Ende der Märchenstunde - Wie die Industrie die Lohas und Lifestyle-Ökos vereinnahmt

Donnerstag, 16. Februar 2012

Fleisch essen für's Karma - eine Gute-Schlacht-Geschichte

"Wer auf anonymes Massenfleisch verzichtet und stattdessen nur ab und zu Fleisch mit Gesicht von glücklichen Schweinen kauft, der bringt gutes Karma für sich, die Tiere und den Rest der Welt."

So steht das auf der Internetseite Meine kleine Farm, dem Online-Schlachthaus für Lifestyle-Ökos (Motto: "Wir geben Fleisch ein Gesicht"). Ich stelle hier mal die kühne Behauptung auf, dass Schweine auf gutes Karma scheißen, sofern es bedeutet, dass sie dafür abgestochen und zu Wurst vermatscht werden, ja, selbst wenn die dann als "Meat on a Mission" verkauft wird. Der Schnitzelfresser 2.0 kann sich aus einer Fotogalerie auf dieser Seite aussuchen, welchem der dort abgebildeten Schweine als nächstes der Garaus gemacht werden soll. Schlachten per Mausklick! Das ist für den natursehnsüchtigen Großstadt-Lohas bestimmt ein noch viel authentischeres Gefühl als nur den Basilikumtopf in der Designer-Küche zu gießen.

Das Tötungs-Casting klingt jedenfalls so:

"Deutschland sucht das Superschwein 2. Über den neuen Online-Shop kannst Du schon jetzt leckere Wurst von Schwein 2 vorbestellen (...). Aber noch ist gar nicht klar, welches Schwein sein Gesicht für die nächste Wurst hergeben soll. Deshalb kannst Du aus einem von fünf Schweinen wählen (die aber ohnehin alle geschlachtet werden)."

Zynisch? Ach wo! Sowas nennt man heute "unideologisch". Der Wurstverkäufer Dennis Buchmann, so heißt es in einem begeisterten Report bei Spiegel Online, "ermöglicht seinen Käufern ökologischen Konsum ohne das Pathos der völligen Korrektheit." Denn schließlich soll das Ganze, "BeWurstsein schaffen" und den "Respekt" vor dem Tier fördern, wenn man ihm "in die Augen sehen", es in Videos ein Leben lang (im Falle der Schweine: acht bis neun Monate) begleiten und in Gute-Schlacht-Geschichten schließlich lesen kann, wie schön ruhig, ja praktischfreiwillig, es für den Brotaufstrich gestorben ist:

"Bernd (der Bauer, Anm.) erzählt später, dass Schwein 1 ein wirklich unbeschwertes, ein wirklich glückliches Schwein gewesen sein muss: 'Es ist gleich zum Anhänger gelaufen und von ganz alleine eingestiegen'. (...) Auch dort (auf dem Schlachthof, Anm.) war Schwein 1 'sehr entspannt', wie Bernd berichtet. Es hat ein wenig rumgeschnüffelt, sich hingelegt und sich ruhig abduschen lassen. "Nicht ein Grunzen oder Quieken", sagt Bernd. Und dann hat der Schlachter die Stromzange angesetzt und Schwein 1 unter Hochspannung betäubt."

Genau. Und wenn es nicht gestorben wäre, lebte es noch heute.

Wenn ich also dem Tier in die Augen schaue und ein Bewusstsein dafür bekomme, dass da ein Lebewesen vor mir steht, dem ich auch noch solche Gefühle wie "Glück" zugestehe (womit Lebenswille, Bewusstsein und die Fähigkeit zu Trauer untrennbar verbunden wären) und TROTZDEM bestimme, dass es geschlachtet wird - was genau ist daran jetzt gut fürs Karma? Das ich mich ganz bewusst fürs Töten entschieden habe? Ist das nicht genauso scheinheilig, wie im Supermarkt zum anonymen Fleisch zu greifen, weil man die Wahrheit dahinter nicht wissen will? Und was ist das denn für Moral, nach der das Tier nur deshalb als Individuum ("Wurst mit Gesicht") anerkannt wird, damit man es guten Gewissens umbringen darf? Dass es nicht für sich selbst glücklich sein soll, sondern nur für's Karma des Wurstkäufers? Ist das als das "BeWurstsein"?

Diese "neue Kultur zwischen Tier und Mensch", bei dem der Mensch archaisch wie eh und je der Schlachter und das Tier die Wurst bleibt, nennt Spiegel Online "Postvegetarismus". Das bedeutet zwar nichts anderes als weiter (oder wieder) Schnitzel zu mampfen - aber so schön intellektuell verbrämt gerät auch noch der barbarische Akt des Schlachtens zur Philosophie. Irgendwie dachte ich ja immer, Respekt fängt damit an, jemand anders nicht abstechen zu wollen. Aber vielleicht muss man ja auch erst selber ein paar Tonnen Altöl in den nächstgelegenen Bach schütten, um ein Bewusstsein für Umweltzerstörung und Respekt vor der Natur zu bekommen.


PS: Bezeichnenderweise fehlen auf der Seite die Bilder, die zeigen, wie aus dem Tier Wurst wird:"Aus verschiedenen Gründen (Respekt vorm Schwein beim Sterben, Jugendschutz, Krassheit) stelle ich die Fotos von der Schlachtung hier nicht öffentlich aus." Krass? Womöglich so krass, dass sie beim Anblick Entsetzen auslösen und den Appetit auf Wurst verderben würden? Das kann ja nun wirklich keiner wollen!

Sonntag, 19. Juni 2011

Lohas-Liebling Apple: Blutige Produktion geht weiter

"Gibt es so etwas wie eine linke Technologie?" fragt Eike Wenzel in seinem Buch "Lohas. Bewusst grün - alles über die neuen Lebenswelten" (eine erschreckend aufschlussreiche Innenansicht der neoliberalen, unsozialen und elitären Lohas-Ideologie) und antwortet sich gleich selbst: "Würde der Gegensatz von links und rechts heute noch irgendetwas taugen, wäre man fast geneigt zu sagen, mit Apple haben wir gelernt, dass Technik auch  links sein kann. Oder besser gesagt: Apple demonstriert, wie technik simpel, selbsterklärend und im Dienste des Einzelnen funktioniert." Abgesehen davon, das linke Ideen im Dienste der Allgemeinheit funktionieren - von allzu viel linker Attitüde, zB. Gerechtigkeit, spürt der einzelne Arbeiter, der die Ipods und Ipads und Iphones baut, rein gar nichts. Vor rund einem Jahr nahmen sich bei Foxconn , dem Apple-Zulieferer, 18 chinesische Wanderarbeiter wegen unmenschlicher Arbeitsbedingungen (bis zu 120 Überstunden im Monat, unbezahlt, Löhne unterhalb des gesetzlichen Mindestlohns) das Leben. 2008 und 2009 vergifteten sich dutzende Arbeit mit Lösungsmitteln beim reinigen der Geräte. Im aktuellen Greenpeace-Magazin berichtet nun Sacom, eine Arbeitsrechtsorganisation in Hongkong, dass sich trotz der Versprechen von Apple seither fast nichts geändert habe. Sacom befragte im März und April 2011 Foxconn-Arbeiter und fanden heraus: der Produktionsdruck sei weitehin hoch, unfaire Löhne und unbezahlte Überstunden stünden nach wie vor auf der Tagesordnung. Die Kampagne makeITfair ruft deshalb zum Protest gegen Apple auf.

Sonntag, 7. November 2010

Elitäre Exzesse in der SZ

"Lasst euch gehen. Kein Fleisch, kein Tabak, kein Exzesse, keine Fernreisen: Machen wir alles richtig und  trotzdem etwas falsch? Höchste Zeit für einen neuen Hedonismus." So ist der Aufmacher im SZ-Wochenende von Hilmar Klute überschrieben. Hoppla, denkt man beim Lesen, es ist doch offenbar noch genug vom alten Hedonismus da, um ganze Seiten mit heulsusigen Texten zu füllen, die die vermeintlich Einschränkung des eigenen Luxus-Lebensstils beklagen. Reichlich bourgeois wird da im SZ-Text gejammert: Seit Jonathan Safran Foers "Tiere essen" könne man nicht mehr ganz guten Gewissens "eine Handvoll bunten Pfeffer in ein blutiges Stück Fleisch einmassieren" und beim Hummer essen nicht mehr "an die unermesslich schönen Sommerabende" denken, "an denen wir" - wir? - "im Langedouc sündhaft überladenen Assietes de fruits de mer gegenübersaßen und das schöne weiße Fleisch aus den Armen der Krustentiere zogen", seit David Foster Wallace in einem Essay die Grausamkeit des Hummerkochens beschrieben hat, der lebendig ins kochende Wasser geworfen wird. Das sei zwar alles nicht toll, aber was will man machen, "doch was uns" - uns? - "zunehmend anstiftet, uns zu einem militanten Hedonismus bekennen zu wollen, ist Folgendes: Unsere Lust am Leben wird von den Advokaten des schlechten Gewissens in Sünde umgemünzt, und der Umstand, dass sie faktisch Recht haben, lässt uns die Ente, die für unser Foie gras gestopft wird, als Märtyrerin verehren."
Ja, ja, alles müssen sie einem verbieten: Fleisch, Hummer, Stopfleber, Fernreisen, Glühbirne (!) und natürlich: Rauchen, das Erkennungszeichen aller Spießerpunks. Dabei ist Rauchen gar nicht verboten, allenfalls in Gaststätten, Zügen und öffentlichen Gebäuden, damit die Minderheit der Raucher der Mehrheit der Nichtraucher nicht mehr Halskratzen, Stinke-Klamotten und Krebs beschert. Draußen und daheim darf geraucht werden, bis die Lunge und Bronchen platzen! Auf dem Sterbebett aber, so Klute, sollten wir uns nicht darüber freuen, dass wird die Kneipen rauchfrei bekommen und Hummer vor dem qualvollen Tod bewahrt haben: "Stattdessen möchten wir uns erinnern, dass es eine Zeit gab, und sie ist noch nicht lange her, da man Dinge tun konnte, ohne dass sie einem gleich um die Ohren gehauen werden."

Ja genau! Es gab Zeiten, da durften Eltern, Pfarrer und Lehrer Kinder prügeln, Chemiekonzerne ihr Gift in Flüsse schütten, Normalbürger ihre Waschmaschine in den Wald schmeißen und Jäger wilde Tiere schießen, bis sie ausgestorben waren. Es soll sogar mal erlaubt gewesen sein, Sklaven zu halten und indigene Völker abzuknallen. Doch diese Zeiten sind zum Glück vorbei: denn der Mensch lernt mitunter aus seinen Fehlern und ist in der Lage, mit Vernunft, Empathie und Intelligenz Entscheidungen zu treffen, die dem Wohle der Allgemeinheit dienen und ihre Unversehrtheit garantieren anstatt schlicht seine privaten Interessen über die der Allgemeinheit zu stellen, koste es, was es wolle: Man nennt das Zivilisation. Das "wir" in Klutes Text dagegen trägt autoritäre und chauvinistische Züge: schon klar, wenn man auf der Seite der Gewinner steht, ist es nicht schwer, bei Armut, Ausbeutung und Leid anderer beide Augen zuzudrücken.

Zwar würden "liebe Menschen" nicht so viel CO2 produzieren, wenn sie keine Fernreisen machen und "zuhause Gemüseaufläufe kochen" statt "abends im Restaurant zu sitzen, Fleisch zu essen und Wein zu trinken". Aber die "nicht ganz so lieben" würden "ziemlich viel gute Laune" verbreiten. Wäre dies tatsächlich der Fall, müsste Deutschland ein recht ausgelassenes und fröhliches Land sein: denn die große Mehrheit scheißt sich ziemlich wenig um die Zustände auf unserem Planeten. Aber stattdessen sind diejenigen, die unentwegt nicht-existente Genussverbote belärmen, die Weinerlichsten von allen. Vielleicht liegt es ja daran, dass all das gar nichts mit Exzess zu tun, sondern schlicht mit Respekt- und Rücksichtslosigkeit: "Was machen wir jetzt?" fragt Klute schließlich. Sein Vorschlag trägt dann den Größenwahn eines Feudalherrn am Vorabend der Revolution: "Vielleicht sollte man sich eine oder zwei Sünden aussuchen, mit denen man sein eigenes Leben abrundet und das der anderen nur in Maßen zerstört." Zerstörung muss aber schon sein - denn wenn man sein Leben nach dem Recht des Stärkeren führt, muss selbst die gute Laune jemand anders so richtig weh tun.

Mittwoch, 3. November 2010

Lachen über Lohas

Einen sehr lustigen Sketch über (britische) Lohas gibt es in der sehr, sehr lustigen Armstrong and Miller-Show auf BBC! Das tolle daran ist nicht nur, dass es die Interessen meines Mannes und die meinen trefflichst vereint - es spielt auch noch Morten Harket von a-ha mit, deren Song "Take on me" ich voll nachhaltig schon seit 25 Jahren als Lieblingslied gebrauche! Meine Lieblingszeile im Song "The Farmer's Market" aus dem Sketch ist aber die: "We have sugar-mice like a normal shop - but not as nice". Da muss ich nämlich immer an meinen kleinen Bioladen ums Eck denken, der auch immer mehr ausssieht wie ein normaler Supermarkt. Wo nämlich einst der Pfandflaschenautomat stand, steht jetzt ein riesiger beleuchteter Kühlschrank, in dem es so eine Art Bio-Energie-Drink gibt (im Sommer gab es dazu ein paar Badelatschen aus aufgeschäumtem Plastik), daneben steht ein Kühltruhe mit verzehrfertig gewaschen und gezupftem Bio-Salat in Plastiktüten und winzige Ananasstückchen abgepackt in kleinen Plastikschalen. Noch dazu muss die arme Frau, die an der Bäckerei- und Wärmetheke steht, auch noch zusätzlich das Pfand annehmen. Im Tiefkühlschrank weiter hinten gibt es dann Pommes, Fleischbällchen, Pizza und sonstige Fertiggerichte, die das Klima zerstören, in der Gemüseabteilung Kartoffeln aus Ägypten, Paprika aus Israel und bald schon wieder Spargel aus Peru und Erdbeeren aus Südspanien. Das ist das Ergebnis der Konsumentedemokratie: alles bleibt, wie es ist. Und das ist doch voll nachhaltig, oder nicht?

Montag, 31. Mai 2010

Heute im Radio: Wieviel Bio verträgt die Natur?

SWR 2 sendet heute von 17:05 bis 17:50 Uhr eine Diskussionsrunde mit dem Thema Wachstum über alles - wieviel bio verträgt die Natur? Darin diskutiere ich mit Felix Prinz zu Löwenstein, Vorsitzender des Bundes Ökologische Lebensmittelwirtschaft (BÖLW) und Detlef Stoffel, Mitbegründer der Naturkostbewegung in Deutschland.

Die Antwort ist ganz klar: 100 Prozent! Dass eine ökologische Landwirtschaft die Welt ernähren kann, ist von dutzenden Studien belegt, man kann sie in der ausführlichen Broschüre des BÖLW nachlesen. Es ist die konventionelle Landwirtschaft, die Natur und Klima zerstört, Armut und Hunger vorantreibt und die Gesundheit des Menschen zerstört:  Ressourcenverbrauch vor allem fossiler Energien (Stickstoffdünger!), Ausstoß klimaschädlicher Gase, brutaleste Ausbeutung von Tieren, Monokultur und Pestizideinsatz, die Böden, Wasser (deren  Aufbereitung und Sanierung wir mit unseren Steuern bezahlen - nur deshalb sind konventionelle Lebensmittel billiger!!!) und Artenvielfalt zerstören. Und ein gigantischer Flächenverbrauch: weil der Fleischverzehr in den Industrieländern gigantisch hoch ist, wird das Tierfutter auf Böden in Entwicklungsländern geerntet, wo Essen für Menschen wachsen kann: 70 Prozent des Tierfutters wird importiert, 30 Prozent der eisfreien Flächen wird für Tierzucht verschwendet. Und weil die konventionelle Landwirtschaft wie alle Industrien ihre Profite auch durch Export macht, werden Milchpulver, Fleischabfälle, Tomatenmark und anderer Überschuss teils hochsubventioniert auf die Märkte der Entwicklungsländer gebracht, wo sie die lokalen Märkte zerstören und die Armut weiter vorantreiben. Was also die konventionelle Landwirtschaft anrichtet, lässt sich auch im Weltagrarbericht nachlesen: Die industrielle Überproduktion hat den Hunger nicht beseitigt, sondern verstärkt. Eine Milliarde Menschen hungert, eine Milliarde Menschen ist fehlernährt - und eine weitere leidet an krankhaften Übergewicht.
Dass konservative Autoren wie etwa das Propagandisten-Duo Dirk Maxeiner und Michael Miersch Bio mit noch so absurden und falschen Behauptungen diskreditieren, hat dem Ruf arg geschadet. Dass immer wieder Berichte oder Studien auftauchen, die belegen wollen,  dass Bio ja gar nicht gesünder ist oder gar nicht besser schmeckt oder gar nicht mehr Vitamine hat, wie die jüngste Untersuchung der Stiftung Warentest, ist fatal. Dass der Ruf von Bio derart beschädigt ist, daran sind die Lohas leider nicht unschuldig: ihnen war Bio NUR durch Ego-Aspekte wie Genuss, Glamour und (eigene) Gesundheit zu verkaufen, NICHT durch die Idee des ökologischen Landbaus. Ihnen ist es auch zu verdanken, dass selbst Erdbeeren, Pfirsiche und Spargel im Winter in Bioqualität zu haben sein müssen, Verzicht ist ja nicht angesagt bei Lohas, egal, wie sehr solche Produkte (Wasserverbrauch, Transport) trotz bio der Umwelt schaden. Die Glamour-Bio-Idee hat leider auch dazu geführt, dass Bio einen Ruf des Elitären bekommen hat - obwohl der ökologische Landbau ein solidarischer Ansatz ist und große gesellschaftliche Leistungen zu erbringen vermag. Die Umsetzung und Verbreitung von Bio bedarf politischer Entscheidungen, die wir als Bürger vorantreiben müssen, nicht als Konsumenten an der Einkaufskasse!





Mittwoch, 20. Januar 2010

Einfach dahinbehauptet (1): "Kaum einer traut sich noch mit Pelz auf die Straße"

Weil ich mich immer wieder darüber ärgere, dass Lohas nur das Gute betonen und das Schlechte verschweigen – und dabei im Übereifer des positiven Denkens mitunter Dinge schlicht behaupten, die aber gar nicht stimmen, werde ich solche Beispiele nun in der Rubrik „Einfach dahinbehauptet“ sammeln.


Den Anfang macht ein vorweihnachtlicher Eintrag im Stern-Blog „Saubere Sachen“. „Faux-Pas mit Pelz“ heißt er und darin steht, dass Pelz heute so verpönt sei, dass sich ein Verbot von selbst erledige: „Pelz ist so weit unten in der Hölle der gesellschaftlichen Ächtung angekommen, dass Menschen das Verkaufen von Pelzen für gesetzlich verboten halten. Dass edle Modemarken wie Prada und Dolce&Gabbana in der aktuellen Herbst-Winterkollektion Nerztaschen und Breitschwanz-Jacken mit Chincilla-Kragen zeigen, ändert daran gar nichts! Kaum noch jemand traut sich mit Pelz auf die Straße. Anders gesagt: Pelze müssen nicht verboten werden, weil sie sich von selbst verbieten“, schreibt Kirsten Brodde, Autorin des Buchs „Saubere Sachen“. Dies zeige, so Brodde, „dass nicht wirklich alle nötigen Konsumveränderungen per Ordre mufti verordnet werden müssen.“ Dass es auch ohne funktioniere, weil es der Verbraucher es aktiv selbst regle, das zeige das Beispiel Pelz.

Das wäre zwar wunderschön. Aber leider stimmt es ganz und gar nicht, dass sich kaum einer mit Pelz auf die Straße traut. Das Gegenteil ist leider wahr: Seit Mitte der 90er Jahre ist der Umsatz von Pelzen um elf Prozent gestiegen: 2007 vermeldete das Deutsche Pelzinstitut einen Umsatz von einer Milliarde Euro, weltweit lag der Umsatz der Pelzindustrie bei 15 Milliarden Dollar (zum Vergleich: McDonalds macht eine Umsatz von 22,78 Milliarden Dollar)! Die Kürschner jubeln aktuell über eine hervorragend Auftragslage und rechnen mit einer Umsatzsteigerung von einem Prozent in 2009. Alle großen Designer haben wieder Pelze im Programm – selbst Benetton und Hallhuber verkaufen Winterjacken mit Echtpelzkragen und Echtfellwesten. Innerhalb der EU gibt es etwa 6000 Pelzfarmen. Pelz erlebt seit Jahren ein Comeback – gerade bei jüngeren Menschen, die eben KEINE moralischen Bedenken mehr haben. Dazu muss man aber noch nicht mal die Zahlen kennen, es reicht eigentlich schon, mit offenen Augen durch den Winter zu laufen (oder die Kommentare unter dem Pelz-Blog eintrage lesen): die Fußgängerzonen sind voll von Menschen, die Pelz tragen. Und weil ich mich so wahnsinnig geärgert habe über den Beitrag, habe ich mir den „Spaß“ erlaubt, mal zu zählen, wie viele Pelzträger mir über den Weg laufen. Dazu bin ich nur sehr kurz aus dem Haus und eine Station S-Bahn gefahren. Das Ergebnis in etwa 15 Minuten: 23 Pelze! Krägen, Mäntel, Mützen! Wahrlich und wahrhaftig! Und das war nicht in der Maximilanstraße oder am Marienplatz, sondern rund um den Münchner Ostbahnhof!

Ein Verbot von Pelzfarmen ist nicht nur dringend nötig, sondern auch möglich: in der Schweiz sind Pelztierfarmen seit 1991 verboten, in Österreich seit 1998, in Großbritannien seit 2003, ein EU-weites Verbot ist im Gespräch. In Deutschland gibt es immer noch Pelzfarmen - und die haben sich deshalb von 170 auf  26 reduziert, weil (sehr laxe) Auflagen und Gesetze dazu geführt haben, dass sich die unvorstellbar grausame und quälende Pelztierzucht nicht mehr so richtig lohnt. Leider gelten solche Gesetze weder in Russland noch in China, woher aber ein nicht geringer Teil der Pelze kommt, die hier wieder verstärkt nachgefragt werden.

Donnerstag, 14. Januar 2010

Auto fahren mit Claudia Langer: Weltrettung im Langermobil

Heute mal was Lustiges: In einem zweifelhaften Arte-Beitrag am Dienstag zum Thema Nachhaltige Wirtschaft (oder Konsum? Man weiß es nicht genau...), deren Weltrettungs-Protagonisten ("Öko-Revolutionäre") hauptsächlich auf Automessen, Flughäfen (!) und auf den Rücksitzen von wiederum Autos zu sehen waren, hatte auch Claudia Langer eine schönen Auftritt. Sie testete für den Lohas-Sender einen 100 000 Euro teuren Elektro-Sportwagen. Neben sehr viel „ich“ sagte sie unter anderem diesen schönen Satz: „Es ist das deutlich bessere Produkt, es macht unglaublich Spaß, und die Leute sind stolz darauf, das zu fahren. Das ist wie ein Ikone, ein Statussymbol. Ich kann beim Nachbarn angeben und tue etwas Gutes.“ Ja genau. Neid auf Besserverdienende – das ist ganz bestimmt der (Elektro-)Motor zur Verbesserung der Welt. Den Beitrag über die „Öko-Revolutionäre“ kann man hier anschauen, das Langermobil taucht in den letzten ca. vier Minuten auf.

Mittwoch, 30. Dezember 2009

Südwind untersucht kleine ökosoziale Modelabels

Junge ökosoziale Modelabels schießen wie Pilze aus dem Boden, die Magazine und Einkaufsratgeber sind voll von schicker korrekter Mode, Modemessen und -schauen suggerieren, das Ethik genauso trendtauglich ist, wie Rocklängen, Stoffmuster oder Farben und ökosoziale Mode kleiner schick klingender Labels gilt den Lohas als Beweis, dass ethischer korrekter Konsum vor allem sexy und lustig ist. Dabei gibt nicht nur die Textilindustrie, sondern vor allem NGOs wie die Kampagne für Saubere Kleidung zu bedenken, dass die globale Textilkette kaum zu 100 Prozent zurückzuverfolgen ist: wo die Baumwolle wächst, gewoben, gefärbt und zu Kleidern genäht wird, geschieht bei hunderten unterschiedlicher Zulieferer – und selbst ein Öko-T-Shirt kann unter verheerenden Bedingungen in Sweatshops genäht worden sein. Denn gerade in der Bekleidungsindustrie gilt: bio ist nicht fair – und fair ist nicht bio. Einmal diese kleinen Labels nach Anspruch und Wirklichkeit zu überprüfen, war also längst fällig – die NGO Südwind hat dies mit der Studie „Sozial-ökologische Mode auf dem Prüfstand“ nun erstmals getan und ganz bewusst nur kleine Unternehmen untersucht. Im Gegensatz zu den Einkaufstratgebern, die entweder den ökologischen oder den sozialen Aspekt berücksichtigen, nicht aber die gesamte Lieferkette, untersucht die Südwind-Studie, beide Aspekte. Das Ergebnis ist leider ernüchternd. Nicht nur, dass nur 23 von 204 angefragten Modelabels (63 davon aus Deutschland), die sich den Anspruch geben, ökosoziale Produkte herzustellen oder zu verkaufen, überhaupt an der Befreigung teilgenommen haben: mit nur wenigen Ausnahmen fallen die ökologischen aber vor allem die sozialen Anforderungen der meisten Anbieter hinter etablierte internationale Standards zurück.

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Samstag, 7. November 2009

Nachhaltig ist nicht Fair - Heute: Illy Café

In einem Interview mit der Süddeutschen Zeitung redet der Triester Esspressofabrikant Andrea Illy über „Unternehmenswerte“ und „nachhaltiges Wirtschaften“. Seine Aussagen zum „nachhaltigen“ Anbau und Handel mit den Kaffebauern formuliert Illy genauso schwammig, wie es die Homepage des Unternehmens tut. Man zahle den Kaffebauern „im Schnitt einen Aufpreis von 30“ Prozent, sagt Illy, man arbeite mit Produzenten direkt vor Ort. Das klingt sehr nach Fairem Handel, hat aber wieder einmal nicht das Geringste damit zu tun. Illy arbeitet zwar mit Produzenten zusammen und schult Bauern:„Je mehr die Bauern lernen, desto besser wird ihr Produkt und desto teurer können sie die Bohnen verkaufen“. Der Aufpreis wird für die bessere Qualität gezahlt, nicht um Kleinbauern ihre Existenz zu sichern. Zum Fairen Handel und warum sich sein Unternehmen nicht nach dessen Prinzipien verpflichten lässt, sagt Illy: „Diese Zertifizierungen prüfen generell nur, wie viel man bezahlt. Ich halte nichts von reiner Charity. Der Verbraucher greift zum fair gehandelten Kaffee, weil er sich gut fühlen will. Mit Markt hat das nichts zu tun. Das Gesetz von Angebot und Nachfrage besagt: mehr Geld für höheren Wert.“

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Dienstag, 13. Oktober 2009

Otto-Group-Trend-Studie: Lohas boomt weiter

Es sind so schöne Zahlen, die die Untersuchungen zum Lifestyle of Health and Sustainability, kurz: Lohas, immer wieder hervorbringen. Im September erschienen ist die Otto-Group-Trendstudie, die der Handelsriese nach 2007 schon zum zweiten Mal beim Hamburger Trendbüro in Auftrag gegeben hat. Danach interessieren sich 90 Prozent der Befragten für ethischen Konsum, 82 Prozent geben so viel oder mehr Geld für moralisch veredelte Produkte aus wie vor der Krise, 65 Prozent wollen sich solche noch mehr kosten lassen. Die Studie heißt „Die Zukunft des ethischen Konsums“; und angesichts der Wirtschaftskrise möchten Konzerne wie Otto, die wegen ihres homöopathischen Angebots von Fairtrade- und Bio-Artikeln von den Lohas geschätzt werden, doch wissen, ob es sich lohnen wird, den Lifesyle-Ökotrend weiter zu bedienen. Das tut es offenbar. Wenn es jedoch ums Handeln geht, wird der Lohas schon wieder kleinlaut: 88 Prozent der Befragten wissen, dass sie mit ihrem Konsumverhalten Teil des Problems sind. Aber nur 25 Prozent der Befragten wollen ihr Konsumverhalten wirklich ändern. Die Studie steht hier zum Download.