Ende der Märchenstunde - Wie die Industrie die Lohas und Lifestyle-Ökos vereinnahmt

Sonntag, 7. März 2010

Starbucks: alles andere als 100 Prozent fair!

Freudig erregt klangen wieder mal die Überschriften der letzten Tage: "Starbucks stellt auf Fairtrade um"  schrieb etwa Der Standard - und eine Tag zuvor: "Starbucks serviert nur noch Fairtarde-Kaffee" , Die Presse (Österreich) schrieb  ebenfalls "Starbucks serviert nur mehr Fairtrade-Kaffee", "Gutes Tun zahlt sich aus", der Tagesspiegel, "Nur mehr faire Bohne in Europa" der Glocalist und selbstverständlich Utopia (in Kooperation mit Natur und Kosmos): "Kaffee mit Fairwohn-Aroma".  Die US-amerikanische Kaffeehauskette, die im vergangenen Jahr die eingekaufte Menge an fair gehandeltem Kaffee von neun auf 18 Millionen Kilo erhöht hat, ließ vor wenigen Tagen verlauten, in Europa ausschließlich 100 Prozent Fairtrade zertifizierte Espressogetränke zu verkaufen. Bei Starbucks selbst klingt das so: "Ihre Wahl jeden Tag: Der Unterschied für Kaffeefarmer. Jeder Latte, jeder Cappuccino... 100% Fairtrade-Kaffee". Hinterfragt hat diese gute Nachricht allerdings niemand - die magische Ansage "100 Prozent" klingt so, als würde Starbucks nur noch fair gehandelten Kaffee verkaufen. Und ja, das wäre wünschenswert - ist aber ganz und gar nicht der Fall. Zwar gilt Starbucks als größter Abnehmer fair gehandelten Kaffees weltweit (nach eigener Aussage kauft der Konzern 20 Prozent des weltweit verfügbaren fairen Kaffees), was auch der Tatsache geschuldet ist, dass Starbucks der größte Kaffeekonzern der Welt ist.

ABER: Fairtrade-Kaffee stellt bei Starbucks nur einen Anteil von etwa fünf Prozent dar. 95 Prozent des Kaffees von Starbucks sind also nicht fair gehandelt, sondern nur nach den selbst auferlegten Mindeststandards des Starbucks-Programms "Shared Planet". Innerhalb dessen wird "nachhaltiger" und "gerecht gehandelter" Kaffe angebaut. So genannte "Pemium Preise" würden darin gezahlt, "um Kaffeebauern zu helfen, Gewinn zu machen und ihre Familien zu unterstützen" (Wieso machen sie denn keinen Gewinn mit den Premium-Preisen? Weil die vielleicht nicht ausreichen?). Weiterhin werde Kaffeebauern Zugang zu erschwinglichen Krediten ermöglicht, um in "zukünftigen Erfolg" zu investieren - und schließlich gebe es "Anreize", Abholzung vermeiden.

"Gerecht" bzw. "sozialverträglich" ist nicht fair gehandelt, "nachhaltig" bzw. "umweltverträglich" ist nicht ökologisch angebaut. Man kann das nicht oft genug erwähnen, denn schön langsam vermischen sich die Begriffe. Selbst seriöse Medien wollen den Unterschied nicht mehr erkennen, da geht die Rechnung der Konzerne leider voll auf. So veröffentlichte das Wirtschaftsmagazin "Der Handel" vergangene Woche einen DPA-Bericht, in dem Tchibo für seine umwelt- und sozialverträglichen Kaffee gelobt wird: "Tchibo schenkt in seinen Bars täglich rund 55 000 Tassen Kaffee aus. Alle in den Bars verwendeten Kaffee-Sorten tragen eines oder zwei der anerkannten Prüfsiegel, entweder ‚Rainforest Alliance', ‚Bio' oder ‚Fairtrade'. Die Bedingungen dieser Siegel unterscheiden sich leicht voneinander; ihnen ist aber gemeinsam, dass sie auf sozial- und umweltverträglichen Kaffeeanbau achten und nur nach strenger Prüfung vergeben werden." Und nein, nein, nein: die Siegel unterscheiden sich nicht leicht voneinander, sondern fundamental: Die Rainforest Alliance ist eine industrienahe, höchst umstrittene US-Umweltvereinigung, das RA-Siegel gilt bei seriösen Umweltschutzorganisationen als Greenwashing, von strenger Prüfung kann nicht im geringsten die Rede sein. Nur Bio hat gesetzliche und Fairtrade internationale streng überprüfte Richtlinien. Alles andere folgt selbst auferlegten, kaum überprüften Minimalstandards, die den Konzernen maximalen Imagegewinn bei minimalen Kosten ermöglichen.

Samstag, 7. November 2009

Nachhaltig ist nicht Fair - Heute: Illy Café

In einem Interview mit der Süddeutschen Zeitung redet der Triester Esspressofabrikant Andrea Illy über „Unternehmenswerte“ und „nachhaltiges Wirtschaften“. Seine Aussagen zum „nachhaltigen“ Anbau und Handel mit den Kaffebauern formuliert Illy genauso schwammig, wie es die Homepage des Unternehmens tut. Man zahle den Kaffebauern „im Schnitt einen Aufpreis von 30“ Prozent, sagt Illy, man arbeite mit Produzenten direkt vor Ort. Das klingt sehr nach Fairem Handel, hat aber wieder einmal nicht das Geringste damit zu tun. Illy arbeitet zwar mit Produzenten zusammen und schult Bauern:„Je mehr die Bauern lernen, desto besser wird ihr Produkt und desto teurer können sie die Bohnen verkaufen“. Der Aufpreis wird für die bessere Qualität gezahlt, nicht um Kleinbauern ihre Existenz zu sichern. Zum Fairen Handel und warum sich sein Unternehmen nicht nach dessen Prinzipien verpflichten lässt, sagt Illy: „Diese Zertifizierungen prüfen generell nur, wie viel man bezahlt. Ich halte nichts von reiner Charity. Der Verbraucher greift zum fair gehandelten Kaffee, weil er sich gut fühlen will. Mit Markt hat das nichts zu tun. Das Gesetz von Angebot und Nachfrage besagt: mehr Geld für höheren Wert.“

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