Wie die Medien den Reichen ihren Vorteil sichern

 Mein Beitrag zum Thema Elite und Journalismus (ausführlicher in meinem Buch „Wir müssen leider draußen bleiben. Die neue Armut in der Konsumgesellschaft“, Kapitel 5 „Endlich sagt’s mal einer! Wie das Feuilleton die Rechte der Etablierten verteidigt“)

„Pressefreiheit ist die Freiheit von 200 reichen Leuten, ihre Meinung zu verbreiten“
Paul Sethe, FAZ-Mitbegründer

Bei der Verleihung des Henri Nannen Preises 2012 ereignet sich etwas Ungewöhnliches. Für die Enthüllung der Wulff-Affäre wurde zum ersten Mal ausgerechnet die Bildzeitung mit dem renommierten Preis ausgezeichnet, den üblicherweise die Edelfedern des Landes unter sich austauschen. Die SZ-Redakteure Hans Leyendecker und seine Kollegen Klaus Ott und Nicolas Richter, die für ihre Enthüllungsreportage über die Formel-1-Äffare der BayernLB  ebenfalls geehrt werden sollten, lehnten den Preis ab. Man wolle, so die Begründung, nicht gemeinsam mit der Bildzeitung ausgezeichnet werden. Dies sei, so die SZ-Autoren, „ein Kulturbruch“, während der Auszeichnung an Bild soll es vereinzelte Buhrufe gegeben haben. Diese moralische Empörung über die offizielle Gleichstellung von Qualitätsjournalismus und Boulevard hat mitunter etwas scheinheiliges: denn der wahre Kulturbruch findet seit ein paar Jahren bei den seriösen Medien statt. Angriffe gegen Arme, bislang Domäne der Bildzeitung und anderer Krachmedien, sind auch dort salonfähig geworden.

Das belegt unter anderem der historische Umstand, dass die Bildzeitung, das Hetzblatt der Nation, einen Text aus der Zeit, dem Herzblatt der Bildungsbürger, auf Seite eins zustimmend zitierte: „ZEIT-Chef Giovanni di Lorenzo stößt heikle Debatte an: Warum kriegen Migranten häufiger Hartz IV als Deutsche?“ Tags zuvor hatte die Lorenzo auf  der Titelseite der Zeit die ausländerfeindliche These verbreitet, dass unser in Deutschland so angefeindetes Sozialsystem immer noch attraktiv genug ist, dass es eine massenhafte Einwanderung in die sozialen Netze auslöst – was das Prinzip der Einwanderung, in einem fremden Land durch eigener Hände Arbeit sein Glück zu finden, auf den Kopf stellte.“

„Eine derartig Allianz hat es zuvor nicht gegeben. Sie drückt aus, dass die Zeiten härter werden und der Ton rauer“, beschreibt der Elitenforscher Michael Hartmann diesen „Schulterschluss mit den Stammtischen der Republik“. Wenn man sie nur gedrechselt genug formuliert, dann finden derartige Ressentiments auch bei bildungsbürgerlichen Lesern seriöser Medien Gehör. Zwar belegte der Freitag kurz darauf, dass die von di Lorenzo konstatierte „massenhafte Einwanderung in soziale Netze“ so nicht möglich ist. Dafür hat die Reform des Familiennachzugs im Ausländerrecht längst gesorgt. Heute muss jeder Migrant, der seine Familie nach Deutschland holen will, nachweisen, dass er ihren Unterhalt bezahlen kann.

Doch die schlichte Botschaft „Sozialschmarotzer“ leben auf Kosten der „Leistungsträger“ lässt sich in vielen Artikeln beobachten. So nahm im Januar 2010 die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung die „Hätschelkinder der Nation“ auf den Titel. Ausgerechnet alleinerziehenden Hartz-IV-Empfängern wurde dort ein Luxusleben unterstellt: „Alleinerziehende werden umsorgt: 40 Prozent von ihnen erhalten Hartz IV – zu besseren Konditionen als Bedürftige. Arbeit lohnt sich da kaum. Ein neuer Partner auch nicht“. In der Zeit warb Ulrich Greiner dafür, Ungleichheit als gesellschaftliche Tatsache zu akzeptieren. In seinem Essay mit dem bemerkenswerten Titel „Die Würde der Armut. Warum wir nicht mehr von Gleichheit reden sollten“ schreibt er: „Man muss sich darüber im Klaren sein, dass seine [des Staates, Anm.d.Verf.] Fürsorge, deren Ausmaß, historisch gesehen, einzigartig ist, Armut und Deprivation zwar gemildert, aber niemals beseitigt hat.“

Und nicht einmal hochdekorierten Akademikern sind derartige Gedanken zu schlicht:Tatsächlich besteht derzeit gut die Hälfte jeder Population moderner Nationen aus Beziehern von Null-Einkommen oder niederen Einkünften, die von Abgaben befreit sind und deren Subsistenz weitgehend von den Leistungen der steueraktiven Hälfte abhängt.“ Das schrieb der Karlsruher Philosoph und Uni-Professor Peter Slotedijks in seinem verquasten Aufruf zur „Revolution der gebenden Hand“ in der FAZ.

Seine Klage über die angeblich hohe Steuerlast der „Leistungsträger“ lässt sich leicht widerlegen. Nie zuvor gab es so viele steuerliche Privilegien für Reiche: bei den 45 reichsten Deutschen sank die Steuerlast um ein Viertel. Und bei den reichsten zehn Prozent bleiben 80 Prozent ihrer Einnahmen aus Vermögen unversteuert. Deutsche Steuerbetrüger haben mindestens 250 Milliarden Euro in Steueroasen gebunkert. Seit der Abschaffung der Vermögenssteuer 1997 hat der Staat, den Sloterdijk als „geldsaugendes Ungeheuer“ und dessen Steuerpolitik „Kleptokratie“ bezeichnete, 100 Milliarden Euro weniger Steuern eingenommen. Und trotzdem ermutigte der staatlich alimentierte Großdenker die Elite, zu der er sich selbstredend zählt, ihre angebliche „Selbstverachtung“, geschürt durch Neid und Ressentiments der Schlechtergestellten, zu überwinden und in einen „fiskalischen Bürgerkrieg“ zu treten, um ihr rechtmäßig verdientes Eigentum zu verteidigen.

In Wahrheit aber sind die Vermögen der Reichen dieser Welt nach der Finanzkrise um zehn Prozent gestiegen – und in Deutschland wuchs die Zahl der Millionäre um sieben Prozent. Welchen Zweck verfolgen also Medien wie Akademiker? „Aus einsamer Höhe verkündet Sloterdijk die lang ersehnten Parolen zur politischen Gestaltung der Zukunft, Parolen, in denen dem rührseligen Traum vom Sozialstaat endlich der Garaus gemacht wird“, schrieb der Frankfurter Sozialphilosoph Axel Honneth in einer Gegenrede zu Sloterdijks „unausgegorenen Überlegungen“ in der Zeit.
Dort nannte er dessen Ausführungen eine „intellektuelle Ausgeburt eines Klassenkampfs von oben“. Dembefreienden Lachen, das eine solche Kampfparole aufgrund ihres Aberwitzes, ihres geradezu atemberaubenden Leichtsinns auslösen könnte“, schrieb Honneth, stünde nur „der Gedanke entgegen, dass es sich dabei um die Sätze eines von den Medien geliebten, von der politischen Öffentlichkeit verehrten und von den Akademien hochdekorierten Intellektuellen handelt.“  Ein schönes Schlusswort wäre das gewesen, das der Zeit gut zu Gesicht gestanden hätte. Aber die überließ dieses lieber Sloterdijk und räumte ihm nach der Veröffentlichung von Honneths Gegenrede gleich mehrere Seiten frei, auf der Sloterdijk unter dem hochnotpeinlichen Titel „Warum ich doch recht habe“ seine Thesen abermals ausbreiten durfte. Endlich sagt’s mal einer! Aber wem?

Eliteforscher Hartmann sagt: „Es geht in der Kontroverse um eine einzige Frage, nämlich die, wer die enormen Kosten der Finanzkrise in den nächsten Jahren tragen soll: ihre Verursacher und Profiteure oder die breite Bevölkerung und die Schwachen der Gesellschaft.“
Tatsächlich glaubt mehr als die Hälfte der Deutschen, dass die Ursache der Finanzkrise diejenigen seien, die den Sozialstaat ausnutzen. Das ist das Ergebnis der Langezeitstudie „Gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit“ des Bielefelder Sozialwissenschaftler Wilhelm Heitmayer. Seit 2007 hat der Forscher Langzeitarbeitslose als eine neue Gruppe von Diskriminierungsopfern ausgemacht. Mehr als die Hälfte der Deutschen hat eine abwertende Haltung ihnen gegenüber – als hätten ausgerechnet die HartzIV-Empfänger ihren Regelsatz für Schuhe an der Börse verzockt und damit den Finanzmarkt zum Kollabieren gebracht. „In Zeiten der Wirtschaftskrise können wir uns nicht mehr leisten, allen Menschen gleiche Rechte zu garantieren“ – dieser Aussage stimmte in Heitmeyers Untersuchung ein Drittel der Befragten zu. Neu ist, dass derartige Überzeugungen vor allem in der gehobenen Mittel- und Oberschicht verbreitet sind.

Ausgerechnet die Reichen, das fand Heitmeyer zum Abschluss der zehnjährigen Studie heraus, fühlten sich um ihren gerechten Anteil betrogen. Sie werten Langzeitarbeitslose am stärksten ab. Um ein solches verzerrtes Bild in der Gesellschaft zu etablieren, reichen die Reden der Politiker und Wirtschaftsmächtigen von der „sozialen Hängematte“ und der angeblich „spätrömischen Dekadenz“ (Westerwelle) Bedürftiger nicht aus – sie brauchen die Medien als Verlautbarungsinstanz. So dürfen „Experten“ wie der Ex-McKinsey-Manager Utz Claasen, Arnulf Baring, Hans-Olaf Henkel und der Ex-McKinsey-Chef Herbert Henzler nicht nur in ihren Büchern die „Grenzen sozialer Gerechtigkeit“ (Baring) aufweisen und, wie etwa Claasen, Deutschland attestieren, „über die Verhältnisse“ zu leben (sich selbst natürlich ausgenommen). Sie dominieren auch die Polittalkshows und finden als Interviewpartner und Gastkommentatoren auch in seriösen Printmedien Gehör.

Selbst biopolitische Gedankengut, wie es sich in Thilo Sarrazins Hetzwerk „Deutschland schafft sich ab“ zum ökonomischen Rassismus verdichtete, findet bereits Eingang in seriöse Medien: Der umstrittene Sozialpädagoge Gunnar Heinsohn, Autor des Propaganda-Netzwerks „Achse des Guten“ spielte in der FAZ mit einer gefährlichen und die längste Zeit verpönten Idee: Mit seiner Forderung, die Sozialleistungen auf fünf Jahre zu begrenzen, um die „Belohnung“ in Form einer „Quasiverbeamtung für immer mehr bildungsferne Kinder“ zu beenden, sprach Heinsohn offen aus, es vermehrten sich zu viele von den „Falschen“- und gab damit zu Protokoll, dass Kinder von Armen weniger wert sind.

Die Wahrheit über die angeblich kaninchenartige Vermehrung der Unterschicht zum Zwecke des Geldeinstreichens ist die: Hartz-VI-Empfängerinnen müssen Verhütungsmittel aus dem Regelsatz selbst zahlen – während sie eine Abtreibung kostenlos bekommen. In einer Untersuchung von Pro Familia Köln aus dem Jahr 2007 gaben 80 Prozent der befragten ungewollt schwangeren Frauen aus der sogenannten Unterschicht an, dass sie sichere, aber teure Verhütungsmittel wie Pille oder Spirale nicht bezahlen können. Gleichzeitig gab mehr als ein Drittel der Frauen an, seit dem Bezug von ALG II besser als vorher zu verhüten – aus Angst, dass sich ihre Situation durch ein Kind noch weiter finanziell und sozial verschlechtern würde, wie es bei 80 Prozent der befragten Frauen der Fall ist, die ungewollt schwanger wurden.

Doch um Wahrheit geht es gar nicht in dieser Scheindebatte. Sondern um die Verteilung von Rechten und Vermögen. Dabei dienen sich auch Journalisten gern den Wertvorstellungen der Elite an und wiederholen uralte Denkmuster. Mit allzu viel Sozialkritik schafft man kein anzeigenfreundliches Umfeld und keine Auflage. Axel Honneth bezeichnet derartige Feuilletonisten als „normalisierte Intellektuelle“: fern jeglicher gesellschaftswissenschaftlicher Theorien würden sie nur noch Meinungen innerhalb ohnehin anerkannter Prinzipien äußern. Sie müssten anschlussfähig sein, während wahre Gesellschaftskritik die Aufgabe hätte, genau diese gängigen Prinzipien zu hinterfragen. Man kann Giovanni di Lorenzo fast als Protoyp des normalisierten Intellektuellen sehen. Während er mit seinen Zuwanderungsthesen nach unten tritt, sucht er den Schulterschluss nach oben – etwa in seiner Endlos-Serie „Auf eine Zigarette mit Helmut Schmidt“. Und jüngst mit seiner PR-Aktion für den ehemaligen Verteidigungsminister Karl Theodor zu Guttenberg. Di Lorenzo – zu Guttenberg, da findet zusammen, was zusammen gehört: Geldadel und trifft Schreibadel. So kann man die beiden auf dem Autorenbild des Interview-Buchs „Vorerst gescheitert“ schon kaum mehr unterscheiden: beide tragen eine dünnen dunklen Pullover über dem Hemd, zwischen ihnen das Aufnahmegerät, hinter ihnen der weiß getünchte Kamin im Zimmer des Luxushotels in London. Das Interview wurde in Auszügen auch in der Zeit veröffentlich und auf dem Titel beworben. Abermals schaffte es einen Zeit-Titelgeschichte auf die Titelseite der Bild. Zwar gab es entrüstete Leser-Reaktionen und Häme von den schreibenden Kollegen. Immerhin aber half der Zeit-Titel di Lorenzos Buch auf den ersten Platz der Bestseller-Liste – und das milde kritisch geführte Interview, das nur schwammig die Einsicht des Doktorarbeitsabschreibers erkennen lässt, befördert zu Guttenbergs Rehabilitation. Schließlich kann der sich der Adelige gut vorstellen, wieder in die Politik zu gehen.

Eliteforscher Hartman ist diese „bemerkenswerte Entwicklung“ in den Medien schon lange aufgefallen. Schon allein deshalb, weil er als Elitenexperte selbst ein gefragter Interviewpartner ist. Denn er sagt Dinge, die zumindest konservative Redakteure, die am Elite-Modell festhalten, nicht gern hören wollten. „Die ärgert das richtig, dass ich als Kritiker der Eliten diese Position habe, und nicht einer aus ihren Reihen, der für die Elite eintritt“, sagt Hartmann. Er habe schon erlebt, dass er FAZ-Redakteuren ausführliche Interviews gegeben habe, die zum Thema Elite recherchierten, und dass diese Redakteure ihn dann immer wieder dazu bringen wollten, sich für eine Elitenbildung auszusprechen. Seine Argumente aber seien in die Texte gar nicht eingeflossen. Er sieht darin eine bewusste Verschiebung von Gewichten in eine von Anfang an gewünschte Richtung. Denn daran, dass das Vermögen zugunsten der Allgemeinheit verteilt werden könnte, hat die Elite kein Interesse. Zunehmend werden auch Journalisten aus diesem Milieu rekrutiert: In ihrer Dissertation „Habitus, Herkunft und Positionierung: Die Logik des journalistischen Feldes“ hat Hartmanns Doktorandin Klarissa Lueg anhand von drei führenden deutschen Journalistenschulen die Herkunft von Journalisten und die Auswirkung dieser Abstammung auf ihren Beruf untersucht. Sie fand eine geschlossene Herkunftsgruppe. Ihre Ergebnisse lassen auf entsprechend homogene Denkschemata schließen. 68 Prozent der Journalistenschüler, so Lueg, stammen aus gehobenen mittleren Schichten, ihre Eltern sind Akademiker, Unternehmer oder Ärzte, während Kinder von Facharbeitern oder ungelernten Arbeitern dort überhaupt nicht zu finden sind. Eine gesellschaftliches Entwicklungsmuster, das sich in allen relevanten Bereichen der Gesellschaft breit macht: auch an den Universitäten sind überwiegend Akademikerkinder zu finden.

Während von 100 Akademikerkindern 83 eine Universität besuchen schaffen es nur 23 von 100 Kindern aus Familien ohne akademische Tradition. Spitzenpositionen in Wirtschaft, Justiz und Politik werden zu einem überwältigendem Anteil von Kindern des gehobenen oder Großbürgertums besetzt. 85 Prozent der Topmanager, 65 Prozent der in der Justiz Angestellten und 70 Prozent der Politiker entstammen höheren Schichten, die aber nur 3,5 Prozent der Bevölkerung ausmachen. Dieser winzige Anteil bestimmt die gesellschaftlichen Entwicklungen in Deutschland – und zwar nach den eigenen Interessen.

Journalistenschulen gelten als exklusivste Kader der journalistischen Ausbildung. „Wer es geschafft hat, auf eine Journalistenschule zu kommen, hat es im Grunde genommen in diesem Beruf bereits geschafft“, zitiert Lueg einen Schulleiter. Entsprechend nähmen sie ihre Journalistenschüler als berufliche Elite wahr. Tatsächlich schaffen diese es doppelt so häufig in relevante Positionen bei großen Zeitschriften und Leitmeiden wie Journalisten mit anderer Ausbildung. Darüber hinaus interessieren sich die Schüler aus den oberen Schichten fast gar nicht für eine Position als Chefredakteur, sondern streben eher an, „Edelfedern“ zu werden – also Meinungsführer wie Kolumnisten, Leitartikler, Kommentatoren, Magazinjournalisten oder Auslandskorrespondenten.  Genau genommen bedeutet das, dass die gehobene Mittelschicht im Journalismus den Ton angibt, Themen entsprechend aussucht und aufbereitet – wobei sie sich an ihrer Zielgruppe orientieren. Aber wenn sich die Elite in Wirtschaft, Verwaltung, Justiz und selbst im Journalismus bündelt – wer repräsentiert dann noch die Belange der Allgemeinheit? Und wie nah sind die Vertreter am Alltag und der Lebenswirklichkeit der Kleinbürger und Bedürftigen?

Hartmann erkennt im Journalismus ein selbsterhaltendes System: „Die Journalisten stammen ja überwiegend aus der Mittelschicht. Man hinterfragt dann Voraussetzungen nicht mehr, sondern vergewissert sich im wechselseitigen Gespräch.“ Vor allem sei es viel einfacher, nach unten zu treten, als das komplizierte Geflecht von Wirtschaft und Macht zu entwirren: „Im Vergleich dazu erscheint Hartz IV simpel – davon hat man ein Bild, da hat man das Gefühl, was zu durchblicken.“ Noch dazu ist es viel riskanter, sich mit den Mächtigen und dem herrschenden Mainstream anzulegen: „Das befördert keine Karriere.“ So ist es wesentlich einfacher und dient auch der eigene Bestätigung, den Mythos der Leistungsgerechtigkeit aufrecht zu erhalten. Dabei ist es fast unmöglich, über die Reichen zu berichten. Es gibt keine Vermögensstatistik, durch den Wegfall der Vermögenssteuer bleibt ihr Besitz und dessen Mehrung im Dunklen – während andersherum die Bedürftigkeit von Hartz-IV-Empfängern haargenau dokumentiert ist. Allenfalls Spekulationen werden über die geheimnisvollen Reichen angestellt, die sich von der Gesellschaft immer weiter entfernen. „Eliten-Bashing“ nannte der Spiegel in der Serie „Deutschland, Deine Reichen“ die Debatten über die Verteilung von unten nach oben: „Denn seien wir ehrlich: Sobald hierzulande von Reichtum die Rede ist, fühlen sich viele Journalisten bemüßigt, ihn misstrauisch bis höhnisch einzubetten. (…) Weil es ziemlich leicht geworden ist, auf Wohlhabenden herumzukloppen. Sie wehren sich kaum noch.“

Warum sollten sie auch, wenn ohnehin jede Diskussion um eine ungerechte Verteilung als „Neiddebatte“ abgetan wird?

Hartman sagt, es gebe solche Journalisten, die tatsächlich überzeugt seien von dem, was sie schreiben – weil sie sich eben auch in elitären Kreisen bewegen. Und andere, die zumindest ein ungutes Gefühl hätten angesichts der zunehmenden gesellschaftlichen Spaltung. „Die wollen aber einfach, dass es so ist, wie sie schreiben.“ Sie klammerten sich dabei stets an ihren Glauben:Kein Land ist so gut durch die Krise gekommen wie Deutschland.“ Damit würde auch Hartz IV gerechtfertigt und nicht mehr hinterfragt: Ist nicht schön, geht aber nicht anders. Leider, leider! Nur allzu gern wird das als „unbequeme Wahrheit“ verkauft – doch solche „unbequemen Wahrheiten“ sind immer die denkbar bequemsten Ausflüchte der herrschenden Klasse.

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