Mythos und Wahrheit: Muhammad Yunus in der SZ/Teil 1

Vergangenen Freitag brachte der Wirtschaftsteil der Süddeutschen Zeitung in der Rubrik „Reden wir über Geld“ ein Interview mit Muhammad Yunus. Das Interview (leider nicht online) ist geradezu ein Paradestück der Yunus-Rezeption in Deutschland, weswegen ich mich diesem gern ausführlich widmen will. Es kommt, wie fast alle YunusInterview weitgehend ohne Kritik aus und lässt vor allem Platz für Yunus nur allzu bekannten und von den Mainstreammedien immer noch unhinterfragten Mikrokredit-Märchen. Das ist schon erstaunlich, denn es gibt mittlerweile genug Belege dafür, dass Mikrokredite die Armen in Schuldenfalle und noch größere Armut stürzen. Man müsste eigentlich nur ein bisschen googlen. Doch Yunus Image als menschliches Antlitz des Kapitalismus ist offenbar stärker. Ich könnte jeder einzelnen Antwort widersprechen, hab mich hier aber auf eine Auswahl beschränkt.

In einem zweiten Teil werde ich mich damit beschäftigen, wie und weshalb der Heiligenschein von Yunus immer noch strahlt und weshalb die Medien aller Gegenbelege zum Trotz so positiv über den „Banker der Armen“ berichten. Hier die Zitate aus dem Interview:

Eines Tages traf ich ein sehr arme Stuhlmacherin…“                                           Es ist die Geschichte, die fast in jedem Interview mit Yunus auftaucht: das Schuldendorf Jobra, in dem Yunus die Frauen mit Mikrokrediten aus der Schuldknechtschaft der Wucherer befreit haben soll. Sufiya Begum, so geht die Legende, habe so hohe Zinsen zahlen müssen, dass sie vom Verkauf der Stühle nicht leben konnte. Doch dank Mikrokredite konnte sie die Schulden abbezahlen und habe sich dann ein Haus gebaut. Der dänische Filmemacher Tom Heinemann hat sich für seinen Dokumentarfilm „The Micro Debt“ auf die Suche nach der legendären Sufiya Begum gemacht und ihre Tochter gefunden. Die erzählte, ihre Mutter sei 1998 in tiefer Armut gestorben. Darüber berichtete damals auch die bangladeschische Presse. Das Haus, das die Grameen Bank als das ihre gezeigt habe, sagt der Nachbar im Film, sei gar nicht das von Sufiya Begum gewesen, sondern das eines Nachbarn.

Fast jeder zahlt den Kredit zurück (…) die Menschen betrügen mich nicht. Die Bank hilft ihnen und sie sind dankbar“                                            Mehr als die Hälfte der Kreditnehmer kann nicht pünktlich zahlen, drei Viertel der Kreditnehmer verschulden sich zusätzlich bei anderen Banken, der Familie oder Wucherern. Ein Drittel der Mikrokredite werden für Essen oder medizinische Versorgung aufgenommen. Nur fünf Prozent profitieren wirklich von den Krediten, alle anderen können nur das Armutsniveau halten oder werden noch ärmer, weil sie zur Schuldentilgung ihren Hausrat, ihre Tiere und ihre Land verkaufen müssen. Anu Muhammad, der seit mehr als 20 Jahren zu Mikrokrediten forscht, geht davon aus, dass höchstens ein Drittel der Kredite zurückbezahlt wird. 2011 erschien der Duvendack-Report britischer Wissenschaftler, die Daten aus Indien und Bangladesch analysiert und fast sämtliche Studien zum Erfolg der Mikrokredite untersucht hatten. Ihr Ergebnis: Es gebe keinerlei Beleg dafür, dass Mikrokredite den Armen nützen. Die positiven Studien seien unzuverlässig, weil sie auf zu weichen Untersuchungsmethoden und unzureichendem Datenmaterial gründeten. Der Mythos vom Erfolg der Mikrokredit werde durch Anekdoten und begeisterte Geschichten aufrechterhalten, die die Mikrokredit-Industrie in Umlauf brächte. Zu den rigiden Methoden, wie die Kreditraten plus Zinsen eingetrieben werden, bitte hier  weiterlesen.

Ich wollte nie wirklich Politiker werden.“                                                            2007 hatte Yunus eine eigene Partei gegründet, die Nagori Shakti („Macht der Bürger“) und kandidierte für das Amt des Premierministers. Damals war wegen heftiger Straßenschlachten der damaligen Regierungspartei BNP und der Awami League der Notstand ausgerufen worden und eine Interimsregierung unter der Leitung des ehemaligen Weltbankmitarbeiters Fakhruddin Ahmed installiert worden. Yunus war mit dieser Regierung auf Linie: Er freue sich auf „dringend nötigen Reformen“. Diese waren viel mehr eine Säuberungswelle zur „Wiederherstellung der öffentlichen Ordnung “: 50 000 Menschen verloren ihr Dach über dem Kopf, weil die Interimsregierung nicht genehmigte Slums abreißen ließ. Nur auf Druck aus dem Ausland fanden die Wahlen 2008 schließlich doch statt. Yunus zog seine Kandidatur zurück – unter anderem, weil die Unterstützung der Landbevölkerung längst nicht so groß war, wie angenommen.

Wir versuchen, mit Adidas Schuhe für einen Dollar herzustellen. Bei unserer Kooperation mit Danone für eine Joghurt gegen die Unterernährung gibt es eine so große Nachfrage, dass wir jetzt eine zweite Fabrik bauen.“                                                                                              Adidas wollte in Bangladesch den „One Dollar Trainer“ gegen die Infektion mit dem Hakenwurm herstellen, zog sich aber bereits zurück. Das gab Konzernchef Herbert Hainer 2011 bekannt. Doch den Medien, die sich vor Begeisterung über den „Turnschuh für die Armen“ kaum einkriegen konnten, war das nur eine Randnotiz wert. Es war nicht möglich, die Preise für Einfuhr und Herstellung soweit zu drücken, dass man den Schlappen (es sollte auch gar nie ein Turnschuh sein) für einen Dollar verkaufen konnte. Drei Dollar plus 3,50 Dollar Einfuhrzoll habe der Schuh gekostet. Und das, obwohl die Testmodelle in einer Fabrik in Indonesien hergestellt wurden. Die Arbeitsbedingungen in der indonesischen Textilfabrik kritisiert die Christliche Initiative Romero schon seit langem.

Auch das Versandhaus Otto hat sich aus Bangladesch zurückgezogen. 2009 kündigte der Konzern mit großen Getöse an, eine „Soziale Textilfabrik“ in Bangladesch zu bauen, was von den Medien begeistert aufgenommen wurde. Dass dort nur der staatliche Mindestlohn von damals umgerechnet 16 Euro im Monat gezahlt werden sollte, ging in den Jubelmeldungen irgendwie unter. 2011 zog sich Otto zurück, die Fabrik wird wohl nie gebaut.

Mit dem „Joghurt für die Armen“ habe ich mich ausführlich in meinem Buch „Wir müssen leider draußen bleiben“ und hier beschäftigt. Tatsächlich ist der Joghurt, künstlich angereichert mit Vitaminen und Mineralstoffen, ein Verkaufshit. Aber nicht bei den Armen auf dem Land sondern in den Supermärkten der großen Städte, wo er an die Mittelschicht verkauft wird. Die Frauen, die den Joghurt von Haustür zu Haustür auf dem Land verkaufen sollen, können von dem Verdienst nicht leben, die Armen auf dem Land könne sich den Joghurt nicht leisten, die Fabrikarbeiter werden teilweise unterhalb des Mindestlohns bezahlt. Viele Verkaufsladies mussten erst einen Kredit aufnehmen, um den zu verscherbelnden Joghurt des Weltkonzerns Danone (Jahresumsatz: 15, 6 Mrd Euro) kaufen zu können. Ob und wann die zweite Danone-Fabrik (bei der Eröffnung der ersten 2006 hieß es, bis 2016 würden 50 solcher Fabriken in Bangladesch stehen) tatsächlich gebaut wird, wie schon seit mindestens zwei Jahren behauptet wird, bleibt weiterhin unklar.

Diese Tragödie ist ein Symbol für unser Versagen als Nation“                Anlass für das SZ-Gespräch war die Einsturz-Katastrophe von Rana Plaza in Bangladesch. Der Lieblingsbanker der westlichen Welt hat dazu aber nicht nur eine Meinung, zu seinem Firmenimperium „Grameen Family“ gehört die Textilfabrik Grameen Knitwear. Die Fabrik befindet sich in einer Export Processsing Zone (EPZ) in Savar nahe der Hauptstadt Dhaka. Diese Sonderwirtschaftszonen sind besonders attraktiv für ausländische Investoren, weil es dort steuerlich Erleichterungen, laxere Zoll- sowie Arbeits- und Sozialbestimmungen gibt. Gut für die Investoren – schlecht für die Arbeiterinnen und Arbeiter. Nicht nur, dass dort die Arbeits- und Sozialrechte „unternehmerfreundlich“ gestaltet sind: zu wenig bezahlte Steuern (Korruption hin oder her) bedeuten, dass kein Geld für überlebensnotwendige Infrastruktur da ist. Die NGO Christian Aid hat berechnet, dass jedes Jahr 35 000 Kinder weniger sterben würden, zahlten Konzerne ihre Steuern korrekt. Aber Steuern sind auch für Muhammad Yunus ein Graus, der im Staat – wie alle Marktradikalen – ein „gefräßiges Monster“ sieht.

Nach eigener Auskunft sei Grameen Knitwear eine der „fünf bestbezahlenden Textilwerke“. Das klang allerdings anders, als ich während meiner Recherchereise nach Bangladesch vor zwei Jahren Arbeiter dieser Fabrik interviewte. Erst wollten die Männer gar nicht kommen, denn sie hielten mich für eine Einkäuferin oder Kontrolleurin. Sie ließen ausrichten, sie hätten keine Lust schon wieder Lügen erzählen zu müssen. Was sie mir dann aber doch erzählten: die Arbeitsbedingungen seien zwar besser als in den Fabriken außerhalb der Zone. Doch der Lohn sei nicht wesentlich höher als der staatliche Mindestlohn. Ferner würden nur die gesetzlich erlaubten Überstunden bezahlt – aber sie würden länger in der Fabrik arbeiten, weil der Arbeitsdruck wachse, seit europäische Firmen ihre Kleider irgendwie sozial hergestellt haben wollten. Vom Management würden sie manchmal gezwungen, bis zwei Uhr morgens zu arbeiten. Gewerkschaftsarbeit sei ebenfalls nicht gern gesehen – deswegen muss ich mich mit den Arbeitern auch heimlich treffen. Auch der im vergangene Jahr verstorbene Khorshed Alam, der für internationale NGO in den Textilfirmen recherchierte, bestätigte mir: Es gebe einige Fabriken, die besser bezahlen würden. Existenzsichernd sei dieser Lohn nicht.

Pikantes Detail: auch die Grameen-Fabrik brannte bereits 2011 (vier Verletzte, keine Toten) – und später im selben Jahr revoltierten die Arbeiter dort so sehr, dass die Fabrik geschlossen werden musste. Der Geschäftsführer nannte die Forderungen der Arbeiter „irrational“.

Eine fundamentale Frage übrigens, die in der ganzen, teils sehr wohlfeilen Debatte („Der Kunde ist schuld, der will es ja so billig“) in den Mainstreammedien um brennende Textilfabriken und ausgebeutete Näherinnen überhaupt nicht auftauchte, ist diese:

Warum arbeiten die bangladeschischen Frauen denn überhaupt in den Fabriken? Was zwingt sie in diese Situation?

Ein Großteil der Textilarbeiterinnen und -arbeiter sind mit ihren Familien vom Land in die Stadt geflohen, weil sie dort ihrer Lebensgrundlagen beraubt wurden: entweder, weil der Klimawandel samt Dürren und Überschwemmungen ihr Land zerstörte, weil sie landlos sind oder deshalb ihre Land verloren, weil es verkaufen mussten, um die Kredite zurück zu bezahlen. In einem Interview, das ich mit dem bangladeschischen Wissenschaftler MM. Akash geführt habe, sagte dieser: „Mikrokredite sind eine neoliberale Strategie, die das Niedriglohnlevel aufrecht hält und eine riesige Reservearmee von billigen Arbeitern hervorbringt.“

 

2 Gedanken zu „Mythos und Wahrheit: Muhammad Yunus in der SZ/Teil 1“

  1. Für viele Menschen kann ein solcher Mikrokredit ein richtige Chance sein. Letztendlich bringt das ganze aber wie in allen Dingen seine Vor – und Nachteile mit sich.

    1. Leider ist das ein Märchen. Es gibt bis heute keine seriöse Studie, die angebloch armutslindernde Wirkung belegen kann: http://www.spiegel.de/wirtschaft/unternehmen/mikrokredite-untersuchungen-stellen-wirksamkeit-in-frage-a-937020.html
      Ist ja auch ganz logisch – Kredite sind Schulden. Und das brauchen Leute, die sich nicht mal was zu essen kaufen können, am allerwenigsten. Mikrokredite bewirken vor allem eines: sie halten Arme in Abhängigkeit, während andere mit ihrer Armut Geld verdienen und sich an ihnen bereichern.
      http://www.fr.de/kultur/armutsbekaempfung-die-mikrokredit-luege-a-870241

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