Ende der Märchenstunde - Wie die Industrie die Lohas und Lifestyle-Ökos vereinnahmt

Dienstag, 25. Januar 2011

Herrjesus: Spiegel TV-Beitrag "Warum Hitler Vegetarier war"

Die ganze Medienwelt, so scheint es, hat sich auf den Vegetarismus eingeschworen - sonnenklar, dass das Krachmagazin Spiegel TV da auch was in die Welt zu blöken hat, was die Luft ordentlich zum Scheppern bringt: "Die vegetarische Fangemeinde lässt es gern unter den Tisch fallen, doch es ist wahr: Adolf Hitler aß zu Lebzeiten kaum Fleisch. Die Tatsache, dass sich der Führer vegetarisch ernährte, passt einfach nicht ins Bild. Weder in das der Vegetarier noch in das des Massenmörders."

Ja, das stimmt. Und warum? Weil Hitler nämlich gar kein Vegetarier war. Aber nun, die vermeintlich "unbequemen Wahrheiten" sind ja grundsätzlich die bequemsten. Denn "kaum" oder "wenig" Fleisch" ist nicht vegetarisch - genauso gut könnte man behaupten, Hitler sei Pazifist gewesen, weil er im 2. Weltkrieg nicht selber an der Front stand. Die Wahrheit ist: Hitler liebte Schweinswürste, Geflügel, Schinken, Leberknödel und Hummer, das ist in zahlreichen Quellen belegt. Von der zeitweise fleischarmen Diät erhoffte er sich nur, dass die ewige Furzerei aufhört - "doch Hitlers Blähungen verschwinden nicht." (Spiegel-TV). Und auch der Hirnfurz der Spiegel-TV-Redaktion poltert ungebrochen weiter: "Diese Speisekarte von 1937 belegt: am Führertisch gab es neben tierischen Gerichten auch vegetarische zu Auswahl."Zu einem Filmausschnitt aus "Der Untergang", der Hitler bei seinem letzten Mittagessen zeigt, raunt die Moderatorin schließlich betroffen: "Ohne Reue schießt sich die Inkarnation des Bösen mit dem fleischlosen Essen im Magen kurz darauf eine Kugel in den Kopf." Das ist in etwa so realistisch wie Bruno Ganzens Kasperltheater-Darstellung von Hitler.

Denn das schlimmste ist, dass der Fernseh-Ableger des Spiegel (Hobbys: Busen, Hitler) blöd genug ist, auf NS-Propaganda reinzufallen: die Nazis haben Hitlers Diät dazu benutzt, das Bild eines asketischen Diktators in der Bevölkerung zu verbreiten, der nicht raucht, nicht trinkt und nicht einmal Fleisch isst. Laut der Biografie "The life and death of Adolf Hitler" von Robert Payne hat sich Propaganda-Minister Goebbels die Vegetarier-Saga ausgedacht. Echten Vegetariern wiederum machte das Nazi-Regime das Leben zur Hölle: bereits zu seinem Amtsantritt 1933 verbot Hitler alle Vegetarier-Organisationen, ließ ihre Leiter verhaften und die bedeutendste vegetarische Zeitung schließen. Im Krieg schließlich verbot Hitler auch die vegetarischen Organisationen in den besetzten Gebieten. Vegetarier wurden gezwungen, in den Untergrunds zu gehen oder aus dem Land zu flüchten. Der Vegetarier und Pazifist Edgar Kupfer-Koberwitz floh nach Frankreich und später Italien, wo er festgenommen und ins KZ Dachau deportiert wurde.

Vor allem aber basierte die Rassenhygiene auf Tierzucht-Ideen, die KZ-Transporte erfolgten in Viehwaggons, die KZ-Barracken wurden nach Plänen von Pferdeställen erbaut, die Wege zu den Gaskammern glichen Treibergängen in Schlachthöfen. Die Degradierung des Tiers nutzten die Nazis für die Entmenschlichung und Degradierung der Menschen, um das Massentöten zu rechtfertigen. Diese Entwicklungen beschreibt der Holocaust-Forscher und Historiker Charles Patterson in seinem erschütternden und aufschlussreichen Buch ""Für die Tiere ist jeden Tag Treblinka". Über die Ursprünge des industrialisierten Tötens".  Das Zitat stammt übrigens von dem jüdischen Literaturnobelpreisträger Isaac Bashevis Singer, der 1935 in die USA emigrierte. Er war tatsächlich Vegetarier und Tierrechtler  - wie im übrigen viele Menschen, die den Holocaust überlebt haben.


Samstag, 9. Januar 2010

Heute Lesen: SZ-Wochenende, Seite1!

Welche katastrophalen Folgen für Armut und Klima der Fleischverzehr hat, wie ethisch verheerend Massentierhaltung und industrialisiertes Töten sind: all das ist längst bekannt. Zwar sorgt der Klimawandel dafür, dass der Fleischverzehr endlich ein wenig in Misskredit gerät: selbst Landwirtschaftsministerin Ilse Aigner rät zu weniger Fleisch (leider ohne politische Taten folgen zu lassen). Und doch sind die Bemühungen seitens Industrie und Gesellschaft, am Fleischkonsum festzuhalten, ungebrochen. Seit Sommer gibt es die angeblich klimaneutrale „Superwurst“, die aus Bio-Schweinfleisch besteht und die Welt retten soll. McDonald’s Grünwerdung wird gelobt, obwohl der Fastfoodkonzern allein in Deutschland täglich (!!!) 100 000 Kilo Rindfleisch verarbeitet. Im Herbst erschien mit Beef eine archaische Männer-Kochzeitschrift, die über Seiten hinweg Steakrezepte veröffentlicht – und auch die modernsten Kochbücher, Bio-Restaurants, Lifestyle-Magazine orientieren sich überwiegend am Fleischgenuss. Am beliebtesten sind technische Innovationen, die dazu beitragen sollen, dass alles so bleiben soll, wie es ist: etwa die Idee der Uni Hohenheim, das Methan-Problem bei Kühen durch eine besondere Diät, andere Fütterungszeiten und einem Vormagen-Bolus in den Griff zu bekommen. Dass der Fischkonsum nicht weniger verheerend ist, ist, obwohl die Meere fast leergefischt sind, ist offenbar noch gar nicht ins Bewusstsein vorgedrungen (der Fischverzehr ist mit 22 Kilo pro Kopf sogar noch angestiegen) – und wird es auch nicht, so lange das zweifelhafte MSC-Siegel das Verbrauchgewissen beruhigt, Aquakulturen als Alternative gefeiert werden und sich nicht einmal Umweltschutzorganisationen wie Greenpeace und WWF einig werden darüber, welcher Fisch nun überfischt ist oder nicht.  Wie wunderbar deutlich wird in der heutigen Ausgabe des SZ-Wochenendes Petra Steinberger in ihrem Essay „Nicht Fisch! Nicht Fleisch!“, in dem die Autorin nicht nur zusammenfasst, was der Fleisch- und Fischkonsum anrichtet auf der Welt, sondern auch die ethische Kompenente miteinbezieht – und zu dem Schluss kommt, dass wir uns diesen Irrsinn nicht mehr leisten können. Ihr schönes Fazit lautet: „Gelüste bleiben. Aber ihre Akzeptanz kann verändert werden. Wir brauchen neue Tabus.“

Sonntag, 8. November 2009

Märchenstunde mit Claudia Langer: FAS-Interview über Fleisch, Fisch und Bio

„Sie wünschen – wir schreiben: Ist das Klima noch zu retten?“ Das bietet die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung ihren Lesern an. Diese sollen dabei entscheiden, worüber die FAS anlässlich des Klimagipfels in Kopenhagen schreiben soll, verschiedene Themen stehen zu Auswahl. Dass die FAZ die Berichterstattung über das drängendste Problem unserer Zeit, den Klimawandel, als schlichte Dienstleistung versteht, ist schon bemerkenswert. Die FAS-Leser haben sich diesmal eine Antwort auf die Frage „Sind Vegetarier die besseren Klimaschützer?“ gewünscht. Für das Interview zum Thema hat sich die FAS aber nicht etwa einen Ernährungswissenschaftler oder Klimaforscher ausgesucht, sondern ausgerechnet Ex-Werberin und Utopia-Chefin Claudia Langer, die mit ihren Antworten dafür gesorgt hat, dass dem FAS-Leser ganz bestimmt nicht die Gabel mit Sonntagsbraten vor Schreck aus der Hand gefallen ist, sondern dieser ihm weiterhin lecker schmecken wird.

» Artikel vollständig lesen