Veganer schaden der Welt. Echt jetzt, taz?

Das machen Medien ja gern: um den Eindruck einer „Debatte“ oder „Kontroverse“ zu vermitteln, kommen sie mit einem Gastbeitrag, der die etwas andere Meinung eines Gastautors wiedergibt, meist aus der Kategorie „unbequeme Wahrheit“. In der Regel sind das genau die bequemsten Halb- oder Unwahrheiten, die die Mehrheitsmeinung wiedergeben oder mehrheitsfähig und „provokant“ genug sind, um ordentlich Aufmerksamkeit zu erzeugen.

 

Die taz hat heute als Standpunkt ein besonders perfides Plädoyer für den Fleischverzehr der Ökotrophologin Ulrike Gonder („Fleisch gehört dazu“) veröffentlicht, in dem allen Ernstes zu lesen ist, wieso Vegetarier und Veganer nicht nur die Welt nicht retten, sondern ihr sogar schaden.
Die „streitbare Journalistin“ (taz), das sei gleich vorweg gesagt, gehört zum Zirkel von Udo Pollmer, dem umstrittenen Lebensmittelchemiker, Bio-Gegner und Achse-des-Guten-Autor. Und wie er hat auch sie oft die etwas andere Meinung, zum Beispiel die, dass der erhöhte Konsum von Fleisch in Asien gesund für die Menschen sei. Für ihre Arbeit wird sie von den industrienahen Öko-Hassern, Klima-„Skeptikern“, Islam-„Kritikern“, Sarrazin-Verteidigern und Achse-des-Guten-Machern Dirk Maxeiner und Michael Miersch geschätzt und zitiert. Und wie Maxeiner, Miersch und  Pollmer schreibt auch Gonder für das libertäre (man beachte die Liste der Empfehlungen und Kooperationspartner!), Achse des Guten nahe stehenden klima“skeptischen“ Anti-Öko-Magazins Novo, und zwar pro Fleischverzehr.

Das ist eine Überschrift

Ulrike Gonder hat das Buch der US-Amerikanerin Lierre Keith übersetzt und bearbeitet, das in Deutschland unter dem schönen Titel „Ethisch essen mit Fleisch“ erschienen ist, und darauf basiert auch ihr Artikel in der taz. Lierre Keith ist jedoch weder Journalistin geschweige denn Wissenschaftlerin. Sie hat sich 20 Jahre vegan ernährt und isst jetzt wieder Fleisch, das rechtfertigt sie mit einem Kraut und Rüben aus Halbwissen, Fehldeutung und esoterischem Vollquatsch. Auch das Buch „Fleisch essen, Tiere lieben. Wo Vegetarier irren und was Fleischesser besser machen können“ von Theresa Bäuerlein, die darin ebenfalls ihre eigene Abkehr vom Vegetarismus mit moralischen Gründen rechtfertigt (und sich nicht entblödet, esoterische „Lichtnahrung“ auch zur fleischlosen Ernährung zu zählen) wiederholt dafür im Wesentlichen die Behauptungen von Lierre Keith, nämlich diese:

Pflanzen sind nicht lieb, sie essen selber Fleisch, denn Bodenlebewesen verarbeiten totes organisches Material (jahaaa! Auch Menschen und Tiere!) in Nährstoffe, von denen sich die Pflanze ernährt.
Getreide ist kein „unschuldiges, gewaltfreies Lebensmittel“ (Bäuerlein), denn es wird in Monokulturen angebaut und mit chemischen Dünger (Stickstoff! Erdöl!) gedüngt. Nur diese industrielle Landwirtschaft, könne die ganzen Veganer und Vegetarier ernähren.
Veganer sind auch Mörder, denn auf dem Acker müssen Kleintiere sterben. Keith: „Fast die einzigen Lebewesen, die dem Säuberungsprozess der Landwirte entkommen, sind kleine Tiere wie Mäuse und Kaninchen, und Millionen von ihnen fallen jedes Jahr Erntemaschinen zum Opfer. (…) vergessen sie nicht, sie auf die Todesliste ihrer vegetarischen Mahlzeit zu schreiben.“

Veganer sind antropozentrisch, weil ihnen das Leid der Pflanzen total egal ist.

Uff. Aber nichts anderes steht im taz-Text von Ulrike Gonder:

„Alles, was lebt, hatte eine Mutter (und vieles einen Vater), auch Pflanzen. Zudem zeigt der Spruch, wie anthropozentrisch die Tierschützer im Grunde sind: Fühlen Lebewesen, die uns nicht ähnlich sind (die kein Gesicht haben), weniger? Sind sie weniger schützenswert? Wer zieht hier wo die Grenzen? Was ist mit den millionenfach im Boden lebenden Einzellern, Würmern und Bakterien, die durch den Anbau von Getreide- und Sojamonokulturen getötet werden? Zählen die nicht?“
Fleischesser sind sich nie zu schade, die idiotischsten Argumente aus dem Hut zu zaubern, aber das ist wirklich mein Lieblingsargument (kommt gleich nach „Wollt ihr jetzt dem Tiger verbieten zu jagen?“):  denn ist es schon außerordentlich erstaunlich, dass Fleischesser, denen nachgewiesenes Tierleid egal ist, plötzlich ihr Herz für Einzeller und Pflanzengefühle entdecken. Wer weiß schon, ob nicht vielleicht auch Pflanzen Schmerzen haben, dann esse ich doch lieber tote Tiere, bei denen ich ganz sicher weiß, dass sie gelitten haben UND Pflanzen – Hä? Zum anderen ist es natürlich völliger Unsinn: Pflanzen haben kein Schmerzempfinden – hätten sie eines, könnten sie wegrennen. Pflanzen haben kein Zentralnervensystem und kein Gehirn, das nötig wäre, so etwas komplexes wie Schmerzen herzustellen. Und, liebe Pflanzenfreunde: Die riesigen Getreide- und Soja-Monokulturen werden für die Fütterung von so genannten Nutztieren angelegt, mehr als die Hälfte der weltweiten Getreideernte landet in Futtertrögen, bei Soja sind es 80 Prozent.

„Biolandbau und Vegetarismus schließen einander aus. Durch den Verzicht auf mineralische Düngemittel ist die ökologische Landwirtschaft ganz besonders auf Tiere als Düngerproduzenten angewiesen. Geschlossene Kreislaufwirtschaft heißt ihr Grundprinzip: Tiere, Menschen und Pflanzen leben in einer sich gegenseitig stützenden und nährenden „Mischkultur“. Nur so ist Nachhaltigkeit überhaupt möglich. Würden die Biokunden auf Fleisch, Milch und Eier verzichten, wäre dies das Ende der ökologischen Landwirtschaft.“
Momentan ist es im Gegenteil so, dass wegen wachsenden Massentierhaltung so viel Gülle vorhanden ist, dass man nicht mehr weiß, wohin damit. Tatsächlich gibt es auch vegan-ökologische Konzepte, mehr dazu hier,

„Anstelle der Tierhaltung mehr Getreide oder Soja für die wachsende Menschheit anzubauen, löst weder das Welthungerproblem noch schont es die Umwelt. Von den rund fünf Milliarden Hektar urbarem Land auf dieser Erde sind 3,4 Milliarden Weideland. Mehr als zwei Drittel der nutzbaren Flächen dienen also der Erzeugung tierischer Lebensmittel. Und das ist keineswegs Verschwendung, sondern eine ökologische Notwendigkeit. Diese Fla¨chen sind für Ackerbau ungeeignet. Die einzige Möglichkeit, auf diesen Flächen nachhaltig Nahrung zu gewinnen, ist die Tierhaltung.“
Himmel! Sowohl Weide- als auch Ackerland sind menschengemacht. Sowohl für Weide- als auch für Ackerland wird Regenwald abgeholzt: 90 Prozent des Amazonas-Regenwaldes, der seit 1970 gerodet wurde, wurde für Weideland gefällt. 30 Prozent der eisfreien Flächen weltweit werden für Viehzucht verwendet – und das ist keine ökologische Notwendigkeit, sondern ökologisches Desaster. Die Forderung, man sollte da überall Getreide und Soja für hungernde Menschen anbauen, stellt niemand, jedenfalls keine seriöse Organisation! Der Flächenverbrauch für Fleisch und Futtermittel führt deshalb zu Hunger, weil die Ernährungsunabhängigkeit der Menschen nicht gewährleistet ist, sprich: weil die Kleinbauern (Landgrabbing!) nicht genug Land haben, um Nahrung für sich anbauen können und weil der exportorientierte Anbau (Cash Crops!) eine abwechslungsreiche Versorgung unmöglich macht. Die Importabhängigkeit, gekennzeichnet durch ständig schwankende Preise (Rohstoffspekulation!), vergrößert den Hunger.

„Die Lösung“, die Keith (=Gonder =Bäuerlein) präsentieren, ist – hui! – eine nachhaltige Landwirtschaft, aber dafür müsse man dann eben auch Tiere essen (s.o.). Selbst ungeachtet der Tierethik ist das absoluter Quatsch. Tatsächlich könnte global eine von Agrar- und Lebensmittelindustrie sowie von Import und Export unabhängige kleinteilige ökologische und regionale Landwirtschaft nicht nur den Hunger langfristig beseitigen, sondern auch den Klimawandel aufhalten und eine ganze Reihe sonstiger, auch gesundheitlicher Probleme beseitigen. Zu diesem Ergebnis kommt der Weltagrarbericht. Und der ist nicht von esoterischen Ex-Vegetariern mit schlechtem Gewissen geschrieben worden, sondern von mehr als 500 Wissenschaftlern weltweit. Aber – und jetzt kommt’s! – um das umzusetzen, müsste der Fleischverzehr weltweit dermaßen drastisch reduziert werden, es kann also gar nicht genug Veganer und Vegetarier geben. Aber im Gegenteil WÄCHST der Fleischverzehr beständig.

Anzuregen, dass die vergleichsweise wenigen Veganer und Vegetarier aus ethischen Gründen lieber Fleisch essen sollten (und das ist ja der Umkehrschluss dieser kruden Argumente) – das ist vollkommen wahnsinnig, absurd und kontraproduktiv.

Das die taz diesen verquasten Pro-Fleisch-Text ernsthaft als „Debattenbeitrag“ bringt, ist ungefähr so sinnvoll, wie einen Standpunkt zur Klima-„Debatte“ von Klima-„Skeptiker“ Fritz Vahrenholt zu veröffentlichen. Aber jetzt können sich Fleischesser auch noch als Weltretter fühlen. Das ist wirklich ganz groß, taz!

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