Mythos und Wahrheit: Muhammad Yunus in der SZ/Teil 2

In meinem Blogeintrag von gestern habe ich versucht, Yunus’ Antworten im SZ-Interview vom Freitag zu beleuchten. Heute will ich, wie versprochen, einmal versuchen darzulegen, weshalb das Mikrokredit-Märchen so oft unhinterfragt wiederholt wird. Beziehungsweise, weshalb es so wenig kritische Stimmen gibt, obwohl es so viele Belege gibt, dass Mikrokredite den Armen schaden statt helfen.

Damit hab ich selbst Erfahrungen gemacht. So wollte etwa eine Zeitschrift, die sich als philosophisches Debattenmagazin versteht, unbedingt meine Mikrokredit-Reportage aus Bangladesch drucken. Als ich schließlich ein Exposé schickte mit Recherche-Beispielen, Studien-Ergebnissen und kritischen Thesen, verlor die Redaktion auf einmal das Interesse. Als ich schließlich nach langem Schweigen nachhakte, ob die Geschichte denn nun interessant sei, entspannte sich dann ein recht bizarrer Dialog mit einem Redakteur (aus dem Gedächtnis wiedergegeben):

Redakteur: „Ja, also, das ist jetzt eigentlich kein aktuelles Thema.“

Ich: „Naja, aktuell ist es ja irgendwie immer.“

Redakteur: „Es passt auch eigentlich in keine unserer Rubriken.“

Ich: „Hm. Aber ihr wolltet doch die Geschichte unbedingt. Was ist denn das Problem?“

Redakteur: „Also, wir haben hier jemand, der hat BWL studiert. Der sagt, das ist nicht so.“

Ich: „Aha? War der auch in Bangladesch und hat mit Mikrokreditopfern gesprochen?“

Redakteur: „Ne. Aber der kennt sich in Wirtschaft echt aus. Und der sagt: ja, es gibt auch Probleme, das schon, aber helfen würde es eben auch. Das ist so 50:50“

Ich: „Aha. Kenn ich gar nicht, die Zahl. Ich habe viele stichhaltige Belege und es werden ja immer mehr. Und ich habe mit dutzenden Frauen, Kritikern und Wissenschaftlern in Bangladesch gesprochen.“

Redakteur: „Ja, trotzdem. Wir wollen uns dann doch nicht so extrem gegen marktwirtschaftliche Konzepte aussprechen.“

Das könnte ein Grund sein: der unbedingte Wille, dass die ganzen Versprechen des Kapitalismus endlich Wirklichkeit werden. Und dass so pragmatische ökonomische Modelle doch funktionieren können – was soll man denn sonst machen? Das passt jedenfalls sehr gut zur allgemeinen medialen Stimmung des „endlich wird die Wirtschaft gut“, in der einer ökonomischen Weltrettung nur gern das Wort geredet wird. Das große Ganze, nämlich ein Weltwirtschaft zulasten der Armen, lässt sich dahinter ganz wunderbar verstecken, wenn man doch „handfeste Lösungen“ präsentieren kann. Noch dazu profitieren ja westliche Anleger sehr von den vergleichsweise risikolosen Anlagen in Mikrokreditfonds und bekommen ein gutes Gewissen („Soziale Geldanlage“) gratis dazu. Im großen Maßstab sind Mikrokredite noch dazu ein immer bewährteres Instrument auch in den qua Wirtschaftskrise verarmten westlichen Staaten, zum Beispiel Deutschland: Arbeitslose und Arme sollen sich mit Krediten selbstständig machen.

Das ist das, was eigentlich hinter der Idee der Kredite steckt: die neoliberale Idee, dass jeder selbst für sich verantwortlich ist und „es schaffen“ kann, wenn er sich nur anstrengt. Mit anderen Worten: wenn man die Armen nur zwingt, kommen sie schon raus aus den Blechhütten und arbeiten mal was. Das allergrößte Interesse haben Kapital und Konzerne: der Kapitalsimus wird qua Geld noch in den letzten Winkel der Welt getragen, bildet künftige Kunden heran, die ihr (geliehenes) Geld für Konsumartikel ausgeben. Längst haben Kapital und Konzerne die Gruppe der Armen als riesiges Geschäftsmodell erkannt. Auch sie sind daran interessiert, das Märchen der guten Kredite weiterzuerzählen und sich selbst darin als Armenretter aufzuspielen. Es ist deshalb kein Zufall, das Muhammad Yunus, der Investorenfreund, mehr Anerkennung unter den Reichen und Mächtigen der westlichen Welt hat, als in seinem Heimatland. Noch dazu dienen die Verschuldeten dem Kapital als endloses Reserveheer billigster Arbeiter (zB. in der Textilindustrie in Bangladesch) – denn um den Kredit bedienen zu können, müssen sie noch mehr arbeiten als je zuvor. Und/oder sie müssen wegen der Schulden ihr Land verkaufen und zum Arbeiten in die Slums der Städte ziehen.

Schulden als Menschenrecht zu verkaufen, geschmückt mit schönen Geschichten und Coffetablebook-Bildern pittoresker Armut, daran haben viele Interesse.

Die Grameen-Bank behindert Kritik aber auch offensiv. Tom Heinemann, der den Dokumentarfilm „The Micro-Debt“ gemacht hat, weiß davon ein Lied zu singen. Die Grameen Foundation in Washington versuchte, die Ausstrahlung seines Films im norwegischen Fernsehen zu verhindern. (Als „Gegendarstellung“ hatte die Foundation einen eigenen Film in Auftrag gegeben, nämlich diesen hier – und zwar bei der angeblich unabhängige Filmemacherin Gayle Ferraro, die schon mehrere Jubel-Filme über Mikrokredite gedreht hat. Die Übersetzerin im Film stellte sich ausgerechnet als Hauptgeschäftsführerin der Grameen-Bank heraus.) Die Fragen, die Heinemann während seiner Recherche und bis heute der Grameen-Bank stellen wollte, bleiben unbeantwortet. In seinem Film kann man dabei zuschauen, wie Heinemann versucht, Yunus bei einem Kongress zu einem Statement vor die Kamera zu bekommen, doch der lässt ihn abwimmeln. Anfang des Jahres kam Muhammad Yunus nach Kopenhagen. Das Danish National Radio schickte Heinemann, um ihn zu interviewen – doch Yunus ließ ausrichten, er will mit einem anderen Journalisten sprechen, der Sender folgte dem Wunsch. 

Natürlich kommt auch noch dazu, dass die Grameen Bank mächtige Unterstützer in aller Welt hat. Zum Beispiel von der schwer umstritten PR-Agentur Burson Marsteller, die von der Bank und ihren Anhängern beauftragt wurde, den Ruf Yunus’ während seiner Entmachtung vor zwei Jahren zu retten. Die Unterstützungbewegung „Friends of Grameen“, angeführt von EX-Weltbank-Präsident James Wolfensohn und UN-Menschenrechtskomissarin Mary Robinson, geht auf das Konto von Burson-Marsteller. Die PR-Agentur hatte die Krisen-PR nach dem Bhopal-Unglück übernommen, sieberiet die US-Söldner-Firma Blackwater nach dem Mord an Zivilsiten in Irak und beriet auch den rumänischen Diktator Nicolae Ceaucescu und das saudische Königshaus.

Gegen so viel geballtes Wirtschaftsinteresse kommt Gegenöffentlichkeit nur schwer an. Wirklich erstaunlich aber ist, wie seine Anhänger, die man nicht dem wirtschaftsliberalen Umfeld zurechnet, in den Chor einstimmen. Besonders erstaunlich ist in diesem Zusammenhang eine eigentlich sehr wohlwollende und positive Kritik meines Buchs von Yunus-Anhänger Rupert Neudeck. Aber nicht nur, dass er meine Meinung zu den Mikrokrediten ablehnt – der Text tut fast so, als wäre ich gar nicht in Bangladesch gewesen, als hätte ich nicht mit dutzenden Opfern selbst gesprochen:

Im siebten Kapitel geht die Autorin dann aus unserer Gesellschaft heraus und traut sich leider ein Urteil über die Mikro-Kredit-Errungenschaften (…) zu, das einfach falsch und schlecht begründet ist. Ich habe 2011 noch einige Dörfer in Bangladesch besucht, die von Mohammed Yunus und seiner gewaltigen Grameen-Bewegung verändert worden sind, wahrscheinlich am heftigsten in dem Zusammenhalt, den die Dorfgemeinschaften aufweisen.“

Und weiter:

Die Idee der Mikrokreditbank ist eine, mit der Menschen etwas erobern, was sie nicht mehr abhängig sein lässt: Ihre Selbständigkeit und ihre Würde. Das kommt in das Buch gar nicht hinein und das macht einen Teil des Buches angreifbar. Die Autorin bedient das Vorurteil, dass Mohammed Yunus ein Salonlöwe sei, und das ist er nachweislich nicht.“

Und zu meine Recherchen zu Danone:

Da hat die Autorin sich an Informanten gehalten, die nicht ausreichen. So bei der deutschen Initiative Netz Bangladesh. Die Mitarbeiter kennen das Danone Projekt nur aus der Zeitung. Das spricht nicht gegen die Initiative?“

Tatsächlich habe ich dazu in Bangaldesch recherchiert und mit „Danone-Ladies“ gesprochen – aber laut Neudeck war ich „auch in Bangladesch mit dem Vorsatz unterwegs gewesen, sich selbst das Urteil und Vorurteil zu beweisen, was dem Kapitel vorsteht: „Mikrokredite: Wahnsinn mit Methode“.“

Ich seh’ es genau andersrum: ich bin nicht mit dem gängigen Vorurteil und Urteil nach Bangladesch gefahren, dass Mikrokredite super und die Erlösung der Armen sind. Auch habe ich mich nicht von der Grameen-Bank in Vorzeige-Dörfer bringen lassen, sondern habe mit den Opfern gesprochen. Ohne Bankmitarbeiter im Hintergrund. Auch nur einen Tag nach meinem kritischen Essay in der Frankfurter Rundschau erschien eine Widerrede auf FR-Online, in der die alten Klischees wiederholt werden. Dass man mich kritisiert und mir – der Klassiker – unterstellen will, ich hätte „einseitig“ recherchiert: ja mei. Was ich aber wirklich schlimm finde, ist, wenn den dutzenden Frauen und Familien, die mir von ihrem Elend erzählt haben, einfach nicht geglaubt wird. Für meinen Geschmack ist das ziemlich autoritär.

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