Ende der Märchenstunde - Wie die Industrie die Lohas und Lifestyle-Ökos vereinnahmt

Montag, 19. November 2012

Khorshed Alam gestorben

Es ist erschütternd, dass der neue Eintrag in diesem Blog schon wieder ein Nachruf sein muss. Denn schon wieder haben mich entsetzliche Nachrichten aus Bangladesch erreicht: Khorshed Alam, der Arbeitsforscher, Aktivist und Kämpfer für die Rechte der Textilarbeiterinnen, ist vor zwei Tagen völlig unerwartet im Alter von 46 in einem Krankenhaus in Dhaka gestorben. Eine Kieferoperation hatte zu einer sich rasch ausbreitenden Entzündung geführt, die sein Herz zum Stillstand brachte.

Khorshed Alam, Gründer des Alternative Movement for Resources and Freedom Society war ein unverzichtbarer Partner und Unterstützer der internationalen NGO wie etwa der Kampagne Saubere Kleidung oder die britischen NGO War on Want, die gegen die verheerenden Bedingungen in den Sweatshops Bangladeschs kämpfen. Die Aufdeckung von Missständen und Skandalen in den dortigen Fabriken wäre ohne ihn kaum möglich gewesen, Khorshed verfasste zahlreiche Untersuchungen zu den verheerenden Arbeitsbedingungen und der Beteiligung transnationaler Konzerne am Elend der Näherinnen - zuletzt etwa die Studie Race to the Bottom anlässlich der Olympiade in London. Auch war es Khorshed, mit dessen Hilfe Lidl medienwirksam des unlauteren Wettbewerbs angeklagt werden konnte: der Discounter hatte in einem Prospekt behauptet, dass die Textilien sozialverträglich produziert worden seien - das Gegenteil war der Fall, wie Khorshed ein weiteres Mal herausgefunden hatte. Khorshed war, aller Widerstände und harter Gegner zum Trotz, ein unermüdlicher Kämpfer für Gerechtigkeit. Er war es auch, der dafür sorgte, dass die Menschen- und Arbeitsrechtsverletzungen, die jeden Tag und jede Sekunde in den Sweatshops Bangladeshs geschehen, in die Weltöffentlichkeit gelangten, denn er war ein wichtiger Ansprechpartner  für die Medien. Er stellte Kontakte zu ausgebeuteten und geschundenen Näherinnen her und schleuste Journalisten in Sweatshops. Die vielbeachtete NDR-Reportage "Die Kik-Story" etwa hätte es ohne seine Hilfe nicht gegeben.

Auch ich habe Khorshed in Bangladesch kennen lernen dürfen. Auch meine Recherchen hat Khorshed unterstützt, wo er nur konnte. Er war einer der tollsten, klügsten, herzlichsten, verbindlichsten und hilfsbereitesten Menschen, denen ich auf meiner Reise begegnet bin. Sein Büro war ein wunderbarer, heiterer und warmer Ort, an dem ich interessante Menschen traf, tolle Gespräche führte und, trotz voller Schreibtische und nie enden wollender Arbeit, immer herzlich willkommen war. Ich habe die Zeit dort sehr genossen und ich hatte mich darauf gefreut, Khorshed dort wiederzutreffen. Dass dies nie mehr passieren wird, das macht mich sehr traurig.
Mein Beileid gilt seiner Familie, seinen Freunden, den NGO, mit denen er arbeitete - und den Millionen Textilarbeiterinnen und -arbeitern Bangladeschs und ihren Familien, die einen unendlich mutigen und leidenschaftlichen Kämpfer verloren haben.

Montag, 8. Oktober 2012

Landlosen-Aktivist Abdul Karim in Bangladesch ermordet

Abdul Karim, in Armut geboren, kämpfte für die Landrechte der Armen in Kurigram. In dieser Region im Nordosten Bangladeschs, die zu den ärmsten des Landes gehört, besetzen Kleinbauern um Abdul Karim unter Führung der Krishok Federations seit 2004 Brachland auf einer ehemaligen Bahnlinie, die die britischen Kolonialherren 1947 verlassen hatten. Das besetzte Land ist seit acht Jahren Lebensgrundlage und Heimat für 3000 Landlosen-Familien. Zuvor hatte Abdul Karim Protestmärsche organisiert und in Briefen die lokalen Behörden vergeblich dazu aufgefordert, das freistehende Land an die Landlosen zu verteilen. Jetzt erreichten mich entsetzliche Nachrichten von der bangladeschischen Kleinbauernbewegung Krishok Federation and Kishani Sabha (BKFS): Karim Abdul, BKFS-Präsident in Bhurungamari und Mitglied des BKFS-Zentralkomitees wurde am Samstag ermordet. Addur Rahim, ein Vertreter lokaler Eliten, die Interesse an jenem Boden haben, tötete Abdul Karim, als der Landkonflikt eskalierte.

Ich habe Abdul Karim bei meiner Reise nach Bangladesch im vergangenen Jahr kennen lernen dürfen und war beeindruckt von einem klugen, inspirierenden, warmherzigen und mutigen Mann und seinem Kampf für Gerechtigkeit. Er und seine Familie waren mir großzügige und herzliche Gastgeber. In seinem Dorf Joymonirhat, das ich in meinem Buch beschreibe, haben Sie ihr Essen mit mir geteilt und ich durfte in ihrer Hütte schlafen. Die Zeit mit ihnen werde ich nie vergessen. Meine aufrichtige Anteilnahme gilt seiner Familie, seinen ungezählten Freunden und der Krishok Federation and Kishani Saba.

Von Links: Abdul Karim, ich und Badrul Alam in Joymonirhat

Von Links: Abdul Karim, ich, Badrul Alam

"Karim is survived by his wife and three children, along with lots of relatives and colleagues. He came from a very poor yet simple family. His struggle for the interest of the exploited people in our society will remain with us. We are extremely shocked of his killing, who was our comrade in the tough struggle for a genuine agrarian reform and food sovereignty in Bangladesh. We will remember him forever and his death will inspire us more to continue our struggle. Although he is not alive physically his work will be remembered among us for ever and inspired the people in the world who are fighting for the land rights, food sovereignty and their very existence. We expect that the people who are engaged with his sincere work will translate the condolence into power for the benefit of the common people. And may his bereaved family have much strength to carry the sudden blow on them."
Aus dem Nachruf von Badrul Alam, Präsident der BKFS

Abdul Karim vor seinem Haus in Joymonirhat


Donnerstag, 13. September 2012

Stanford-Anti-Bio-Studie: Propaganda für Agro-Konzerne

Schon erstaunlich, wie die einschlägige Journaille überschnappt vor Glück, wenn sie, gefühlt einmal im Jahr, verkünden darf: "Bio ist gar nicht gesünder!" Ätschbätsch! Der Vorwurf, Bio habe nicht mehr Nährstoffe als konventionelles Obst und Gemüse, ist so alt wie dumm, schon seit Jahren trompeten die Anti-Bio-Propagandisten und Achse-des-Guten-Provokateure Dirk Maxeiner und Michael Miersch diese scheinbar "unbequeme Wahrheit" in die Welt. Aktuell sorgt aber eine haarsträubende Studie der US-amerikanischen Elite-Universität Stanford mit exakt dieser Botschaft für Aufsehen in den Mainstream-Medien. Großdenker des Springer-Blatts "Die Welt" erklärten Bio gar zum "kulturellen Placebo". Dabei ist völlig klar: Ein Bio-Apfel hat nicht mehr Vitamine oder Mineralstoffe, es ist ja immer noch ein Apfel. Bio ist gesünder für Mensch und Welt, weil es keine Gentechnik enthält, keine Pestizide und keine Antibiotika. Pestizide und Mineraldünger vergiften Böden und Wasser, zerstören die Biodiversität und tragen zum Klimawandel bei. 40 000 Menschen sterben jedes Jahr an Pestizidvergiftung. Gerne führen Bio-Kritiker (so auch die Wissenschaftler von Stanford) an, dass die Pestizidrückstände auf Obst und Gemüse rückläufig seien. Stimmt. Doch dafür hat die Mehrfachbelastung zugenommen: um gesetzliche Grenzwerte zu unterschreiten, setzen Hersteller viele verschiedene Wirkstoffe ein. Welche Wirkung diese Giftcocktails haben weiß kein Mensch.

Was treibt also Stanford-Wissenschaftler an, derartige Propaganda in die Welt zu setzen und den positiven Einfluss von Bio herunterzuspielen? Anders gefragt: wer könnte Interesse daran haben, den Ruf von Bio mittels der Forschung einer Universität mit Weltruf zu diskreditieren?
Stanford ist die reichste Universität der Welt, sie steht an der Spitze der Fundraising-Aktivitäten US-amerikanischer Universitäten. Allein in der fünfjährigen Kampagne "The Stanford Challenge" hat die kalifornische Elite-Uni 6,2 Milliarden Dollar Spenden eingesammelt. Diese Spenden stammen auch aus der Industrie oder von industrienahen Stiftungen. Stanford ist mit der Industrie eng verbandelt. Besonders innig verbunden ist Stanford mit dem umstrittenen Agrar-Konzern Cargill, weltgrößter Getriedehändler, Gentechnik-Befüworter (Cargill arbeitete mit Monsanto am umstrittenen Gen-Mais), Großimporteur von Futtersoja aus Brasilien und Palmöl aus Sumatra. Seit 25 Jahren ist Cargill Partner der Universität und hat während der vergangen zehn Jahre mindestens fünf Millionen US-Dollar an das Standford Center of Food Security and Environment Program (FSE) gespendet. Das FSE gehört zum (konzern-)spendenfinanzierten Freeman Spogli Institute for International Studies at Stanford Universtity (FSI), zu dem auch das Center for Health Policy gehört, das die Bio-Studie durchgeführt hat. Die Bill & Melinda Gates-Stiftung, die sich für konventionelle Landwirtschaft und Gentechnik stark macht und in die Konzerne Monsanto und Cargill investiert, unterstützt ein Programm des FSE und steht als Spender auf der FSI-Liste (Kategorie 5 Millione US-Dollar und mehr). Darüber hinaus gehört Jeffrey Raikes, CEO der Bill & Melinda Gates-Stiftung zum Board of Trustees der Stanford University. George H. Post wiederum, angehöriger des Board of Directors von Monsanto, ist "Distinguished Fellow" im Stanford-Thinktank "Hoover Institution", das großen Einfluss auf die US-amerikanische Politik hat.

Warum eigentlich schreiben Mainstreammedien (die wenigen kritischen Stimmen zur Bio-Studie einmal ausgenommen) einfach nur noch krawallige Pressemitteilungen ab, anstatt hergottnochmal ihren Job zu machen und Hintergründe zu recherchieren?
In den USA haben sich zumindest konzernkritische Blogs des Themas angenommen. Mike Adams (naturalnews.com) und Anthony Gucciardi (naturalsociety.com), die die ganze Stanford-Studie als "scientific hoax" bezeichnen, haben dabei sogar noch viel unglaublicheres herausgefunden: nämlich dass Ingram Olkin, emeritierter Standford-Professor für Statistik und Co-Autor der Bio-Studie, in den 70er-Jahren wohlwollende Statistiken für die Tabak-Industrie (ua. Philipp Morris) erstellt haben soll, die nahe legen sollten, dass Rauchen gar nicht ungesund ist. Wahrscheinlich sogar viel gesünder viel als Bio!

Mittwoch, 12. September 2012

Regierung zensiert Greenwashing-Kritik

Man ist ja einiges gewohnt von unserer korrupt-konzernfreundlichen Bundesregierung. Insbesondere, wenn Entwicklungsminister Dirk Niebels lustiger Industrie-Förderverein, der sich offiziell Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) nennt, im Spiel ist. Schließlich liegen dem BMZ die wirtschaftlichen Interessen deutscher Unternehmen meist mehr am Herzen, als die Armutsbekämpfung in Entwicklungsländern. Dass das BMZ nun aber so weit geht, Greenwashing-Kritiker zu zensieren, ist neu - und eben geschehen beim Südlink-Dossier des Netzwerks INKOTA, unter anderem Mitglied bei der Kampagne Saubere Kleidung (CCC), Attac, VENRO und Supermarkt-Initiative. Die aktuelle Ausgabe des Magazins beschäftigt sich mit Unternehmensverantwortung (CSR). Doch zwei Seiten darin sind unbedruckt geblieben. Der Grund: das BMZ bezuschusst das Magazin (!) - unter der Bedingung (!!), dass ihm diese vor Veröffentlichung zur Prüfung vorgelegt wird (!!!). Und siehe da: in dieser Ausgabe passte dem BMZ der Artikel "Virtuose Ablenkmannöver" über Greenwashing der Südlink-Redakteurin Christina Felschen nicht. Denn er würde "Unternehmen einseitig kritisieren und an den Pranger stellen"

Felschen kritisiert darin den brasilianischen Bergbaukonzern Vale, dem ungezählte Menschrechtsverletzungen und Umweltvergehen vorgeworfen werden - aktuell beim Bau des Belo-Monte-Staudamms. Auch der Surfhersteller Quicksilver, der zwar für hübsche Schildkrötenprojekte spendet, aber nichts unternimmt gegen die verheerenden Arbeitsbedingungen in den Zulieferfabriken, kommt darin vor. Selbst das Vorzeige-Unternehmen DM, Liebling aller CSR-Fans, bekommt sein Fett weg - schließlich enthält ein Großteil der Produkte Palmöl. Die Vernichtung des Regenwaldes zugunsten von Ölpalmen gehört zu den schlimmsten menschengemachten Umweltkatastrophen der Welt, Vertreibung bis Mord inklusive.

Den Artikel von Christiane Felschen kann man online nachlesen, er liegt außerdem dem Südlink als extra Papier bei.

Wenn daran etwas einseitig ist, dann die strikte Weigerung der Konzerne, an den profitbringenden und schädlichen Produktionsbedingungen und Einkaufspraktiken auch nur irgendetwas relevantes zu ändern. Ändern können das nur Gesetze und Regulierungen, nicht aber freiwilliges Engagement der Konzerne. Ein guter erster Schritt wäre da etwa die Transparenz-Richtlinie der EU: die soll Konzerne dazu verpflichten, regelmäßig über die Auswirkung ihrer Tätigkeit auf Mensch und Umwelt in der gesamten Lieferkette zu berichten. Dazu gehören auch Hungerlöhne, Gewerkschaftsbehinderung, Arbeitssicherheit, Umweltvergehen, Rohstoffbeschaffung, die Zahlung von Steuern in Herstellerländern, Korruption und so weiter. All das würde dadurch öffentlich und die Unternehmen könnten dafür zur Verantwortung gezogen und bestraft werden. Und wer sträubte sich dagegen? Der Bund der deutschen Industrie (BDI), schon klar - aber schlimmer noch: die Deutsche Bundesregierung.

"Die Bundesregierung spricht sich ausdrücklich gegen neue gesetzliche Berichtspflichten zu sozialen und ökologischen Informationen im Rahmen von CSR aus". Federführend bei der Blockade: das Arbeitsministerium unter Ursula von der Leyen. Involviert: BMZ und Wirtschaftsministerium.

Jetzt aber lobt die Bundesregierung, die ja in Wahrheit verhindern will, dass Umwelt- und Menschrechtsverbrechen ein Ende bereitet werden könnte, einen CSR-Preis aus. Schirmherrin: Arbeitsministerin Ursula von der Leyen. Initiiert wird die Sause vom CSR-Forum, das so illustre Mitglieder hat wie BASF, BDI,  Bertelsmann Stiftung und die Otto Group. Dass Deutschland zugunsten der Wirtschaft wiederholt sinnvolle Vorschläge der EU blockiert, zum Beispiel die EU-Agrarreform für mehr Ökologie in der Landwirtschaft, ist das eine. Das andere ist, dass die Regierung zur Vertuschung und zum Volks-Beschiss zum selben Mittel greift, wie die von ihr beschützten Konzerne: nämlich Greenwashing.

Mittwoch, 11. Juli 2012

Jetzt in Enorm: Adidas im "Hartmann!"-Interview

Was waren das für große Worte, als Adidas der Welt verkündete, mit Unterstützung von Friedensnobelpreisträger Muhammad Yunus in Bangladesch in einem "Social Business" den "Turnschuh für die Armen" herstellen zu wollen - nämlich den berühmten "One Dollar Trainer" (der aber gar kein Turnschuh ist, sondern bloß eine Schlappe). "Niemand soll mehr barfuß laufen in Bangladesch" verkündete Yunus, der Messias des Kapitals. Mit großer Begeisterung haben die Medien über den Weltkonzern berichtet, der ein Schlappe herstellen und für rund einen Dollar an die Armen in Bangladesch verkaufen wollte. Sogar der Kinderfunk warb bei den Kleinsten für die Idee.  Daraus wird nichts, denn - Riesenüberraschung - die Herstellungskosten sind Adidas zu hoch (dabei lagen sie bei nur drei Dollar pro Paar!). Dass Adidas mit seinem "Social" Business in Bangladesch gescheitert ist, fand allerdings kein Echo in den Medien - schlechte Nachrichten aus der Weltretter-Wirtschaft machen sich halt leider nicht so gut.

Dabei ist die Idee ja grundsätzlich fragwürdig: Wie sollen sich Arme einen solchen Schuh leisten können, die kaum Geld für Essen haben? Und was ist sozial daran, den Abertausenden Schuhmachern Bangladeschs, die in bitterer Armut leben, auch noch Konkurrenz zu machen?  
In Bangladesch leben 70 Millionen Menschen, beinahe die Hälfte der Bevölkerung, unter der Armutsgrenze. In einem Land, wo der staatliche Mindestlohn in den Fabriken 3000 Taka  beträgt (= 35 US-Dollar), ist ein "One Dollar Trainer" genauso teuer wie ein teurer Turnschuh bei uns.
Adidas ließ den Schlappen, der in Bangladesch nur testweise verkauft wurde, in seinen Zulieferfabriken in Indonesien herstellen - unter welchen Bedingungen und zu welchem Lohn, bleibt unbekannt. Bekannt ist nur, dass die Kampagne Saubere Kleidung und die Christliche Initiative Romero Adidas schon seit vielen Jahren wegen der verheerenden Arbeitsbedingungen in den Fabriken in Indonesien und El Salvador kritisieren. Kurz vor den beiden Sportgroßereignissen Fußball-EM und Olympia, die Adidas einen Milliardenumsatz bescheren dürften, wurden zwei neue Untersuchungen veröffentlicht: Die Studien "Fair Games?" der Kampagne Play Fair sowie "Race to the bottom" der britischen NGO War on Want berichten über Hungerlöhne unter der Armutsgrenze, Überstunden, Gewerkschaftsbehinderung und Diskriminierung.


Ein Turnschuh für Arme, der von anderen Armen im Sweatshop genäht wird? Zynisch, aber logisch. Adidas konnte 2011 Rekordgewinne verbuchen: der Umsatz wuchs um elf Prozent auf 13,3 Milliarden Euro, bis 2015 möchte der Konzern 17 Milliarden Euro umsetzen. So viel Umsatz macht man nur, wenn man für die Herstellung fast nichts bezahlen muss - und Produkte trotzdem teuer verkaufen kann.
Und auch bei "Social" Business geht es nicht um existenzsichernde Löhne und die Abschaffung der Armut. Daran könnte nun wirklich kein Konzern Interesse haben. Armut macht erpressbar - und nur wer erpressbar ist, den kann man ausbeuten und ausnehmen bis aufs Letzte.

Sondern, wie Andreas Henke im Enorm-Interview mit mir sagt: "Es geht darum, ein Produkt zu entwickeln, das auch von den Ärmsten nachgefragt werden kann."
Etwas weniger gediegen ausgedrückt: es geht darum, dass Arme das Geld, das kaum zum Überleben reicht, auch noch für Markenmist ausgeben. Die ökonomische Verwertbarkeit der Ärmsten ist gleich ein dreifach profitables Geschäft für die Konzerne: sie erobern einen neuen Absatzmarkt in armen Ländern (die Kaufkraft der Ärmsten am Botton of the Pyramide beträgt angeblich weltweit 5 Billionen US-Dollar), sie pflegen ihr soziales Image im reichen Westen - und die Armen bleiben arm genug, um sich als Sklaven der westlichen Welt in den Zulieferfabriken für Hungerlöhne halb tot malochen zu müssen. Deswegen ist "Social" Business mit Muhammad Yunus, Befürworter neoliberaler Entwicklungshilfe, für große Konzerne so interessant. Und deswegen gibt Adidas den Plan auch nicht auf - sondern will den Ein-Dollar-Schuh jetzt in Indien herstellen und verkaufen.

Also nochmal: was ist daran sozial?

Dazu sagte mir Adidas CSR-Chef Andreas Henke im Enorm-Interview diesen schönen Satz: "Social Business kann auch bedeuten, dass man den Menschen vor Ort die Fertigkeiten der Schuhherstellung vermittelt." Momentan mal - den Leuten in armen Ländern das Schuhe machen beibringen? Abgesehen davon, dass die Menschheit die "Fertigkeiten der Schuherstellung" bereits in der Steinzeit beherrschte: Sind es nicht gerade die Menschen in armen Ländern, die ganz besonders gut Schuhe nähen können? Nämlich für Adidas & Co in den Zulieferfabriken? Das einzige aber, was sie wirklich nicht können, ist: davon leben.

Weiterlesen zu Social Business in Bangladesch: Im Buch "Mythos CSR. Unternehmensverantwortung und Regulierungslücken", herausgegeben von Gisela Burckhardt, habe ich einen Text dazu geschrieben (S. 173 bis 178). Eine ausführliche Reportage vor Ort in Bangladesch steht in meinem neuen Buch "Wir müssen leider draußen bleiben. Die neue Armut in der Konsumgesellschaft".



Donnerstag, 16. Februar 2012

Fleisch essen für's Karma - eine Gute-Schlacht-Geschichte

"Wer auf anonymes Massenfleisch verzichtet und stattdessen nur ab und zu Fleisch mit Gesicht von glücklichen Schweinen kauft, der bringt gutes Karma für sich, die Tiere und den Rest der Welt."

So steht das auf der Internetseite Meine kleine Farm, dem Online-Schlachthaus für Lifestyle-Ökos (Motto: "Wir geben Fleisch ein Gesicht"). Ich stelle hier mal die kühne Behauptung auf, dass Schweine auf gutes Karma scheißen, sofern es bedeutet, dass sie dafür abgestochen und zu Wurst vermatscht werden, ja, selbst wenn die dann als "Meat on a Mission" verkauft wird. Der Schnitzelfresser 2.0 kann sich aus einer Fotogalerie auf dieser Seite aussuchen, welchem der dort abgebildeten Schweine als nächstes der Garaus gemacht werden soll. Schlachten per Mausklick! Das ist für den natursehnsüchtigen Großstadt-Lohas bestimmt ein noch viel authentischeres Gefühl als nur den Basilikumtopf in der Designer-Küche zu gießen.

Das Tötungs-Casting klingt jedenfalls so:

"Deutschland sucht das Superschwein 2. Über den neuen Online-Shop kannst Du schon jetzt leckere Wurst von Schwein 2 vorbestellen (...). Aber noch ist gar nicht klar, welches Schwein sein Gesicht für die nächste Wurst hergeben soll. Deshalb kannst Du aus einem von fünf Schweinen wählen (die aber ohnehin alle geschlachtet werden)."

Zynisch? Ach wo! Sowas nennt man heute "unideologisch". Der Wurstverkäufer Dennis Buchmann, so heißt es in einem begeisterten Report bei Spiegel Online, "ermöglicht seinen Käufern ökologischen Konsum ohne das Pathos der völligen Korrektheit." Denn schließlich soll das Ganze, "BeWurstsein schaffen" und den "Respekt" vor dem Tier fördern, wenn man ihm "in die Augen sehen", es in Videos ein Leben lang (im Falle der Schweine: acht bis neun Monate) begleiten und in Gute-Schlacht-Geschichten schließlich lesen kann, wie schön ruhig, ja praktischfreiwillig, es für den Brotaufstrich gestorben ist:

"Bernd (der Bauer, Anm.) erzählt später, dass Schwein 1 ein wirklich unbeschwertes, ein wirklich glückliches Schwein gewesen sein muss: 'Es ist gleich zum Anhänger gelaufen und von ganz alleine eingestiegen'. (...) Auch dort (auf dem Schlachthof, Anm.) war Schwein 1 'sehr entspannt', wie Bernd berichtet. Es hat ein wenig rumgeschnüffelt, sich hingelegt und sich ruhig abduschen lassen. "Nicht ein Grunzen oder Quieken", sagt Bernd. Und dann hat der Schlachter die Stromzange angesetzt und Schwein 1 unter Hochspannung betäubt."

Genau. Und wenn es nicht gestorben wäre, lebte es noch heute.

Wenn ich also dem Tier in die Augen schaue und ein Bewusstsein dafür bekomme, dass da ein Lebewesen vor mir steht, dem ich auch noch solche Gefühle wie "Glück" zugestehe (womit Lebenswille, Bewusstsein und die Fähigkeit zu Trauer untrennbar verbunden wären) und TROTZDEM bestimme, dass es geschlachtet wird - was genau ist daran jetzt gut fürs Karma? Das ich mich ganz bewusst fürs Töten entschieden habe? Ist das nicht genauso scheinheilig, wie im Supermarkt zum anonymen Fleisch zu greifen, weil man die Wahrheit dahinter nicht wissen will? Und was ist das denn für Moral, nach der das Tier nur deshalb als Individuum ("Wurst mit Gesicht") anerkannt wird, damit man es guten Gewissens umbringen darf? Dass es nicht für sich selbst glücklich sein soll, sondern nur für's Karma des Wurstkäufers? Ist das als das "BeWurstsein"?

Diese "neue Kultur zwischen Tier und Mensch", bei dem der Mensch archaisch wie eh und je der Schlachter und das Tier die Wurst bleibt, nennt Spiegel Online "Postvegetarismus". Das bedeutet zwar nichts anderes als weiter (oder wieder) Schnitzel zu mampfen - aber so schön intellektuell verbrämt gerät auch noch der barbarische Akt des Schlachtens zur Philosophie. Irgendwie dachte ich ja immer, Respekt fängt damit an, jemand anders nicht abstechen zu wollen. Aber vielleicht muss man ja auch erst selber ein paar Tonnen Altöl in den nächstgelegenen Bach schütten, um ein Bewusstsein für Umweltzerstörung und Respekt vor der Natur zu bekommen.


PS: Bezeichnenderweise fehlen auf der Seite die Bilder, die zeigen, wie aus dem Tier Wurst wird:"Aus verschiedenen Gründen (Respekt vorm Schwein beim Sterben, Jugendschutz, Krassheit) stelle ich die Fotos von der Schlachtung hier nicht öffentlich aus." Krass? Womöglich so krass, dass sie beim Anblick Entsetzen auslösen und den Appetit auf Wurst verderben würden? Das kann ja nun wirklich keiner wollen!

Montag, 13. Februar 2012

Jetzt neu bei Facebook!

Nur noch 28 Mal schlafen, dann erscheint mein neues Buch "Wir müssen leider draußen bleiben. Die neue Armut in der Konsumgesellschaft" (Blessing). Aus diesem Anlass hab ich mir eine schöne Seite bei Facebook eingerichtet - mit Fotos, Terminen und pipapo. Mir gefällt das. Und euch?

Donnerstag, 26. Januar 2012

Eine kleine Fairtrade-Anekdote...

... die ich hier doch noch zum Besten geben muss: gerade habe ich zwei Päckchen voll korrekten mexikanischen Rebellen-Kaffee erhalten, die ich online bestellt habe. Geliefert wurde mir das Paket ausgerechnet von DPD - einem Paketzusteller mit miesen Arbeitsbedingungen und katastrophalen Löhnen für Kurierfahrer. Das bringt jetzt meine Hauptthese ziemlich genau auf den Punkt: Es gibt kein richtiges Einkaufen im falschen Weltwirtschaftssytem. Denn unsere Konsumgesellschaft ist ohne Ausbeutung und Armut schlicht nicht denkbar. Und Ausbeutung gibt es nicht in gut.

Montag, 16. Januar 2012

Die Wahrheit hinter Fairtrade

Fairtrade dient eher den Händlern als den Kleinbauern im Süden. Richtig Profit mit gutem Gewissen machen die Supermärkte - während die Fairtrade-Bauern von ihrem Lohn gerade einmal leben können. Nur 25 Euro mehr im Monat bekommt zum Beispiel eine Kaffeebäuerin in Nicaragua, die sich trotz Fairem Handel aber kein gescheites Essen leisten kann. Das erzählt die Frau dem ORF-Redakteur Patrick Hafner, der einen fantastisch kritischen Film zum Thema Faitrade für die Sendung Weltjournal gemacht hat.

Er besucht eine Rosenplantage in Tansania, wo die Bauern knapp über dem staatlichen Mindestlohn bezahlt werden. Dafür bekommen sie Fußballtrikots und auch die Frauen können jetzt endlich bolzen! Hafner besucht in Costa Rica die größte Fairtrade-Bio-Ananas-Plantage der Welt. Auf der in riesigen Monokulturen arbeiten 400 Menschen. Sie klagen über Diskriminierung - und darüber, dass die Überprüfungen nur im Interesse des Unternehmens gemacht werde, nicht aber in dem der Arbeiter. Den Unternehmen, so sagt der Gewerkschaftsführer, ginge es nur um die Verbesserung des Image und die Markterweiterung. Auch hier bekommen die Arbeiter nur den staatlichen Mindestlohn. Gewerkschaftsmitglieder würden diskriminiert.

Also: Business as usual. Wer nicht nicht selbstbestimmt anbauen und vermarkten kann, wer nur Rohstoffe liefert, verliert: denn der höhere Supermarktpreis kommt nicht bei den Produzenten an, sondern bei Zwischenhändlern, Werbeagenturen, Vertrieb. Je größer der Faire Handel wird, je größer die Handelsketten und Konzerne, die sich mit dem Siegel schmücken - desto unfairer wird er. Während Rebellen und kleine Inititaiven, die die üblichen Verkaufsstrukturen umgehen, nur einen kleinen Markt bedienen und höhere Preise verlangen mussen.

Schön übrigens ist auch, dass Hafner außerdem das Fairtrade-Ersatzsiegel von Starbucks unter die Lupe nimmt: und wie ich schon lange vermutet habe, geht das natürlich nicht im geringsten weiter als der Faire Handel: Das hat mir Hans van Bochove, Ex-Director Public Affairs von Starbucks und jetzt bei Coca Cola, in einem Interview für Enorm versichert. Aber schauen Sie doch selbst den herrlichen Film Fairtrade: Das Geschäft mit dem guten Gewissen in der ORF-TV-Thek an. Und jetzt, wo ich ihn endlich selber gesehen habe, bin ich noch stolzer darauf, dass ich im Film zwei Mal meinen Senf dazu geben durfte!


Donnerstag, 12. Januar 2012

Hurra, ich bin nochmal im Fernsehen!

Leider hab ich gestern meinen eigenen Fernseh-Auftritt verpasst: ich war zu sehen im ORF Weltjournal zum Thema Fairtrade: das Geschäft mit dem guten Gewissen . Die Sendung wird am Freitag, 13. Januar, um 12.20 Uhr in ORF 2 wiederholt.

Wer wissen möchte, wie es bei mir daheim aussieht, kann sich das in der Dokumentation Faszination Wissen: Wir Menschen machen die Erde kaputt - kann ich die Welt davor retten? anschauen. Dort trete ich wie üblich als LOHAS-Kritikerin auf und zeige, weshalb Bio nicht zwingend öko ist und wieso man die Weltrettung nicht selber machen kann, sofern man regelmäßig nach Südafrika fliegt und wie einem der Vermieter den kleinsten CO2-Fußabdruck vergrößern kann.

Dienstag, 10. Januar 2012

Die Mikrokreditlüge

Ein herrliches neues Jahr wünsche ich uns allen! Lang hab ich hier nicht gewettert, denn ich war damit beschäftigt, mein neues Buch fertig zu schreiben. Voilà, hier ist es: "Wir müssen leider draußen bleiben. Die neue Armut in der Konsumgesellschaft". Das heißt, noch nicht ganz, es erscheint am 12. März.

Heute in der FR gibt es jedoch einen kleinen Vorgeschmack. In meinem neuen Buch beschäftige ich mich nicht nur mit Armut in Deutschland, sondern auch mit den globalen Strukturen von Armut, wie die Verbreitung der Konsumgesellschaft Armut und Ausschluss vorantreibt, wer von Armut profitiert und warum Konzerne und Wirtschaftselite ein Interesse haben, Armut zu halten. Darin beschäftige ich mich auch mit der Quatsch-Idee ökonomischer Weltrettung via Social Business und Mikrokrediten. Über letztere habe ich in der Frankfurter Rundschau heute eine Analyse geschrieben.

Wer noch mehr zum Thema Mikrokredite wissen möchte, dem will ich hier das fabelhafte Buch "Die Mikrofinanzindustrie. Die große Illusion oder das Geschäft mit der Armut" von Gerhard Klas ans Herz legen. Der Journalist, der bereits in der grandiosen Radio-Reportage "Ein Märchen aus Bangladesch" den Mythos der Mikrokredite zerpflückt hat, hat mit diesem Buch die erste umfassende und fundamentale Kritik der Mikrokredite auf Deutsch vorgelegt. Sein Fazit: Mikrokredite machen die Armen noch ärmer. Er ist nach Indien und Bangaldesch gereist und hat dort mit den Opfern gesprochen, mit Kritikern, Wissenschaftlern und Ex-Bankern. Er hat Studien untersucht und verglichen, den Mythos um den Friedensnobelpreisträger Muhammad Yunus beleuchtet und analysiert, warum Großbanken und NGO gleichermaßen begeistert von der Idee sind - obwohl es bis heute keinen Beleg dafür gibt, dass sich die soziale Situation der Menschen durch die Kredite verbessert hätte. Das belegte jüngst auch die groß angelegte Studie „What is the evidence of the impact of microfinance on the well-being of poor people?“britischer Wissenschaftler um Maren Duvendack. Danach gibt es keine Belege dafür, dass Mikrokredite den Armen nützen. Die positiven Studien gründeten auf zu weichen Untersuchungsmethoden und unzureichendem Datenmaterial. Der Mythos vom Erfolg der Mikrokredit werde allenfalls durch Anekdoten und begeisterte Geschichten aufrechterhalten, die die Mikrokredit-Industrie in Umlauf brächte.

Wer immer noch glaubt, Mikrokredite hätten "Millionen Menschen aus der Armut befreit", wie permanent behauptet wird, wer immer noch denkt, die Selbstmordwelle der hoch verschuldeten indischen Mikrokreditnehmerinnen sei lediglich ein Sonderfall, ein Ausrutscher gewesen, wer meint, Mikrokredite seien allenfalls kein Allheil- aber ein dennoch probates Mittel zur Armutsbekämpfung, wer denkt, Schulden seien ein Menschenrecht, wer denkt, Friedensnobelpreisträger Muhammad Yunus habe in irgendeiner Form zur Herstellung irgendeines Friedens beigetragen - der wird in diesem Buch klare Belege für das Gegenteil finden.

Freitag, 25. November 2011

Hahahah: Lohas-Erfinder schreibt Anti-Lohas-Manifest

Nun hab ich mein Blog erschütternd lang nicht mehr gepflegt. Das liegt nicht daran, dass es keine Nachrichten mehr aus der Welt des Greenwashings gibt, sondern daran, dass ich gerade mein neues Buch (erscheint am 12. März im Blessing-Verlag) zuende schreibe. Grad hab ich aber doch ziemlich mit den Ohren geschlackert, denn die taz hat kürzlich ein Anti-Lohas-Manifest veröffentlicht. Ich kann mir nicht helfen, aber die Thesen darin kommen mir irgendwie wahnsinnig bekannt vor. Aber woher denn bloß?

"Nie war es so einfach, ein besserer Mensch zu sein: Wir trinken für den guten Zweck, wir essen Brot für die Dritte Welt, veranlassen die eigene Krötenwanderung zur nächstgelegenen Sozialbank. Wir sind fair, leben bio, fahren öko. Doch das neue Bewusstsein ist nur eine Fassade, hinter der die alte, schmutzige Konsumwirtschaft quicklebendig ist."

oder

"Weder sie (die Unternehmen) noch ihre Kunden glauben noch an Ideologien, wie es die 68er taten, aber dieser Relativismus speist sich aus der fast kompletten Negierung von Komplexität: Tut dieses, kauft jenes, und die Welt wird ein Stückchen besser. Ökologische Neuerung ist kinderleicht."

oder

"Berufsbetroffene ersetzen Geist durch Moral. Der einst als alternativ konzipierte Lebensstil der Lohas (Lifestyle of Health and Sustainability) ist zur oberflächlichen hippen Modeerscheinung avanciert. Es gibt ein ganzes Heer von Beratern und Unternehmen, das - als moralische Avantgarde und neoökologischer Jetset - den ethisch-ökologisch korrekten Lebenswandel konsumierbar macht."

oder

"Sie haben keine Inhalte und keine Themen, die über das Bedienen einer diffusen Sehnsucht hinausgehen. Konzeptionelles Nirwana. Ein bisschen Askese hier, ein bisschen Hedonismus da, ein bisschen links-alternativ, ein bisschen werteverbunden. Die selbst ernannten grünen Vorreiter sind nicht mehr als Zeitgeist-Opportunisten, die auf subtile Weise das postindustrielle Produkt Gesinnung verkaufen."

beziehungsweise

"Wem es gelingt, Megatrends rechtzeitig und möglichst präzise zu analysieren und zu verstehen, der hält das Ticket für die Zukunft auf den weltweiten Märkten in der Hand."

und

"Ein Unternehmen, das nicht über seine Corporate Social Responsibility nachdenkt, wird in Zukunft mit Sicherheit an dem vielversprechenden LOHAs-Markt vorbeiproduzieren."

und

"Konsum und Kunst, Kommerz und Kultur rücken für die Lohas auf die gleiche Stufe, denn sie haben allesamt die gleiche Aufgabe: Lebensqualität zu steigern."

 und

"Sie (die Lohas) haben gelernt, dass nur im Sowohl-als-Auch Entwicklung und Selbstbestimmung möglich ist und das Entweder-oder in den Kalten Krieg der Ideologien zurückführt. (...) Am Ende der Ideologien steht eine neu Lebenslust, Unvoreingenommenheit und Spontaneität" 

sowie

"Wir misstrauen den Apokalyptikern, die mit Schaum vor dem Mund den nächsten Untergang verkünden. Wir wissen nicht, wie es dem Wald geht. So richtig weiß das niemand. Der deutsche Wald ist immer noch nicht tot."

Aua, da hab ich mich jetzt vertan, die letzten fünf Zitate stammen ja gar nicht aus dem Anti-Lohas-Manifest in der taz, sondern aus dem durch und durch neoliberalen Pro-Lohas-Manifest "Lohas. Bewusst grün -alles über die neuen grünen Lebenswelten"! Denn der Autor des Anti-Lohas-Manifests ist niemand anderes als Eike Wenzel, ja genau, DER Eike Wenzel, der mit seiner damals mehr als 200 Euro teuren Studie "Zielgruppe Lohas - Wie der grüne Lifestyle die Märkte erobert" die Lohas und deren Kaufkraft für den deutschen Markt erst interessant gemacht und die Kommerzialisierung der Weltrettung überhaupt mitangestoßen hat.

Macht ja nichts! Jeder kann sich mal täuschen! Umso mehr freut mich, dass Eike Wenzel mein Buch jetzt ein bisschen aufmerksamer gelesen hat als damals -  da hat er das "Ende der Märchenstunde. Wie die Industrie die Lohas und Lifestyle-Ökos vereeinnahmt" gar als "Zyniker-Feuilleton", "stylisher Glaubenskrieg", "Bohlenisierung der Bücher" und "Salon-Antikapitalismus" beschimpft. Dabei bin ich doch allerhöchstens Dreieinhalbzimmerwohnungs-Sozialistin!


PS: "Ehrlichkeit: Mehr brauchen wir nicht", schreibt Wenzel in der taz. Drum ganz echt, ehrlich und extra für Eike Wenzel: der aktuelle Waldschadensbericht.

Sonntag, 9. Oktober 2011

Rewe: Diskussion im ORF (mit mir!), Interview in Enorm

Am vergangenen Mittwoch war ich zu Gast im legendären Club2 des ORF. Thema der Sendung: Letzte Rettung oder Ökoromantik: Kann man umweltfreundlich leben? Dort habe ich diskutiert mit Werner Boote, Autor des Films Plastic Planet, Barbara Strauch, Mitbegründerin des Naturhofs Pramtal, Martin Strele, Geschäftsführer der Kairos GmbH und Mitbegründer der Aktion Ein guter Tag hat 100 Punkte, Heinz Schratt, Generalsekretär Plastics Europe Austria, mit Freda Meissner-Blau, Gründerin der Grünen in Österreich und Tanja Dietrich-Hübner, Leiterin Nachhaltigkeit bei Rewe, mit 30 Prozent Anteil am Lebensmitteinzelhandel Marktführer in Österreich, die ihre Nachhaltigkeitsbemühungen gerade ganz besonders hervorheben. Noch bis kommenden Mittwoch kann man die Diskussionsrunde in der ORF TVthek anschauen.

Das Nachhaltigkeitsengagement von Rewe betrachte ich natürlich sehr kritisch: Rewe möchte den Massenmarkt zB.mit dem Pro Planet Label nachhaltiger gestalten. Doch das Problem ist der Massenmarkt als solcher: er ist gekennzeichnet durch Überproduktion und Wegwerfen, das hat mit Nachhaltigkeit gar nichts zu tun. Ein Drittel bis die Hälfte der weltweit geernteten und hergestellte Lebensmittel landet im Müll - und daran sind die Einzelhandelsketten nicht unschuldig. Valtentin Thurn etwa interviewt in seiner ARD Dokumentation "Frisch auf den Müll" ein Mitarbeiterin von Rewe, die dazu angehalten ist, einen Salat schon auszusortieren, wenn er ein braunes Blatt hat. Sein Film "Taste the Waste" läuft derzeit im Kino. Welche verheerenden Auswirkungen der Massenmarkt hat, kann man etwa in dem Buch von Stefan Kreutzberger und Valentin Thurn, "Die Essensvernichter" nachlesen. Welche Auswirkungen die extreme Macht der Supermarktetten auf die Produzenten in armen Ländern haben, belegen die Initiative Supermarktmacht und Oxfam in der Untersuchung "Endstation Ladentheke" am Beispiel von Bananen- und Ananas-Bauern in Costa Rica und Ecuador: Menschenrechtsverletzungen sind am zweithäufigsten bei der Produktion von Lebensmitteln dokumntiert - als Ergebnis des Preisdrucks aus dem Norden.

Dass nun das Pro Planet Label also ausgerechnet auf Produkten klebt, die gar nicht nachhaltig sein KÖNNEN, ist zynisch und logisch zugleich: so etwa auf südspanischen Erdbeeren, die man im Winter kaufen kann (mehr dazu in meinem Buch, Kapitel "Der rote Wahnsinn"). Man kann das drehen, wie man will: Erdbeeren im Winter sind eine ökologische Katastrophe: in Spanien werden dafür jede Saison 4500 Tonnen Plastikplanen und hochgiftige Pestizide eingesetzt, aus mehr als 1000 illegalen Brunnen wird so viel Wasser für die durstigen Früchte abgepumpt, dass der Grundwasserspiegel beinahe schon um die Hälfte gesunken ist. Zwar investiert Rewe dort in Vertragsanbau und eine Tröpfchenbewässerung, die 20 Prozent Wasser einspart. Trotzdem ist das einzige Argument, weshalb die Erdbeeren im Winter im Supermarkt stehen: "wenn wir sie nicht haben, dann kauft sie der Kunde woanders."

Mit dem Zusatz "soziale Bedinungen verbessert" klebt das Label ausgerechnet auch auf südspanischen Tomaten. Gerade die Arbeitsbedingungen auf den Gemüsefeldern Südspaniens sind wiederum eine einzige soziale Katastrophe: zehntausende afrikanische Flüchtlinge arbeiten als moderne Sklaven in der Plastikhölle Andalusiens, sie schuften unter abscheulichen Bedinungen, sind ohne Schutzkleidung dem Pestizidregen ausgesetzt und leben rechtlos in slumartigen Barracken. Kollege Tobias Zick hat darüber in Neon eine ganz hervorragende Reportage geschrieben. Nun hat sich also Rewe einfallen lassen, den Arbeitern dort für drei Monate eine anständige Unterkunft zu stellen und für ein SOS-Kinderdorf im Senegal zu spenden, damit die Generation von morgen nicht mehr auf klapprigen Booten auf der Flucht nach Europa ihr Leben aufs Spiel setzen muss. Das ist schon mehr Heuchelei denn Zynismus: denn natürlich profitieren Handelsketten genau von diesen Zuständen - die billigen Preise für das Gemüse sind ja nur möglich, wenn man den Arbeitern kaum Geld bezahlt. Albert Widmer vom Europäischen Bürgerforum nennt die Zustände auf den Gemüsefeldern "keine unfreiwilligen Nebenerscheinungen, sondern festen Bestandteil des heute weltweit dominierenden agroindustriellen Modells. Nur billigste Saisonarbeiter, ohne Rechte und jederzeit verfügbar, ermöglichen niedrige Erzeugerpreise. Um diese Produktionsform am Leben zu erhalten, ist es nötig, die verschiedenen Gruppen von Landarbeitern gegeneinander auszuspielen und ein Überangebot an Arbeitskräften - eine Reservearmee - zu schaffen." Und dass die Wirtschaft im Senegal am Boden liegt, das ist kein Schicksal, sondern eine Folge der europäischen Exportpolitik, von der wiederum Lebensmittel- und Handelskonzerne profitiert haben: Auf den Märkten im Senegal und in anderen armen Ländern wird europäisches Gemüse billiger verkauft als es einheimische Bauern erzeugen können. Eine lächerliche Spende und eine Unterkunft kostet Rewe praktisch nichts - aber gerechte Löhne und vernünftige Verträge wären ein echter Wettebewerbsnachteil.

Über solche Dinge habe ich mit Rewe auch in meiner Enorm-Interviewserie "Hartmann!" diskutiert, es ist in der aktuellen Ausgabe von Enorm nachzulesen.

Dienstag, 27. September 2011

Interview mit Thilo Bode

A propos Plastiknahrungsmittel: für die aktuelle Ausgabe von Nido habe ich Thilo Bode von Foodwatch zum Thema "Kindernahrungsmittel" interviewt. Ein Gespräch über Macht und Lügen der Lebensmittelndustrie, wie es den Konzernen (Danone, Unilever, Ferrero ua) gelingt, uns ihre Zucker- und Fettbomben als gesunde Ernährung anzudrehen und insbesonder Eltern verwirrt und Kinder mästet.

Für eine dieser Lügen hat Foodwatch den Preis für dreisteste Werbelüge "Goldener Windbeutel" an die Kindermilchschnitte von Ferrero verliehen. Bode dazu im Nido-Interview: "Die berühmte 'Extra-Portion' Milch soll suggerieren, dass dass Fett- und Zuckerbomben natürlich und gesund sind. Ferreros Milchschnitte, die als 'Zwischenmahlzeit' mit dem 'Besten aus Eiern, Butter, Weizen, Honig un dviel frischer Vollmilch' beworben wird aber aus 30 Prozent Zucker und 27 Prozent Fett besteht. Sie ist etwa so gehaltvoll wie ein Stück Schokoladentorte. Das ist Körperbverletzung durch Irreführung." Sein Resumée: "Es geht um einen Machtkampf mit der Industrie, den wir gewinnen müssen. Sonst macht sie unsere Kinder kaputt."



B.A.U.M.- und BAUM-AB-Preis für Unilever

Greenwashing ist nicht nur die Kehrseite sondern das Wesen des "verantwortlichen Wirtschaftens". Damit auch alle Konzerne unter dem Grünen Deckmantel weiter machen können wie bisher, gibt es Nachhaltigkeitspreise, die sich die Industrie praktisch selber gegenseitig verleiht. Dass vor allem Unternehmen einen solchen Preis bekommen, die in Wahrheit alles andere als nachhaltig wirtschaften, ist Absicht: das Märchen der wundersamen Wandlung der Wirtschaft zum Weltretter muss weiter erzählt werden - das geht am besten mit Saulus-Paulus- und  Hättste-nicht-gedacht-Geschichten.

Der B.A.U.M.-Preis ist so einer. Er wird verliehen vom Bundesdeutschen Arbeitskreis für Umweltbewusstes Management, ein Verein, in dem rund 500 Fördermitglieder aus der Wirtschaft vertreten sind - darunter auch Öko-Konzerne wie Adidas, Airbus, Bayer, Beiersdorf, Daimler, Danone, Deutsche Bank, Eon Hanse, Edeka, Henkel, Ikea, Kik, Lufthansa, McDonalds, Procter&Gamble, Puma, Rewe, Siemens, Tchibo und Unilever. Den B.A.U-M-Preis erhielt in diesem Jahr unter anderen: Unilever. "Unilever führt bereits seit zwölf Jahren den Dow Jones Sustainability Index für den Lebensmittelsektor an und beweist damit sein langjähriges, kontinuierliches und erfolgreiches Engagement. Bei der Bewertung lag das Unternehmen in allen drei Kerndimensionen - Umwelt, Ökonomie und Gesellschaft - vorn", heißt es in der Pressemitteilung. Bepreist wird, wie bei fast jedem Industrie-Umweltpreis, vor allem ein Zukunftsversprechen: "Unilever hat sich zum Ziel gesetzt, die Umweltauswirkungen der Produkte zu halbieren, landwirtschaftliche Rohwaren zu 100 Prozent aus nachhaltigem Anbau zu beziehen sowie 1 Milliarde Menschen zu besserer Gesundheit und mehr Lebensqualität zu verhelfen. Damit verpflichtet sich Unilever, die Umweltbelastung entlang der gesamten Wertschöpfungskette bis 2020 nachweislich zu reduzieren - von der Gewinnung der Rohmaterialien über die Produktion und Distribution bis hin zur Produktnutzung durch Verbraucher einschließlich der Abfallbeseitigung von Restverpackungen."


Schöne Worte sind das - doch die Realität sieht anders aus: Kosmetik- und Plastiknahrungsmittelhersteller Unilever gehört zu den weltweit größten Palmöl-Verbrauchern: er bezieht 1,3 Millionen Tonnen des Pflanzenfetts, für die der Regenwal in Indonesien brennt. Der Palmöl-Lieferant von Unilever, Wilmar International, ist einer der größten Palmölkonzerne der Welt. Brandrodungen, illegale Regenwaldabholzung, Vertreibung indigener Völker, Menschrechtsverletzung, Bestechung lokaler Politiker - all das gehört laut Rettet den Regenwald zum schmutzigen Geschäft von Wilmar. Der Konzern hat auf Borneo bereits eine Fläche von 240 000 Hektar gerodet und mit Monokulturen bepflanzt, ein Fläche so groß wie das Saarland. Konzessionen für weitere 220 000 Hektar hat Wilmar bereits erhalten. Das macht Indonesien mit 25 Millionen Tonnen zum drittgrößten CO2-Emittenten der Welt - mit freundlicher Unterstützung von Unilever. Das Unternehmen hat den B.A.U.M.-Preis unter anderen auch dafür bekommen, weil es in Deutschland seine CO2-Emissionen um 60 000 Tonnen pro Jahr gesenkt hat.

All das war für die NGO Rettet den Regenwald und Robin Wood Anlass genug, den wohl verdienten BAUM-AB-Preis an Unilever zu verleihen. Sie demonstrierten am vor dem Terminal des Hamburger Flughafens (B.A.U.M.-Fördermitglied!), wo der B.A.U.M.-Preis an Harry J. M. Brouwer von der Unilever Deutschland Holding GmbH verliehen wurde. Den BAUM-AB-Preis wollte er jedoch nicht entgegen nehmen (ach!) - musste aber die 30 000 Protestunterschriften einstecken.