Ende der Märchenstunde - Wie die Industrie die Lohas und Lifestyle-Ökos vereinnahmt

Sonntag, 16. Mai 2010

BP und Utopia: Greenwashing für Fortgeschrittene

BP, so versprach Vorstandsvorsitzender Tony Hayward bei seinem Antritt 2007, werde der sicherste Ölkonzern aller Zeiten. Zwei Jahre zuvor läutete der Konzern die Geburtstunde des Greenwashings ein: Die Umbenennung von British Petrolium in Beyond Petrolium sollte suggerieren, dass das Unternehmen sich zunehmend mit alternativen Energien beschäftige. Die Gründung des Geschäftsbereiches "Alternative Energy" (Windkraft, Wasserstoff, Erdgas und Solarenergie) bewarb der Mutterkonzern 2005 mit einer 200 Millionen Dollar teuren Kampagne. In den ersten drei Quartalen des Klimajahres 2007 machte BP satte 20,5 Milliarden Dollar Gewinn - nur 1,5  Milliarden stammten aus den alternativen Energien. Dazwischen: eine Ölkatastrophe in Alaska 2006, bei der eine Million Liter Öl aus einer defekten Leitung im Ölfeld Prudhoe Bay austrat und in den Pazifik strömte. Mehrere schwere Betriebsunfälle in der Raffinerie in Houston, Texas, mit 24 Todesopfern, zuletzt 2005, als bei einer Explosion weitere 15 Menschen starben. Und seit am 22. April die Ölplattform Deepwater Horizon im Golf von Mexiko nach einer Explosion sank, fließen täglich 700 Tonnen Erdöl ins Meer (Stand heute: ca. 800 000 Liter). Alle Versuche, das Leck zu stopfen und dem Ölteppich Herr zu werden, scheiterten bislang. Da ist es schön, wenn Hayward in einem Spiegel-Interview solche Sätze sagt: "Natürlich ist dieses Unglück eine Herausforderung für unseren Ruf" beziehungsweise noch schöner: "Wir sind entschlossen, den Ölteppich zu kontrollieren und das Leck zu schließen." Ach nein, das ist aber lieb von BP, "Verantwortung" zu übernehmen, wo man sie gar nicht mehr übernehmen kann - weil man sie noch nie und nirgends übernommen hat. Die allerbeste Krisen-PR - Hut ab, aber wirklich! - hat sich der Konzern mit einer Homepage einfallen lassen, auf der die Weltgemeinschaft aufgerufen ist, Ideen einzureichen, wie man der Katastrophe bekommen kann. Ja genau! Besser pragmatische Ideen liefern  anstatt am Ende auf die Idee zu kommen, BP zu boykottieren oder gar die Ölförderung und fossile Energieträger in Frage zu stellen! Anpacken statt Jammern! Schöner kann man Gegner gar nicht auf seine Seite ziehen und zu Komplizen machen - wir alle haben ja Verantwortung, als "mündige Verbraucher"! "Dialog" zwischen Verbraucher und Unternehmen - das gefällt den Machern von Utopia gut , zu deren Förderern BP Solar (100-prozentige Tochter des BP-Konzerns) bis März gehörte und sich damit das grüne Mäntelchen noch weiter über die Ohren ziehen konnte. Für den "Dialog" angesichts der Ölkatastrophe durfte BP dann Pressemitteilungen auf der Seite veröffentlichen - verfasst von einem BP-Mitarbeiter, der sich lustigerweise "Realist" nennt. Auf Druck der Utopisten, die langsam kein Verständnis mehr aufbringen für die Verquickungen des Greenwashing-Portals mit höchst zweifelhaften Konzernen wie Henkel und BP, und nach einigen Versuchen seitens der Redaktion, die Mitglieder mit fadenscheinigen Argumenten ruhig zu stellen, hat sich die Redaktion entschlossen, das Unternehmensprofil von BP von der Webseite zu nehmen. Begründung von Vorstand Meike Gebhard: "Nach Rücksprache mit BP Deutschland ist deutlich geworden, dass dort momentan weder die Zeit noch die personellen Kapazitäten für einen aktiven Dialog mit der Utopia Community vorhanden sind. Deswegen haben wir im beiderseitigen Einverständnis beschlossen, das Profil offline zu stellen."

Sonntag, 7. März 2010

Starbucks: alles andere als 100 Prozent fair!

Freudig erregt klangen wieder mal die Überschriften der letzten Tage: "Starbucks stellt auf Fairtrade um"  schrieb etwa Der Standard - und eine Tag zuvor: "Starbucks serviert nur noch Fairtarde-Kaffee" , Die Presse (Österreich) schrieb  ebenfalls "Starbucks serviert nur mehr Fairtrade-Kaffee", "Gutes Tun zahlt sich aus", der Tagesspiegel, "Nur mehr faire Bohne in Europa" der Glocalist und selbstverständlich Utopia (in Kooperation mit Natur und Kosmos): "Kaffee mit Fairwohn-Aroma".  Die US-amerikanische Kaffeehauskette, die im vergangenen Jahr die eingekaufte Menge an fair gehandeltem Kaffee von neun auf 18 Millionen Kilo erhöht hat, ließ vor wenigen Tagen verlauten, in Europa ausschließlich 100 Prozent Fairtrade zertifizierte Espressogetränke zu verkaufen. Bei Starbucks selbst klingt das so: "Ihre Wahl jeden Tag: Der Unterschied für Kaffeefarmer. Jeder Latte, jeder Cappuccino... 100% Fairtrade-Kaffee". Hinterfragt hat diese gute Nachricht allerdings niemand - die magische Ansage "100 Prozent" klingt so, als würde Starbucks nur noch fair gehandelten Kaffee verkaufen. Und ja, das wäre wünschenswert - ist aber ganz und gar nicht der Fall. Zwar gilt Starbucks als größter Abnehmer fair gehandelten Kaffees weltweit (nach eigener Aussage kauft der Konzern 20 Prozent des weltweit verfügbaren fairen Kaffees), was auch der Tatsache geschuldet ist, dass Starbucks der größte Kaffeekonzern der Welt ist.

ABER: Fairtrade-Kaffee stellt bei Starbucks nur einen Anteil von etwa fünf Prozent dar. 95 Prozent des Kaffees von Starbucks sind also nicht fair gehandelt, sondern nur nach den selbst auferlegten Mindeststandards des Starbucks-Programms "Shared Planet". Innerhalb dessen wird "nachhaltiger" und "gerecht gehandelter" Kaffe angebaut. So genannte "Pemium Preise" würden darin gezahlt, "um Kaffeebauern zu helfen, Gewinn zu machen und ihre Familien zu unterstützen" (Wieso machen sie denn keinen Gewinn mit den Premium-Preisen? Weil die vielleicht nicht ausreichen?). Weiterhin werde Kaffeebauern Zugang zu erschwinglichen Krediten ermöglicht, um in "zukünftigen Erfolg" zu investieren - und schließlich gebe es "Anreize", Abholzung vermeiden.

"Gerecht" bzw. "sozialverträglich" ist nicht fair gehandelt, "nachhaltig" bzw. "umweltverträglich" ist nicht ökologisch angebaut. Man kann das nicht oft genug erwähnen, denn schön langsam vermischen sich die Begriffe. Selbst seriöse Medien wollen den Unterschied nicht mehr erkennen, da geht die Rechnung der Konzerne leider voll auf. So veröffentlichte das Wirtschaftsmagazin "Der Handel" vergangene Woche einen DPA-Bericht, in dem Tchibo für seine umwelt- und sozialverträglichen Kaffee gelobt wird: "Tchibo schenkt in seinen Bars täglich rund 55 000 Tassen Kaffee aus. Alle in den Bars verwendeten Kaffee-Sorten tragen eines oder zwei der anerkannten Prüfsiegel, entweder ‚Rainforest Alliance', ‚Bio' oder ‚Fairtrade'. Die Bedingungen dieser Siegel unterscheiden sich leicht voneinander; ihnen ist aber gemeinsam, dass sie auf sozial- und umweltverträglichen Kaffeeanbau achten und nur nach strenger Prüfung vergeben werden." Und nein, nein, nein: die Siegel unterscheiden sich nicht leicht voneinander, sondern fundamental: Die Rainforest Alliance ist eine industrienahe, höchst umstrittene US-Umweltvereinigung, das RA-Siegel gilt bei seriösen Umweltschutzorganisationen als Greenwashing, von strenger Prüfung kann nicht im geringsten die Rede sein. Nur Bio hat gesetzliche und Fairtrade internationale streng überprüfte Richtlinien. Alles andere folgt selbst auferlegten, kaum überprüften Minimalstandards, die den Konzernen maximalen Imagegewinn bei minimalen Kosten ermöglichen.

Donnerstag, 14. Januar 2010

Auto fahren mit Claudia Langer: Weltrettung im Langermobil

Heute mal was Lustiges: In einem zweifelhaften Arte-Beitrag am Dienstag zum Thema Nachhaltige Wirtschaft (oder Konsum? Man weiß es nicht genau...), deren Weltrettungs-Protagonisten ("Öko-Revolutionäre") hauptsächlich auf Automessen, Flughäfen (!) und auf den Rücksitzen von wiederum Autos zu sehen waren, hatte auch Claudia Langer eine schönen Auftritt. Sie testete für den Lohas-Sender einen 100 000 Euro teuren Elektro-Sportwagen. Neben sehr viel „ich“ sagte sie unter anderem diesen schönen Satz: „Es ist das deutlich bessere Produkt, es macht unglaublich Spaß, und die Leute sind stolz darauf, das zu fahren. Das ist wie ein Ikone, ein Statussymbol. Ich kann beim Nachbarn angeben und tue etwas Gutes.“ Ja genau. Neid auf Besserverdienende – das ist ganz bestimmt der (Elektro-)Motor zur Verbesserung der Welt. Den Beitrag über die „Öko-Revolutionäre“ kann man hier anschauen, das Langermobil taucht in den letzten ca. vier Minuten auf.

Sonntag, 8. November 2009

Märchenstunde mit Claudia Langer: FAS-Interview über Fleisch, Fisch und Bio

„Sie wünschen – wir schreiben: Ist das Klima noch zu retten?“ Das bietet die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung ihren Lesern an. Diese sollen dabei entscheiden, worüber die FAS anlässlich des Klimagipfels in Kopenhagen schreiben soll, verschiedene Themen stehen zu Auswahl. Dass die FAZ die Berichterstattung über das drängendste Problem unserer Zeit, den Klimawandel, als schlichte Dienstleistung versteht, ist schon bemerkenswert. Die FAS-Leser haben sich diesmal eine Antwort auf die Frage „Sind Vegetarier die besseren Klimaschützer?“ gewünscht. Für das Interview zum Thema hat sich die FAS aber nicht etwa einen Ernährungswissenschaftler oder Klimaforscher ausgesucht, sondern ausgerechnet Ex-Werberin und Utopia-Chefin Claudia Langer, die mit ihren Antworten dafür gesorgt hat, dass dem FAS-Leser ganz bestimmt nicht die Gabel mit Sonntagsbraten vor Schreck aus der Hand gefallen ist, sondern dieser ihm weiterhin lecker schmecken wird.

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Samstag, 7. November 2009

Öko-Putzmittel killt Regenwald: Protest gegen Henkel

Vor etwa einem Jahr brachte der Chemiekonzern Henkel seine Öko-Putzmittel-Serie Terra Activ auf den Markt, um damit die Zielgruppe der Lohas anzusprechen. Die Produkte der Terra-Activ-Serie bestehen aus 85 Prozent nachwachsenden Rohstoffen – und für die Konsumplattform Utopia.de war dies Grund genug, Henkel zum „strategischen Partner“ zu machen: „Ausgezeichnete Produktleistung mit hoher Umweltverträglichkeit zu verbinden, ist seit jeher der Anspruch von Henkel“, heißt es in der Pressemitteilung von Utopia.de, und das ist leider glatt gelogen: Henkel gehört, neben Unilever und Nestlé, zu den drei weltgrößten Verbrauchern von Palmöl: allein Henkel verbraucht pro Jahr rund 400 000 Tonnen des Rohstoffs, der Grundlage von Süßigkeiten, Ptzmitteln, Fertiggerichten und Kosmetik ist. Für die Ölpalmenplantagen werden in Malaysia und Indonesien gigantischen Flächen von Regenwald gerodet. Weltweit wachsen Ölpalmen auf 12 Millionen Hektar, allein Henkel beansprucht 100 000 Hektar. Die Terra-Activ-Serie besteht ebenfalls aus Palmöl und trägt das RSPO-Siegel für „nachhaltigen“ Palmölanbau. Das Siegel ist aber nichts als Greenwashing.

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Mittwoch, 4. November 2009

Bluewashing mit Danone und Grameen Bank

Im Herbst fallen nicht nur Blätter von den Bäumen, es hagelt auch gelegentlich – zum Beispiel Nachhaltigkeitspreise. Im November gibt es eine Reihe von Nachhaltigkeistkongressen, auf denen eben solche Preise verliehen werden. Etwa der Utopia-Kongress, der Deutsche Nachhaltigkeitspreis oder Vision Summit am 8. November in Berlin. Der Hauptpreis des Vision-Summit geht dieses Jahr an das Gemeinschaftsprojekt der Grameen Bank und dem französischen Nahrungsmittel-Multi  Danone. Die Grameen-Bank wurde gegründet von Muhammad Yunus, dem Messias der Generation Gut, der für seine Mikrokredit-Idee 2006 den Friedensnobelpreis verliehen bekam. „Grameen Danone Foods“ heißt das Projekt in Bangladesh, für das sich Danone jetzt kurzerhand „Sozialunternehmen“ nennt.

 

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Dienstag, 27. Oktober 2009

Utopia.de lobt Iglo zum Fischstäbchen-Geburtstag

Pünktlich zum Geburtstag der Iglo-Fischstäbchen hat die Plattform für „strategischen Konsum“ utopia.de ein schönes Geburtstagsgeschenk: sie adelt den Fischstäbchen- und Tiefkühlfisch-Marktführer Iglo (500 Millionen Fischstäbchen/Jahr, TK-Fisch-Marktanteil: 32,4 Prozent) als „verantwortungsvoll wirtschaftendes Unternehmen“, das aber an manchen Stellen „noch einen Schritt weiter gehen könnte“. Iglo hat nämlich zwei (!) Bio-Gerichte im Programm und knapp die Hälfte des Tiefkühlfischs trägt das MSC-Siegel. Das Marine Stewardship Council steht für „nachhaltige Fischerei“ und wurde 1997 von der industrienahen Umweltorganisation WWF und dem gloabl agierenden Lebensmittelkonzern Unilever gegründet, zu dem Iglo bis 2006 gehörte. Seit 1999 ist MSC eine unabhängige Zertfizierungseinrichtung, die Unbedenklichkeitsiegel für Meeresfisch vergibt. Das Siegel ist zwar das einzige für nachhaltige Fischerei, wird aber unter anderem von Greenpeace heftig kritisiert.

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Sonntag, 11. Oktober 2009

DHL pflanzt in Deutschland Bäume und zerstört Regenwald in Südostasien

Noch im Mai diesen Jahres ließ sich die Deutsche Post-DHL als Wald- und Klimaretter feiern, weil das Unternehmen der Inititiative Plant for the Planet 10.000 Bäume spendete. Das Projekt, das vor allem vom Autokonzern Toyota, DHL und der Konsum-Plattform Utopia.de unterstützt wird, lässt mit Hilfe der Industrie zur CO2-Kompensation Bäume von Kindern pflanzen. Bäume pflanzen bringt allenfalls was für’s gute Gewissen der Autofahrer und Konsumenten und für das Image der Konzerne. Fürs Klima bringt das nachweislich gar nichts, im Gegenteil: Bis ein Baum groß genug ist, um CO2 aufzunehmen, dauert es 60 bis 80 Jahre. Bis der Baum groß genug ist, steigen die Treibhausgase aber weiter an. Eine Garantie, dass der Baum überhaupt so lange stehen wird, gibt es indes nicht. Schon deshalb, weil durch das gestiegene Klima Waldbrände zunehmen werden. Und wenn ein Baum brennt, wird all das CO2, dass er über die Jahre der Atmosphäre entzogen hat, auf einen Schlag wieder frei. Für das Klima wirklich notwendig ist es, alte Wälder, also Ur- und Regenwälder zu erhalten. DHL trägt aber im Gegenteil dazu bei, Regenwald in Borneo, Malaysia und Sumatra abzuholzen. Der Logistik-Konzern lässt für einen Feldversuch innerhalb des GoGreen-Programms LKWs mit Palmöl fahren. Und für Palmöl, Rohstoff von Putzmitteln, Lebensmitteln und auch so genannten Bio-Kraftstoffe, wird auf dafür gerodeten Regenwaldflächen gepflanzt. Der Verein Rettet den Regenwald hat eine ausführlichen Bericht darüber veröffentlicht. Dort kann man sich außerdem per E-Mail an einer Protestaktion beteiligen.