Ende der Märchenstunde - Wie die Industrie die Lohas und Lifestyle-Ökos vereinnahmt

Montag, 31. Mai 2010

Heute im Radio: Wieviel Bio verträgt die Natur?

SWR 2 sendet heute von 17:05 bis 17:50 Uhr eine Diskussionsrunde mit dem Thema Wachstum über alles - wieviel bio verträgt die Natur? Darin diskutiere ich mit Felix Prinz zu Löwenstein, Vorsitzender des Bundes Ökologische Lebensmittelwirtschaft (BÖLW) und Detlef Stoffel, Mitbegründer der Naturkostbewegung in Deutschland.

Die Antwort ist ganz klar: 100 Prozent! Dass eine ökologische Landwirtschaft die Welt ernähren kann, ist von dutzenden Studien belegt, man kann sie in der ausführlichen Broschüre des BÖLW nachlesen. Es ist die konventionelle Landwirtschaft, die Natur und Klima zerstört, Armut und Hunger vorantreibt und die Gesundheit des Menschen zerstört:  Ressourcenverbrauch vor allem fossiler Energien (Stickstoffdünger!), Ausstoß klimaschädlicher Gase, brutaleste Ausbeutung von Tieren, Monokultur und Pestizideinsatz, die Böden, Wasser (deren  Aufbereitung und Sanierung wir mit unseren Steuern bezahlen - nur deshalb sind konventionelle Lebensmittel billiger!!!) und Artenvielfalt zerstören. Und ein gigantischer Flächenverbrauch: weil der Fleischverzehr in den Industrieländern gigantisch hoch ist, wird das Tierfutter auf Böden in Entwicklungsländern geerntet, wo Essen für Menschen wachsen kann: 70 Prozent des Tierfutters wird importiert, 30 Prozent der eisfreien Flächen wird für Tierzucht verschwendet. Und weil die konventionelle Landwirtschaft wie alle Industrien ihre Profite auch durch Export macht, werden Milchpulver, Fleischabfälle, Tomatenmark und anderer Überschuss teils hochsubventioniert auf die Märkte der Entwicklungsländer gebracht, wo sie die lokalen Märkte zerstören und die Armut weiter vorantreiben. Was also die konventionelle Landwirtschaft anrichtet, lässt sich auch im Weltagrarbericht nachlesen: Die industrielle Überproduktion hat den Hunger nicht beseitigt, sondern verstärkt. Eine Milliarde Menschen hungert, eine Milliarde Menschen ist fehlernährt - und eine weitere leidet an krankhaften Übergewicht.
Dass konservative Autoren wie etwa das Propagandisten-Duo Dirk Maxeiner und Michael Miersch Bio mit noch so absurden und falschen Behauptungen diskreditieren, hat dem Ruf arg geschadet. Dass immer wieder Berichte oder Studien auftauchen, die belegen wollen,  dass Bio ja gar nicht gesünder ist oder gar nicht besser schmeckt oder gar nicht mehr Vitamine hat, wie die jüngste Untersuchung der Stiftung Warentest, ist fatal. Dass der Ruf von Bio derart beschädigt ist, daran sind die Lohas leider nicht unschuldig: ihnen war Bio NUR durch Ego-Aspekte wie Genuss, Glamour und (eigene) Gesundheit zu verkaufen, NICHT durch die Idee des ökologischen Landbaus. Ihnen ist es auch zu verdanken, dass selbst Erdbeeren, Pfirsiche und Spargel im Winter in Bioqualität zu haben sein müssen, Verzicht ist ja nicht angesagt bei Lohas, egal, wie sehr solche Produkte (Wasserverbrauch, Transport) trotz bio der Umwelt schaden. Die Glamour-Bio-Idee hat leider auch dazu geführt, dass Bio einen Ruf des Elitären bekommen hat - obwohl der ökologische Landbau ein solidarischer Ansatz ist und große gesellschaftliche Leistungen zu erbringen vermag. Die Umsetzung und Verbreitung von Bio bedarf politischer Entscheidungen, die wir als Bürger vorantreiben müssen, nicht als Konsumenten an der Einkaufskasse!





Mittwoch, 20. Januar 2010

Einfach dahinbehauptet (1): "Kaum einer traut sich noch mit Pelz auf die Straße"

Weil ich mich immer wieder darüber ärgere, dass Lohas nur das Gute betonen und das Schlechte verschweigen – und dabei im Übereifer des positiven Denkens mitunter Dinge schlicht behaupten, die aber gar nicht stimmen, werde ich solche Beispiele nun in der Rubrik „Einfach dahinbehauptet“ sammeln.


Den Anfang macht ein vorweihnachtlicher Eintrag im Stern-Blog „Saubere Sachen“. „Faux-Pas mit Pelz“ heißt er und darin steht, dass Pelz heute so verpönt sei, dass sich ein Verbot von selbst erledige: „Pelz ist so weit unten in der Hölle der gesellschaftlichen Ächtung angekommen, dass Menschen das Verkaufen von Pelzen für gesetzlich verboten halten. Dass edle Modemarken wie Prada und Dolce&Gabbana in der aktuellen Herbst-Winterkollektion Nerztaschen und Breitschwanz-Jacken mit Chincilla-Kragen zeigen, ändert daran gar nichts! Kaum noch jemand traut sich mit Pelz auf die Straße. Anders gesagt: Pelze müssen nicht verboten werden, weil sie sich von selbst verbieten“, schreibt Kirsten Brodde, Autorin des Buchs „Saubere Sachen“. Dies zeige, so Brodde, „dass nicht wirklich alle nötigen Konsumveränderungen per Ordre mufti verordnet werden müssen.“ Dass es auch ohne funktioniere, weil es der Verbraucher es aktiv selbst regle, das zeige das Beispiel Pelz.

Das wäre zwar wunderschön. Aber leider stimmt es ganz und gar nicht, dass sich kaum einer mit Pelz auf die Straße traut. Das Gegenteil ist leider wahr: Seit Mitte der 90er Jahre ist der Umsatz von Pelzen um elf Prozent gestiegen: 2007 vermeldete das Deutsche Pelzinstitut einen Umsatz von einer Milliarde Euro, weltweit lag der Umsatz der Pelzindustrie bei 15 Milliarden Dollar (zum Vergleich: McDonalds macht eine Umsatz von 22,78 Milliarden Dollar)! Die Kürschner jubeln aktuell über eine hervorragend Auftragslage und rechnen mit einer Umsatzsteigerung von einem Prozent in 2009. Alle großen Designer haben wieder Pelze im Programm – selbst Benetton und Hallhuber verkaufen Winterjacken mit Echtpelzkragen und Echtfellwesten. Innerhalb der EU gibt es etwa 6000 Pelzfarmen. Pelz erlebt seit Jahren ein Comeback – gerade bei jüngeren Menschen, die eben KEINE moralischen Bedenken mehr haben. Dazu muss man aber noch nicht mal die Zahlen kennen, es reicht eigentlich schon, mit offenen Augen durch den Winter zu laufen (oder die Kommentare unter dem Pelz-Blog eintrage lesen): die Fußgängerzonen sind voll von Menschen, die Pelz tragen. Und weil ich mich so wahnsinnig geärgert habe über den Beitrag, habe ich mir den „Spaß“ erlaubt, mal zu zählen, wie viele Pelzträger mir über den Weg laufen. Dazu bin ich nur sehr kurz aus dem Haus und eine Station S-Bahn gefahren. Das Ergebnis in etwa 15 Minuten: 23 Pelze! Krägen, Mäntel, Mützen! Wahrlich und wahrhaftig! Und das war nicht in der Maximilanstraße oder am Marienplatz, sondern rund um den Münchner Ostbahnhof!

Ein Verbot von Pelzfarmen ist nicht nur dringend nötig, sondern auch möglich: in der Schweiz sind Pelztierfarmen seit 1991 verboten, in Österreich seit 1998, in Großbritannien seit 2003, ein EU-weites Verbot ist im Gespräch. In Deutschland gibt es immer noch Pelzfarmen - und die haben sich deshalb von 170 auf  26 reduziert, weil (sehr laxe) Auflagen und Gesetze dazu geführt haben, dass sich die unvorstellbar grausame und quälende Pelztierzucht nicht mehr so richtig lohnt. Leider gelten solche Gesetze weder in Russland noch in China, woher aber ein nicht geringer Teil der Pelze kommt, die hier wieder verstärkt nachgefragt werden.

Donnerstag, 14. Januar 2010

Auto fahren mit Claudia Langer: Weltrettung im Langermobil

Heute mal was Lustiges: In einem zweifelhaften Arte-Beitrag am Dienstag zum Thema Nachhaltige Wirtschaft (oder Konsum? Man weiß es nicht genau...), deren Weltrettungs-Protagonisten ("Öko-Revolutionäre") hauptsächlich auf Automessen, Flughäfen (!) und auf den Rücksitzen von wiederum Autos zu sehen waren, hatte auch Claudia Langer eine schönen Auftritt. Sie testete für den Lohas-Sender einen 100 000 Euro teuren Elektro-Sportwagen. Neben sehr viel „ich“ sagte sie unter anderem diesen schönen Satz: „Es ist das deutlich bessere Produkt, es macht unglaublich Spaß, und die Leute sind stolz darauf, das zu fahren. Das ist wie ein Ikone, ein Statussymbol. Ich kann beim Nachbarn angeben und tue etwas Gutes.“ Ja genau. Neid auf Besserverdienende – das ist ganz bestimmt der (Elektro-)Motor zur Verbesserung der Welt. Den Beitrag über die „Öko-Revolutionäre“ kann man hier anschauen, das Langermobil taucht in den letzten ca. vier Minuten auf.

Mittwoch, 30. Dezember 2009

Südwind untersucht kleine ökosoziale Modelabels

Junge ökosoziale Modelabels schießen wie Pilze aus dem Boden, die Magazine und Einkaufsratgeber sind voll von schicker korrekter Mode, Modemessen und -schauen suggerieren, das Ethik genauso trendtauglich ist, wie Rocklängen, Stoffmuster oder Farben und ökosoziale Mode kleiner schick klingender Labels gilt den Lohas als Beweis, dass ethischer korrekter Konsum vor allem sexy und lustig ist. Dabei gibt nicht nur die Textilindustrie, sondern vor allem NGOs wie die Kampagne für Saubere Kleidung zu bedenken, dass die globale Textilkette kaum zu 100 Prozent zurückzuverfolgen ist: wo die Baumwolle wächst, gewoben, gefärbt und zu Kleidern genäht wird, geschieht bei hunderten unterschiedlicher Zulieferer – und selbst ein Öko-T-Shirt kann unter verheerenden Bedingungen in Sweatshops genäht worden sein. Denn gerade in der Bekleidungsindustrie gilt: bio ist nicht fair – und fair ist nicht bio. Einmal diese kleinen Labels nach Anspruch und Wirklichkeit zu überprüfen, war also längst fällig – die NGO Südwind hat dies mit der Studie „Sozial-ökologische Mode auf dem Prüfstand“ nun erstmals getan und ganz bewusst nur kleine Unternehmen untersucht. Im Gegensatz zu den Einkaufstratgebern, die entweder den ökologischen oder den sozialen Aspekt berücksichtigen, nicht aber die gesamte Lieferkette, untersucht die Südwind-Studie, beide Aspekte. Das Ergebnis ist leider ernüchternd. Nicht nur, dass nur 23 von 204 angefragten Modelabels (63 davon aus Deutschland), die sich den Anspruch geben, ökosoziale Produkte herzustellen oder zu verkaufen, überhaupt an der Befreigung teilgenommen haben: mit nur wenigen Ausnahmen fallen die ökologischen aber vor allem die sozialen Anforderungen der meisten Anbieter hinter etablierte internationale Standards zurück.

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Samstag, 7. November 2009

Nachhaltig ist nicht Fair - Heute: Illy Café

In einem Interview mit der Süddeutschen Zeitung redet der Triester Esspressofabrikant Andrea Illy über „Unternehmenswerte“ und „nachhaltiges Wirtschaften“. Seine Aussagen zum „nachhaltigen“ Anbau und Handel mit den Kaffebauern formuliert Illy genauso schwammig, wie es die Homepage des Unternehmens tut. Man zahle den Kaffebauern „im Schnitt einen Aufpreis von 30“ Prozent, sagt Illy, man arbeite mit Produzenten direkt vor Ort. Das klingt sehr nach Fairem Handel, hat aber wieder einmal nicht das Geringste damit zu tun. Illy arbeitet zwar mit Produzenten zusammen und schult Bauern:„Je mehr die Bauern lernen, desto besser wird ihr Produkt und desto teurer können sie die Bohnen verkaufen“. Der Aufpreis wird für die bessere Qualität gezahlt, nicht um Kleinbauern ihre Existenz zu sichern. Zum Fairen Handel und warum sich sein Unternehmen nicht nach dessen Prinzipien verpflichten lässt, sagt Illy: „Diese Zertifizierungen prüfen generell nur, wie viel man bezahlt. Ich halte nichts von reiner Charity. Der Verbraucher greift zum fair gehandelten Kaffee, weil er sich gut fühlen will. Mit Markt hat das nichts zu tun. Das Gesetz von Angebot und Nachfrage besagt: mehr Geld für höheren Wert.“

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Dienstag, 13. Oktober 2009

Otto-Group-Trend-Studie: Lohas boomt weiter

Es sind so schöne Zahlen, die die Untersuchungen zum Lifestyle of Health and Sustainability, kurz: Lohas, immer wieder hervorbringen. Im September erschienen ist die Otto-Group-Trendstudie, die der Handelsriese nach 2007 schon zum zweiten Mal beim Hamburger Trendbüro in Auftrag gegeben hat. Danach interessieren sich 90 Prozent der Befragten für ethischen Konsum, 82 Prozent geben so viel oder mehr Geld für moralisch veredelte Produkte aus wie vor der Krise, 65 Prozent wollen sich solche noch mehr kosten lassen. Die Studie heißt „Die Zukunft des ethischen Konsums“; und angesichts der Wirtschaftskrise möchten Konzerne wie Otto, die wegen ihres homöopathischen Angebots von Fairtrade- und Bio-Artikeln von den Lohas geschätzt werden, doch wissen, ob es sich lohnen wird, den Lifesyle-Ökotrend weiter zu bedienen. Das tut es offenbar. Wenn es jedoch ums Handeln geht, wird der Lohas schon wieder kleinlaut: 88 Prozent der Befragten wissen, dass sie mit ihrem Konsumverhalten Teil des Problems sind. Aber nur 25 Prozent der Befragten wollen ihr Konsumverhalten wirklich ändern. Die Studie steht hier zum Download.