Ende der Märchenstunde - Wie die Industrie die Lohas und Lifestyle-Ökos vereinnahmt

Freitag, 12. März 2010

"Ende der Märchenstunde" im Fluter

Eine Besprechung meines Buchs gibt es heute auf fluter.de. Fluter ist das Magazin der Bundeszentrale für politische Bildung.



Kommentare

#1 - tanja höfling 22.04.2010 14:49 - (Antwort)

Wer sagt eingentlich, dass sich "die" LOHAS als bessere Menschen fühlen? Und ist jeder, der darauf achtet, was er konsumiert automatisch ein LOHAS? Heißt das, dass wir am besten jetzt bewusst unbewusst konsumieren sollen, um wieder bessere Menschen zu werden? Wie repräsentativ ist eine Studie? Ich würde gerne mal im Supermarkt hinter Ihnen stehen, um zusehen, was Sie selbst einkaufen. Wenn jeder die Unternehmen boykottieren würde, die ganz offensichtlich Menschen und Ressourcen ausbeuten, wäre die Welt nicht gerettet aber ein bisschen besser. Das hat auch mit Luxus nichts zu tun - Fastfood z. B. ist viel teurer als wenn man Gemüse und Obst nach Saison kauft. Ich weiss nicht, was schlecht daran sein soll, wenn jemand, bei dem was er tut, ein gutes Gefühl hat - z. B. auch dadurch, dass er Produkte auswählt die nicht durch Kinderarbeit entstanden sind oder quer über die Welt geschippert wurden. Von genmanipulierten Produkten, von denen niemand sagen kann, welche Wirkung sie auf uns und die Umwelt haben, ganz zu schweigen. Mit Sicherheit kann und muss noch viel mehr getan werden, als bewusst zu konsumieren. Doch die Motiviation überhaupt etwas zu tun, entsteht immer aus Emotionen heraus. Es gibt ein sehr schönes Zitat von Götz Werner: "Wer etwas will - der findet Wege, wer etwas nicht will - der findet Gründe". Wir sind im Moment in einem Stadium, in dem es um das Bewusstsein geht, dass noch mehr Wachstum und Reichtum unter wenigen auf Dauer nicht funktioniert. Und es geht darum, die ersten Schritte in eine andere Richtung zu tun. Bewusste, aufgeklärte Menschen stellen die Unternehmen vor neue Herausforderungen. Und das ist gut so.

#1.1 - Kathrin Hartmann 23.04.2010 11:05 - (Antwort)

Liebe Tanja Höfling, danke für Ihren Kommentar. Ich weiß nicht, ob Sie mein Buch gelesen haben, denn ich habe noch nie und nirgends behauptet, dass man ein bessere Mensch würde, wenn man bewusst unbewusst konsumiert. Was für ein Quatsch! Das gibt doch gar keinen Sinn! Meiner Meinung nach nutzt es aber gar nichts, zB. genauso viel Seefisch zu essen, wie eh und je, nur weil das umstrittene MSC-Siegel drauf klebt. Es nutzt auch nichts, sich das „Bio“-Putzmitel Terra Activ von Henkel zu kaufen, das aus Palmöl besteht, für dessen Gewinnung in großem Stil Regenwald gerodet wird (solches Palmöl ist sogar in Bioprodukten drin). Und selbst wenn jeder von uns aufgeklärten wohlhabenden Westeuropäern „böse“ Unternehmen boykottieren würde (was niemals passieren wird): es hätte kaum Auswirkungen, weil auf den gesättigten westlichen Märkten der Profit nur noch wenig zu steigern ist und die Konzerne deshalb in die so genannten „Emerging Markets“ investieren, also die Absatzmärkte in Schwellen- und Entwicklungsländern. Konzerne wie Nestlé, Danone und Unilever machen bis zu 30 Prozent des Umsatzes mittlerweile in solchen Ländern! Teils hochsubventioniert von der EU. Außerdem kann man nicht einzelne Probleme wie Kinderarbeit lösen in einem System, das auf Ausbeutung gründet: Kinder in Entwicklungsländern müssen nicht arbeiten, weil böse Konzerne sie zwingen – sondern die Liberalisierung des Weltmarktes (die von sämtliche Lobbyverbänden auch auf EU-Ebene forciert wird bei gleichzeitiger Bekenntnis zur „Verantwortung“) erlaubt es solchen Konzernen ja da zu produzieren, wo sie auf Umwelt- und Menschenrechte keine Rücksicht nehmen müssen. Das ist ihr Wettbewerbsvorteil. Unternehmen ändern sich nicht – sie machen es allenfalls ihren Kunden leicht, mit gutem Gewissen einzukaufen. Mehr nicht. Und von dem Nischenmarkt für öko-faire KLeidung profitieren leider nicht Millionen von Textilarbeitern in den Sweatshops, die für zweistellige Monatslohne sich halb tot arbeiten. Auf freiwilligen Verzicht kann aber man nicht setzen. Denn die allermeisten halten es mit dem letzten Teil des Götz-Werner-Zitats. Das belegen sogar mehrere Studie mit fast identischen Zahlen: zwischen 80 und 90 Prozent der Deutschen und wohlhabenden Europäer wissen, dass sie mir ihrem Konsum Teil der Probleme sind und dass eine Lebensstiländerung womöglich helfen würde. Aber drei Viertel geben jeweils an, dass sie nicht bereit sind, ihren Lebensstil zu ändern. Daz braucht man noch nicht mal Studien, dazu muss man nur mal samstag auf eine Fußgängerzonbe gehen oder im Supermarkt den Leuten in den Einkaufswagen zu schauien. Oder ihnen beim Jammern während der Flugpause zuhören: nicht mehr für 10 Euro nach malle fliegen! Untergang des Abendlandes! Und Entschuldigung: seit wie viel Jahrzehnten ist ethischer Konsum nun schon eine Thema? 30? 40? Gerade übrigens war ich einkaufen im kleinen Biomarkt ums Eck (keine Kette!). Ich habe den Laden ziemlich wütend wieder verlassen. Wissen Sie, was dort in den Regalen liegt? In Plastikfolie und -schale eingepackter Spinat aus Frankreich, obwohl hier Freilandsaison ist. Tomaten aus Israel, ein Land mit dramatischem Wassermangel, in dem der Anbau gerade von durstigen Pflanzen wie Tomaten katastrophale Umweltfolgen hat. „Frühkartoffeln“ aus Ägypten, die dort im Wüstensand wachsen, mit Grundwasser gegossen und mit aufbereitetem Geflügelmist (ja, das ist bei EU-Bio erlaubt) gedüngt werden. Erdbeeren aus Südspanien, wo es selbst auf den Biofeldern Ausbeutung und illegale Brunnen gibt. Und warum liegt dieses Zeug da? Weil es die Kunden wollen. Die neuen Biokunden nämlich wollen auf gar nichts verzichten, sondern genauso bequem einkaufen wie vorher. Das macht leider überhaupt nichts besser, sondern alles nur noch schlimmer.

#2 - tanja höfling 23.04.2010 15:00 - (Antwort)

Liebe Kathrin Hartmann, ich denke, wir sollten differenzieren. Wenn jemand sich als bewussten Konsumenten bezeichnet, sollte er auch Veränderungen ín seinem Leben anstreben. Davon gehe ich aus. Das mag nicht immer der Fall sein, da gebe ich Ihnen recht. Dass große Konzerne nur allzugerne auf den Bio-Zug aufspringen, ist auch klar. Wenn ich vom Konsum nachhaltig hergestellter Produkte spreche, dann rede ich von jenen Herstellern, die dem Kunden Transparenz bieten - vom Anbau über die Herstellungsbedingungen bis hin zum Vertrieb. Es gibt inzwischen eine Bewegung vieler junger kreativer Leute, die Wege suchen aus diesem reinen Wirtschaftsdenken auszusteigen. Das mag vielleicht eine kleine Randgruppe sein - aber einer muss ja schließlich mal anfangen. Und genau darum geht es. Zu sagen, "Unternehmen ändern sich nicht ..." ist finde ich nicht die richtige Haltung, um eine Veränderung, wie auch immer die aussehen mag, zu bewirken. Dass es auch Leute gibt, die sich gerne auf die Fahnen schreiben Gutes zu tun, nur weil sie Dinge kaufen, auf denen "Bio" steht - am besten noch bei Lidl - die aber trotzdem weiterhin fünf Mal im Jahr in den Urlaub fliegen, muss man wohl in Kauf nehmen. Die haben dann noch nicht wirklich kapiert, worum es geht. Und wenn es im "Bio" Laden Gemüse aus Spanien anstatt aus der Region gibt, kann ich mich ja immer noch entscheiden, woanders Regionales einzukaufen. Dafür bin ich ein selbständig denkender Mensch. Ich finde, Sie machen es sich etwas zu leicht, wenn Sie Kinderarbeit mit dem "System" begründen. Wann ändert sich denn etwas an vorherrschenden Systemen? Immer dann, wenn die Menschen - und zwar viele Menschen - die Zustände nicht mehr akzeptieren. Wenn Sie darauf warten wollen, dass Volksvertreter und Unternehmen freiwillig die Richtung ändern, können Sie lange warten. Das macht leider auch nichts besser. Ich habe übrigens nie behauptet, dass Sie gesagt oder geschrieben hätten, dass man ein besserer Mensch würde, wenn man bewusst unbewusst konsumiert. Es war lediglich eine Frage an Sie.

#2.1 - Kathrin Hartmann 23.04.2010 17:29 - (Antwort)

Ja, privat ist das sicher ein Unterschied, ob man verzichtet oder nur anders einkauft. Und sicher ist es vor allem ein Unterschied in der Haltung. Das ist nicht nur „nicht immer der Fall“, sondern so selten, dass es eben nicht im Geringsten ins Gewicht fällt. Dafür gibt es ungezählte Beispiele, die sich alle in meinem Buch finden. Ich beschäftige mich schon seit Jahren mit dem Thema Konsumverzicht und ethischer Konsum – im Übrigen zeitgleich mit der Umsetzung in meinem eigenen Leben. Und wissen Sie, was wirklich lustig ist? In den allermeisten Diskussionen mit Leuten, die glauben, dass der Konsument die Macht hätte und der ethische Konsum was bringt, war ich diejenige , die das am konsequentesten betreibt. Nach einem Nachhaltigkeitsseminar, zu dem ich als Referentin geladen war, ging ich mit knurrendem Magen ins Bett, weil es zu essen nur Fisch- und Wurstbrötchen gab. Bei einer Pressekonferenz zu einem Öko-Projekt wurden im April Südfrüchte gereicht und Nestlé-Kaffee ausgeschenkt. Noch immer schaue ich in fassungslose Gesichter (eben auch solcher Nachhaltigkeitsspezialisten) wenn ich sage, dass ich nur ausnahmsweise fliege und grundsätzlich nicht Inland. Ich fände es genauso schön wie Sie, wenn mehr Leute umdenken würden – aber dafür, dass das auch nur viele tun und danach handeln – dafür gibt es leider überhaupt keinen Beleg. Ganz im Gegenteil wächst der Konsum ausgerechnet in zB. den verheerenden Bereichen Fleisch, Fisch, Fliegen und Individualverkehr sogar weiter, und zwar weltweit. Während auch der Bio-Boom nur eine winzige Nische ist: 3,5% vom Gesamtlebensmittelmarkt! Und noch dazu ist es nicht so, dass der Bio-Boom der deutschen Bio-Landwirtschaft etwas gebracht hätte, im Gegenteil: die Anbaufläche stagniert bei 5,3 Prozent. Ich wünsche mir dringend eine Landwirtschaft, die nicht auf Ausbeutung, Ressourcenverschwendung, Tierquälerei und Umweltzerstörung gründet. Nur die muss politisch und gesellschaftlich gewollt sein – die Nachfrage alleine hat nämlich leider im Gegenteil den Öko-Gedanken dem Markts unterworfen. Seit dem Bio-Boom kauft der Einzelhandel aber auch der Naturkostfachhandel Gemüse (auch zur Saison!) und Obst im billigeren Ausland ein, wo es unter teils katastrophalen Bedingungen angebaut wird. Demokratie an der Einkaufskasse heißt: wer zahlt bestimmt. Und momentan tun das nicht nur diejenigen, die Geiz geil finden – sondern auch die, deren Bio-Rind in Brasililien auf gerodetem Regenwaldboden gehalten wird. An weiteres Bio-Wachstum (mittlerweile einstellig) glaubt nicht mal die Branche. Und währenddessen wird in Brüssel gerade über eine noch krassere zerstörerische Landwirtschaft beraten (mit Hochleistungskühen und Überproduktion zwecks Export) – unter dem Einfluss der Lobbyisten, die davon profitieren. Traurig, nicht? Und noch trauriger, dass nur 40 Prozent der Deutschen bei der Europawahl ihre Stimme abgegeben haben. Ich glaube übrigens, dass es sogar sehr viele gibt, die sich eine andere Welt und Wirtschaft wünschen und eine andere Politik – und viel wichtiger finde ich, diese Leute zusammen zu bringen (die ohnehin schon wenig konsumieren, weil sie ihrer Überzeugung Folge leisten) zu politischen Widerstand, zu organisiertem Willen, zum Protest, als zu versuchen, Ignoranten von einem anderen Lebensstil zu überzeugen. Das wird nicht gelingen. Noch ein Beispiel: der fairer Handel ist gute 40 Jahre alt, nach einer Transfair-Umfrage wissen mehr als die Hälfte der Deutschen, was das Siegel bedeutet und dass das unterstützenswert ist. Warum nur liegt dann der Marktanteil fairer Produkte in Deutschland – trotz Boom!!! – bei zwischen ein und zwei Prozent? Nach 40 Jahren? Sollte fairer Kaffee nicht selbstverständlich sein? Unternehmen – und ich spreche von großen, v.a. multinationalen Unternehmen – ändern sich nur dann, wenn sie per Gesetz dazu verpflichtet werden. Alles andere ist Imagepflege. Das ist leider Tatsache. Gesellschaftliche, wirtschaftliche oder politische Änderungen sind noch nie und nirgends auf der Welt dadurch entstanden, das Leute anders oder weniger eingekauft hätten. Veränderungen werden erkämpft, nicht erkauft. Was ist denn Kinderarbeit anderes als im System begründet? Eine bewusste Konsumentenentscheidung etwa? Das würde bedeuten, dass jeder, der in einem normalen oder billigen Kleiderladen geht, Ausbeutung gut findet und willentlich unterstützt. Glauben Sie das im Ernst? Es gab ja schon viele Versuche, Kinderarbeit als solche zu beenden. Es ging immer noch hinten los: in den 90ern etwa haben amerikanische Textilfirmen auf Konsumentendruck (!) hin ihre Zulieferbetriebe angewiesen, alle Kinder unter 15 zu entlassen. Ein Jahr später arbeiteten 70 Prozent der Kinder einfach in anderen Fabriken zu noch schlechteren Konditionen – und 10 Prozent der Mädchen in der Prostitution. Aktuell zeigt eine Südwindstudie, dass sich die Verhältnisse der Kakaobauern auf der Südhalbkugel extrem verschlechtert hat, seit auf Anweisung von Nestlé, Kraft, Mars, Ferrero usw. Kinder nicht mehr mitarbeiten dürfen. Die Unternehmen zahlen deswegen ja auch keine anständigeren Preise, die Bauern haben weniger Erträge und noch weniger Geld. Ja klar kann man sich entscheiden, woanders einzukaufen, wenn die gewünschte Ethik nicht im Supermarktregal liegt. Glauben sie wirklich, dass das Leute machen? Zwischen Feierabend und Ladenschluss nochmal sich die Hacken ablaufen, um Bio-Freiland-Spinat aus der region zu bekommen? Ist das nicht ein bisschen sehr simpel und naiv? Und wenn es wirklich so viel „mündige Verbraucher“ gibt - warum liegt das Zeug dann in den Regalen, zumal im Bio-Markt? Ich finde, man macht es sich extrem leicht, es dem Einzelnen in die Schuhe zu schieben und zu denken, dass eine Änderung möglich wäre, wenn nur alle anders einkaufen. Ich weiß nicht, wie Sie drauf kommen – aber nein, ich schlage nicht vor, dass man warten soll, bis sich Unternehmen oder Volksvertreter freiwillig ändern – was ist denn das für eine Auffassung von Demokratie? Ich hoffe, dass die Menschen ihr Bewusstsein nicht einfach gelegentlich und wenn es grad passt in den Supermarkt tragen – sondern in die Öffentlichkeit und in die Politik. Denn ändern können nur Bürger was, nicht Konsumenten.


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