Bertelsmann in gute Geselschaft: Sowohl Naomi Kleins "No Logo" (Riemann Verlag) und die Bücher von Jean Ziegler (Goldmann/C.Bertelsmann) sind bei Bertelsmann bzw. Randomhouse erschienen.

#2 - Gerda 08.03.2010 11:56 - (Antwort)

Laut Starbucks-seite soll europaweit auf Fairtrade umgestellt werden - das sagt nichts über den Rest der Filialen aus. Ich denke doch, daß fairtrade sich nicht vor den Karren spannen liesse, wenn vollmundig 100% (in Europa) angekündigt und dann nur 5 oder 10% realisiert würden. Vielleicht bin ich's schon so gewohnt, genau zu lesen (Gegenbeispiele zeigen, dass dem nicht so ist), aber dass der gesamte Kaffee weltweit aus fair-trade stammen soll habe ich nie herausgelesen. Wünschenswert wäre es, aber da ist wohl noch ein weiter Weg dorthin.

#2.1 - Kathrin Hartmann 08.03.2010 15:08 - (Antwort)

Auch europaweit soll nicht der ganze Kaffee auf Fairtrade umgestellt werden, sondern ausschließlich Esspressogetränke. Das ist auch nicht in Europa 100 Prozent Fairtrade.

#3 - sandman 08.03.2010 16:07 - (Antwort)

Also, habe mir die Berichte im STANDARD, GLOCALIST und Tagesanzeiger angesehen und alle drei berichten korrekt, dass nur Esspressogetränke in Europa zu 100% Fairtrade zertifiziert seien. Besagte Medien schreiben also nicht, dass Starbucks weltweit oder nur mehr ausschließlich Fairtrade Kaffe verkauft. Und Fairtrade schreibt selber: "Starbucks setzt neue Maßstäbe in der Kaffeeindustrie, indem es seine globale Größe dazu einsetzt, Gutes zu tun. So wird die Reichweite von Fairtrade vergrößert und zehntausende Bauern, die das Herz des Fairtrade Systems bilden, profitieren von dem Engagement." Dies sollte die Bewertungsschnur sein, formuliert von einer NGO, die sich schon seit Jahrzehnten dafür engagiert und Kompetenz bewiesen hat. Dieser Interpretation sind wohl besagte Medien gefolgt; zu recht.

#3.1 - Kathrin Hartmann 08.03.2010 17:03 - (Antwort)

Ich habe ja auch von den Überschriften gesprochen. "Nur mehr faire Bohne" bzw. "Starbucks stellt auf Fairtrade um" - ist das nun irreführend oder nicht? Ein Verweis darauf, dass nur 5 Prozent des gesamten Starbucks-Kaffees fair gehandelt sind, gibt es nirgens. Zu sehr hat sich offenbar herumgesprochen, dass man jeden klitzekleinen Schritt der Unternehmen loben muss, auf dass sie bald die Welt retten. Dass jeder Bauer davon profitiert, der am fairen Handel teil hat, ist unbestritten. Tranfair ist im Übrigens keine Nichtregierungsorganisation, sondern ein gemeinnütziger Verein zur Zertifizierung von Produkten aus dem Fairen Handel. Aber trotz beinahe 40 Jahren fairen Handels liegt der Marktanteil von Fairtarde-Kafee in Deutschland bei 2 Prozent. Das ist erschüternd - finde ich. Genauso erschütternd wie die Tatsache, dass laut Stiftung Warentest 90 Prozent des Kaffees anonym auf dem Weltmarkt gehandelt werden und ihre Herkunft undurchschaubar ist. Das ist - ungeachtet vom absolut tollen Engagement von Fairtrade - meine Bewertungsschnur.

#3.1.1 - sandman 08.03.2010 19:34 - (Antwort)

Mmmh, sowas nennt man dann aus den Zusammenhang reißen - wie man es halt so im Journalismus macht - und wichtiger vor allem, den/die Leser/in als dumm und unmündig zu erachten, dass er/sie nur die Überschrift liest und wie ein ferngesteuerter Roboter wiederholt und glaubt, was er/sie liest. Aber dieses Bild vom Leser haben leider sehr viele Journalist/innen, worauf auch ihre Einbildung einer höheren Definitionsmacht beruhen dürfte. Ich denke, dies drückt mangelhafte Wertschätzung und Achtung gegenüber den/die Leser/in aus. Zu anderen: Ja, die Zahlen sind überschaubar, aber nicht erschütternd, da sie einen steilen Trend nach oben aufweisen und Starbucks eben einen Beitrag geleistet hat, dass es mehr Prozentpunkte werden. In Sinne Deiner Bewertungsschnur also positiv. q.e.d. Und die Bertelsmann-Frage ist tatsächlich interessant entlang Deines Mottos "es gibt kein richtiges Einkaufen im falschen Weltwirtschaftssystem", denn da drängt sich auf: Gibt es ein richtiges publizieren, im falschen? Nebenbei bemerkt meine ich, dass Du Adorno hier völlig falsch, weil auch aus den Zusammenhang gerissen, zitiert hast.

#4 - sandman 08.03.2010 16:43 - (Antwort)

Und zum falsch verwendeten Adornozitat von Frau Hartmann ein kleiner Hinweis > http://bit.ly/8DRPZJ

#5 - Stefan Ment 08.03.2010 20:33 - (Antwort)

Etikettenschwindel?! Das Jonglieren mit Zahlen ist in Politik und Wirtschaft ein beliebtes, oft geübtes Betätigungsfeld. Allein - der Verbraucher bleibt da allzu oft auf der Strecke. Ob nun Lebensmittel mit einer wie auch immer definierten Ampel versehen sind, viel zu kleine, kaum lesbare oder irreführende Inhaltsangaben auf Produkten versteckt sind - das Verwirrspiel ist vorprogrammiert. Vor allem beim Kaffee scheiden sich die Geister. Man hat den Eindruck, dass sich die Anbieter von Gütesiegeln nicht nur bei Qualität und Nachhaltigkeit einen erbitterten Kampf liefern. Sicher leisten Anbieter wie Starbucks einen Bärendienst, wenn Prozentzahlen kommuniziert werden, die auf den zweiten Blick einer näheren Prüfung nicht standhalten. Ich kenne weder genaue Mengen noch die exakte Zusammensetzung bei Starbucks - mir scheint allerdings die Rolle von Fairtrade nicht besser oder schlechter zu sein als die anderer zertifizierenden Organisationen. Wir alle träumen von schadstoffbefreiten Automobilen, einem befriedeten Afghanistan und auch von einem morgendlichen Frühstück mit 100% fair angebautem Kaffee. Ich denke aber, dass ein gegenseitiges Ausspielen der beteiligten Akteure nicht zielführend ist. Bei allem Unmut über noch nicht völlig zufriedenstellende Erfolge darf man nicht vergessen, dass viele richtige Wege eingeschlagen wurden. Und wenn ein NGO wie die Rainforest Alliance Regierungen und staatliche Initiativen unterstützt, marktfähige Preise zu immer besser werden Produktionsbedingungen durchzusetzen, dann sollte man nicht immer die Bohne im Kaffeesatz suchen. Schließlich wollen sich viele ihre Tasse Wohlgeschmack auch leisten können... Ich habe zu dem Thema recht umfangreich im Netz gestöbert. Die Regeln der Rainforest Alliance sind mE sehr wohl nachprüfbar und auch transparent. Außerdem, so ist es nachzulesen, erfüllt sie den Iseal Code for Good Practice. Iseal ist eine Überwachungsinstanz der Standard setzenden Organisationen. Hier arbeiten BIO (Ifoam), Fairtrade (FLO), FSC und die Rainforest Alliance offenbar zusammen und haben sich nach eingehender gegenseitiger Überprüfung akzeptiert. Offenbar tobt aber ein wahrer Verteilungskrieg um Marktanteile. Ihr Beitrag, so denke ich, befeuert diesen recht einseitig, indem Sie Fairtrade und BIO als die einzig wahren Lösungsgeber klassifizieren. Ich habe ihr Buch gelesen. Immerhin hinterfragen Sie auch das Fairtrade-System. Tatsächlich ist ja die Frage, wieviel vom Fairtrade-Premium kommt überhaupt beim Bauern an, wenn stets nur organisierte Kooperativen (bei Kaffee oder Kakao) überhaupt zertifizierbar sind. Es kursieren ja Netzbeiträge, nach denen gehen gerade mal 5% vom Premium in den Ursprung gehen. Und wenn sich die Kooperativenverwaltung dann bedient hat, bleibt für die Bauern womöglich gar nichts mehr. Auch hat ja Fairtrade in England 2008 offenbar mehr Geld ins Marketing investiert als den Bauern zufließen zu lassen (siehe Geschäftsbericht der englischen Stiftung). Aber scheinbar haben Sie dennoch große Sympathien für Fairtrade. Warum? In England gehen immer mehr Journalisten mittlerweile sehr viel kritischer mit Fairtrade um. Und wg. der 30% bei Rainforest Alliance: Haben Sie mal überprüft, wieviel Fairtrade-Zutaten im Kitkatriegel stecken? Lt. Fairtrade-eigenen Regeln müssten es nur 20%, vielleicht auch 50% sein (Sie müssen nur die Flocert-Regeln lesen). Wo finde ich als Verbraucher den Hinweis dazu, den ich bei Rainforest Alliance immerhin unter dem Siegel lesen kann? Eine meiner Freundinnen ist Forstwissenschaftlerin. Sie betont (bei aller Kritik an Rainforest Alliance), dass das immerhin die erste Organisation war, die ein Programm für nachhaltige Waldwirtschaft aufgelegt hatte. Das war offenbar so gut – und so streng –, dass die Rainforest Alliance eingeladen wurde, mit anderen Umweltschutzgruppen wie WWF gemeinsam einen Goldstandard zu entwickeln: den FSC-Standard, der dem PEFC-Standard wohl eindeutig überlegen ist. Ihr Buch ist ja auf FSC-Papier gedruckt worden… dann unterstützen Sie ja doch die Arbeit der Rainforest Alliance ;-) Ach nein, Sie finden ja FSC auch nicht gut, wie ich gerade in Ihren Antworten las. Dann sind Greenpeace, WWF & Co. als Hauptunterstützer von FSC ja auch zu verteufeln. Und Sie halten nichts von Einzeltaten, sondern wollen das ganze System verändern. In diesem Sinne wünsche ich eine weitere fruchtbare Diskussion…

#5.1 - Kathrin Hartmann 09.03.2010 09:50 - (Antwort)

Ja, es ist ein Kampf um Marktanteile - und ich sehe den Markt ganz bestimmt nicht als Lösung für Umwelt-, Klima- und Menschenrechtsprobleme. Ich halte auch Fairtrade nicht für die Lösung aller Weltmarktprobleme. Allerdings: Bei keinem Ersatzsiegel geht es darum, faire Preise zu bezahlen, sondern darum, irgendwie nachhaltig oder umweltfreundlich zu wirtschaften. Wie viel die Bauern verdienen, wird wenig geprüft. Immerhin eine Studie kam aber zu dem Ergebnis, dass Rainforste Alliance Bauern 20 Prozent weniger bekommen als die des fairen Handels. Bei allen Ersatzsiegeln muss man sich doch fragen: warum werden keine Preise bezahlt, von denen Menschen leben können? Darum geht es doch - und jedenfalls diesen Ansatz verfolgt der faire Handel. Dass dies unter den Weltmarktbedingungen nicht grundsätzlich durchsetzbar ist, ist nicht die Schuld des fairen Handels, sondern eine Frage politischer Regulierung. Um die muss es gehen, nicht um freiwilliges Unternehmensengagement. Deshalb ist der Faire Handel den von Ihnen genannten Gefahren ausgesetzt. Er kann nicht die Wirtschaftsordnung oder die Armut abschaffen. Er kann sie lindern und schlimmste Auswirkungen abschwächen. Je mehr er sich Marktbedingungen unterwirft, desto mehr kannibalisiert er sich selbst. Dasselbe gilt für bio: auch für brasilianisches Bio-Steak wurde Regenwald gerodet, auch auf Bio-Gemüsefeldern in Spanien gibt es Ausbeutung usw. Und zur Rainforest Alliance: sie wird auch von seriösen Wissenschaftlern und einer ganzen Reihe von NGos als Greenwasher bezeichnet. Selbst auferlegte Transparenz und Überprüfungen sind etwas anderes als Regulierung. Monokultur, Pestizide, schlechte Bezahlung, Gentechnik - all das ist möglich und auch üblich bei Projekten der Rainforest Alliance. Und nachhaltige Waldwirtschaft: das besagt doch erst einmal nur, dass man nur so viel Holz schlägt, wie wieder nachwachsen, darauf gründet doch Forstwirtschaft, diese Idee gab es schon im 18. Jahrhundert. Dass das Buch auf FSC gedruckt wurde, hab nicht ich entschieden. FSC sieht sich gerade zur Zeit heftigster Kritik der NGOs ausgesetzt, da verweise ich zB. auf den Verein Rettet den Regenwald: http://www.regenwald.org/regenwaldreport.php?artid=301

#5.1.1 - Stefan Ment 09.03.2010 20:02 - (Antwort)

Also, wenn ich das richtig sehe, arbeitet die Rainforest Alliance mit zahlreichen öffentlichen Geldgebern, darunter auch USAID und GTZ (die deutsche GTZ hat sich übrigens überaus positiv über die agrarischen Entwicklungseffekte mit Rainforest Alliance im Ökotest, 2009, geäußert) sowie mit diversen UN-Institutionen. Da ist öffentliche (auch behördliche) Kontrolle in jedem Fall gegeben, nicht mehr und nicht weniger wie bei Fairtrade auch. Dann gibt es noch die Kontrolle durch ISEAL (ist ja auch nicht neu) – und falls Sie es nicht wahrhaben wollen, sei es hier nochmals geschrieben: Da kontrollieren IFOAM (= BIO), FLO (= Fairtrade), FSC, SA8000, Rainforest Alliance und andere sich gegenseitig. Wenn das also keine Kontrolle ist… Und die berühmten Experten und Wissenschaftler, die Sie ansprechen: Die Rainforest Allliance-kritischen erscheinen mir stets sehr Fairtrade-nah. Der von Ihnen im Buch erwähnte Professor Alex Nicholls, der gern auf die Rainforest Alliance einschlägt, ist übrigens überhaupt nicht objektiv… wie könnte er das auch sein? Er ist schließlich “a non Executive Director of a major Fair Trade company” (siehe Weblink: http://www.sbs.ox.ac.uk/centres/skoll/about/Pages/AlexNicholls.aspx). Die Südwind-Studie: kirchengesteuert und –finaziert, und Südwind selbst ist auch noch eine Kircheneinrichtung – ist hingegen freilich sehr glaubwürdig. Die Nähe der Kirchen zu Fairtrade ist ja nun wahrlich kein Geheimnis. Und über die gestaltende Steuerungskraft und -macht der Kirchen, wenn es um die Sicherung eigener Interessen und Pfründe geht, müssen wir uns wohl nicht unterhalten. Das erleben wir nicht zuletzt in diesen Tagen mehr als ausreichend. Wie wär’s damit? Fairtrade ist der moderne Ablasshandel der Kirchen. Kaufet Fairtrade und ihr habt mit jeder erworbenen Packung eines fair gehandelten Produktes (bei Aldi, Lidl und Co.) eine Seele in Not gerettet. Sie sprechen es übrigens selbst an: „Je mehr er (der Faire Handel) sich Marktbedingungen unterwirft, desto mehr kannibalisiert er sich selbst.“ Genau, das ist doch das Hauptproblem, das wohl auch einige der Fairtrade-Gründerväter zur Verzweiflung treibt. Der Faire Handel war als alternativer Marktplatz gedacht – unter eben nicht marktoffenen Regeln. Nun will er aber auch ordentlich mitverdienen und biedert sich den Großen wie LIDL, ALDI, Nestle, Starbucks & Co an. Glauben Sie ernsthaft, da gäbe es für große Abschlüsse keine Nachlässe? Der Faire Handel hat sich in diesem Sinne übrigens selbst zum Kind des – wie Sie sagen – falschen Weltwirtschaftssystems gemacht. Fairtrade ist by-the-way überhaupt nicht gleich BIO, auch wenn zunehmend mehr und mehr Produkte doppelbesiegelt sind, was wohl zweifache Zertifizierungskosten (auch für die Bauern) bedeutet. Übrigens steht im Rainforest Alliance Standard eindeutig drin, dass GVO nicht zulässig sind. In Ihrem Buch zitieren Sie dazu eine, Achtung: Überraschung, Faire Quelle. Sie sollten sich mal mit Percy Schmeisers Fall (alternativer Nobelpreisträger und kanadischer Bio-Farmer) beschäftigen. Dann werden Sie verstehen, wie ein sauberer und zertifizierter Bio-Betrieb plötzlich gegen GVO-Verunreinigungen kämpfen muss und warum dann Maßnahmen notwendig werden, um solche Verunreinigungen nachhaltig wieder loszuwerden. Übrigens: Bei Fairtrade sind Pestizide auch zugelassen. Im berühmt-umstrittenen Bananenanbau übrigens heißt es ja immer: Herbizide seien bei Fairtrade verboten. Da hat mir ein BIO-Experte neulich erläutert, dass Fairtrade sehr wohl Chemikeulen im Bananenanbau zulässt, und zwar in Costa Rica, Kolumbien und der Dominikanischen Republik. Beim Tee soll sogar eines der übelsten Herbizide überhaupt zugelassen sein: Paraquat (in Indien und Sri Lanka). Freilich gibt es auch eine Reihe von Fairtrade-kritische Studien im Internet zu finden – auf diesen Punkt sind Sie in meinem Kommentar nicht eingegangen: Warum ziehen Sie die nicht offen in Betracht? Ein paar Tipps: Adam-Smith-Institute, London, oder George-Mason-University, Mercatus Center, Virginia. Wg. FSC: In einem Spiegel-Online-Kommentar vor einigen Monaten verwies ein mitkommentierender Leser, dass Greenpeace Holland dem SmartWood-Programm (Rainforest Alliance/FSC) die beste Bewertung unter den nachhaltigen Forstprogrammen gegeben hat, Greenpeace-Zitat aus dem Report: “top of the class“. Und warum arbeitet der WWF International eigentlich mit der Rainforest Alliance so eng zusammen (Indonesien/Sumatra), wenn die Rainforest Alliance tatsächlich so schlecht ist, wie Sie behaupten? Übrigens hat auch der WWF unlängst in der FAZ zum Besten gegeben, dass FSC Stand heute das beste System sei, um geprüft nachhaltig erzeugte Holz- und Papierprodukte einzukaufen. Natürlich hat jedes System seine Tücken (siehe Hinweise der Regenwald.org). Haben Sie FSC Bonn dazu mal befragt? Was sagen die denn dazu? Was bleibt nach all dem? Also wenn Sie diskutieren, dann bitte fair, mit nach allen Seiten gerichtetem Blick! Ich kann mich meinen Vorrednern in großen Teilen nur anschließen: Ich betrachte lieber das halb-volle Glas als das halb-leere.

#5.1.1.1 - Kathrin Hartmann 10.03.2010 12:56 - (Antwort)

In meinem Buch kritisiere ich ausführlich die Kooperation des fairen Handels mit dem Lebensmitteleinzelhandel und den Discountern. Und explizit erwähne ich: bio ist nicht fair und fair ist nicht bio. Ich habe nirgends behauptet, das Fairtrade käme ohne Pestizide aus. In mehreren Kapiteln kritisiere ich die Widersprüche, in die sich der Faire Handel verwickelt hat, seit er sich dem Massenmarkt öffnet. Also was? Und übrigens: Objektivität gibt es nirgendwo. In der Wissenschaft nicht, in der Wirtschaft nicht, in der Politik nicht, in der Kirche nicht und auch nicht im Journalismus. Natürlich vertritt Südwind ein anderes Interesse als Konzerne (die Wurzeln des fairen Handels sind kirchlich). Aber ganz bestimmt nicht das, durch den fairen Handel die Kirche reinzuwaschen. Bei aller Kirchenkritik, die im Moment angebracht ist, das ist doch ein bisschen sehr zynisch, oder? Übrigens ist gerade der WWF eben überhaupt nicht neutral, er gründet sich auf Konzern-Kooperation (Spenden pro Packung-Fischstäbchen für den Meeresschutz, Fliegen für den Regenwald usw., schauen Sie sich die Liste mal an) und unterstützt auch zweifelhafte Siegel wie das RSPO. Weiterhin habe ich nur erwähnt, dass FSC umstritten ist. Ein halbvolles Glas ist ein halbleeres Glas. Da spielt natürlich die eigene Auslegung eine Rolle. Angesichts der Tatsache, dass sich die Armut weltweit verschlimmert, dass noch nie so viele Lebensmittel produziert wurden und gleichzeitig so viel Menschen hungern wie noch nie, dass eine weiter Liberalisierung der Märkte zum Nachteil der Menschen und Vorteil der multinationalen Konzerne vorangetrieben wird: tut mir leid, das ist für mich kein Anlass, das halbleer Glas in ein halbvolles umzudeuten.

#6 - Jan 09.03.2010 09:42 - (Antwort)

Hallo Frau Hartmann, es ist doch völlig egal, wer schon alles bei Bertelsmann-Verlagen publiziert hat, das Argument kennen wir aus den Konzernen selbst "... es produzieren doch alle so, wenn wir es nicht tun, verlieren wir den Marktvorteil..." - wenn Sie selbst damit klar kommen, ok, dann kritisieren Sie sich aber auch massiv selbst über weite Strecken Ihres Buches. Insofern nehmen Sie auch aktiven Anteil am Greenwashing des Konzerns, sinngemäß kann ja Frau Mohn auch behaupten "... schaut doch, was wir für kritische Bücher veröffentlichen, das ist unser Beitrag und Ausgleich für ...." Und: ja, warum nicht die Arbeit an dem Buch als Überzeugung sehen - so machen es schließlich viele und nicht zuletzt die von Ihnen hochgehobenen Aktivisten. Oder werden die für ihren Protest bezahlt?

#7 - sandman 09.03.2010 18:54 - (Antwort)

Also, kann den meisten Postern nur zustimmen. Hartmann argumentiert entweder inkonsistent oder mit doppelbödigen Greenwashing. Man kann es sich aussuchen. Soweit ich es verstanden habe, geht es Hartmann um gesetzliche Regulierung, die in der Politik liegt wie Hartmann richtig schreibt. Nun, dann sollte sich eigentlich ihre Forderungen, Anregungen etc. pp. vorrangig an die Politik richten. Ob das dann aber zu einem Quotenbuch führt, wage ich zu bezweifeln. Ich glaube, dass Dein selbst ausgerufener Empörungsjournalismus nur wenig bringt. Und die angeführten Hinweise über FSC, Rain Forrest Alliance etc. sind schon lange in den von Dir kritisierten Medien publiziert worden. Ich glaube, Du machst Dir die Welt zu einfach.

#8 - Christian Neugebauer said:
09.03.2010 23:22 - (Antwort)

Sehr geehrte Frau Hartmann, ich möchte diese Kommentarfunktion gerne zur Richtigstellung nutzen. Sie zitieren in Ihrem Beitrag "Starbucks: alles andere als 100 Prozent fair!" unsere Schlagzeile sinnentstellend verkürzt folgend: "Nur mehr faire Bohne", statt diese richtig zu zitieren, nämlich: "Nur mehr faire Bohne in Europa". Damit wird der fälschliche und irreführende Eindruck von Ihnen erweckt, dass die GLOCALIST Medien berichtet hätten, STARBUCKS hätte weltweit fair gehandelten Kaffee eingeführt, was ja bekannter Weise nicht den Tatsachen entspricht und dies von den GLOCALIST Medien in keinster Weise behauptet worden ist. Ihre darauf aufgebaute monierende Schlussfolgerung hinsichtlich unserer Berichterstattung - "...die magische Ansage "100 Prozent" klingt so, als würde Starbucks nur noch fair gehandelten Kaffee verkaufen." (Zitat Hartmann) - entbehrt damit jeglicher Grundlage. Wir setzen bei unseren Leserinnen und Leser selbstverständlich voraus, dass diese Europa nicht mit der Welt gleichsetzen. Mit freundlichen und wertschätzenden Grüßen aus Berlin Christian Neugebauer

#8.1 - Kathrin Hartmann 10.03.2010 13:25 - (Antwort)

Lieber Herr Neugebauer, danke für den Hinweis, ich habe die Überschrift im Eintrag entsprechend geändert. Aber dennoch will ich anmerken: auch in Europa verkauft Starbucks nicht "nur mehr faire Bohne". Sie erwähnen zwar in ihrem Artikel, dass die espressobasierten Getränke fair gehandelt sind. Starbucks verkauft aber auch Spezialitätenkaffee – und davon ist bislang nur der Estima Blend fair gehandelt. Auch das Tochterunternehmen Seattle’s Best Coffee, der künftig bei Burger King ausschenken soll, hat nur zwei fair gehandelte Kaffees im Programm.

#8.1.1 - Christian Neugebauer said:
23.03.2010 15:23 - (Antwort)

Sehr geehrte Frau Hartmann, vielen Dank, dass Sie unserer Argumentation gefolgt sind und Ihren Beitrag richtig gestellt haben. Zu Ihren weiteren Ausführungen: Wie Sie richtig schreiben, haben wir korrekt über espressobasierten Kaffee geschrieben und NICHT über die Spezialitätenkaffees, die eben aus nicht "fairer" Bohne stammen, oder gar behauptet, dass alle Kaffeeangebote Starbucks in Europa aus "fairer" Bohne stammen. Danke daher für Ihre uns und unseren Leserinnen und Leser bekannte Zusatzinformation.

#8.1.1.1 - mela 08.01.2013 16:46 - (Antwort)

Sie werden aber zugeben, Herr Neugebauer, dass die Aussage "nur mehr faire Bohne in Europa" besagt, dass Starbucks eben ausschließlich faire Bohne verkauft. Auch der Satz zweite Satz aus Ihrem Artikel ist falsch: "Ab dem 2. März 2010 schenkt Starbucks in allen Kaffeehäusern in Deutschland und Europa ausschließlich 100 Prozent Fairtrade zertifizierte espressobasierte Getränke aus. " Das ist einfach falsch. Starbucks schenkt eben nicht ausschließlich fairtrade zertifizierte espressobasierte Getränke aus, sondern auch noch vieles andere. Unter anderem nicht-zertifizierte Kaffees.

#9 - Jan 10.03.2010 13:00 - (Antwort)

Schließem ich Dir an, Sandman. Was mich besonders stört ist unter anderem die Botschaft, die im Buch kommuniziert wird: Alles kritisieren, alles auseinandernehmen, später ein wenig relativieren (sinngemäß: bio und saisonal kaufen ist ja doch ok) aber in der Grundtendenz die Aussage haben: Ihr könnt machen, was ihr wollt, ihr verhaltet euch eh falsch! Konsequent sage ich dann: Wenn es eh egal ist, weil ich mich als Verbraucher nur falsch verhalten kann, dann gehe ich halt doch zum Discounter. Ist ja egal und bio hilft ja nicht. Nur ist damit wiederum keinem geholfen und das Buch bringt nix außer dem Konzern die Kasse zu füllen (muss ja auch jemand tun).


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